Michael Gingelmaier: Nachdenken über den Krieg in der Ukraine mit Vamik Volkan

Der brutale Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat viele Überzeugungen und Einstellungen erschüttert. Dabei beschäftigt der Krieg die Psychoanalyse schon seit   ihren Anfängen Freud hat 1915, nach dem Abklingen der ersten Euphorie zu Beginn des I. Weltkriegs, die Arbeit „Unzeitgemäßes zu Krieg und Tod“ geschrieben und 1932 in einem Brief auf eine Anfrage von Albert Einstein „Warum Krieg?“geantwortet. 1915 formulierte  Freud, was man ohne jede Korrektur auch heute schreiben könnte: „Der Krieg, an den wir nicht glauben wollten, brach nun aus und er brachte die – Enttäuschung. Er ist nicht nur blutiger und verlustreicher als einer der Kriege vorher, infolge der mächtig vervollkommneten Waffen des Angriffs und der Verteidigung, sondern mindestens ebenso grausam, erbittert, schonungslos wie irgendein früherer. Er setzt sich über alle Einschränkungen hinaus, zu denen man sich in friedlichen Zeiten verpflichtete, die man das Völkerrecht genannt hatte, anerkennt nicht die Vorrechte des Verwundeten und des Arztes, die Unterscheidung des friedlichen und des kämpfenden Teiles der Bevölkerung, die Ansprüche des Privateigentums. Er wirft nieder, was ihm im Wege steht, in blinder Wut, als sollte es keine Zukunft und keinen Frieden unter den Menschen nach ihm geben. Er zerreißt alle Bande der Gemeinschaft unter den miteinander ringenden Völkern und droht eine Erbitterung zu hinterlassen, welche eine Wiederanknüpfung derselben für lange Zeit unmöglich machen wird. Er brachte auch das kaum begreifliche Phänomen zum Vorscheine, daß die Kulturvölker einander so wenig kennen und verstehen, daß sich das eine mit Hass und Abscheu gegen das andere wenden kann. Ja, daß eine der großen Kulturnationen so allgemein missliebig ist, daß der Versuch gewagt werden kann, sie als „barbarisch“ von der Kulturgemeinschaft auszuschließen, obwohl sie ihre Eignung durch die großartigsten Beitragsleistungen längst erwiesen hat.“

Mit dem Buch von Vamik Volkan „Das Versagen der Diplomatie. Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte“ können wir versuchen, anders als die „Putinversteher“, Putin und sein Russland besser zu verstehen und so auch unser Denken besser an die Realität heranzubringen.

Vamik Volkan wurde als Kind türkischer Eltern auf Zypern geboren. Er wanderte nach dem Medizinstudium in Ankara 1957 in die USA aus und machte dort eine psychoanalytische Ausbildung. Er war Professor für Psychiatrie an der University of Virginia und Gründer und Leiter des Center for the Study of Mind and Human Interaction an derselben Universität. Ende der 70er Jahre nahm er über 6 Jahre an einer Gesprächsreihe teil, die –unterstützt von den 3 Regierungen und der US-Administration unter Präsident Carter- einflussreiche Ägypter, Israelis und Palästinenser an einen Tisch brachte. Danach gründete er das oben erwähnte Center. Später hat er ähnliche Aktivitäten in Rumänien, der Slowakei, Ungarn, Zypern, Tunesien, Albanien, Georgien, der Türkei und in Kuwait durchgeführt. Nach dem Zusammenbruch der UDSSR war er besonders in Estland tätig. Er hat über 30 Bücher herausgegeben.

Volkan hat einen identitätstheoretischen Zugang. Er sagt, jeder Mensch habe  eine ihm eigene Identität. Er gliedert den Kern der Identität in folgende Aspekte:

1) Ein andauerndes Gefühl eines inneren Sich-Selbst-Gleichseins, während man bestimmte Charakterzüge mit anderen teilt.

2) Zeitliche Kontinuität im Selbsterleben.

3) Echtheit und Authentizität,  kein als-ob-Erleben.

4) Ein realistisches Körperbild.

5) Ein Gefühl der inneren Stabilität und die Fähigkeit, allein sein zu können.

6) Subjektive Klarheit über das eigene Geschlecht.

7) Eine internalisierte innere Moralität und eine innere Solidarität mit der eigenen Großgruppe.

Ihn beschäftigte  aus seinen Erfahrungen in Arbeitsgruppen zu ethnischen Konflikten heraus, dass die Sprecher der Ethnien ihm vorkamen, als ob sie neben ihrer individuellen Identität als einer eng ansitzenden Kleidung eine zweite Identitätsschicht zusammen mit der Großgruppe trügen wie eine zweite, weitere Schicht schützender und schützenswerter Kleidung.Diese Großgruppenidentität würde  von den  Sprechern mit großem Aufwand dargestellt und verteidigt.  Volkan beschreibt die Großgruppenidentität als  subjektive Erfahrung von Tausenden, ja Millionen von Menschen, die durch das andauernde Gefühl von Gleichsein in wesentlichen, identitätsstiftenden Bezügen miteinander verbunden seien . Er stellt eine Analogie her zu einer großen Zeltplane. Deren Stütze sei der Führer. Die Zeltplane aber, hergestellt aus sieben miteinander verwobenen Fäden, schütze die Gruppe als gemeinsames Dach.

