Wolfgang Mertens: Ein Ausblick in die Zukunft der Therapieforschung, die hoffentlich nie eintreten wird

aus: W. Mertens: Psychoanalyse im 21. Jahrhundert (Kohlhammer 2014)

Überall entstehen derzeit Qualitätszirkel, um sich an Benchmarken zu messen und damit das eigene Handeln einer kontinuierlichen betriebswirtschaftlichen Überprüfung zu unterziehen und den Output anderer mit größerer Effizienz zu übertreffen. Deshalb sollten auch in der Psychoanalyse vermehrt solche Assessments vorgenommen werden, denn es reicht als Performance im Zeitalter der evidenzbasierten Medizin nicht mehr aus, lediglich Vignetten auszuarbeiten, oder immer wieder Freuds Texte zu interpretieren oder gar mit archäologischem Eifer zu recherchieren, wie viele Zigarren Freud im Urlaub geraucht oder welche Kleidung er bei seinen Treffen mit Wilhelm Fließ getragen hat und anderes Unergiebige mehr. Psychoanalytiker sollten vielmehr in Qualitätszirkeln zusammenkommen, um bottom up über Qualitätsmanagement ihrer Therapien zu diskutieren, bevor top down manualisierte Guidelines verordnet werden. Denn wir müssen uns im Zeitalter der Globalisierung alle zum total therapeutic business und zur radikalen Kunden- bzw. Klientenorientierung committen. Deshalb ist ein effizientes Management by Regulierung und Umdefinition von konflikthaften und traumatischen Schnittstellen erforderlich. Dazu müssen Leistungspakete geschnürt werden, welche die Kaufkraft der Patienten nicht übermäßig strapazieren.

Bevor ich jetzt aus Zeit- und Kostengründen die Qualitätsdiskussion finishe, lassen Sie mich noch etwas zum Angebotsprofil und zum Controlling sagen: Psychoanalytiker müssen sich noch intensiver zum Turnaround committen und sich viel stärker an Therapiemodulen für das Goal attainment orientieren. Dazu gehört auch ein Verzicht auf unsinnige Forderungen nach einer länger als 20 bis 25 Stunden dauernden Therapie sowie eine Verpflichtung zu einer integrativen Therapie, bei der die im Benchmarking erfolgreichsten Module störungsspezifisch situiert werden. Die verschiedenen Störungen sollten nicht mehr in ihren psychodynamischen Zusammenhängen verstanden werden, sondern im Therapeuten-Sharing und mit Outsourcing von Teilleistungen an Bachelor-Psychologen zur Kosteneinsparung angegangen werden. Die Betreuungsleistungen müssen ferner viel stärker an den Ressourcen und Potenzialen der Kunden ansetzen als an deren Störungen oder gar inneren Konflikten. Denn die Ablaufoptimierung des therapeutischen Prozesses hat viel stärker als bislang in Kosten-Nutzen-Relationen vonstatten zu gehen und hierbei hält die Berücksichtigung von lebensgeschichtlich entstandenen Konflikten und Traumatisierungen nur auf. Therapeutischer Outcome lässt sich zudem besser händeln, wenn die Sachzielorientierung von vornherein klar definiert ist. Diese kann nur aus einer Ressourcen-orientierten und salutogenetischen Perspektive bestehen. Die Betonung von Konflikten und Krankheiten nimmt dem Klienten von vornherein den Mut, sich für innovative Problemlösungen zu engagieren. Eine flächendeckende Maximierung im therapeutischen Wertschöpfungsprozess und die Priorisierung der Konsumenten- bzw. Klientensouveränität sollen deshalb eine Regression des human capital verhindern. Wir brauchen vielmehr Leistungserstellungskataloge, aus denen klar und übersichtlich hervorgeht, wie die schnellstmögliche Wiederherstellung der Arbeitskraft angesichts der unterschiedlichen ICD-Diagnosen vorgenommen werden kann und welche Anbieter hierbei am preisgünstigsten sind. Hierzu müssen sowohl maximal standardisierte Manuale der Diagnostik und der Kurztherapien entwickelt als auch ein umfassendes Controlling etabliert werden. Therapiemanuale müssen zukünftig auf effizient strukturierte Ablaufoptimierung einer Allgemeinen oder Integrativen Psychotherapie aufgebaut sein mit flexibel einsetzbaren Modulen von Ressourcenaktivierung und Diagnose- und Fall bezogenen Problemlösungen. Explizites Semantik-Training muss durch computerunterstütztes implizites Mentaltraining von jeweils kurzer Dauer ergänzt werden. Letztendlich sollten aus Kosteneinsparungsgründen alle Module prinzipiell computerisierbar sein. Es ist ferner zu empfehlen, ausschließlich monomorbide Störungsträger als Kunden anzunehmen, da nur diese in randomisierten Kontroll-Designs gute Ergebnisse aufweisen und zukünftig kassenfinanzierte Leistungen erhalten werden.

