Alexander und Margarete Mitscherlich stehen für die Verbindung zwischen klinischer Psychoanalyse und gesllschaftlichem Engagement. Sie waren Psychoanalytiker, die sich in die Gegenwart nach dem zweiten Weltkrieg eingemischt haben. So ist es vielleicht auch kein Zufall, dass am psychoanalytischen Institut in Kassel, das Alexander-Mitscherlich-Institut heißt, sich im Herbst 2015, als Scharen von Flüchlingen aus Syrien nach Europa und Deutschland kamen, ungefähr 25 Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker, sowie Psychiater, Psychotherapeuten und Kinder-und Jugendlichen Analytiker zusammengefunden haben, um sich über Gefühle, Ängste und Gedanken im Zusammenhang mit den Begegnungen mit den Flüchtlingen auszutauschen, um damit nicht alleine zu sein. Die Bilder von täglich zehttausenden ankommender Flüchtlinge aus dem Vorderen Orient, aus Asien und Afrika, wollten wir nicht tatenlos und einsam im TV anschauen. Wir haben umgehend das Gerüst für ehrenamtliche professionelle Hilfe organisiert, weil es „die Lösung“ nicht gibt, aber die Flüchtlinge, die da sind, menschwürdig behandelt werden sollten. Das heißt, wir wollten den Ankommenden unser Wissen und unser Engagement zur Verfügung stellen. In den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kamen und kommen, haben sie dehumanisierende Zustände erfahren, z.B. in den Kriegen, denen sie entkommen wollten, aber auch auf der Flucht und inzwischen an unseren Grenzzäunen ebenso. Wir wollten nicht untätig bleiben. Wie eine Kollegin formulierte:
„Man kann in Kassel leben, ohne auch nur einen Flüchtling mehr als von Ferne gesehen zu haben. Aber ich kann das nicht, ich kann und will mich nicht so abschneiden von dem, was in der Gesellschaft passiert.“
Der von uns Kollegen gegründete Arbeitskreis hat ein „Psychosoziales Zentrum für Geflüchtete Nordhessen“ ins Leben gerufen, das inzwischen von einem größeren Wohlfahrtsträger übernommen wurde (der Viva- Stiftung), da die Organisation ehrenamtlich nicht mehr zu leisten war. Wir nannten das, was sich damals entwickelt hat, und wir anbieten konnten psychosoziale Hilfen, da es sich um eine andere Herangehensweise als um Psychotherapie im engeren Sinn handelt. Die vorwiegend ehrenamtlichen Helfer hielten offene Gesprächsangebote für verschiedene Probleme vor z.B. auch Hilfe bei der Orientierung im Umgang mit den Ämtern und der Lebenssituation nach der Flucht. Insbesondere hatten wir es aber mit gesundheitlichen Problemen zu tun.
Unser anfängliches Gesprächsangebot bestand aus ein bis zwei bis Gesprächen für die Ankommenden in den Erstaufnahmeeinrichtungen in und um Kassel. Inzwischen ist es möglich 5-6 Beratungsgespräche zu führen, manchmal sind nach Absprache auch längere Beratungen möglich. Wenn nötig werden Dolmetscher zur Verfügung gestellt. Am häufigsten sehen wir Geflüchtete mit posttraumatischen Belastungsstörungen, mit Nachwirkungen der oft traumatischen Erlebnisse in den Heimatländern und auf der Flucht, ebenso manchmal hier in Deutschland. Fast genauso oft wurden uns auch Bewohner mit Depressionen, Angst -und Panikstörungen vorgestellt, die schon im Heimatland bestanden, ebenso oft ging es um Ehe- und Familienprobleme. Da wir aus der Traumaforschung (v. allem Keilson, 1979) wissen, dass die Art der Erfahrung, die die Geflüchteten bei ihrer Ankunft machen (Aufnahmeverfahren, Befragungen, Lebensbedingungen, ärztliche Behandlung, Wartezeiten im Asylverfahren, oft fehlende psychosoziale und psychotherapeutische Betreuung, Rücksendungsdrohungen) für ihre weitere Entwicklung von großer Wichtigkeit ist, war unser Angebot darauf ausgerichtet Hilfen bei die Bewältigung dieser aktueller Schwierigkeiten anzubieten.
Inzwischen haben wir es vermehrt mit den psychischen Folgen der Verunsicherung durch die verschärfte Abschiebepraxis der Bundesregierung zu tun. Auch psychisch kranke Asylbewerber, die schwer traumatisiert sind, können inzwischen abgeschoben werden. Bisher konnten sie wenigstens einen subsidiären Schutz erhalten, jetzt gilt nur noch eine schwere körperliche Erkrankung, die die reine Transportfähigkeit verhindert, als Abschiebehindernis. Angst, Aggression, psychosomatische Erkrankungen, Suizidversuche und Suizide, enorme Spannungen in den Lagern, Rückzug in die eignen vier Wände, Depressionen und Zwangs-und Wahnvorstellungen können unter diesen Bedingugen enorm zunehmen. Zudem hat die Diskriminierung und Kriminalisierung psychisch kranker Asylbewerber in der letzten Zeit – auch wegen der entsetzlichen Attentate Einzelner – zugenommen bis hin zur Forderung nach einem Register für psychisch kranke Gewalttäter (Aldenhoff, J. Süddeutsche Zeitung,11.2.25). Die Bedingungen für eine unvoreingenommenen Aufnahme hat sich somit in den letzten Jahren für die Flüchtlinge deutlich verschlechtert
Psychosoziale Arbeit mit Geflüchteten
Ich bin seit 2016 einmal in der Woche im Zentrum und bekomme von den Mitarbeiterinnen des Zentrum Patienten, die dort Klienten heißen, zugewiesen. Im Folgenden werde ich beispielhaft über drei Beratungsgesoräche berichten.
