Johannes Döser: "Von den jüdischen Wurzeln der Psychoanalyse“ – eine Lektüre

 

"Von den jüdischen Wurzeln der Psychoanalyse“ – eine Lektüre (Johannes Döser)

 

Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal.

Finsternis über Urwirbels Antlitz.

Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser.

 

Die fünf Bücher der Weisung.

Verdeutscht von Martin Buber 

gemeinsam mit Franz Rosenzweig.

 

I

 

Dieser Aufsatz versucht in der Zusammenstellung einer Reihe von Texten, den unbewussten (verdrängten) weltanschaulichen Einflüssen im „Wert und Wesen der Psychoanalyse“ (Freud, 1925d, S.89) nachzugehen. Die entsprechenden Zitate sind in Kursivschrift aufgeführt. In Anbetracht der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigt mich die Frage, welche Bedeutung die Jüdische Kultur und ihr Verlust bzw. ihre Zerstörung für das Verständnis der Psychoanalyse einnimmt. Oder anders gefragt: Welche Bedeutung hat Freuds jüdische Identität für die Erfindung und Weiterentwicklung der Psychoanalyse? 

Der 7.Oktober 2023, seine alle menschlichen Maßstäbe sprengende Gewalt und Betäubung hat in mir die alte Frage verschärft: Was haben wir, was habe ich als Psychoanalytiker dem Judentum zu verdanken? Und: Hätte es überhaupt eine Psychoanalyse geben können ohne das Judentum? „Dabei wird es natürlich sehr drauf ankommen“, so Yerushalmi (1992, S.147), „was man unter ‚jüdisch‘ und unter ‚Wissenschaft‘ versteht.“ Oder, um an José Brunners letztem Satz in seiner Arbeit in der Online-Zeitung („Geladene Sprache“) anzuknüpfen: Wie wurde formuliert? Was kam zur Sprache? Was kam nicht zur Sprache und war doch hörbar?

In ihrer feierlichen Vorlesung zur Einrichtung des Sigmund-Freud-Lehrstuhls der Hebräischen Universität in Jerusalem, zu der sie persönlich allerdings nicht kommen konnte, bemerkte Anna Freud (1978, S.145-148): “During the era of its existence, psychoanalysis has entered into connexion with various academic institutions, not always with satisfactory results. It has also, repeatedly, experienced rejection by them, been criticized for its methods being imprecise, its findings not open to proof by experiment, for being unscientific, even for being a 'Jewish science' [hervorgehoben von J.D.]. How ever the other derogatory comments may be evaluated, it is, I believe, the last-mentioned connotation which, under present circumstances, can serve as a title of honour.” – übers.: Die PSA sei als “jüdische Wissenschaft” kritisiert worden, was – so Anna Freud – unter den gegenwärtigen Umständen “als Ehrentitel gelten kann”. 

 

II

 

PSA – eine jüdische Wissenschaft? Nicht ohne Grund empfiehlt es sich auch hier, die Antwort als „Unglück der Frage“ (Boehlich, S.55) zu betrachten. Die Furcht vor der billigen Antwort wächst mit der Komplexität der Frage. Manchmal ist es bereits ein Gewinn, wenn eine Frage eine weitere Frage aufwerfen kann und so die Diskussion am Laufen hält und bereichert! Hat sich Freud denn als ‚jüdischer Wissenschaftler‘ gefühlt und verstanden?

Es ist einiges geschrieben worden über die Sorge Freuds, der Psychoanalyse „das zusätzliche Stigma einer ‚jüdischen‘ Wissenschaft zu ersparen“ (Yerushalmi, S.141) sowie über Freuds „Tendenz, in der Öffentlichkeit als universal orientierter europäischer Wissenschaftler aufzutreten und dabei viele Aspekte [seiner] jüdischen Erziehung und [seiner] jüdischen Gefühle hintanzustellen und ihnen nur im Privaten Ausdruck zu verleihen.“ Eher sei es „erstaunlich“, dass er sich „unter den gegebenen Umständen dennoch immer wieder einmal öffentlich zu [seiner] jüdischen Identität bekannte […] und zwar mit Stolz.“ 

Ein Beispiel für diese Positionierung ist seine Vorrede zur hebräischen Ausgabe von „Totem und Tabu“ aus dem Jahr 1930 (Freud, 1934b, S.569), in der er sich als ein Autor outet, „der die heilige Sprache nicht versteht, der väterlichen Religion – wie jeder anderen – völlig entfremdet ist, an nationalistischen Idealen nicht teilnehmen kann und doch die Zugehörigkeit zu seinem Volk nie verleugnet hat, seine Eigenart als jüdisch empfindet und sie nicht anders wünscht.“ Fragt man: Was ist an Sigmund Freud noch jüdisch, wenn er „alle diese Gemeinsamkeiten mit seinen Volksgenossen aufgegeben“ hat? - so erhält man von ihm die Antwort: „Noch sehr viel, wahrscheinlich die Hauptsache.“ (ebd.) Aber dieses Wesentliche würde er „gegenwärtig“ nicht „in klare Worte fassen“ können. Es werde „sicherlich später einmal wissenschaftlicher Einsicht zugänglich sein“ (ebd.) Doch eben dieses Jüdischsein, „dieses Syndrom – das Insistieren auf einem undefinierbaren Jüdischsein – taucht bei Freud immer wieder auf.“ (Yerushalmi, S.29)

Für „einen solchen Autor“ (Freud, 1934b, S.569) sei es also ein „Erlebnis ganz besonderer Art“, wenn sein Buch „Totem und Tabu“ in die hebräische Sprache übertragen und Lesern in die Hand gegeben werde, „denen dies historische Idiom eine lebende „Zunge“ bedeutet“. Ein Buch überdies, „das den Ursprung von Religion und Sittlichkeit behandelt, aber keinen jüdischen Standpunkt kennt, keine Einschränkung zugunsten des Judentums macht“. Insofern hoffe der Autor, „sich mit seinen Lesern in der Überzeugung zu treffen, dass die voraussetzungslose Wissenschaft dem Geist des neuen Judentums nicht fremd bleiben kann. Wien, im Dezember 1930.