Zum ersten Faden: Geteilte Reservoire für gute Externalisierungen.

Ein Beispiel ist für Volkan die Bedeutung des Cowboyhutes für amerikanische Jungs. Der Hut ist ein gesellschaftlich angebotener und in der Großgruppe mit vielen geteilter Container für die individuellen, nicht integrierten „guten“ Selbst- und Objektbilder. Warum sollten Kinder auch gute Bilder externalisieren? Volkan führt aus, dass nur so eine erfolgreiche und anpassungsfähige Kernidentität möglich ist. Eine  zu starke Identifikation des Selbst mit „guten Bildern“ würde zu einer Idealisierung des Selbst führen, die an der Verweigerung der Anderen diese zu bestätigen, grausam scheitern müsste. Wir können uns leicht weitere derartige Reservoire, die mehr oder weniger gestützt und verbreitet sind, vorstellen. Sie werden durch die jeweils individuellen nicht integrierten Teile aufgeladen. Natürlich ist für die Bildung der Großgruppenidentität wichtig, dass diese Reservoire von allen Kindern geteilt werden und dauerhaft sind. Dabei kommt das Kind dadurch aus der Situation eines generalistischen Lebewesens, das überall dazugehören könnte, heraus und wird Teil einer spezifischen Großgruppe. Die Zugehörigkeit ist dabei anfangs nicht voll bewusst, die meisten Mechanismen sind unbewusster Natur bei der Herstellung dieser Verbindung. Ich habe zu wenig Kenntnisse des heutigen Russlands, bin aber überzeugt, dass die Darstellungen des starken und cleveren Präsidenten Putin für die jüngere Generation von großer Bedeutung sind.

Der zweite Faden: Geteilten Identifikationen.

Diese Identifikationen hängen eng mit den geteilten guten Reservoiren zusammen. Zunächst sind es die -abhängig von den Primärobjekten absorbierten- Einstellungen zu  Kulturwerten wie Sprache, Religionen, Essengewohnheiten, Lieder etc.Später werden es die direkten Überich-Identifikationen und Identifikationen mit den Lehrern, religiösen Autoritäten, Peer-groups, Führern der Gemeinschaft und Großgruppe. Dabei kann ein Kind auf Grund seiner besonderen Situation auch durchaus mit mehreren Gruppen identifiziert sein, die untereinander auch konfliktuös sind (z.B. ein in Deutschland aufgewachsener Türke oder ein russisch sprechender Ukrainer).

Der dritte Faden, „geteilte  böse Reservoire“ entsteht durch die Berührung der eigenen Großgruppe mit anderen Gruppen.

Hierbei beschäftigt sich Volkan mit der menschlichen Neigung zur Dichotomie, zur Unterscheidung zwischen „uns“ und „denen da“. Er vermutet, dass es neben psychischen auch physische Wurzeln dafür gibt. Es geht dabei letztlich um die Frage der Wurzeln der Aggression. Volkan verweist auf sein Buch „The Need to have Enemies and Allies“. Dabei würden neben der Externalisation der nicht integrierten guten Selbst- und Objektbilder auf die eigene Großgruppe die nicht integrierten bösen Selbst- und Objektbilder auf die Feinde der eigenen Großgruppe, d.h. auf eine andere Großgruppe externalisiert. Auch hier lenken die Erwachsenen, d.h. die eigene Großgruppe , die nachwachsende Generation. Dieser dritte Faden der „Wir-heit“ wird also quasi von einem gegnerischen Nachbarn geliefert. In Bezug auf Deutschland kann man fragen, inwieweit eigenes nicht-integriertes Großmachtstreben einen Anteil hat(te) an dem Festhalten an der Vorstellung, dass Putin ein „lupenreiner Demokrat“ sei. Zweifelsfrei scheint mir, dass alle undemokratischen, repressiven Unterdrückungsmassnahmen innerhalb von Putins Russland auf das „Naziregime in Kiew“ externalisiert werden .

Der vierte und fünfte Faden: Gewählte Ruhmesblätter und gewählte Traumata.