- Florence
Florence (Name erfunden) kam vor einigen Jahren zu Gesprächen zu mir. Sie war inzwischen 12 Mal bei mir in zum Teil großen Abständen, weil sie nach dem Erstgespräch in ein weit entferntes Heim transferiert wurde. Wir haben ohne Dolmetscher Französisch miteinander gesprochen. Florence hat beim ersten Gespräch einen Bekannten aus der Einrichtung dabei, der mit der kleinen fast zwei jährigen Tochter draußen wartet. Sie kommt mit dem winzigen zwei Monate alten Baby Marie in mein Zimmer, legt das Baby auf die Couch, zieht es dort aus und setzt sich mit ihm hin. Ich bin zutiefst besorgt darüber, wie ein Baby so winzig sein kann und so greisenhaft aussehen kann. Als wir wieder hinausgehen, ist die ebenfalls körperlich eher kleine Zweijährige im Sitzen eingeschlafen, der Bekannte wirkt müde und unbeteiligt oder unbeholfen, ich habe von drinnen keinen Laut gehört.
Beim ersten Gespräch erzählt Florence ihre Geschichte. Es fiel Florence aufgrund ihres psychischen Zustandes nicht leicht, über ihre Geschichte zu sprechen, die erst in den weiteren Gesprächen vertieft werden konnte.
Ihre Geschichte war eindrucksvoll und überzeugend, im geschützten Rahmen konnte sie sich an alles Erlebte erinnern, ohne sich bzgl. der Details zut widerspren. Traumatisierte Patienten können oft erst in einer vertrauensvollen Beziehung von sich sprechen. Wie ich vermute, entwickelte Florence Vertrauen, weil wir uns auf Französidch verständigen konnten. Sie ist Staatsangehörige eines afrikanischen Staates, ist dort geboren und aufgewachsen, in die Schule gegangen und hat an der Universität einen Abschluss gemacht.
Florence ist 2013 zum ersten Mal aus ihrer Heimatstadt geflohen, damals vor ihrem Vater, der sie mit einem älteren Mann zwangsverheiraten wollte. Sie ist in ein anders afrikanisches Land geflohen, lernte ihren Mann kennen und hat traditionell geheiratet. Später ist sie mit ihrem Mann ins Heimatland zurückgegangen. Den Kontakt zu ihren Eltern hatte sie abgebrochen. Weil sie darüber in der ersten Vernehmung durch die BAMF(Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) aus Scham nicht gesprochen hatte - sie wollte nicht schlecht über ihre Eltern sprechen - galt ihre Aussage als nicht glaubhaft. Auch in unseren Gesprächen konnte sie darüber erst durch Nachfragen und unter Schamgefühlen erzählen. Sie hatte lange keinen Kontakt zu ihrem Vater, der sie nicht mehr als seine Tochter ansehe. Auf meine Frage, ob sie mit der Mutter Kontakt habe, sagt sie, dass die Mutter wie alle Frauen in ihrem Land nichts zu sagen hätte.
Florence hat an Protestkundgebungen in ihrem Heimatland teilgenommen. Die Kundgebungen wurden von der Polizei aufgelöst und Florence wurde festgenommen und tagelang gefoltert und vergewaltigt. Diese und ähnliche Tatsachen, nämlich dass diese Kundgebungen gegen die Regierung gewaltsam aufgelöst werden, wobei es auch Tote gibt, sind durch die Internationalen Menschenrechtsgruppen und durch die Presse bestätigt.
Ihr Ehemann, den sie später auf einer der. Kundgebungen wieder traf, war auch festgenommen worden. Er hatte gefilmt, wie ein Teilnehmer erschossen wurde.Ebenfalls wurde eine Schwägerin von ihr bei einer Kundgebung erschossen. Die Polizei habe daraufhin Florence zuhause verhaftet, den Schwiegervater und eine weitere Schwägerin getötet und die kleine Tochter mit einem Bügeleisen verbrüht. Sie selbst wurde im Februar 2018 drei Tage in einer Hütte im Wald festgehalten, gefoltert und vergewaltigt. Ein „Polizist“ verhalf ihr und ihrer Tochter zur Flucht.
Sie konnte dann mit der Tochter in ein südamerikanisches Land flüchten, wo sie - inzwischen schwanger von den Vergewaltigungen - im Sommer 2018 lebte, bis ihr ein Fluchthelfer zur Flucht nach Deutschland geholfen habe. Ihre Dokumente seien gefälscht.
Diese nur groben Angaben erzählt Florence unter großer Belastung. Ihre Folter und Vergewaltigungen, ebenso wie die Erlebnisse auf der Flucht, sind nach meiner Erfahrung glaubhaft und nachvollziehbar geschildert. Auf meine Nachfragen geht sie unter starken inneren und körperlichen Schmerzen ein. Das Problem, die durch Vergewaltigung gezeugte Tochter Marie, deren Geburt für beide lebensgefährlich war, anzunehmen und ebenso zu lieben wie ihre anderen Kinder, belastet Florence sehr.
Die Ablehnung ihres Asylgesuchs wegen angeblicher Irreführung des Amtes (man hielt se für eine Südamerikanerin) retraumatisiert Florence. Als sie erstmals aus der anderen Stadt, in die sie transferiert wurde, zu mir zu einem Termin kommt, geht es ihr schlecht, sie kann nicht schlafen. Marie, inzwischen 11 Monate alt, möchte immer auf ihrem Körper liegen. Sie ist auch bei dem Gespräch dabei. Das helfe auch ihr selbst, aber es wäre schwer, die Kleine zu lieben, aber ja sie tut es. Diese könne ja nichts dafür. Die ältere Tochter ist derweil draußen mit einem Freund und scheint schon ganz aufgeweckt im Gegensatz zu unserem ersten Termin. Ich spreche mit Florence darüber, dass es wichtig wäre, vom „victime“ zur „survivante“ zu werden, vom Opfer zur Überlebenden. Sie und ihre Kinder haben überlebt. Wir sprechen auch intensiv über Afrika. Sie sagt: das Gute gehe dort unter. Die Herrschenden verlangen absoluten Gehorsam. Die jungen Leute werden gut ausgebildet, dürfen dann aber nichts sagen, nichts zur Gesellschaft beitragen.