 

III

 

Was ist dieses „neue Judentum“, was könnte man darunter verstehen? Ist es das, was Hannah Arendt in ihrem Aufsatz „Aufklärung und Judenfrage“ (Knott, Lutz, 2019, S.11-30) verhandelt, den sie um dieselbe Zeit, 1932, im Rahmen ihrer Promotionsarbeit verfasst hat? 

Ihre Arbeit stellt die Frage der Assimilation ins Zentrum und beschreibt die Position des Judentums zwischen „ewiger Wahrheit“ und seiner säkularen zeitgeschichtlichen Einbettung im Spiegel von Lessing, Moses Mendelssohn und Herder: „Die moderne Judenfrage datiert aus der Aufklärung; die Aufklärung, d.h. die nichtjüdische Welt hat sie gestellt. Ihre Formulierungen und ihre Antworten haben das Verhalten der Juden, haben die Assimilation der Juden bestimmt.“ (ebd. S.11). Die Komplexität ihrer Überlegungen könnte erahnen lassen, warum es Freud als schwierig betrachtete, das Wesentliche des „Jüdischen“ in „klare Worte zu fassen“. 

Ist es seine „Ausnahmestellung“ „vis à vis de rien“? (ebd. S.29) Arendt: „Innerhalb einer geschichtlichen Wirklichkeit, innerhalb der europäischen säkularisierten Welt, sind [die Juden] gezwungen, sich dieser Welt irgendwie anzupassen, sich zu bilden. Bildung aber ist für sie notwendig all das, was nicht jüdische Welt ist. Da ihnen ihre eigene Vergangenheit entzogen ist, hat die gegenwärtige Wirklichkeit begonnen, ihre Macht zu zeigen. Bildung ist die einzige Möglichkeit, diese Gegenwart zu überstehen. Ist Bildung vor allem Verstehen der Vergangenheit, so ist der „gebildete Jude“ angewiesen auf eine fremde Vergangenheit. Zu ihr kommt er über eine Gegenwart, die er verstehen muss, soll die Gegenwart überhaupt begriffen werden, neu und ausdrücklich ergriffen werden. Das Ausdrücklichmachen der Vergangenheit ist der positive Ausdruck für die Herdersche Distanz des Gebildeten – eine Distanz, die die Juden von vornherein mitbringen. So entsteht aus der Fremdheit der Geschichte die Geschichte als spezielles und legitimes Thema der Juden.“ (ebd.S.30)

 

IV

 

Nach der Lektüre von Hannah Arendts Arbeit erschien mir meine allgemeine Frage ‚Psychoanalyse – eine jüdische Wissenschaft?‘ weniger aufschlussreich als die speziellere Frage, ob Freuds jüdische Identität eine Voraussetzung für die Erfindung der Psychoanalyse und die Entdeckung des Unbewussten war. Oder in Freuds Worten: „Warum hat keiner von all den Frommen die Psychoanalyse geschaffen, warum musste man da auf einen ganz gottlosen Juden warten?“ (Freud, Meng, 1981, Brief an Pfister 9.10.1918) 

Freud selbst, so lesen wir bei Peter Gay (1999, S.88) habe nicht gewollt, „dass die Psychoanalyse eine jüdische Wissenschaft sein oder dafür gelten sollte“: „Wenn“, so Gay, auf einen Briefwechsel Freuds mit Ferenczi verweisend, „die Forschungsergebnisse eines jüdischen und die eines nichtjüdischen Wissenschaftlers nicht übereinstimmen, dann müsse irgend etwas falsch sein.“ (ebd. S.88). Des Unterschieds zwischen Juden und ‚Ariern‘ bewusst – Freud „war sogar bereit, von ‚rassischen‘ Differenzen zu sprechen, „wie man es in jenen unschuldigen Tagen so leicht tat“ (ebd. S.88) – sei für Freud „die Wissenschaft [weltanschaulich; Anm.J.D.] farbenblind, unberührt von nationalen, ethnischen, rassischen Eigenschaften“ – und die Psychoanalyse eine Wissenschaft im vollen und reinen Sinn. 

Deshalb hätte er niemals hinnehmen können, dass sie auf eine jüdische Wissenschaft eingegrenzt würde, nicht nur aus politischen, sondern vor allem aus intellektuellen Gründen. Gay zitiert aus einem Brief Freuds an einen unbekannten Adressaten vom 27.1.1925: „Ich kann sagen, dass ich von der jüdischen Religion so weit entfernt bin wie von jeder anderen; das heißt, sie sind für mich höchst bedeutend als Gegenstände wissenschaftlichen Interesses, gefühlsmäßig habe ich nichts mit ihnen zu tun. Andererseits habe ich immer ein starkes Gefühl der Solidarität mit meinem Volk gehabt und habe es auch bei meinen Kindern gepflegt. Wir alle sind in der jüdischen Konfession verblieben.“ (Gay, S.89).

