Uta Zeitzschel: Was können wir von Babys lernen? Die analytische Säuglingsbeobachtung als wünschenswerter Bestandteil der psychoanalytischen Ausbildung

Kinder und Jugendliche

Der drei Wochen alte Sam liegt auf dem Stillkissen nahe der Brust. Er spürt offenbar, dass er gleich Milch bekommt, gibt aufgeregte, drängende Laute von sich und rudert mit seinen Ärmchen. Seine Mutter Frau A redet beruhigend mit ihm, während sie ihre Bluse aufknöpft: »Ja, gleich geht es los!« Sie hilft ihm, die Brustwarze in den Mund zu bekommen. Er trinkt, zunächst aufgeregt, eilig – dann zunehmend entspannt und ruhig. Seine Mutter ist ganz auf ihn bezogen, streichelt ihn zwischendurch zart, nimmt seine Fingerchen, die an der Haut ihres Dekolletees zunächst ruhelos auf- und abstreichen, mit ihrem Zeigefinger auf. [...] – Nach einiger Zeit nuckelt Sam nur noch vereinzelt an der Brust, die Brustwarze gleitet ihm aus dem Mund, aus dem jetzt etwas Milch rinnt. – Er liegt ruhig, ganz entspannt, mit geöffneten Fäustchen und geschlossenen Augen da und wirkt zugleich wie eingesunken in den Körper seiner Mutter. – Ich bin beeindruckt, wie sich beim Stillen die ganze Atmosphäre entspannt. Im Raum hat sich eine große Ruhe ausgebreitet und die Zeit steht still. – Ich bemerke, dass mein Mund sich warm, ganz weich anfühlt, mein Körper schwer ist. Als ich mein Haar zurückstreiche, empfinde ich es als seltsam weich. – Als Sam erwacht, legt ihn Frau A nun so auf ihre Oberschenkel, dass beide sich ansehen können, spricht mit ihm und macht kleine Grimassen, wobei sie auch seine Mimik nachahmt. Nachdem ich gefragt habe, ob ich hinzukommen kann, stelle ich mich dicht neben Frau A. Als sie mich etwas fragt und ich ihr eine Antwort gebe, schrickt Sam kaum merklich zusammen und wendet sich mir zu. Mit großen, wachen Augen sieht er mich an. Frau A’s Stimme begleitet seinen Blick. »Das ist Frau Z. Die kommt jetzt einmal die Woche, um Dich zu beobachten. Da staunst Du, was?« Sams Gesicht ist nun glatt und entspannt. Auch der Körper liegt ruhig, aber mit einer wachen Spannung da. Während seine Augen mich unbewegt ansehen, sehe ich daran, dass er die Lippen zeitweilig spitzt oder sein Mündchen schief zieht, dass es in ihm arbeitet. Als ich mich langsam wieder entferne, staune ich, dass Sam mir wie festgesaugt mit seinen Blicken folgt (Zeitzschel, 2018a, S. 129f.).

Soweit ein Auszug aus dem Protokoll meiner zweiten Beobachtungsstunde bei Sam und seinen Eltern zu Hause.

Es beeindruckte und berührte mich, wie sehr sich Sam bereits auf seine Mutter bezog – auf ihre Stimme, den Augenkontakt mit ihr, ihr Gesicht, ihre Haut, ihre Brüste und Hände und wie eingefühlt Frau A im Kontakt mit Sam war – wie sie seine verschiedenen Äußerungen, seine inneren Zustände aufnahm, sie verstand und sie Sam in einer liebevollen, gehaltenen Weise verstehbarer wieder zur Verfügung stellte. Sehr aufmerksam ging sie auf Sams Stimmungen, Bedürfnisse und Impulse ein. Ihr Gleichklang mit ihm war Teil ihrer Bewegungen, ihrer Mimik, ihrer Stimme. Auch in ihren Worten nahm sie sein Erleben auf. Um das zu veranschaulichen, möchte ich die letzte Beobachtungssequenz noch einmal hervorheben:

Nachdem Sam kaum merklich erschrak, als er mich sprechen hörte und mich daraufhin lange ansah, begleitete Frau A’s Stimme seinen Blick: »Das ist Frau Z. Die kommt jetzt einmal die Woche, um Dich zu beobachten. Da staunst Du, was?«