Einen Monat später hatte sie zwei Termine. Beim ersten ist sie wieder mit dem Freund da, aber die inzwischen einjährige Marie muss bei ihrer Mutter belieben , weil sie große Angst vor allen Menschen hat. Sie kann sich auch im Raum nicht von der Mutter lösen, obwohl sie schon laufen kann. Da Florence keine Medikamente nehmen will - sie muss doch nachts für die Kinder da sein, die auch schlecht schlafen, kann sie immer noch nicht schlafen. Sie hat einmal die Medikamente zum Schlafen genommen und ist hingefallen.. Ich spreche mit ihr darüber, dass Marie so auf sie angewiesen ist, weil sie sich nicht sicher sein kann, von ihr geliebt zu werden wie die andere Tochter, die trotz ihrer Traumatisierung einen guten Eindruck macht. Sie kann damit gut umgehen, auch weil ich sie darin unterstütze, wie gut sie es trotzdem mit den Kindern macht . Dann sprechen wir über den anstehenden Gerichtstermin bezüglich ihres Asylbegehrens. Sie hat eine sehr engagierte Rechtsanwältin in der jetzigen Stadt gefunden.
Auch beim nächsten Termin sprechen wir noch einmal über den Gerichtstermin. Aber sie möchte über Baby Marie und sich sprechen. Diesmal ist das Baby bei einer Freundin geblieben und wir sprechen darüber, wie sehr sie Angst hat, keine gute Mutter für sie zu sein. Sie lebe nur noch für die Kinder. Ihr Leben sei ihr egal, es sei vorbei. Ich sage ihr, dass Maire nur mit ihr zusammen gesund werden kann, dass es aber jetzt erst einmal um den Gerichtstermin geht. Ich täusche mich leider, es geht nicht in erster Linie darum, denn im Januar kommt sie und berichtet, dass beim Gerichtstermin kein Dolmetscher da war und sie und die Rechtsanwältin deshalb unverrichteter Dinge wieder gehen mussten.
Im nächsten Monat wird trotz der weiterhin unsicheren Lage eine Entwicklung deutlich. Die große Tochter kommt bald in den Kindergarten, sie selbst wird einen Deutschkurs anfangen, das Baby wird beim Kurs betreut. Sie erzählt ganz begeistert vom ersten Kindergartenbesuch. Die Leitung ist aus Marokko und spricht auch Französisch. Ein kleines Mädchen nimmt sie gleich bei der Hand und will mit ihr spielen. Sie zeigt mir ein Foto von einem kleinen blonden Mädchen. Sie hätten zusammen gemalt. Die Erzieherin habe gesagt, sie könne so gut mit Kindern umgehen, sie solle doch eine Ausbildung zur Erzieherin machen. Dabei strahlt sie. Plötzlich hat sie Zukunftsträume auch für sich, nicht nur für die Kinder, obwohl das Gerichtsverfahren noch nicht stattgefunden hatte. Wieder einen Monat später sieht sie sehr schön aus, sie hat eine kunstvolle afrikanische Frisur, auf die wir am Ende des Gespräches noch einmal zu sprechen kommen. Diesmal ist sie ganz allein mit dem Zug gekommen.. Im Gespräch sagt sie, sie müsse noch mehr in ihre Haut kommen (»je dois entrer dans ma peaux«).
Gegen Ende des Gesprächs kommt sie selbst auf ihre Frisur zu sprechen. Schon im Studium wollte sie Kunst studieren, sie mache gern etwas Schönes. Sie werde jetzt angesprochen von afrikanischen Frauen, ob sie ihnen auch eine Frisur machen kann, und das macht sie auch. Wir sprechen darüber, wie sehr Schönheit gegen Verzweiflung helfen kann und dazu „in ihre Haut zu kommen“. Matthias Hirsch (2010, S. 195) beschreibt ein solches Körpergefühl – wie nicht in seiner Haut zu sein –als Folge von Traumatisierung: Meine zentrale These ist, dass der so abgespaltene Körper als pars pro toto geopfert wird,n indem er die Destruktion bindet, um das Gesamtselbst zu retten“ (S.194). „Besonders eindrucksvoll sind Berichte von dissoziativen Körperphänomenen, die während der traumatischen Einwirkung auftreten. Die Opfer verlassen gewissermaßen ihren Körper“ und „betrachten die Verletzung der körperlichen Integrität wie von außen, der dissoziative Zustand wehrt die psychotische Desintegration ab“ (s.195).
Was hat Florence diese Entwicklung von der fast völligen Selbstaufgabe zu einer Frau mit eigenen Zukunftsvorstellungen und einem besseren Gefühl als Mutter ermöglicht?
Vielleicht zuerst die Vertrautheit in der Sprache bei der Begegnung mit mir. Nach einer schwierigen Geburt von Marie, dem Kind aus der Vergewaltigung, hatte sie im Gespräch bei mir jemanden gefunden, der sie und das Baby wie in einem Container schützend versorgt. Ich habe ihr im ersten Gespräch gesagt, dass ich ihr glaube – anders als die Behörde, die ihren Asylantrag geprüft hat. Das mache ich nicht oft, denn oft ist Vieles widersprüchlich. Mein Vertrauen hat sich aber bewahrheitet, denn auch im Nachhinein, in der Rekonstruktion ihrer Geschichte mit der Rechtsanwältin, kamen keine Widersprüche auf. Florence hat trotz ihrer Traumatisierung kohärent erzählen können.
Die Anerkennung als gute Mutter durch die Erzieherin sowie vielleicht auch die Hoffnung, sich ebenso integrieren zu können wie diese, und meine Bemerkung, dass sie eine Überlebende ist, haben vielleicht geholfen. Die Anerkennung von Schönheit, Kunst, Kultur (Farben) kann als Hilfe gegen das Entsetzen, gegen die Verzweiflung, gegen die Melancholie wirken.
Ohne etwas über ihre frühe Mutterbeziehung zu wissen, ist anzunehmen, dass sie ein ausreichend „gutes inneres Objekt“ hat, eine Muttererfahrung, die sie zur „Objektverwendung“ - von mir, von der Rechtsanwältin- (Winnicott, 2012, S.110) befähigt hat und ihr gleichzeitig die Möglichkeit gibt, trotz der Traumatisierung ein „gutes Objekt“ für ihre Kinder zu sein.
Ein Jahr später kommt sie erneut. Sie hatte immer noch keine Anhörung vor Gericht gehabt. Alle Dokumente müssen neu zusammengestellt werden, viel Arbeit. Aber vor allem für die Patientin und ihre Kinder ist die Situation menschlich unzumutbar. Die Kinder sind inzwischen einiges älter geworden, gehen in Kindergarten und Schule, sprechen Deutsch, und sie durfte immer noch anders als erwartet keinen Deutschkurs machen. Sie darf nicht arbeiten, keine Ausbildung machen! Alle vorherige Zuversicht und Hoffnung sind natürlich unter einer solchen Belastung wieder verloren. „Wie komme ich hinter meinem Paravent hervor?“ fragt sie mich in ihrer gewohnt bilderreichen Sprache. Ihr „Ich- Haut-Ich“ (vgl. Anzieu) ist jetzt wieder vorhanden, aber noch versteckt hinter dem Paravent.
