Jakob Müller und Cécile Loetz: ENTWICKLUNG ENTSTEHT NICHT DADURCH, DASS MAN DIFFERENZEN EINEBNET

Psychoanalyse und Wissenschaft

Eine Erwiderung auf den »Standpunkt: Psychoanalyse in der neuen Psychotherapie« von Prof. Dr. Winfried Rief und Prof. Dr. Thomas Fydrich, veröffentlicht im Tages­spiegel am 14.02.2020 (abrufbar unter: background.tagesspiegel.de/gesundheit/psychoanalyse-in-der-neuen-psychotherapie)

Prof. Rief und Prof. Fydrich benennen einige Punkte, an denen die Psychoanalyse sich im Zuge der Neueinrichtung eines Psychotherapiestudiengangs verändern muss, insbe­sondere, sich stärker der Forschung in der akademischen Psychologie anzunähern. Die Kritik enthält berechtigte As­pekte, die etwa auch der Psychoanalytiker (und einzige nicht-verhaltenstherapeutische Lehrstuhlinhaber für klinische Psy­chologie in Deutschland) Cord Benecke in einer Arbeit aus dem Jahr 2014 differenziert und selbstkritisch diskutiert hat. Einige der Kritikpunkte, welche die Autoren aufführen, sind Teil einer Debatte, die auch innerhalb der Psychoanalyse seit vielen Jahren geführt wird. Was oftmals wenig bekannt ist: Die Psychoanalyse hat sich im Laufe der Zeit bereits sehr gewandelt und ihr Setting und ihre Behandlungsweisen im­mer wieder modernisiert. Es gibt zahlreiche empirische Stu­dien zur Wirksamkeit psychoanalytisch begründeter Verfah­ren und zu psychoanalytischen Konzepten u. a. in den Neu­rowissenschaften, der Bindungsforschung oder der aktuellen Psychotherapieforschung. Wer daran interessiert ist, wird ein breites Spektrum an Literatur finden. Burton N. Seidler (2018) hat im Journal of Advancement of Scientific Psycho­analytic Empirical Research jüngst eine Übersicht über empi­rische Studien zu psychoanalytischen Konzepten vorgelegt, die z. T. in hochrangigen internationalen Zeitschriften er­schienen sind. In Deutschland gibt es seit Jahrzehnten empi­rische Forschung zur Psychoanalyse, u. a. am Frankfurter Sigmund Freud Institut oder seit einigen Jahren an der Inter­national Psychoanalytic University in Berlin. Dennoch gibt es weiterhin eine Kluft zwischen psychoanalytischer Praxis und der Forschung in der universitären Psychologie. Es ist in der Tat wünschenswert und notwendig, dass die Psychoana­lyse sich weiter für die empirische Forschung öffnet und einen Zugang zur universitären Psychologie findet; auch wenn der Wissenschaftsbegriff in der Psychoanalyse nicht ausschließlich in einem naturwissenschaftlich-positivisti­schen Paradigma aufgeht. 

Was die Autoren nicht sagen: Auch die universitäre Psycho­logie wird sich ändern müssen, um der »neuen Psychothera­pie« im Zuge der Neueinrichtung von Psychotherapiestu­diengängen gerecht zu werden. Die fragliche Praxisnähe in manchen Bereichen der Forschung ist ein alter Topos. Sie muss aber auch ihr Verhältnis zu den Psychotherapieschulen überdenken, die bislang kaum in Forschung und Lehre reprä­sentiert sind, wozu nicht nur die psychoanalytisch begründe­ten Verfahren, sondern etwa auch die systemische Therapie gehören. Der Gesetzgeber sieht für den neuen Studiengang vor, dass alle wissenschaftlich anerkannten Richtlinienver­fahren behandelt und weiterentwickelt werden sollen. 

Die Autoren monieren, dass es in vielen Bereichen der Psy­choanalyse an empirischer Forschung mangele. Die Psycho­analyse, zumindest als psychotherapeutisches Richtlinienver­fahren in der gesetzlichen Versorgung, ist aber vor allem eine therapeutische Praxis; die Kolleginnen und Kollegen über­nehmen in den Praxen und Kliniken einen großen Teil der psychotherapeutischen Versorgung von Patienten. Wer soll diese Forschung angehen? Wohl kaum die niedergelassenen Kollegen oder Fachverbände, welche die Ressourcen für hochaufwendige und teure Forschungsvorhaben nicht dauer­haft stemmen können. Es ist ein wenig so, als würde der FC Bayern München im Angesicht seiner totalen ökonomischen Dominanz den Konkurrenten raten: »Ihr müsst eben auch teure Spieler kaufen«.

Die Argumentation, dass das Format von Langzeittherapien Wissenschaftler »nicht dazu einlade«, »sich damit zu be­schäftigen«, ggf. weil Kurzzeittherapien leichter zu befor­schen seien, ist dabei fragwürdig. Therapien werden nicht unternommen, um Forschung anzulocken, sondern weil es in der jeweiligen Arbeit mit Patienten notwendig ist. Manche Therapieverläufe bedürfen ihrer Zeit und profitieren von längerdauernden Therapieansätzen, wie etwa jüngst die LAC-Studie der Psychoanalytikerin Marianne Leuzinger-Bohleber und Kollegen es für chronisch verlaufende Depres­sionen herausgearbeitet haben (übrigens ein gutes Beispiel für verfahrensübergreifende Forschungskooperation). Dies gilt nicht nur für die Psychoanalyse, weshalb jüngst das Stundenkontingent für Verhaltenstherapien angehoben wur­de, um auch hier längere Behandlungen zu ermöglichen.