Diesen Bereichen räumt Volkan anhand ausführlich geschilderter Beispiele viel Platz ein. Ich will dies hier nur kurz ausführen. Das erstere, gewählte Ruhmesblätter, scheint mir für uns Deutsche eher schwierig zu sein. Man könnte an dieser Stelle vielleicht an die intensive Mitarbeit in internationalen Gremien, den Sozialstaat, den Umweltschutz und nicht zuletzt den spezifisch deutschen Pazifismus nennen. Das letztere, gewählte Traumata, ist für uns als Deutsche mit dem Holocaust und dem Nationalsozialismus offenkundig ein wesentlicher Ort nationalen Gedenkens und Abarbeitens. Für Russland stellte der zweite Weltkrieg mit dem Überfall von Nazideutschland, 20 Millionen Toten und großen Zerstörungen in den westlich gelegenen Regionen mit Sicherheit sowohl ein Trauma  als auch mit dem  Sieg über Nazideutschland ein Ruhmesblatt dar. Der Zerfall der Sowjetunion 1990, der Verlust des Imperiums und die danach folgende chaotische und desolate wirtschaftliche Situation für die meisten bis zu Beginn der Regentschaft von WladimirPutin erscheint auch in dessen  Reden  und der russischen Propaganda als „gewähltes Trauma“.

Den sechste Faden stellen die externalisierten Bilder der inneren Welten von (revolutionären) Führern und deren Ideologien dar.

Volkan schreibt: „Die Beziehung zwischen einem Führer und seinen Anhängern ist wie eine Straße, auf der sich der Verkehr in beide Richtungen bewegt. Die unter Anspannung und Belastung stehende Großgruppe sucht einen Retter, der die Identität der Gruppe stütztund die Gruppe vor angstauslösenden Bedrohungen schützt.“ Transformierende/charismatische Führer, die innerlich dazu getrieben werden, ihre Anhänger und sich selbst zu „reparieren“, gehen dann auf die Bedürfnisse der Anhänger ein. Hier kommen zwei Faktoren  passgenau zusammen: das, was die Großgruppe sucht einerseits und andereseits die Persönlichkeitsorganisation des Führers.

Soweit es bekannt ist und man sich darauf verlassen kann, kommt  Wladimir Putin aus einer traumatisierten Familie: Seine Mutter überlebte in dem von der Deutschen Wehrmacht eingekesselten und ausgehungerten damaligen Leningrad, heute Sankt Petersburg. Zwei seiner Brüder überlebten das nicht. Die 27 Monate andauernde Blockade Leningrads in 2. Weltkrieg war eine unvorstellbare humanitäre Katastrophe. Putins Vater kämpfte als Soldat in der Roten Armee. Dass nun gerade Putin zum Führer einer Nation wurde, die vor und nach 1990 den Zerfall und Niedergang eines Imperiums erleben musste, scheint mir mehr als zufällig. Alle die transgenerationell aus der Familiengeschichte erklärbaren Rache- und Wiedergutmachungsdelegationen können so auf die „schützende Schicht der Großgruppe“, d.h. auf die russische Nation übertragen werden. Es ist auch kaum als Zufall anzusehen, dass Putin in das Land der Aggressoren (also Deutschland) ging und deutsch lernte, und mit einer Frau verheiratet war, die die Sprache der Aggressoren, also deutsch, unterrichtete. Und es dürfte noch weniger zufällig sein, dass in Grosny, Aleppo und nun Mariupol Putin unter seinem  Oberbefehl  andere Städte und ihre Bewohner das erleiden lässt, was seine Mutter und Brüder in Leningrad erlebt haben.

Aus all dem entsteht der siebte Faden, der durch Symbole gebildet, die die Großgruppenidentität repräsentieren wie das Z in Russland. DieserFaden wird benutzt, um einige oder sogar alle Fäden miteinander zu verbinden.

Mit dem Instrumentarium der sieben Fäden, die zur Großgruppenidentität führen, geht Volkan nun daran, einige wichtige Elemente des Vorkrieges  wie Großgruppenideologien, Großgruppenrituale und das Verhalten traumatisierter Gesellschaften zu untersuchen. Hierzu hat Christa Wolf (in Kassandra) geschrieben: „Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da. Da stünde, unter anderen Sätzen: Lasst euch nicht von den Eignen täuschen.“  Volkan sieht sich durch sein Instrumentarium in der Lage, mehr und tiefer zu verstehen und Ansätze für alternatives Eingreifen zu entwickeln. Wir erleben aktuell den Krieg von außen. Aber im Kontakt zu russischen und ukrainischen Kollegen, zu den Flüchtlingen aus der Ukraine, zu Patienten mit russischen oder ukrainischen Wurzeln bzw. zu  den vielen, die auf  den Krieg -wie Freud schreibt- mit großer Enttäuschung und Verwirrung reagieren, können wir uns mit Volkan‘s Instrumentarium  besser orientieren, besser analysieren bzw. nachfragen und können so wegkommen von einer nur auf Putin‘s  Psyche orientierten Psychologisierung und einem einseitigen Freund-Feind-Schema.

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