In der Seminargruppe, in der ich die Beobachtungsstunde vorstellte, wurde zunächst herzlich gelacht, als ich diesen Protokoll-Absatz vorlas.
Man kann die Äußerung von Sams Mutter als absurd empfinden, da er natürlich nicht in der Lage ist, die sehr ungewöhnliche Situation, Teil einer analytischen Säuglingsbeobachtung zu sein, begreifen zu können. Aber in meiner Wahrnehmung fühlte und wusste Frau A darum, dass er von der Fremdheit meiner Stimme und Erscheinung erschrocken und damit beschäftigt war. Aus diesem gefühlten Wissen heraus beschrieb sie ihm das Neue, benannte auch Sams Staunen in ihren Worten; beides ist auch Teil der fragend endenden Melodie ihres letzten Satzes: »Da staunst Du, was?« Zugleich umhüllte sie Sam mit dem Klang ihrer Stimme, vermittelte ihm durch ihr wiegendes Sprechen, durch ihre Tonlage, durch ihre Ruhe, durch den Kontakt mit ihrem warmen Körper, dass alles in Ordnung war, so dass es Sam nach meinem Eindruck möglich wurde, das Neue, das Fremde, das durch meine unbekannte Stimme, mein Erscheinen plötzlich da war, wahrzunehmen und, gehalten in der »Lauthülle« ihrer Stimme (Anzieu, 1985, S. 223) und ihres sinnlich-körperlichen und psychischen Resonanz-Raums, in Teilen zu »verdauen«. In der teilnehmenden Beobachtung bekam ich einen unmittelbaren Eindruck von der frühen Kommunikation von Sam und seiner Mutter, bei der unbewusste Austauschprozesse eine wichtige Rolle spielen.

Nun bin ich direkt eingestiegen in eine analytische Babybeobachtung, aber was ist es für eine Methode und warum ist sie wertvoll für Kandidat:innen, die eine psychoanalytische Ausbildung machen, um Erwachsene zu behandeln?

Um diesen Fragen nachzugehen, möchte ich zunächst auf die Entstehung der psychoanalytischen Säuglingsbeobachtung eingehen.

Wie fing es an mit der analytischen Babybeobachtung?

Die Säuglingsbeobachtung wurde bereits 1948 von Esther Bick begründet. Bick hatte in Wien bei Charlotte Bühler zur kindlichen Entwicklung geforscht und promoviert. Als Jüdin war sie nach England geflohen. Dort folgte sie der Einladung von John Bowlby, in Zusammenarbeit mit ihm eine staatliche Ausbildung für Kindertherapeuten an der Tavistock-Clinic in London zu gründen (Waddell, 2006, S. 1105). Die daraufhin von Bick in die Ausbildung eingeführte Säuglingsbeobachtung sollte den angehenden Therapeuten, wie Bick (Bick, 2006, S. 179f.) schreibt, Erfahrungen vermitteln, die es ihnen ermöglichten, sich lebendig vorzustellen, was ihre Kinderpatienten als Säuglinge erlebt hatten. Zugleich sollte die Beobachtung die Wahrnehmung der Teilnehmenden für nonverbale Bereiche erweitern, um ihnen in ihrer therapeutischen Arbeit dabei zu helfen, auch Zugang zu solchen Kindern zu finden, die weder sprachen noch spielten. Martha Harris, Donald Meltzer u.a. entwickelten die Methode weiter.

Wo wird mit dieser Methode gearbeitet?

Seit 1960 ist die analytische Säuglingsbeobachtung nicht nur Teil der Kindertherapieausbildung, sondern auch in der britischen analytischen Erwachsenenausbildung zentraler Bestandteil des ersten Ausbildungsjahres. Auch analytische Gesellschaften anderer Länder integrierten sie in ihr Curriculum. In Deutschland ist die Babybeobachtung obligatorischer Bestandteil der analytischen Kinder- und Ju­gendlichen-Therapieausbildung. Durch die DPV-Initiative, die Säuglingsbeobachtung in die psychoanalytische Ausbildung zu integrieren, ist die Babybeobachtung heute zudem an verschiedenen DPV-Instituten ein fakultatives Angebot für Teilnehmer der analytischen Erwachsenenausbildung.
Seit 2016 geht diese DPV-Initiative von der zAA-Leitung durch Claudia Frank (2017a&b, 2018), Gerd Schmithüsen (2017), Burkhard Brosig aus und wird von vielen Kolleg:innen an den verschiedenen DPV-Instituten getragen. Die AG Analytische Säuglingsbeobachtung wird von Reiner Winkler (2017, Hinz/Winkler 2021) und Uta Zeitzschel (2018b; 2020; 2021, Netzer-Stein/Zeitzschel, 2018) angeleitet. In der Vergangenheit waren in der DPV bereits Angelika Staehle (2009) und Angela Köhler-Weisker (1980, 2006, 2010) engagiert, die analytische Babybeobachtung in die Erwachsenenausbildung zu etablieren.