Wenig später, als ich sie kontaktiere, um zu fragen, ob ich ihre Geschichte anaonym publizieren darf, erfahre ich, dass ihr Asylgesuch akzeptiert wurde.
- Hanna
Als Hanna zum ersten Mal zu mir kommt, wirkt sie sehr untergewichtig, hat schlechte Zähne, schlechte Haut und macht einen fahrigen, verzweifelten Eindruck. Sie weint viel, kann sich kaum konzentrieren.
Im ersten, wirren Gespräch kommt heraus, dass wenn ein Nachbar im Wohnheim nachts seine Zimmertür auf- oder zuschließt, und sie den Schlüssel hört, sie in einen dissoziativen Zustand gerät. Sie muss aus dem Wohnheim fliehen wegen der Flashbacks, die aus dem Aufenthalt im Gefängnis in ihrem Heimatort herrühren, als nachts die Vergewaltiger den Schlüssel herumdrehten, um sie zu holen. Sie läuft dann oft davon und schläft schon mal im Park. Der Hausmeister in ihrer Unterkunft erzählt etwas abfällig von unregelmäßigem, auffälligem Verhalten. Am Ende des Gesprächs bin ich ratlos. Ich habe die Phantasie, sie nimmt vielleicht Drogen. Ich sage ihr, dass sie Hilfe braucht und annehmen muss, dass sie nicht davonlaufen darf, und dass es nachts im Park gefährlich ist.
'Im nächsten Gespräch ist keine Sprachmittlerin dabei, aber ich kann mich gut auf Englisch mit ihr verständigen. Sie ist konzentrierter und erzählt viel von ihrer Geschichte. Ich frage sie direkt nach Drogenkonsum, was sie glaubhaft verneint. Der Eindruck ihrer Gehetztheit, die Schwierigkeiten, sich an Termine zu halten oder nicht wegzulaufen, lassen sich ausreichend aus ihrer Biografie erklären. Sie gerät immer wieder in dissoziative Zustände.
Ihre Verfolgungs- und Fluchtgeschichte erzählt mir Hanna in mehreren Gesprächen. Bis dahin lagen mir keine Berichte über ihr Interview bei der BAMF Behörde (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) oder der Ablehnungsbescheid ihres Asylgesuchs vor. Ich konnte später feststellen, dass es keine Abweichungen zwischen den verschiedenen Berichten gab. Ich hörte also zunächst ohne Vorwissen zu. Manchmal musste ich sie beruhigen, weil ihre Panik stieg, sie in Ideenflucht geriet. Ich konnte sie jedoch behutsam jedes Mal wieder zurückholen. Die Unmöglichkeit eine kohärente, alle Details enthaltende Erzählung zustande zu bringen verwies auf ihre schwere Traumatisierung.
Hanna wurde als Kind von ihrer Mutter verlassen, als sie 7-8 Jahre alt war. Die Mutter ging mit einem europäischen Mann nach Europa und heiratete ihn. Ihren Vater kennt Hanna nicht. Sie wurde von ihrem älteren Bruder aufgezogen. Sie sei also bis auf die frühen Jahre ohne Mutter aufgewachsen und habe das Gefühl, sie habe sich selbst beibringen müssen, was gut und schlecht ist. Sie sei nicht so gewesen wie andere Kinder, so normal in einer Familie. Der europäische Ehemann der Mutter habe ihr das Geld fürs Leben und für die Schule geschickt. Aber zur Mutter sei kein Kontakt gewesen Das Trauma des Verlassenwerdens war groß.
Als Jugendliche hat sich Hanna mit ihrem Bruder einer Jugendrevolte angeschlossen, weil alle dorthin gingen, die in ihrer High School waren. Sie und ihr Bruder wurden auf einer Demonstration gefangen genommen und etwa 10 Tage im Gefängnis festgehalten. Sie wurde dort geschlagen, in den Rücken getreten und hat gesehen, wie 20 junge Leute vor ihren Augen erschossen wurden. Sie zeigt mir Narben am Hals und am Rücken. Danach hat sie zwei Suizidversuche unternommen, sie war damals 15 Jahre alt und schaffte es nicht, aus dem Land zu fliehen.
Nach ihrem Abitur ist sie zur Universität gegangen, um zu studieren. Nach einem Jahr hat sie dort einen Mann kennengelernt, Sie wurde schwanger und gebar ihren Sohn, setzte ein Jahr mit dem Studium aus. Der Vater des Sohnes hat sie schlecht behandelt, sie lebte neben dessen Großfamilie, die sie allerdings ablehnte, weil sie nicht verheiratet waren.
Nach drei Jahren wurde der Vater ihres Sohnes von der Polizei abgeholt. Erst da erfuhr sie, dass er politisch aktiv war. Sie blieb allein mit dem Sohn, Sie besuchte den Mann im Gefängnis, und er verwickelte sie in politische Aufgaben. Drei Tage später kam die Polizei und nahm auch sie mit. Sie wurde gefoltert, Nägel ausgerissen, getreten, zwei-mal vergewaltigt. Sie kamen mitternachts und drehten die Schlüssel herum, Nach 15 Tagen musste sie ein Schuldeingeständnis unterschrieben und wurde hinausgeworfen.
Sie wollte nur noch weg, versuchte es in der deutschen Botschaft ( ein Visum zu erhalten vermutlich), das gelang aber nicht. Sie musste schnell fliehen und den Sohn bei einer Freundin zurücklassen.
Die Widersprüchlichkeit ihrer Erzählung die das BAMF in den Erlebnissen ihrer Gefangennahme und danach sieht, lassen sich wie folgt klären: Nach ihrer Verhaftung, als sie gefoltert und drei malvergewaltigt wurde, wurde sie freigelassen. Für die politische Partei ihres Mannes „war sie eine Verräterin“, eben weil die Polizei sie einfach gehen ließ. Für die Polizei war sie auch schuldig, weil sie nichts über die politischen Aktivitäten ihre Mannes verraten hat. Sie hätte alle diese Leute in Gefahr gebracht. Das BAMF reagiert oft so: wenn sie ein Details nicht glauben – hier die Polizei habe sie einfach gehen lassen - glauben sie die ganze Geschichte nicht. Es drohte ihr deshalb die Abschiebung.