 

V

 

Freuds Gefühl der Solidarität „mit seinem Volk“ war verbunden mit seiner Dankbarkeit gegenüber jenen „jüdischen Männern“, von deren Freundschaft er sich in seiner Außenseiterrolle gestützt fühlte. Dies kommt in seinem Dankesbrief an die jüdische Loge „B’nai B’rith“ vom 6.Mai 1926 unmissverständlich zum Ausdruck (Freud, 1926j., S.51): 

Ich möchte Ihnen kurz mitteilen, wie ich B.B. geworden bin und was ich bei Ihnen gesucht habe. Es geschah in den Jahren nach 1895, dass zwei starke Eindrücke bei mir zur gleichen Wirkung zusammentrafen. Einerseits hatte ich die ersten Einblicke in die Tiefen des menschlichen Trieblebens gewonnen, manches gesehen, was ernüchtern, zunächst sogar erschrecken konnte, andererseits hatte die Mitteilung meiner unliebsamen Funde den Erfolg, dass ich den größten Teil meiner damaligen menschlichen Beziehungen einbüßte; ich kam mir vor wie geächtet, von allen gemieden. In dieser Vereinsamung erwachte in mir die Sehnsucht nach einem Kreis von auserlesenen, hochgestimmten Männern, die mich ungeachtet meiner Verwegenheit freundschaftlich aufnehmen sollten. Ihre Vereinigung wurde mir als der Ort bezeichnet, wo solche Männer zu finden seien. Dass Sie Juden sind, konnte mir nur erwünscht sein, denn ich war selbst Jude, und es war mir immer nicht nur unwürdig, sondern direkt unsinnig erschienen, es zu verleugnen. Was mich ans Judentum band, war – ich bin schuldig, es zu bekennen – nicht der Glaube, auch nicht der nationale Stolz, denn ich war immer ein Ungläubiger, bin ohne Religion erzogen worden, wenn auch nicht ohne Respekt vor den ›ethisch‹ genannten Forderungen der menschlichen Kultur. Ein nationales Hochgefühl habe ich, wenn ich dazu neigte, zu unterdrücken mich bemüht, als unheilvoll und ungerecht, erschreckt durch die warnenden Beispiele der Völker, unter denen wir Juden leben. Aber es blieb genug anderes übrig, was die Anziehung des Judentums und der Juden so unwiderstehlich machte, viele dunkle Gefühlsmächte, umso gewaltiger, je weniger sie sich in Worten erfassen ließen, ebenso wie die klare Bewusstheit der inneren Identität, die Heimlichkeit der gleichen seelischen Konstruktion. Und dazu kam bald die Einsicht, dass ich nur meiner jüdischen Natur die zwei Eigenschaften verdankte, die mir auf meinem schwierigen Lebensweg unerlässlich geworden waren. Weil ich Jude war, fand ich mich frei von vielen Vorurteilen, die andere im Gebrauch ihres Intellekts beschränkten, als Jude war ich dafür vorbereitet, in die Opposition zu gehen und auf das Einvernehmen mit der »kompakten Majorität« zu verzichten. So wurde ich also einer der Ihrigen, nahm Anteil an Ihren humanitären und nationalen Interessen, gewann Freunde unter Ihnen und bestimmte die wenigen Freunde, die mir geblieben waren, in unsere Vereinigung einzutreten. Es kam ja gar nicht in Frage, dass ich Sie von meinen neuen Lehren überzeuge, aber zu einer Zeit, da in Europa niemand auf mich hörte und ich auch noch in Wien keine Schüler hatte, schenkten Sie mir eine wohlwollende Aufmerksamkeit. Sie waren mein erstes Auditorium. Etwa zwei Drittel der langen Zeit seit meinem Eintritte hielt ich gewissenhaft bei Ihnen aus, holte mir Erfrischung und Anregung aus dem Verkehr mit Ihnen. ... Ob ich ein richtiger B.B. in Ihrem Sinne gewesen bin, weiß ich nicht. Fast wollte ich es bezweifeln, es waren zu viel besondere Bedingungen in meinem Falle ausgebildet. Aber dass Sie mir viel bedeutet und viel geleistet haben in den Jahren, da ich zu Ihnen gehörte, dessen darf ich Sie versichern. Und so empfangen Sie für damals wie für heute meinen wärmsten Dank.

Mag die Wissenschaft „farbenblind“ sein, der Mann und Mensch Freud war es nicht. Freud fühlte sich eine gewisse Zeit unter seinen jüdischen Freunden zu Hause (Gay, S.62). In den ersten Jahren der Psychoanalyse waren seine besten Freunde alle Juden gewesen. Aber die enge Atmosphäre des Wiener Kreises wurde ihm bald zu eng, und mit wachsendem Ruhm steigerte sich auch sein Interesse, die Psychoanalyse zu einer kosmopolitischen Lehre zu machen. Die jüdische Exklusivität rieb sich an seinem Wunsch nach allgemeiner Gültigkeit und Anerkennung seiner Entdeckungen. Hegener (S. 175): „Im klassischen Verständnis darf keine Wissenschaft von dem einzigartigen Archiv ihrer Geschichte abhängig sein, es darf nicht zum gründenden Moment der Wissenschaft als solcher werden. Genau dies geschieht aber, wenn man die Psychoanalyse zu einer jüdischen Wissenschaft erklärt.“ In Gays Versuch, die Entstehung der Psychoanalyse aus Freuds Geisteshaltung heraus zu erfassen, scheint, wie der Titel „ein gottloser Jude“ schon andeutet, der Atheismus Freuds noch größeres Gewicht zu haben als sein Judentum. Freud war ein bekennender, streitbarer „Unglaubensgenosse“ (Freud, 1905c, S.83). Sein Feind war die Religion, die Vernunft sein „Gott Logos“, als Fundament der aufgeklärten Menschlichkeit. (Freud, 1927c, S.378). Der Toleranzgedanke hatte sich im Spannungsfeld zum Nicht-Identischen vor der Offenheit der Geschichte zu bewähren: er schlug sich nieder in der „inneren Freiheit“ (Gay, S.35) der psychoanalytischen Methode, mit den anderen Wissenschaften die Bereitschaft zu teilen, „Irrtümer einzugestehen, liebgewordene Vorstellungen zu modifizieren und unhaltbare Positionen aufzugeben“ (ebd.). 