Wie ist der Ablauf einer analytischen Säuglingsbeobachtung und was kennzeichnet diese Methode?

Im Vorfeld der Beobachtung werden Paare gesucht, die ein Baby erwarten, und Interesse haben, an dem Projekt teilzunehmen. In einem Vorgespräch nimmt die Beobachter:in Kontakt zu den Eltern auf, um sie über den Ablauf einer Beobachtung zu informieren und selbst einen Eindruck von den Eltern und ihrer Motivation zu bekommen. Dabei sollte für beide Seiten Raum entstehen, darüber nachzudenken, ob eine Säuglingsbeobachtung vereinbart wird. Die Beobachtung beginnt, sobald die Eltern es sich nach der Geburt vorstellen können und findet üblicherweise einmal pro Woche für eine Stunde in der häuslichen Umgebung des Babys statt. Meistens umfasst der Beobachtungszeitraum das erste Lebensjahr des Babys.
Anders als in der Ausbildung zur Erwachsenenanalytiker:in hat die Beobachter:in es mit mindestens zwei Personen, nämlich Mutter und Baby, zu tun, meist auch mit dem Vater und darüber hinaus oft auch mit Geschwistern, Großeltern, Haustieren und Besuchern. Die Aufgabe der Beobachter:innen besteht darin, teilnehmend wahrzunehmen, wie sie das Baby in seinen Beziehungen zu seiner Mutter, seinem Vater und anderen erleben. Um einen Zugang zu den projektiv-introjektiven Austauschprozessen zwischen Baby und Mutter zu bekommen, üben sie sich darin, in ihrer Rêverie (Bion, 1962), einem Zustand träumerischer Gelöstheit, mit allen Sinnen für das Geschehen empfänglich zu sein und neben der Beobachtung im Außen zugleich eine Aufmerksamkeit nach Innen zu entwickeln, also wahrzunehmen, welche Reaktionen, Empfindungen, Körpersensationen und Fantasien in ihnen selbst auftauchen. In den oft recht turbulenten Beobachtungssituationen, die zum Teil mit heftigen, schwer aushaltbaren Affekten in den Beobachter:innen einhergehen, erweist es sich dabei immer wieder als eine Herausforderung für die Teilnehmenden, eine Position zu finden, in der sie einerseits Teil des Geschehens sind, andererseits aber genug Abstand dazu haben, um beobachten zu können. Die Teilnehmer:innen sollen möglichst nicht in das Geschehen eingreifen und es vermeiden, sich in Rollenzuweisungen der Eltern verwickeln zu lassen. Auf das Baby reagiert die Beobachter:in empathisch und warm, ohne es jedoch von sich aus aktiv zu stimulieren. Die Beobachter:in schreibt im Anschluss ihres Besuchs ein Protokoll, in dem sie ihre Beobachtung möglichst detailliert darstellt.

Welche Rolle spielt die Seminargruppe?