Einen Monat lang klären wir diese Widersprüche. Dabei sollen die Gespräche ihr helfen eine kohärente Geschichte erzählen zu können, Hanna kommt regelmäßig zu ihren Terminen und spricht zunehmend Deutsch. Dann begeht sie wieder einen Fehler von früher, sie verwechselt ihren Gerichtstermin, d.h. sie ist zu ihrem Gerichtstermin nicht erschienen. Deshalb erklären die Rechtsanwältin und das Gericht das Asylverfahren für beendet. Sie kommt in völliger Verzweiflung zu mir, weint die ganze Stunde, gerät in dissoziative Zustände. Sie erzählt so schwer Verständliches aus ihrer Kindheit, dass ich zunehmend in Sorge gerate. Sie berichtet, dass sie als Mädchen als Hexe gesehen wurde. Später erfahre ich, dass ihre Mutter sie verflucht hat, sie sei wie der Vater verrückt, weil sie nicht beschnitten sei. Ich möchte sie in einer psychiatrische Klinik unterbringen, kontaktiere den Sozialarbeiter und lass mir versprechen, dass sie am nächsten Tag dorthin geht.
Sie will mir etwas geben. Ich sage, dass ich keine Geschenke annehmen darf. Sie erklärt, es sei kein Geschenk, sie müsse mir das geben. Sie holt ein Kästchen heraus, ich schaue hinein, es liegt ein kleiner Elefant darin. Sie sagt, das sei ihr Sohn, und er solle bei mir bleiben. Ich antworteage, ja das nehme ich gern an und zeige ihr, wie ich auf einen Zettel schreibe „belongs to Hanna“.
Danach höre ich lange nichts von ihr, in der psychiatrischen Klinik ist sie nicht aufgetaucht.
Ein viertel Jahr später: Ein Lebenszeichen von ihr, sie hat einen Termin bei mir ausgemacht. Es geht ihr sichtlich besser. Sie ist nicht gefährlich und irrational wie früher abgetaucht. Sondern, nachdem ihre Rechtsanwältin gesagt hat, sie kann nichts mehr für sie tun und ihr sogar empfohlen hat, ein Kind zu bekommen damit sie hierblieben darf (Was ich inzwischen oft für die einzige Möglichkeit halte, ein Aufenthaltsrecht zu bekommen) ist sie ins Studenten Café „No One is Illegal“ gegangen. Die Studenten dort haben sie in einer Kommune untergebracht, wo sie bis heute lebt. Dort nimmt man sie irgendwie selbstverständlich auf, behandelt sie normal, lässt sie mitarbeiten, beschützt sie.
Sie hat einen neuen Rechtsanwalt, einen geduldigen, engagierten jungen Juristen. Da sie keine Papiere hat, kann sie auch nicht abgeschoben werden. Sie vergisst aber wieder Termine. Erst ein halbes Jahr später kommt sie wieder und ist schwanger, obwohl die Gynäkologen ihr alle gesagt hatten, sie könne nach den Folterungen und Vergewaltigungen keine Kinder mehr bekommen. Ihr Freund sei ein guter Mann, und sie nimmt die Schwangerschaft als Gottesgeschenk. Anderseits kommen jetzt ihre eigenen Kindheitserinnerungen wieder hoch und quälen sie sehr. Und sie muss an ihren jetzt 7 jährigen Sohn vermehrt denken. Ich erinnere sie an den kleinen Elefanten. Sie lächelt, den soll ich noch behalten.
Später kommt sie öfter mit ihrer kleinen Tochter, 4 Monate alt, auch der Vater der Tochter ist im Wartezimmer .Es geht ihr gut, sie hat gut entbunden und wohnt immer noch in der Kommune, der Freund ist oft da.
Dann aber kommt Schreckliches: Sie hat jeden Abend Erinnerungen an ihre eigene Kindheit, wie ihre Mutter sie verflucht hat und beschimpft . “Du bist wie Dein Vater“, obwohl alle Kinder der Mutter von demselben Vater sind, war sie dazu auserkoren die Verbindung zu diesem Mann zu repräsentieren. Nie hatte die Mutter den Mann heiraten wollen oder gar Kinder bekommen wollen. Hanna hat ihren Vater nie kennengelernt. Als sie der Mutter jetzt von der Geburt der Tochter berichtet, verflucht diese sie erneut: »Ich hoffe, es wird die Hölle für Dich«. Wir sprechen darüber, dass der Kontaktabbruch mit der Mutter im Moment das Beste für sie sei. Dass sie nicht ist wie ihre Mutter, dass sie - wie ich sehen könne - sehr liebevoll mit dem Baby umgehen kann, sie es ausgiebig stillt . Sie meint, sie weiß nicht, was Liebe ist, sie könne andere nicht so behandeln, wie diese sie. Ihren Freund behandele sie schlecht, obwohl der so gut zu ihr sei. Außerdem hat sie Schuldgefühle wegen ihres Sohnes. Sie kann ihn ohne Asyl nicht zu sich holen. Sie hat das verbaselt.
Sie darf in der Kommune wohnen bleiben, auch ihr Freund, er findet dort Arbeit, sie hilft in der Küche und in der Kita. Das Baby lächelt unglaublich anziehend. Hanna ist fast erleichtert, dass die Gräueltaten im Heimatland jetzt auch nach außen dringen, Studenten sind gekidnappt und auch umgebracht worden. Das Baby wird bei dieser Erzählung unruhig und verzieht das Gesicht. Da fällt mir plötzlich ein, was ich bei Eliacheff, einer Dolto- Schülerin, gelesen habe, (1997).Wie sie mit Säuglingen spricht, ihnen erklärt, was mit den Eltern ist. Ich fand diese Methode ziemlich riskant, ungewöhnlich für mich, aber sie fällt mir hier ein. Ich neige mich zu dem Mädchen vor, das angespannt auf dem Schoss der Mutter liegt, und sage zu ihr etwa: »Deine Mutter hat es schwer, sie hat Angst, dass sie nicht gut zu Dir ist. Aber sie macht das doch sehr gut, sie liebt dich so sehr und Du hilfst ihr dabei, eine gute Mutter zu sein. Du bist so wunderbar, dass sie gar nicht anders kann etc«. Das Baby schaut mich ganz ernst und aufmerksam an, lächelt nicht, hört zu. Dann entspannt sich ihr Körper. Ich wage nicht, wie es Eliacheff vielleicht gemacht hätte, ihr von ihrem Bruder in Afrika zu erzählen. Aber ich spreche mit Hanna darüber, dass sie das irgendwann machen kann.