Allerdings, so Freud (1910d, S.111): „Die Gesellschaft wird sich nicht beeilen, uns Autorität einzuräumen. Sie muß sich im Widerstande befinden, denn wir verhalten uns kritisch gegen sie; […] weil wir Illusionen zerstören, wirft man uns vor, dass wir Ideale in Gefahr bringen.“ Hegener: „Bezogen auf die Frage, ob die Psychoanalyse eine ‚jüdische Wissenschaft‘ sei, geht es dann nicht, wie es in der Formel anklingt, darum, eine Identität von Judentum und Psychoanalyse zu behaupten. Wohl aber gilt es festzuhalten, dass die jüdische Tradition die Psychoanalyse mitgeschrieben hat und die Psychoanalyse im abendländischen Denken die jüdische Position des Zweifels und der Nicht-Identität einnimmt. Sie ist ‚eine Quelle, aus der das psychoanalytische Denken, das weder auf das Judentum reduziert noch von diesem getrennt werden kann, zu schöpfen vermag‘ (Blumenberg, S.104).“

 

VI

 

Ist der Toleranzgedanke im Spannungsfeld zum Nicht-Identischen vor der Offenheit der Geschichte eine unauflösliche Herausforderung, zu der das Judentum einlädt? Wie betrachtet Freud den Anti-Semitismus? 

Wenn im 7.Kapitel der „Traumdeutung“ (1900a, S.530) die poetische Metapher vom „Nabel des Traums, [der] Stelle, an der er dem Unerkannten aufsitzt“ so unvermittelt wie ein Meteor in den Textablauf fällt, werden wir – ähnlich umstandslos – in seiner „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“ (1909b) auf S. 271 mit einer Fußnote konfrontiert, die ebenfalls wie ein freier (?) Einfall für den Leser aus dem OFF kommt und auf tiefster Ebene eine weit hergeholte Frage ermöglicht, ob der Blick auf den „Nabel des Traums“ irgendetwas mit dem „Beschnittensein“ zu tun hat. Es macht Sinn, besagte Fußnote im ‚kleinen Hans‘ zunächst in den Kontext der Fallgeschichte zu stellen: Auf einer bestimmten Stufe seiner Entwicklung, wo sein Penis zu etwas ganz und gar Realem zu werden beginnt, das sich regt, empfindet und zur Masturbation einlädt, macht sich der kleine Hans ganz allein auf den Weg, theoretisch wie praktisch die Frage zu lösen, ob die Mama auch einen Wiwimacher hat, zumal sie doch nicht weniger lebendig erscheint als ein Pferd, eine Giraffe oder ein Löwe. Nun wird er unglücklicherweise von der aufmerksam gewordenen Mama beim Onanieren überrascht und muss die Drohung hören: „Wenn du das machst, lass ich den Dr.A. kommen, der schneidet dir den Wiwimacher hab.“ (ebd., S. 245). Die furchterregende Vorstellung wird verschärft und plausibel, als der Vater den kleinen Hans aufklärt, „dass Frauen wirklich keinen Wiwimacher haben“. Hans tröstet sich mit der Vorstellung, dass der Wiwimacher bei der Frau noch wächst. Sein Beharren auf der Illusion, sein Sträuben gegen die väterliche „Aufklärung“ führt Freud auf die Erweckung des „Kastrationskomplexes“ und dessen Wirkung zurück. 

Das Überraschende in der erwähnten Fußnote entsteht durch den großen Sprung Freuds vom Kastrationstrauma im Einzelfall zum Phänomen des Antisemitismus in der Gesellschaft. Wie ein „Vampyrotheutis infernalis“ (Flusser, 1993) taucht in der Fallgeschichte vom ‚kleinen Hans‘ der Antisemitismus-Komplex aus den ozeanischen Abgründen des kulturellen Bewusstseins auf und findet in den Turbulenzen der kindlichen Entwicklung seine psychoanalytische Erklärung. Hier nun also die Fußnote: „Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewusste Wurzel des Antisemitismus, denn schon in der Kinderstube hört der Knabe, dass dem Juden etwas am Penis – er meint, ein Stück des Penis – abgeschnitten werde, und dies gibt ihm das Recht, den Juden zu verachten. Auch die Überhebung über das Weib hat keine stärkere unbewusste Wurzel.“ (Freud, 1909b, S.271) Im Unterschied zum kleinen Hans, der beschnitten ist (was Freud in der Fallgeschichte genauso übergeht wie die ätiologische Bedeutung der Mandeloperation für die Aggravierung der Phobie), ist die Kinderstube und der Knabe in der Fußnote ein nicht-jüdisches Kind, und die Eltern seiner Kinderstube sind nicht-jüdische Eltern, während der kleine Hans, seine Eltern und seine Ärzte kulturell einen jüdischen Hintergrund teilen. 

Derrida fragt nun (S.57), inwieweit dieser Schnitt des jüdischen Rituals der Circumzision zum unauflöslichen Bestandteil im Urarchiv der Psychoanalyse gehört und spricht mit Yerushalmi (1992) von der „Freud’schen Impression“, von „de[m] von Freud hinterlassene[n] Eindruck, ausgehend von dem in ihm hinterlassenen Eindruck, der eingeschrieben ist in ihm seit seiner Geburt und seinem Bund, seit seiner Beschneidung, durch die offenkundige oder geheime Geschichte der Psychoanalyse, der Institution und der Werke hindurch…“ Hegener: „Wenn das private Archiv Freuds und das der Institution Psychoanalyse nicht scharf zu trennen sind… dann wird die Beschneidung zu einem Gründungsakt der Psychoanalyse.“ (ebd. S.171) Daraus resultiert für Derrida die Frage: Wie weit kann die psychoanalytische Wissenschaft, die „von der Judenfrage durchquert“ (Derrida, S.3) ist, „von so etwas wie einer Beschneidung abhängen“ (ebd. S.82)? Und was bedeutet „der in der Forschung kaum beachtete Umstand…, dass Freud die Beschneidung seiner Söhne unterließ“ (Maciejewski, S.37)? 