Die analytische Säuglingsbeobachtung wird von einer wöchentlich stattfindenden Seminargruppe begleitet, die von einer Supervisorin angeleitet ist. Am Seminarabend liest jeweils eine der 3-5 Teilnehmer:innen aus ihren anonymisierten Protokollen vor, die Gruppe tauscht sich über Fragen, Eindrücke sowie Fantasien zur vorgestellten Beobachtungssituation aus, und eine der Teilnehmenden fasst die Gruppendiskussion in einem Kurz-Protokoll zusammen. Die Seminargruppe übernimmt wichtige Funktionen: Sie nimmt die z.T. intensiven Affekte auf, die in den Beobachter:innen entstehen, und hilft, sie in Bezug auf das Baby, die Mutter und die Beobachter:innen selbst zu verstehen. Durch das gemeinsame Nachdenken über das äußere und innere Erleben der Beobachter:innen entsteht in der Gruppe eine Reflexionsebene, auf die die Beobachter:innen innerlich Bezug nehmen können, wenn sie in der Beobachtungssituation einem Ansturm projizierter, primitiver Zustände mit z.T. heftigen Affekten ausgesetzt sind. Durch die gemeinsame Reflexion können sich die Teilnehmer:innen ihrer Identifizierungen mit dem Baby, mit der Mutter und mit inneren (Teil-) Objekten bewusstwerden. Gelingt es ihnen im Verlauf, ihre Identifizierungen zu wechseln und die verschiedenen Perspektiven zu bedenken – also eine dritte Position einzunehmen – wird es für sie auch in der Beobachtungssituation leichter, ihre eigenen Impulse wahrzunehmen, sie in sich zu halten und zu bedenken, statt ihnen agierend zu folgen. Angeregt durch die Gruppe können sie zunehmend mehr Offenheit und Aufmerksamkeit für das entwickeln, was in der Beobachtungssituation vor sich geht und lernen einen Unterschied zu machen zwischen der Beobachtung und der Schlussfolgerung, die sie daraus ziehen. Im Vergleich der im Seminar vorgestellten Babys erfahren sie zudem, wie verschieden diese bereits von Geburt an sind und wie unterschiedlich sie durch äußere Erfahrungen beeinflusst werden.

Warum ist die Teilnahme an einer analytischen Säuglingsbeobachtung ein wünschenswerter Bestandteil der psychoanalytischen Ausbildung?

Anders als im Kontakt mit Patient:innen (z.B. im Erstinterviewpraktikum), in dem von den Ausbildungskandidat:innen auch Deutungen formuliert und die Reaktionen darauf registriert werden, können sich die Teilnehmer:innen der Säuglingsbeobachtung ganz auf ihre Wahrnehmung der vielfältigen, z.T. sehr intensiven Eindrücke konzentrieren. In den Beobachtungen entfaltet sich ein Raum, in dem frühe unbewusste Austauschprozesse zwischen dem Baby und seinen Eltern erfahrbar werden. Im Zustand der Rêverie können die Beobachter:innen über ihre Sinne ungekannte, einzelne versprengte oder umfassende, sich oft körperlich vermittelnde Empfindungen wahrnehmen, die manchmal mit einem veränderten Raum- und Zeiterleben einhergehen. Dadurch erhalten sie sowohl einen tiefen Eindruck von frühen unintegrierten Erlebenszuständen, als auch von projektiv identifikatorischen Prozessen als frühe Formen der unbewussten Kommunikation. Sie kommen in Kontakt mit der existentiellen Angewiesenheit des Babys und seinen allumfassenden frühen Ängsten. Dabei erfahren sie, wie dringend notwendig es ist, dass die Eltern die Zustände ihres Babys in sich aufnehmen, sie halten, »verdauen«, verstehen und in einer für den Säugling gut verträglichen Weise beantworten. Im Verlauf eines Jahres beobachten die Teilnehmer:innen i.d.R. wie dem Baby in dem Wechselspiel von frustrierenden und befriedigenden Erfahrungen seelisches Wachstum möglich wird. Die Identifizierungen mit einem noch unintegrierten Erleben, den frühen Ängsten, der Hilflosigkeit und Angewiesenheit in der Säuglingszeit finden bei den Beobachter:innen Anschluss an eigene frühe Zustände (Maiello, 2015), die sich in ihren Lehranalysen vertiefen und emotional und gedanklich durcharbeiten lassen können.