Auch Psychoanalytiker werden nicht darum herumkommen, sich darüber Gedanken zu machen, welche Aktivitäten sie nicht nur an Bachelor-Psychologen, sondern auch nach Osteuropa oder nach Asien outsourcen können. Das Auslagern bestimmter diagnostischer Prozesse aus der gesamten diagnostischen, therapeutischen und evaluativen Wertschöpfungskette ist angesichts des immer noch vorhandenen Lohngefälles in den Billiglohnländern unvermeidlich und könnte vorerst am besten im diagnostischen und evaluativen Teilbereich geschehen; d.h. Diagnostik und Evaluation, die zukünftig ohnehin zur Gänze computerisiert vonstatten gehen, könnten in Ländern mit billigeren Lohnkosten ausgewertet werden. Auch hier muss von den Vorzügen der Globalisierung Gebrauch gemacht werden; es bleiben noch genügend Schnittstellen zum hiesigen Patienten.

Übrigens sollte bei allen Störungsträgern – künftig wäre jedoch besser von Kunden zu sprechen – darauf geachtet werden, dass es ein return on investment gibt. Im Portfolio sollten deshalb unbedingt auch Coaching, Organisationsberatung, Exzellenz-Trainings für CEOs enthalten sein.

Schließlich müssen sich auch Psychoanalytiker darauf einstellen, dass man einen Beruf nicht ein Leben lang ausüben kann, sondern dass man zukünftig, z.B. auch als Programmierer von Problemlösungen klassischer und neu entstehender Störungsbilder, als Supervisor bei der Implementierung von Internet-Chat-Vorsorgegruppen oder für das Ergebnismonitoring von E-Learning-Programmen zur therapeutischen Selbstinstruktion u.a.m. arbeiten kann und muss, sofern der Arbeitsmarkt dies erfordert. Updateability auch im Sinne einer permanenten Innovation von future tools sollte zu einem selbstverständlichen Incentive für die individuelle Lerntechnologie werden. Dennoch braucht auch unsere Profession sehr bald die Performance von Software-Programmierern für die Installierung von sprechenden Therapie-Computern ab dem Krippenalter. Psychoanalytiker könnten darüber hinaus ihr psychodynamisches und gerontologisches Wissen an der Schnittstelle zwischen künstlicher Intelligenz und Robotik einbringen. Denn für psychodynamisch programmierte Serviceroboter öffnet sich in den nächsten Jahren angesichts der steigenden Zahl von Pflegebedürftigen ein riesiger Zukunftsmarkt. Alle diese technischen Weiterentwicklungen werden noch viel zu wenig bzw. überhaupt nicht an psychoanalytischen Ausbildungsinstituten gelehrt, denn diese spinnen sich immer noch zu stark in praxisferne Fachdebatten ein. Dringend erforderlich ist deshalb auch die Einrichtung von psychoanalytischen Excellence-Centers, an denen diese skills und knowledges endlich gelehrt und gelernt werden können.

Schlussendlich sollten auch Psychoanalytiker nach einem kompletten Reload ihres Wertesystems die optimistische Sprache von Exzellenz-Universitäten übernehmen: Statt larmoyant über ihre psychoanalytische Identität und die Zukunft der psychoanalytischen Therapie nachzugrübeln, sollten sie stattdessen lieber das Motto verkünden: „Shaping the global integrative psychodynamic agenda.“ Dazu passt am besten auch eine neue Berufsbezeichnung statt des veralteten Psychoanalytiker-Titels: “Chief of excellence psychodynamic enlightenment performance” (CEPEP).

Prof. Wolfgang Mertens, München

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