Zwei Monate später kommen beide wieder.Das Baby ist schnell gewachsen, strahlt und lächelt die ganze Stunde ruhig und entspannt auf Mamas Schoß, wird einmal gestillt (5 Monate). Hanna darf in der Kommune blieben, Mutter und Tochter wirken jetzt beide zusammen glücklich. Hanna hat Angst, dass man ihr das Kind wegnimmt, weil sie eine (rechtliche) Betreuung hat. Sie vergisst immer noch Termine, sagt sie (obwohl sie zu mir jetzt immer pünktlich kommt, in der Kommune würden sie sie immer daran erinnern und sie stellt sich den Wecker). Das Baby hat eine BAMF Anhörung, sie weiß nicht wieso. Sie fürchtet, ihr Asylverfahren könnte beendet sein. Der Rechtsanwalt empfiehlt, sie soll auf Angst vor einer FGM (Beschneidung) der Kleinen plädieren. In der heimatregion sind 80% der Mädchen beschnitten. Da es verboten ist, wird es heimlich und nicht in der Klinik gemacht, ohne Betäubung. Sie selbst ist nicht beschnitten, sie hatte in der Großstadt Glück.
Ich frage sie, wie sie sich als Mutter jetzt fühlt. Sie hat keinen Kontakt mit ihrer Mutter und allmählich fühlt sie sich gut als Mutter von dem Mädchen. Ich sage ihr noch, wenn man sie beide so sieht, nimmt ihr niemand das Kind weg. Eine rechtliche Betreuung ist kein Grund dafür. Die Anspannung und Unsicherheit ist trotz der widrigen Lage von beiden gewichen. Sie sind nach wie vor kommunizierende Röhren, aber jetzt im Guten.
Im Januar 22 kommt sie wieder. Etwas Unglaubliches ist passiert: Ihr Asyl Gesuch ist anerkannt worden (vorwiegend wegen der Gefahr der Bescheidung der Tochter) und sie konnte im Oktober 21 ihren inzwischen 10 jährigen Sohn aus dem Heimatland holen. Er hat sehr schnell Deutsch gelernt, kann nach einem halben Jahr schon auf die normale Schule. Er fragt die Mutter Vieles, oft weiß sie nicht, wie sie ihm antworten soll. Die beiden Geschwister kommen gut zurecht. Ich bringe ihr den kleinen Elefanten mit, den ich als Container zuhause vier Jahre lang für sie aufbewahrt habe. Ich bitte sie um ein Foto, wie der Sohn den Elefanten in der Hand hat.
Inzwischen kommt Hanna immer wieder, weil es Schwierigkeiten in der Kommune mit ihr gibt, und sie selbst unter sich leidet. Hier wird deutlich, wie sehr ein fehlendes »gutes inneres Objekt« (Meurs, 2016, S.901) in der Kindheit – das Verlassenwerden durch die Mutter, die Abwesenheit eines Vaters – die Traumaverarbeitung erschweren kann. Dennoch macht Hanna auch hier eine erstaunliche Entwicklung. Sie versöhnt sich mit ihrer Mutter und kann dadurch auch ihre eigenen Schuldgefühle, ihren Sohn zurückgelassen zu haben, besser ertragen und sich immer wieder eine mütterliche Haltung für ihre Kinder erarbeiten, die sie selbst so nicht kannte.
- Ali
Ich möchte hier jedoch nicht nur von geflüchteten Frauen sprechen, die nach meiner Erfahrung etwa doppelt so häufig zu mir kommen wie Männer. Aber gerade junge Männer haben unsere Aufmerksamkeit nötig, und sie haben auch auf Nachfrage meist kein Problem mit mir als älterer Frau zu sprechen. Ich fühle mich eher oft so wie ein Mutter. oder Großmutterersatz. In Afghanistan zerstören ein mehrere Generationen dauernder Krieg und nun wieder die Herrschaft der Taliban erneut die Familienstrukturen. Empathie für Kinder oder Jugendliche wird dadurch gesellschaftlich und evtl. auch individuell so erschwert, dass sie kaum „gute Objekte“ finden können. Nicht nur Frauen, auch junge Männer waren oft schon zu Hause psychisch gestört, zum Teil wurden sie als Jungen von Männern als „Tanzmädchen“ missbraucht und vergewaltigt oder zu Hass und Verachtung Frauen gegenüber erzogen.
Wichtig wurde mir in diesem Zusammenhang und überhaupt in der Begegnung mit Geflüchteten, was Saskia von Overbeck »cultural counter transference« (Overbeck Ottino, Wien, 2022) nennt: Sie bezieht sich auf die Definition von Georges Devereux vom »ethnischen Unbewussten«. In einer bestimmten Kultur wird den Kindern anerzogen, bestimmte Wünsche und Verhaltensweisen zu unterdrücken und andere bestimmte zuzulassen. So entsteht ein »ethnisches Unbewusstes«. Overbeck:
»Wenn ein Patient also kulturelles Material zum Ausdruck bringt, das ihm vertraut ist, das aber vom kulturellen Umfeld des Therapeuten verdrängt werden soll, kann dieser Formen der Rückkehr des Verdrängten ausgesetzt sein. Diese Begegnung kann dann zu Abwehrbewegungen seitens des Therapeuten führen, um sich von dieser unangenehmen Erfahrung zu distanzieren. Dies kann auch bei der Begegnung mit einem Flüchtling geschehen, der extreme Gewalt erlebt hat. Es ist dann die Konfrontation mit dem Unterschied zwischen dem Leben in einer ausreichend guten Umwelt und dem Erleben des Scheiterns der umgebenden Welt, die wirkt. Der Therapeut kann darauf unterschiedlich reagieren. Er kann schockiert sein und sich aus der der Beziehung zurückziehen. Er kann aber auch von einer übermäßigen Reparaturbewegung ergriffen werden und sich in der Wiederherstellung einer beschädigten Welt erschöpfen. Auf der kollektiven Ebene kann er sich auf seine soziale Gruppe einstimmen und die ‚Wir‘ und die ‚Sie/Flüchtlinge‘ voneinander trennen, auf die Gefahr hin, sie zum Auffangbecken für die unterschiedlichsten eigenen Projektionen zu machen. In allen Fällen führt die Konfrontation mit Unterschieden, die die Identitätshüllen betreffen, sei es Kultur oder extremes Trauma, dazu, dass wir uns um jeden Preis schützen müssen, weil es dringend notwendig werden kann, eine ausreichend vertraute Welt wiederherzustellen.«
( Übersetzung GS, aus einem Vortrag, den Saskia von Overbeck, EPF Tagung, 2022).