Das Ringen um Neutralität in dem oft komplexen und aufgeladenen Beziehungsgeschehen mit Baby, Mutter, Vater und der Wechsel von Identifikation und Reflexion sind für die Teilnehmenden hilfreiche Erfahrungen, um später in der Behandlungssituation mit Patient:innen eine analytische Haltung einzunehmen: Sie üben sich darin, ein lebendiger Teil der Situation zu sein, zugleich möglichst neutral zu bleiben, sich in ihrer Rêverie Eindrücken, Sinnesempfindungen, Gedanken und Phantasien zu überlassen und in Intervallen aus einer dritten Position über all das nachzudenken.
Immer wieder sind die Beobachter:innen zudem gefordert, intensive Affekte in sich zu halten, statt sie zu agieren, und Unsicherheit und Verwirrung zuzulassen – Erfahrungen, die in den Psychoanalysen erwachsener Patienten dabei helfen, auch unter dem heftigen Ansturm von Projektionen wieder ein Denken zu etablieren (thinking under fire, Bion, 1982), aber auch Unklarheit, Zweifel und Nicht-Verstehen zu tolerieren (negative capability, Bion, 1970).
Das Bemü­hen darum, den Blick in der Beobachtungssituation im Wechsel nach Außen und Innen zu richten – in der Verbindung mit der Reflexion dieser Wahrnehmungen in der Seminargruppe – bietet eine gute Grundlage für den Umgang mit Übertragung und Gegen­übertragung in analytischen Behandlungen.

Da in der Säuglingsbeobachtung unmittelbar wahrnehmbar wird, dass die eigenen Projektionen und die eigenen Abwehrbemühungen das, was beobachtet wird, maßgeblich mitgestalten – und sowohl in der Seminargruppe als auch in der Lehranalyse vertiefend darüber nachgedacht wird –, kann diese Erfahrung es dem/der Analytiker:in auch in der Übertragungsdynamik einer Psychoanalyse erleichtern, auf die Beteiligung der eigenen Abwehr (Segal, 1997) aufmerksam zu werden.
In den Psychoanalysen eigener Patienten erweitern die in der Babybeobachtung erfahrenen frühen Identifizierungen die Aufmerksamkeit für präverbale Ebenen und ermöglichen es in der Rêverie, auch Körper- und Sinneseindrücke mit veränderten frühen Modalitäten wahrzunehmen. Auch können Analytiker vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus der Säuglingsbeobachtung für leise, wunde, tief geängstigte Empfindungsqualitäten von Analysanden erreichbar werden, die in deren Agieren oder unter lauten Affekten verborgen sind.

Nun habe ich dargestellt, warum die Teilnahme an einer analytischen Säuglingsbeobachtung für Kandidat:innen in der Ausbildung zum/zur Erwachsenenanalytiker:in sehr wertvoll sein kann. Um einen Bogen vom Anfang bis zum Ende einer solchen Beobachtung zu spannen und einen Eindruck von der enormen Entwicklung des Babys in seinem ersten Lebensjahr zu vermitteln, möchte ich abschließend noch aus meiner letzten Beobachtung von Sam berichten.

Zum Abschluss

Sam ist bereits ein Jahr alt. Er kommt mit wenigen breitbeinigen, recht sicheren Schritten zu mir gelaufen, hält mir einen kleinen Holzdeckel hin und lässt sich in den Sitz plumpsen. Ich begrüße Sam, setze mich zu ihm auf den Boden, nehme dankend den Deckel, bestaune ihn und biete ihn Sam wieder an. Er nimmt ihn und gibt ihn mir wieder. Das geht einige Male hin und her, wobei Sam seine Übergabe des Deckels jeweils mit einem energischen »Da!« begleitet und wir beide lachen. Als Sam sich einem Buch zuwendet, ziehe ich mich beobachtend zurück. [...] Frau A setzt sich zu uns und erzählt, was in den letzten Tagen in der Familie los war [...] Sam packt den Inhalt seiner Spielzeugkiste aus und hält Frau A und mir jedes Spielzeug am weit ausgestreckten Arm mit seinem »Da!« entgegen [...]
Mir wird angesichts der bevorstehenden Trennung beklommen zumute, so dass ich Zeit brauche, um zum Abschied überzugehen. – Ich sage Sam, dass ich nun ein Jahr lang fast jede Woche da war, um ihm zuzuschauen und darüber nachzudenken, was er erlebt. Ich hätte gesehen, wie er sich verändert und jetzt sei er schon ein ganz schön großer Junge. Heute sei ich das letzte Mal da, das fände ich traurig. Ich würde sicher immer wieder an ihn denken. Heute würden wir uns also Tschüß sagen. Als ich »Tschüß« sage, beginnt Sam zu winken und Frau A und ich lachen. Ja, wir würden uns verabschieden und Tschüß sagen, bekräftige ich Sams Winken. Mir ist traurig zumute und ich bedanke mich nun bei Frau A, die Tränen in den Augen hat. Sie sagt etwas schroff, für sie sei das auch sehr interessant gewesen, das wisse ich ja, und bedankt sich bei mir. Frau A und Sam begleiten mich zur Tür. Wir verabschieden uns noch mal, dann bin ich im Treppenhaus. Ich höre Sam weinen, bin selbst tief traurig und zugleich ganz erfüllt von den vielen Erlebnissen mit Sam und seinen Eltern
(Zeitzschel, 2018a, S. 138).