Eine weitere Fußnote zum Antisemitismus findet sich in der Leonardo-Arbeit (1910c, S.165). Auch hier geht es um den Buben, der beim Mädchen das Glied nicht finden kann, dies als Verstümmelung missdeutet und von nun an „für seine Männlichkeit zitter[t], dabei aber die unglücklichen Geschöpfe verachte[t], an denen nach seiner Meinung die grausame Bestrafung bereits vollzogen worden ist“: „Es scheint mir unabweisbar anzunehmen, dass hier auch eine Wurzel des bei abendländischen Völkern so elementar auftretenden und sich so irrationell gebärdenden Judenhasses zu suchen ist. Die Beschneidung wird von den Menschen unbewussterweise mit der Kastration gleichgesetzt. Wenn wir uns getrauen, unsere Vermutungen in die Urzeit des Menschengeschlechts zu tragen, kann uns ahnen, dass die Beschneidung ursprünglich ein Milderungsersatz, eine Ablösung, der Kastration sein sollte.“ 

Der erste Aufsatz, den Freud 1938 nach seiner Verbannung aus Wien veröffentlicht hat, trägt den Titel „Ein Wort zum Antisemitismus“ und ist in einer deutschen Emigrantenzeitschrift erschienen. (1938a, S.777) Diese Schrift hat insofern eine Pointe, als sie aus einem langen Zitat eines Verfassers besteht, der sich als Nicht-Jude vorstellt und dessen „entschiedene Parteinahme“ Freud tief beeindruckt habe. Sie zeigt, in welchem Ausmaß Freud mit dieser Anonymisierung von einer strategischen Verleugnung des Jüdischen Gebrauch macht, und zu welchen politischen Vorsichtsmaßnahmen er glaubt, greifen zu müssen, um Zeit seines Lebens für die „Sache des universalen (nicht-jüdischen) Wesens der Psychoanalyse“ (Derrida, S.80) einzutreten, und um ihrer antisemitischen Denunziation entgegenzuwirken. In diesem Text stellt sich Freud in entstellender Weise als alter Mann dar, dessen Gedächtnis nicht mehr so sei, wie es früher war, und der sich nicht mehr erinnern könne, woraus er den Text exzerpiert habe. Es wird allerdings vermutet, dass das Zitat von Freud kein namenloses Fundstück sei, sondern von ihm selber stamme, weil er „auf diese indirekte Weise einige recht unpopuläre Ansichten äußern wollte“ (1938a, S. 778): 

Ich stelle voran, dass ich Nichtjude bin, es ist also nicht egoistische Beteiligung, die mich zu meinen Äußerungen drängt. Doch habe ich mich für die antisemitischen Ausbrüche unserer Zeit lebhaft interessiert und besonders den Protesten gegen sie meine Aufmerksamkeit geschenkt. Diese Proteste kamen von zwei Seiten, von kirchlicher und von weltlicher, die einen im Namen der Religion, die andern mit Berufung auf die Forderungen der Humanität, die ersteren waren spärlich und kamen spät, aber sie sind endlich doch gekommen, selbst seine Heiligkeit der Papst hat seine Stimme erhoben. Ich gestehe, dass ich in den Kundgebungen von beiden Seiten etwas vermisst habe, etwas an deren Anfang und etwas anderes zu ihrem Schluss. Ich will jetzt versuchen, es hinzuzufügen!

Ich meine, man könnte all diesen Protesten eine bestimmte Einleitung voranschicken, und die würde lauten: ‚Ja, es ist wahr, auch ich mag die Juden nicht. Sie sind mir irgendwie fremdartig und antipathisch. Sie haben viele unangenehme Eigenschaften und große Defekte. Ich glaube auch, dass der Einfluss, den sie auf uns und unsere Angelegenheiten nahmen, ein vorwiegend schädlicher ist. Ihre Rasse ist, mit unseren eigenen verglichen, offenbar eine minderwertige, alle ihre Betätigungen sprechen dafür.‘ Und nun könnte widerspruchsfrei folgen, was in diesen Protesten wirklich steht. ‚Aber wir bekennen uns zu einer Religion der Liebe. Wir sollen selbst unsere Feinde lieben wie uns selbst. Wir wissen, dass Gottes Sohn sein irdisches Leben dahingegeben hat, um alle Menschen von der Last der Sünde zu erlösen. Er ist unser Vorbild, und darum heißt es sündigen gegen seine Absicht und gegen das Gebot der christlichen Religion, wenn wir zustimmen, dass die Juden verhöhnt, misshandelt, beraubt und ins Elend vertrieben werden. Wir müssten dagegen protestieren, ganz abgesehen davon, wie sehr oder wie wenig die Juden solche Behandlung verdienen.‘ Ähnlich äußern sich die Weltlichen, die an das Evangelium der Humanität glauben!