Diese Gefühle aus der »cultural counter transference« sollte man nicht unterdrücken, weil sie vielleicht politisch nicht korrekt erscheinen. Es ist vielmehr wichtig, sie wahrzunehmen, um eben nicht unreflektiert aus ihnen heraus zu handeln. Eine Intervisionsgruppe ist unerlässlich für dieser Arbeit.
Ali, ein 24 Jähriger Mann aus Afghanistan, kommt aus einer weit entfernten Einrichtung zu mir. Er bringt Briefe und psychiatrische Diagnosen mit. Er hat einige Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken nach mehreren ernst zu nehmenden Suizidversuchen hinter sich, und die Beratung wird als dringend angesehen.Er wirkt hinter der Corona Schutzmaske abweisend, misstrauisch und unterschwellig gereizt, was auch die vorherigen Betreuerinnen beschreiben. Er klagt ausschließlich über die Verhältnisse in der Einrichtung, in der er lebt. Es sei immer total laut, die Männer dort trinken und nehmen Drogen und würden ihm Angst machen. Insbesondere, wenn er sich bei der Sozialarbeiterin einen Termin oder seine Medikation holt, beobachteten sie ihn argwöhnisch und machten sich über ihn sicher lustig. Er selbst nähme keine Drogen und trinke nicht. Die anderen würden damit angeben, und behaupten, so seien sie integriert. Er könne sich schlecht konzentrieren, schlafe schlecht. Nach einigem Bemühen bekommt er ein Einzelzimmer, so dass er sich einschließen kann. Ich sage ihm, er könne mir vielleicht seine Geschichte erzählen, wenn er wolle, diese Schwierigkeiten im Heim könne ich gut nachvollziehen, aber momentan nicht ändern.
Er erzählt dann, dass er Bombenangriffe erlebt habe, bei denen auch Freunde umgekommen seien. Dass er zuhause ein Schneidergeschäft gehabt habe. Er sei dann ohne eigenes Zutun in eine Familienfehde hineingeraten. Der beteiligte Mann habe dem Vater die Schuld gegeben und ihn, den Patienten, bedroht. Der Vater habe gesagt, er müsse fliehen, was er auch tat. Irgendwie sei sein Vater dann aber aus ungeklärten Gründen verstorben. Er hat den Verdacht, dass der Mann ihn beseitigen ließ. Was ihn jetzt so belaste, sei, dass seine Mutter und seine Schwester jetzt ohne Schutz seien.
Meine kulturell bedingte Gegenübertragung beschäftigt mich sehr an dieser Stelle. Zu oft habe ich schon solche archaisch grausamen Familiengeschichten gehört, die mich wütend machen. Meine kulturell bedingte Gegenübertragung, wie Overbeck sagen würde, lehnt diese Gebräuche mit Wut und Ablehnung ab.
Aber irgendetwas in seinen Augen über der Maske erscheint mir so sympathisch und so aufmerksam und auch auf mich bezogen im Gegensatz zu dem Misstrauen zu Beginn des Gespräches, dass ich ihm sage, er habe doch schon so viel geschafft in seinem Leben. Er versteht das nicht. Ich sage, irgendwo in ihm sei bei aller Erkrankung ein starker Kern. Er bezweifelt das. Und plötzlich blitzen seine Augen auf und er sagt: Ja, Zuhause war er so lustig und gut, alle wollten so sein wie er. Ich sage: »Ja eben, das ist noch in Ihnen, es ist verschüttet wie in einem Haus nach der Bombe, aber darunter ist der frühere Ali noch da« . Im folgenden Gespräch sprechen wir gleich über das zusammengefallene Haus, aus der Vergangenheit. Er sagt diesmal gleich, ja der alte Ali ist noch da.
Im nächsten Gespräch ist er wieder sehr gut darin, mir wortreich zu beschreiben, was alles schief läuft: sein Betreuer tut nichts, der Deutschkurs ist schlecht usw. Ali ist aber offensichtlich trotz seiner Depression sehr genau darin, was für ihn gemacht oder nicht gemacht wird, er hat sogar einen Integrationskurs beim BAMF beantragt, der allerdings abgelehnt wird. Er möchte wissen, ob er überhaupt existiert hier in diesem Land?
Hinter seiner schlechten Stimmung liegt auf Nachfragen die Verzweiflung, dass seine Schwester nun als Wiedergutmachung den Sohn des Mannes heiraten soll, den er für den Tod seines Vaters verantwortlich macht. Wieder werde ich innerlich wütend, ja so werden dort Familienfehden gelöst. Ich kenne geflüchtete Frauen, denen das passiert ist, die dann Zeit ihres Lebens von der Schwiegerfamilie schlimm behandelt wurden. Auch für die Männer in diesen Ehen ist das oft ein schweres Schicksal, nämlich dann, wenn sie ihre Frau lieben. Er will Papiere und hinfahren und seine Schwester retten, obwohl er dann lebend nicht mehr rauskommt,. Hat er Heimweh? Was hat er alles verloren? Er leidet sehr unter den Nachrichten, dass die Taliban nun wieder alles zurückdrehen, Angst und Gewalt und Schrecken verbreiten.
Plötzlich kommen wir auf die Documenta in Kassel zu sprechen, er will wissen, was das ist. Die Sprachmittlerin, die während der ganzen Gespräche eine gute Übersetzerin ist, erklärt es ihm. Ich erinnere beide daran, dass während der vorletzten Documenta ein Teil in Kabul stattfand. Wir sprechen darüber, wie schön Afghanistan früher war und haben zum Schluss alle Tränen in den Augen.
