Dieses Essay entstand aus der Erfahrung eines fortgesetzten Umgangs mit dem menschlich Unaushaltbaren, und also mit den Grenzen dessen, was unter dem Begriff „menschlich“ noch erfaßbar ist. In aller Regel wird das Unaushaltbare gedacht als jenes, das gerade aufgrund seiner Qualität Gedanken und Sprache herausfordert. Welche Worte lassen sich dafür finden? Genau um die geht es: die Worte und die Sprache, vermittels der das hier in Rede stehende Unaushaltbare Formulierung findet. Es spielt eine große Rolle, wie die Sprache gleichzeitig sowohl als Maske wie auch als Genehmigung dienen kann für das, was vor unseren Augen geschieht. Aber nicht die Sprache soll hier den Anfang machen, sondern unser eigenes Schweigen: unser Wegsehen und Abwenden, das uns taub und stumm macht. Auf das von außen verordnete und aufgezwungene Schweigen komme ich danach zu sprechen. „Schweigen muß aus einer moralischen Perspektive verstanden und bewertet werden“, schreibt Natalia Ginzburg in einem Essay mit dem Titel „Schweigen“. „Schweigen kann zu einem trüben, monströsen und diabolischen Elend“ ... und sogar „zum Tode führen.“
Was aber hat Schweigen zu tun mit Ethik oder Moral? Wie kann Schweigen zum Tode führen?
Aus den Sätzen von Natalia Ginzburg folgt: Schweigen ist keineswegs eine Nicht-Handlung, sondern im Gegenteil eine Tat. Es handelt sich also nicht um ein einfaches Nicht-Sprechen, sondern Schweigen ist so gesehen selbst eine Art von Sprechen. Mit diesem Sprechen kann sogar ein Gebot zum Ausdruck gebracht werden; so kann Schweigen manchmal sogar eine verhängnisvollere Auswirkung haben als gesprochene Worte. Sprechen offenbart etwas, daher sind seine Grenzen klar bestimmt. Schweigen ist dagegen durch-sichtig. Es hat keine Form und ist end-los. Es ist wie eine sich ausbreitende bösartige Krankheit, die Metastasen aussendet, ohne sich jedoch selbst zu erklären. Die Macht des Schweigens besteht in der zugehörigen Passivität. Wie bei der Opfer-Position gehört auch zur Passivität eine beträchtliche Macht, die sich beständig vergrößert. Als Dori Laub den Begriff „Geschehnis ohne Zeugen“ prägte, wollte er damit zum Ausdruck bringen, daß die am stärksten traumatischen Bereiche in der Menschheitsgeschichte und in einer psychologischen Biographie jene sind, wo der Riß keine Anerkennung erfuhr und aus diesem Grund nie ganz bekannt werden konnte. „Ein Geschehnis ohne Zeugen“, so schreibt Dori Laub, ist eine Situation, „in der die Präsenz eines Anderen unvorstellbar war. Es gab keinen Anderen, zu dem man „Du“ hätte sagen können in der Hoffnung gehört, als Subjekt erkannt zu werden und eine Antwort zu erhalten…. Und wenn das Ansprechen eines Anderen nicht mehr möglich ist – dann kannst Du auch zu Dir selbst nicht mehr „Du“ sagen“ (2008).
Sobald ein Mensch von einem anderen Menschen gesehen wird: in diesem Moment gewinnt nicht nur derjenige Gegenwart, der gesehen wird, sondern auch der Sehende selbst. Der Ausruf „hier bin ich“ (Hineni) richtet sich nicht nur nach außen, sondern zudem auf uns selbst. Wenn wir hingegen das Leiden des Anderen „mit weit geschlossenen Augen“ betrachten und unseren Mund mit Wasser füllen: in diesem Augenblick schaffen wir nicht nur den Anderen ab – wir haben dann auch unsere eigene Menschlichkeit vermindert. Wir werden dann zu jemandem, der sich selbst nicht mehr als „du“ ansprechen kann. Darum werden diejenigen, die über ihre Seele wachen, so der Titel dieses Webinars, sich nah sein und nicht „fern bleiben“.
Jetzt komme ich zur Sprache, wie sie sich wandeln kann von einem Ausdrucksmittel moralischer Grenzen zu einem Werkzeug, das genau diese Grenzen verwischen kann.
Der französische Philosoph Jean-François Lyotard (1989) stellt in seinem Buch The Differend die These auf, ein „perfektes Verbrechen“ sei nicht durch den Mord des Opfers oder die Beseitigung des Zeugen gekennzeichnet, sondern vielmehr durch die Verwandlung des Zeugen in einen Schweigenden, die Verwandlung des Richters in eine taube Person, und die Zerstörung der Kohärenz der Zeugenaussage. Wenn der Zeuge blind, der Richter taub und die Zeugenaussage fragmentiert und sinnentleert ist – dann wird das Verbrechen nicht aufgezeichnet und hat demzufolge – anscheinend – gar nicht stattgefunden.