Ich gestehe, dass mich alle diese Kundgebungen nicht befriedigt haben. Außer der Religion der Liebe und der Humanität gibt es auch eine Religion der Wahrheit, und die ist in diesen Protesten zu kurz gekommen, die Wahrheit aber ist, dass wir das Volk der Juden durch lange Jahrhunderte ungerecht behandelt haben und dass wir darin fortfahren, indem wir sie ungerecht beurteilen. Wer von uns nicht damit beginnt, unsere Schuld zu bekennen, der hat seine Pflicht nicht getan in dieser Sache. Die Juden sind nicht schlechter als wir, sie haben etwas andere Eigenschaften und andere Fehler, aber im Ganzen haben wir kein Recht, auf sie herabzusehen. Sie sind uns sogar in manchen Hinsichten überlegen. Sie brauchen nicht so viel Alkohol wie wir, um das Leben erträglich zu finden, die Verbrechen der Brutalität, Mord, Raub und sexuelle Gewalttat sind große Seltenheiten bei ihnen, sie haben geistige Leistung und Interessen immer hoch eingeschätzt, ihr Familienleben ist inniger, sie sorgen besser für die Armen, Mildtätigkeit ist ihnen eine heilige Pflicht. Auch minderwertig darf man sie in keiner Weise nennen. Seitdem wir sie zur Mitarbeit an unseren kulturellen Aufgaben zulassen, haben sie sich durch wertvolle Beiträge in allen Gebieten der Wissenschaft, Kunst und Technik verdient gemacht, haben unsere Toleranz reichlich vergolten. Hören wir also endlich auf, ihnen Gnaden hinzuwerfen, wo sie auf Gerechtigkeit Anspruch haben.“

 

VII

 

Ich möchte meine Lektüre mit einem Sprung in die Gegenwart beenden, indem ich die Anfangsfrage wiederhole: Welche Bedeutung nimmt die Jüdische Kultur und ihr Verlust bzw. ihre Zerstörung für das Verständnis der Psychoanalyse ein? Gibt uns Shmuel Erlichs Buch „Die Couch auf dem Marktplatz“ (2013 erschienen, also lange vor dem 7.Oktober, und 2020 in deutscher Übersetzung im Psychosozialverlag veröffentlicht) darauf eine Antwort? So schreibt der Autor im Kapitel „Die Wurzeln des Antisemitismus“ (ebd. S.83): „Wer in Jerusalem lebt, bekommt das Zerstörungspotential von Ideologien und die Todeswünsche, die durch Ideen geweckt werden können, ein ums andere Mal vor Augen geführt. Ähnliche Schwierigkeiten sind heute nahezu weltweit verbreitet. Die Frage nach der jüdischen Identität, über die so vieles gesagt und geschrieben wurde, wurzelt in dem ewigen Dilemma, das Moses den Juden hinterlassen hat: Sollen sie ein Volk sein wie alle anderen Völker, oder müssen sie für alle Zeiten einer besonderen Aufgabe dienen, ein besonderes Schicksal erfüllen?“ 

Nach Erlichs Auffassung ist dieser Auftrag, diese „Aufgabe“ durch „Freuds These“ gestützt, „dass die Wurzeln des Antisemitismus im Bereich der Geistigkeit zu suchen sind…“ Es sei diese „Geistigkeit“, die mit der jüdischen Kultur verbunden sei, die vom Antisemitismus „gehasst, verabscheut und abgelehnt“ werde. Zu diesem „Bereich der Geistigkeit“ zählt Erlich „Darwins und Freuds Sichtweise der menschlichen Evolution, die von der modernen Genetik bestätigt wird“ und „eine kontinuierliche Entwicklung vom Unbelebten zum Belebten und Geistigen [postuliert]“ (ebd.). 

Erlichs Ausführungen können als Plädoyer für den „aufgeklärten Intellekt“ im „Widerstreit“ mit „denTrieben“ gelesen werden, der durch den „Übergang“ vom „Animismus und Heidentum“, von der Konkretheit des Sinnlichen zur Abstraktheit des Intellektuellen errungen worden sei: „Dies ist die entscheidende Veränderung, die der Vorstellungskraft und dem Denken zugrunde liegt und es ermöglicht, über die reinen Sinneseindrücke hinaus zu mentaler Repräsentation, Symbolisierung und Abstrahierung zu gelangen.“ (ebd.)

Wir finden diese „Geistigkeit“ in der „strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes“, die im „betrübenden Kontrast“ zur „Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen“ (Freud, 1927c, S.370) stehe. Wir finden sie in der „leisen Stimme des Intellekts“ (ebd., S.377), die „im Vergleich zum menschlichen Triebleben“ zwar als „schwach erscheint“, aber – „nach unzählig oft wiederholten Abweisungen“ – nicht „ruht“, „ehe sie sich Gehör verschafft hat“ (ebd.). Gerade die Vorstellung von der geistigen „Erwähltheit“ und Überlegenheit würde aber – so Flusser (2000, S.124) – vom Philosemiten idealisiert, vom Antisemiten entwertet und von beiden zur „Sonderstellung“ emporgehoben und angegriffen, erst mit staunendem Befremden, Ambivalenz und Hassliebe, dann mit blankem Hass (ebd., S.121). Oder wie ein schwäbischer Dorfbewohner sagte: „Was ganz reich sind, sind alles Juden.“ (Becker, S.153) 

Denn es gehört zu den Grundmotiven des Antisemitismus, dass mehr noch als der wirtschaftliche Reichtum die geistige Potenz zum Gegenstand des Neides wird, ein Neid, der sich etwa in Form von Verschwörungstheorien und Zuschreibungen von Durchtriebenheit artikuliert oder sich – selbst noch in psychoanalytischen Kreisen, wenn es um Verarbeitungsbemühungen von Affektspannungen geht - in überzogenen Vorwürfen Luft verschafft, sich zum Zweck der Abwehr hinter „Rationalisierung“ (Laplanche, Pontalis, S.232) und „Intellektualisierung“ (ebd. S.418) zu verstecken. Solche ‚Deutungen‘ sind oft begleitet von einem verächtlichem Sublimierungsverdacht und von einer selbstherrlichen und über jeden Zweifel erhabenen Priorisierung des unmittelbaren ‚Bauchgefühls‘. Im ‚Brustton der Überzeugung‘ findet dann eine fragwürdige, meist ideologisch abgesicherte Selbstgewissheit ihr rechthaberisches Ventil und verrät ihre ‚epistemische‘ Selbstgefälligkeit. Freud (1910d, S.111): „So mächtig auch die Affekte und die Interessen der Menschen sein mögen, das Intellektuelle ist doch auch eine Macht. Nicht gerade diejenige, die sich zuerst Geltung verschafft, aber um so sicherer am Ende. Die einschneidendsten Wahrheiten werden endlich gehört und anerkannt, nachdem die durch sie verletzten Interessen und die durch sie geweckten Affekte sich ausgetobt haben. Es ist bisher noch immer so gegangen, und die unerwünschten Wahrheiten, die wir Psychoanalytiker der Welt zu sagen haben, werden dasselbe Schicksal finden. Nur wird es nicht sehr rasch geschehen; wir müssen warten können.“ 