Natürlich habe ich mich danach geschämt, dass ich so emotional geworden war. Aber vielleicht hat meine alte Sehnsucht, wenn dort endlich Frieden ist, in diese wunderbaren Berge reisen zu dürfen - Kabul als Sehnsuchtsort der Jugend in den 70ger Jahren - einen emotionalen Kontakt hergestellt, der Ali zumindest für einen kurzen Moment in diesem Raum eine Existenz gibt, die er vorher verloren zu haben glaubte. Ein gemeinsames Wünschen und Sehnen, hat die kulturellen Unterschiede überbrückt.
»Was fehlt, sind Erfahrungen der Anerkennung… und das Gefühl, einen Beitrag zu der Gesellschaft zu leisten…“ So kann auch bei den jungen Männern “kein Gefühl der Anteilnahme“ (‚a sense of concern‘ Winnicott 1984) entsehen, schreibt Meurs (1916, S. 898). Deshalb werden Schuldgefühle und Fehler auf andere projiziert. Trauer wird oft eher als Klage und Kummer gezeigt, solange kein aufnahmefähiges Gegenüber die Trauer, die Scham- und Schuldgefühle nachempfinden kann (s. auch Auerhahn).
Abschließende Überlegungen
Auch wir haben durch unsere Vergangenheit in unseren Familien eine große Angst vor dem Verlust von Identität, einem Zuhause und vor dem Verlorensein in der Welt. Die Geflüchteten, die alles verloren haben, rühren an diese unsere Ängste. Jetzt führen uns in Europa die uns gefühlsmäßig näher stehenden Geflüchteten aus dem Krieg in der Ukraine diese tiefliegende Angst wieder vor Augen. Mit Geflüchteten zu arbeiten, professionell oder ehrenamtlich oder beides, erfordert die Bereitschaft, sich dieser Erschütterung auszusetzen. Der israelische Psychoanalytiker Joshua Durban(Durban, 2019) , der in Israel mit syrischen und libanesischen Flüchtlingen arbeitet, formuliert das so: »Unser Gefühl für unser Zuhause, ein Zuhause zu haben oder zuhause zu sein, kommt uns so natürlich vor wie die Luft, die wir atmen. Es ist uns so selbstverständlich wie unsere körperlich-seelische Existenz. Irgendwo zu wohnen, nicht allein zu sein, gesehen und verstanden zu werden, gehört zu unserem Menschsein.. Und doch ist dies eine wichtige Errungenschaft unserer Entwicklung, die wir nicht für gegeben halten sollten« (Durban, 2019, S.26). Und später » zu diesen unvorstellbaren Ängsten gehört die Bedrohung des Gefühls, eine umgrenzte psycho-biologische Einheit zu sein, weder ein Inneres, noch ein Äußeres zu haben, auszulaufen, leer zu werden, zu zerschmelzen, zu erfrieren, zu verbrennen, zu fallen, sich aufzulösen, kein Gefühl für Raum und Zeit zu haben« (Durban, 2019,S.27). Gegen diese unvorstellbaren Ängste, die Durban „Nowhereness“ (Nirgendwo sein) nennt, gibt es verschiedene Möglichkritrn sich zu wehren: ein Objekt, also einen Menschen zu finden, der ein reales, Entwicklung förderndes Objekt werden kann, das dem Geflüchteten einen Schutzschirm zur Verfügung stellt, ihm also eine Art Zuhause gibt. Oder man legt sich gegen diese unvorstellbare Angst eine » rigide, undurchdringliche Schutzschicht zu, die mit Hilfe von Waffen, Ideologien zur Externalisierung der Ängste beiträgt, und dazu führt,den anderen verbrennen, auflösen, einfrieren, verbannen zu wollen «(Durban, 2019, S.32).
Könnte es sein, dass auch eine ganze Gesellschaft diese beiden Möglichkeiten hätte? Dass die Geflüchteten, die uns als lebende Beispiele für unsere eigenen unvorstellbaren Ängste vor Augen stehen, genau deshalb so abgewehrt, eingekapselt, zurückgeschickt, verbannt werden müssen? Wir sehen bei uns und in Europa und anderswo zurzeit doch eher den undurchdringlichen Schutzschild, die Zurückweisung, die Mauer und die Bedrohung eines der wichtigsten Menschrechte, das Recht auf Asyl.
Warum sollten Psychoanalytiker:innen „off the couch“ arbeiten, also aus dem Behandlungszimmer gehen und mit Geflüchteten oder anderen Randgruppen arbeiten? Nicht weil wir die besseren Menschen sind, wie schon Hanna Arendt(2000, S.49) diagnostiziert hat, sondern weil wir die psychoanalytische Methode haben mit ihrer Wurzel in Humanität, Mitgefühl, Empathie (Aldenhoff, J. Süddeutsche Zeitung vom 11.2.25).
Literatur:
- Anzieu, D.(1996): Das Haut-Ich. Frankfurt (Suhrkamp)
- Arendt, Hannah (2000): Die verborgene Tradition. Frankfurt a. M.: Jüdischer Verlag.
- Durban, J. (2019). Heimat, Heimatlosigkeit und Nirgendwosein in der frühen Kindheit. Psyche – Z Psychoanal, 73. Jg, Heft 1, 17–41.
- Eliacheff, C. (1997) Das Kind, das eine Katze sein wollte- Psychoanalytisch Arbeit mit Säuglingen und Kleinkindern. München (DTV)
- Erlich-Ginor. M. (2023) Presentation at the community and world Day, Cartagena, IPA congress (online)
- Hisch, M. (2010).Körperdissoziation als Traumafolge. Psyche-Z.Psychoanal.Heft 3, S.193-211
- Keilson, H. (1979)Sequentielle Traumatisierung bei Kindern .Stuttgart (Enke)
- Meurs, P. (2016).Radikalisierung und Dschihad aus psychoanalytischer Perspektive, in Jugendhilfe 61 (2023) S. 96-100
- Winnicott, D.W. (1984).Die Entwicklung der Fähigkeit zur Besorgnis in: ders.: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt ,Frankfurt (Fischer) S.93-105