In der von Lyotard beschriebenen Szene prägen die verschiedenen Elemente sowohl die Sprache des individuellen Täters als auch die des Kollektivs als Täter. Aus dieser Sprache ist jegliches Wenden des Blicks nach innen oder außen entfernt worden; eine Sprache, die genau diejenigen Taten ausradiert, welche sie eigentlich beschreibt – und sie damit der Durchsichtigkeit anheim gibt. Die landesweite Diskussion, die auf dieser Sprache beruht, ist ein Diskurs, der davon geleitet ist, zu übertünchen und zu reinigen und ihren eigenen Sinn der Auflösung zuzuführen: ein grauenhafter und blutiger Krieg wird der Öffentlichkeit dargestellt und vermittelt als Befreiungskrieg als Mittel zur Erlangung ewigen Friedens; fortgesetzter Mißbrauch und Schikanierung werden als alternativlose Handlungen verkauft, als militärisch notwendiges Vorgehen zur Selbstverteidigung oder zum Schutz der öffentlichen Sicherheit. Die Gewöhnung an all dies, was dadurch zur Gewohnheit wird, wird der Öffentlichkeit dann als Resilienz verkauft. Die Entstellungen durch eine entstellende Sprache sind ebenso endlos wie deren Unterminierung von Bedeutungen statt deren Bezeichnung; sie beraubt uns des Verstehens statt eine Verbindung zu schaffen, die uns eine Möglichkeit geben kann etwas zu wissen.
In seinem Buch 1984 schlägt George Orwell ein Konzept vor, das für uns heute so wichtig ist wie nie zuvor: „Neusprech“. Orwell’s Buch wurde 1949 geschrieben – und ist eine Vision des Jahres 1984. Sein Protagonist lebt in einem totalitären Staat, dessen Bürger unter dem wachsamen Auge des „Big Brother“ stehen, dem Herrscher der Staatspartei. Die Geschichte wird umgeschrieben gemäß den Bedürfnissen der Staatsführung, und die so verwandelte Sprache verengt die Denkfähigkeit der Bürger. Das Ziel von „Neusprech“ ist die Verminderung des Wortschatzes und Ausschluß bestimmter Begriffe; die Sprache soll nicht mehr zur Befähigung und zum Ausdruck von Gedanken dienen, sondern dessen Einschränkung. Die Sprache gehört dann nicht mehr den Bürgern, sondern den Autoritäten, die für den Bürger bestimmen, über was er sich Gedanken machen darf und worüber nicht.
Ich verwende den Ausdruck „Neusprech“ heute nicht, um die Limitierung des Diskurses der Bürger durch die Regierung zu beschreiben – obgleich das wichtiger und zeitgemäßer denn je ist. Ich möchte hingegen darauf hinweisen, wie unser aller Diskurs dadurch begrenzt ist, was wir von uns selbst zu wissen bereit sind.
Die Gerichtsszene in der Beschreibung von Lyotard – zusammengesetzt aus dem stummen Zeugen, dem tauben Richter und dem zusammenhanglosen Zeugnis – erinnert nicht zufälligerweise an das Bild der drei Affen, die Augen, Ohren und Mund bedecken. Das ist das Logo des Forums „Schweigen ist ein Verbrechen“, das genau aus dem Grund gegründet wurde, der uns heute hier zusammenbringt. Aber das ist nicht nur eine Szene in der Außenwelt, genauso ist es eine Szene in der Innenwelt. Sobald wir konfrontiert werden mit den Grausamkeiten, die in unserem Namen begangen werden, ist jeder für einen kürzeren oder längeren Moment versucht, ein stummer innerer Zeuge zu werden, ein tauber innerer Richter, einen sinnlosen Text zu produzieren. Es ist keineswegs einfach, mit weit offenen Augen den Blick nicht nur auf das schreckliche Leid der Anderen zu richten, sondern auf unsere Kollaboration mit der Verursachung dieses Leids.
Genau darum geht es: sobald wir stumm und taub werden, sobald wir die Sinnlosigkeit des Leids aufrechterhalten, dann werden wir nicht nur zu Kollaborateuren mit der Vernebelung des Leids – wir werden verantwortlich für seine Fortsetzung. In Lyotard’s Worten erlauben wir durch unser Schweigen gegenüber anderen und in uns selbst, daß das Verbrechen nicht aufgezeichnet wird, uns so erscheint als ob es niemals geschehen sei.
Das Orwellsche Neusprech erschafft eine Umwelt, wo die Sprache nicht der Vermittlung zwischen der Person und seinen Erfahrungen dient, sondern vielmehr ihn oder sie davon abschneidet. Diese Sprache läßt aus der Geschichte nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter weg, und somit eigentlich uns alle. Dadurch gibt es auch in der Szene keinerlei Abrechnung: weder über die Person im Verhältnis zu anderen noch über die Person im Verhältnis zu sich selbst. Es gibt keine Zeugen, keine Richter, keine irgendwie bedeutungsvolle Klage. Diese Zeit steht unter dem Motto: „Nichts ist geschehen, und daher wird auch nichts geschehen.“
Falls es sich bei der Krankheit um die Spaltung der Sprache handelt, läßt sich nur über ihre Wiedergewinnung ein Grund zur Heilung schaffen. Die Wiedergewinnung der Sprache ist gleichbedeutend mit der Wiedergewinnung der Funktion des inneren Zeugen, des inneren Richters sowie der Bedeutung des bezeugenden Textes. Das bedeutet die Wiederherstellung der Verbindung zwischen manifestem und latentem Inhalt, zwischen Worten und der emotionalen Erfahrung. Dadurch wird nicht nur die Erzählung wiedergewonnen, sondern auch der Erzähler selbst: das Bestehen auf einer Sprache, welche den Sprecher nicht ausradiert, sondern als Archimedischen Punkt etabliert. Indem er zum Dreh- und Angelpunkt wird, können alle sich aus eigener Kraft selbst aus dem moralischen Abgrund herausheben, in dem sie gefangen sind.