Grunberger (2000, S.381) beschreibt schließlich im Kapitel „Von der grundlegenden Andersheit der Juden zur Existenzverweigerung“, die Wege der Absonderung und antisemitischen Dehumanisierung. Dies verleihe dem Antisemitismus am Ende seine Note der Unmenschlichkeit. Oder um es mit Derrida (1997, S.51) auf den Punkt zu bringen: Das jüdische Subjekt wird auf diese Weise zum „Subjektil“, zum lebenden Bildträger der antisemitischen Projektile. 

Indem Erlich den Hugenotten Winfred Bion als Gewährsmann zitiert, relativiert er die exklusive Zuordnung der „Geistigkeit“ zur jüdischen Religion und Kultur, nicht aber zur Abstraktion: „Diese Transformation, von Bion als Alpha-Funktion bezeichnet, ist vielleicht der wichtigste Entwicklungsfortschritt der Menschheit. Er befreite sie aus dem Würgegriff der Sinneswahrnehmungen und -eindrücke. Ebenso wie die Befreiung von der Anziehungskraft der Erde gewaltige Energie und explosive Kraft verlangt, setzt auch die Befreiung des Geistes explosive Energie voraus. Diese Energie entstammt der Fähigkeit des Menschen, zu hassen und zu zerstören, aber auch zu lieben und zu trauern, wie Freud es mit seiner fiktiven Rekonstruktion der Ermordung Moses dargestellt hat.“ (Erlich, 2020, S.83) 

Erlich verweist auf die kulturgeschichtliche Bedeutung dieser Tat: „Die Explosion, die jener Mord auslöste, das explosive Geschehen, dem das jüdische Volk seine Entstehung verdankt, hat sich nie restlos beruhigt. Wie ein Vulkan grollt es weiterhin unter der Oberfläche und bricht mit horrender Irrationalität auf, um gewaltige Energien des Hasses und der Zerstörung gegen die überlebenden Zeugen der ursprünglichen Explosion zu richten.“(ebd.) Erlich verortet in diesem explosiven Wirken auch die unschließbare Quelle des Antisemitismus und lokalisiert die antisemitische „Im-Pression“(vgl. Derrida, S.50) aus Missgunst und Niedertracht erkenntnistheoretisch im symbolischen Übergang von der „reinen Triebbefriedigung“ zu dem, was die Lehre Freuds für den Menschen impliziert: mit den Einschränkungen umgehen zu lernen, die uns die „Moral“, „Kritik“ und „Zwänge“ der Eltern auferlegen, jener Eltern, die „vor uns da waren“ und „uns das Leben geschenkt haben“ (ebd.). Es sind dieselben Eltern, die uns auch den Tod und das Sterben weiterreichen! 

Welche Antwort die „Schicksalsfrage der Menschheit“ finden wird, ob die Lebensbejahung („Eros“) oder die Vernichtung, der „Todestrieb“ sich stärker „behaupten“, lässt Freud am Ende seiner Schrift über „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930a, S.506) offen: „…wer kann den Erfolg und Ausgang voraussehen?“(ebd.) Den Satz „Si vis vitam, para mortem“ (Freud, 1915b, S.355) – „wenn Du das Leben aushalten willst, richte Dich auf den Tod ein“ - hat Freud nie zurückgenommen. 

Aber das von alters her Eingeschriebene, ins Fleisch Geschnittene - die archaische Dimension der Existenz, die patri-archische Bewahrung und Weitergabe, die archontische Macht der Konsignation, der tradierten Assoziationen, der Versammlung der Zeichen, das ödipale Gesetz, die verbindliche Bleibe (Derrida, S.9-18) – all dies würde sinnlos ohne den Neubeginn, ohne die Veränderung, ohne die Variation, ohne den Einschnitt der Zeit, ohne den futur antérieur: wir kommen mit Freud nicht umhin, etwas Neues in der Psychoanalyse gefunden haben zu müssen. Hegener zur jüdischen Tradition: „Die rabbinischen Kommentatoren gehen davon aus, dass die Schöpfung, also das, was in den ersten sechs Tagen erschaffen wurde, der weiteren Vervollkommnung durch den Menschen bedarf – deswegen werden die männlichen Säuglinge ab dem achten Tag beschnitten. Die Beschneidung nehme dem Menschen einen Teil, damit er die Erfahrung des Mangels mache; diese Erfahrung habe aber den Zweck, dass sich der Mensch neu entwerfen und integrieren könne“ (Fußnote S.169). Dies fügt sich zur „gute[n] Mahnung“ Freuds, „dass man das aus dem Unbewussten Auftauchende nicht mit Hilfe des Vorhergegangenen, sondern des Nachkommenden zu verstehen hat.“ (1909b, S.301). 