Uta Zeitzschel, Hamburg,

Erstveröffentlichung des klinischen Materials in Zeitzschel, U. (2018a): Frühe Erfahrungen als Einstieg in die psychoanalytische Welt – Beobachterin und Seminargruppe in der analytischen Säuglingsbeobachtung. In: Jahrb. Psychoanal. 77, Stuttgart: frommann-holzboog, 123–145.

Literatur

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Bion, W.R. (1962): Learning from Experience. London: Heinemann. Dt. (1990): Lernen aus Erfahrung. Übers. Krejci, E. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Bion, W.R. (1965): Transformations. London: Karnac. Dt. (1997): Transformationen. Übers. Krejci, E. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Bion, W.R. (1970): Attention and Interpretation. London: Tavistock Publications. Dt. (2006): Aufmerksamkeit und Deutung. Frankfurt a.M.: Bandes&Apsel.

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Hinz, B./Winkler, R. (2021): Sibling Matters – Ein- und Ausblicke in Geschwisterangelegenheiten in Säuglings- und Kleinkindbeobachtung und in der kinderanalytischen Praxis. In: V. Bouville et al. (Hrsg.): Geschwister: Frères amis - Frères ennemis. Zum 70. Jubiläum der DPV. DPV-Tagungsband 2020-2, Gießen: Psychosozial-Verlag, 201–217. 

Köhler-Weisker, A. (1980): Teilnehmende Beobachtung der frühen Kindheit in der psychoanalytischen Ausbildung. In: Psyche – Z Psychoanal 34, 625–651.

Köhler-Weisker, A. (2006): Esther Bick: Eine Pionierin der teilnehmenden Säuglingsbeobachtung. In: Jahrb. Psychoanal. 53, 165–177.

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Schmithüsen, G. (2017): Ausbildungsforum: Psychoanalytische Säuglingsbeobachtung als wünschenswertes Element unserer Ausbildung. Koreferat zum Vortrag von Reiner Winkler. In: G. Allert et al (Hrsg.): Das Fremde in uns – das Fremde bei uns. Herbsttagung der DPV in Bad Homburg 2016. Gießen: Psychosozial-Verlag, 167–174.

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Waddell, M. (2006): Infant Observation in Britain: The Tavistock Approach. In: Int. J. Psychoanal. 87, 1103–1120.

Winkler, R. (2017): Erstbegegnung in Säuglings- und Kleinkindbeobachtung als Wegbereiter psychoanalytischer Haltung, Erfahrung und Einsicht. In: G. Allert et al (Hrsg.): Das Fremde in uns – das Fremde bei uns. Herbsttagung der DPV in Bad Homburg 2016. Gießen: Psychosozial-Verlag, 155–167.

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Zeitzschel, U. (2018b): Forum zur analytischen Säuglingsbeobachtung. Auf dem Weg zu einem Pilotprojekt – Möglichkeiten und Schwierigkeiten. In: M. Johne et al. (Hrsg.): Veränderungen im analytischen Prozess – Veränderungen und Grenzen. DPV-Tagungsband 2017-2. Gießen: Psychosozial-Verlag, 101–106.

Zeitzschel, U. (2020): Einführung in ›Die analytische Babybeobachtung – eine Live-Demonstration der Seminargruppenarbeit‹. In: V. Bouville et al. (Hrsg.): Identität – zwischen Beständigkeit und Wandel. DPV-Tagungsband 2019-2. Gießen: Psychosozial-Verlag, 343–348.

Zeitzschel, U. (2021): Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der psychoanalytischen Babybeobachtung in Zeiten von Corona. In: V. Bouville et al. (Hrsg.): Geschwister: Frères amis - Frères ennemis. Zum 70. Jubiläum der DPV. DPV-Tagungsband 2020-2. Gießen: Psychosozial-Verlag, 262–269.

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