Was sagt der Historiker, was der Archäologe dazu? Finden wir in dem, was Freud zur Methode erhebt, die Maßgabe, dass der Analytiker „in sich wie außerhalb seiner immer Neues zu finden erwarten muß“ (Freud, 1912e, S.383)? Was können wir an Neuem erwarten, oder stoßen wir in dieser Erwartung erst recht auf das verdrängte, vergrabene Alte? Gibt uns die Freud-Lektüre etwa zu verstehen, dass die kollektiven, ja phylogenetischen Vorgänge den Spuren der Ontogenese und Individualentwicklung folgen und wir davon ausgehen können, dass das patriarchale Denken auf ähnliche und ebenso unvermeidliche Weise untergehen wird, wie es Freud für den Ödipuskomplex der „frühkindlichen Sexualperiode“ beschrieben hat, und zwar schon deshalb, weil auf gesellschaftlicher Ebene die kulturelle Entwicklung auf analoge Weise vorherbestimmt ist wie in der individuellen biologischen Reifung zum Beispiel der „Ausfall der Milchzähne“ (Freud, 1924d, S.395)? Werden wir dann – ähnlich wie das Kind, das wir beobachten können und das wir selbst einmal waren – „aus allen Himmeln stürzen“ (ebd.), schmerzhaft und hoffnungslos enttäuscht vom politisch-kulturellen Versagen, resigniert angesichts unserer „Misserfolge“, im allmählichen Bewusstwerden unserer „inneren Unmöglichkeiten“ (ebd.)? 

Wenn Freud in seiner Arbeit über den „Untergang des Ödipuskomplexes“ (1924, S.396) auf die hohe und prägende Bedeutung der imaginäre Frühblüte des menschlichen Bewusstseins verweist und die Gründe beschreibt, warum diese Frühblüte unter dem Eindruck der unausweichlichen „Kastrationsdrohung“ (ebd. S.397) doch wieder „fallen“ muss, zeigt sich diese Erkenntnis weniger in Gestalt einer zu vermeidenden Katastrophe, denn als vorgezeichnete Notwendigkeit, weil eben „die Zeit ihrer Auflösung gekommen ist“ (ebd. S.395). Und so gehe mit der Ödipalität auch die „phallische Genitalorganisation des Kindes“ unaufhaltsam unter. Dem folge allerdings nicht die Apokalypse, sondern eine Zeit der Sublimierung. Analog zum „narzisstischen Interesse“ des kindlichen Ichs, „sich vom Ödipuskomplex [abzuwenden]“ (ebd.398) wäre die kulturelle Entwicklung nunmehr herausgefordert, sich einer neuen Entwicklungsepoche zuzuwenden, die nach anderen Gesetzen funktioniert und deren Liebesleben eine neue, komplexere Gestalt gewinnt. 

Was wäre, so fragt Rhode-Dachser (S.279), wenn Ödipus auf die Frage der Sphinx nicht geantwortet hätte, „der Mensch“, sondern – relativierend – „Mann und Frau“ oder auch „Ich und du“? Hätte sich dann der „narzisstische Mythos“ aufgelöst, „der im Patriarchat das Geschlechterverhältnis zementiert“ und „den Mann ins Zentrum des Universums rückt“ - mit dem Weiblichen als seine „Ergänzungsbestimmung“? Wäre die Sphinx dann auch als „weiblich-matriarchale Würgerin“ „verblasst“ und hätte sich verwandeln und zähmen lassen in eine Figur des Eros statt des Todes? 

Die Probleme, von denen hier die Rede ist, sind in den gesellschaftlichen Narrativen weder gelöst, noch in planetarischer Auflösung begriffen, sondern lagern für eine unbestimmte Zeit in der Schwebe des Übergangs, im Zustand eines ‚Vielleicht‘ (Derrida, S.87). „Schweben wirst Du auf den Fittichen des Windes“, und „Brunnen steige auf! Singet von ihm“ - so schrieb der Vater Freuds, Jakob, seinem Sohn „Shelomo“ an seinem 35. Geburtstag in die Philippsohn-Bibel (Hegener, S.170). Gehört es zum „Gegenstand des Freud’schen Geheimnisses“ (Derrida, S.87) und seinen schwer „eingestehbaren Gedanken“, wonach die Psychoanalyse nicht nur „ein Judentum ohne Gott“ wäre, sondern auch eine Zukunfts- und Hoffnungs-Losigkeit für jegliche ideologische Verheißungen, heißen sie nun Laios oder Ödipus, während „die Jüdischheit (jewishness)… in seiner minimalen Wesenheit, doch als die Wissenschaft selbst, auf die Öffnung der Zukunft hinausläuft“ (Derrida, S.88)? Auf den Wegen der Erinnerung zeigt der Blick in das Archiv der Geschichte, wie unser Gedächtnis der fortwährenden Entstellung unterliegt. An dieser Stelle verortet Yerushalmi (1992, S.59) einen zentralen Gedanken von Freuds Arbeit über den „Mann Moses und die monotheistische Religion“ (1939a, S.195): das Problem der Erinnerung. “Das Schicksal hatte dem jüdischen Volke die Großtat und Untat der Vorzeit, die Vatertötung, näher gerückt, indem es dasselbe veranlasste, sie an der Person des Moses, einer hervorragenden Vatergestalt, zu wiederholen. Es war ein Fall von ‚Agieren‘, anstatt zu erinnern, wie er sich so häufig während der analytischen Arbeit am Neurotiker ereignet.“ Das „Phänomen des Bewusstseins“ (Freud, 1925, S.5) hat Freud mit einem „Wunderblock“ (ebd.) verglichen. Die Vergangenheit: sie knechtet, aber sie nährt auch (Yerushalmi, S.114). Die Entstellung (Hock, 2012, S.52) kommt dem nährenden Element zur Hilfe. Der Mythos und die Legenden, die „im Höhlenhaus der Träume“ (Spitz, S. 665) wohnen, sind Resultanten dieser Entstellung und erzählen von der Bedeutung des Wunsches, der als „Chimäre“ (De M’Uzan) im Menschen weiterwirkt, als Wunsch zum Leben und als Wunsch zum Tod. 

 

Literatur 

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