Die Erforschung der Psychotherapieverfahren ist Aufgabe der Forschung an den Hochschulen, die zu diesem Zweck von der öffentlichen Hand finanziert werden. Forschung sollte keinem einzelnen Verfahren den Vorzug geben, son­dern wissenschaftliche Herangehensweisen entwickeln, die auf die unterschiedlichen therapeutischen Realitäten abge­stimmt sind. Forschung sollte das Handlungswissen aus der Praxis aufgreifen, analysieren, genauer verstehen und mit kreativen Impulsen versehen, um auf dieser Basis die thera­peutische Praxis weiterzuentwickeln. Wenn es wirklich so wäre, dass zu einem Verfahren, das seit Jahrzehnten einen großen Anteil der therapeutischen Versorgung trägt, wenig empirische Forschung besteht, dann wäre das vor allen Din­gen ein Versagen der öffentlich finanzierten Forschung in der Psychologie. Es gibt schließlich kein Verbot, sich an den Hochschulen in psychoanalytisches Praxiswissen und Kon­zepte einzuarbeiten und diese, ggf. im Zusammenspiel mit praktisch tätigen Kollegen, zu erforschen. Natürlich gibt es auch für Psychoanalytiker kein Verbot, sich in der klinischen Forschung an den Hochschulen zu engagieren – dies nicht nur als notwendiges Übel, sondern durchaus in dem »kriti­schen und stimulierenden Sinn«, wie es die Autoren be­schreiben. Allein: Dadurch würde sich nicht nur die Psycho­analyse ändern, sondern auch die universitäre Psychologie. Will sie das?

Die strukturellen und machtpolitischen Verhältnisse in der Wissenschaft als »Macht- und Verschwörungstheorien« abzutun, fällt natürlich leichter, wenn man selbst das herr­schende Forschungsparadigma vertritt oder selbst Machtposi­tionen innehat. Junge Forschende, die ihr wissenschaftliches Interesse an der Psychoanalyse mit einer Hochschulkarriere verbinden wollen, werden schnell die Erfahrung machen, dass diese »Machttheorien« sich als sehr wirksam erweisen können, selbst wenn sie sich den Forschungsmethoden der empirischen Psychologie zuwenden. An Psychologischen Instituten hat es Forschung zu psychoanalytischen Konzep­ten schwer, oft bestehen große Vorbehalte und wenig Kennt­nis über die modernen Behandlungskonzepte der Psychoana­lyse (während sich in der klinischen Praxis und auf Ver­bandsebene ein gutes Miteinander von Kollegen der ver­schiedenen Verfahren ergeben hat). 

In den Paradigmen von Forschung und Therapie spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen und ökonomische Zwänge wider. Ein Verfahren wie die Psychoanalyse, das in der beschleunigten Moderne den Ruf von Langsamkeit hat und Räume der Reflexion und des Innewerdens schaffen will, hat per se einen schwierigeren Stand – auch wenn die Psychoanalyse viele ihrer Verfahren und Techniken den aktuellen Gegebenheiten und Störungsbildern angepasst und ausdifferenziert hat, es »die Psychoanalyse« als einheitliche Therapieschule überhaupt nicht gibt. Therapie und For­schung sind immer mit gesellschaftlichen Zwängen konfron­tiert; sie sollten sich damit kritisch auseinandersetzen, statt sich vorschnell mit einer Effizienzlogik und scheinbarer ökonomischer Rationalität zu identifizieren (Stichwort: Nachhaltigkeit, Entschleunigung). Sich gegen Kritik an den strukturellen Verhältnissen zu immunisieren, indem man sie von vorneherein als »Schuldsuchen bei den anderen« abqua­lifiziert, funktioniert nicht. Die Autoren schreiben, dass nur 2 % der aktuellen (sehr aufwendigen und kostspieligen) randomisiert-klinischen Studien psychodynamische Verfah­ren zum Gegenstand haben: Das ist nicht Ausdruck einer dispositionellen Forschungsfaulheit psychodynamischer Kol­legen, sondern eines Machtverhältnisses in der Psycho­thera­piewissenschaft. Der Gesetzgeber denkt zu Recht dar­über nach, im Interesse der Weiterentwicklung aller Richtli­nien­verfahren in dieses Machtverhältnis einzugreifen und etwa die Lehre aller Verfahren durch Fachvertreter im neuen Psychotherapiestudium verbindlich festzuschreiben. In die­sem Punkt haben die Autoren aber letztlich recht: Gegen strukturelle Verhärtungen hilft kein Klagen und Schuldzu­weisen, junge Forschende müssen sich – wie jede Generation – gegen Widerstände durchsetzen.

Die Psychoanalyse muss sich weiter modernisieren, wo vor­handen, elitäre Strukturen aufbrechen und Antworten auf die Fragen finden, welche die beschleunigte Gesellschaft an unser psychisches Erleben stellt. Aber was heißt letztlich modern? Das ist eine Frage, die auch in der Wissenschaft immer wieder verhandelt werden muss. Prof. Rief und Prof. Fydrich wünschen sich, dass die Psychoanalyse eine Integra­tion »in die Familie der Psychotherapien« anstrebt. Ein we­nig stellt sich die Frage, ob es ihnen dabei nicht um eine verdeckte Aufforderung geht: Die Psychoanalyse soll sich in ihrem Kern auflösen. Tatsächlich ist es wichtig, dass sich die Psychoanalyse in ihren Verfahren weiter für die Erkenntnisse der naturwissenschaftlich orientierten Forschung öffnet. So sehr das zu begrüßen ist, wissen wir zugleich auch: Das schwarze Schaf in der Familie ist oftmals eine Person, die überraschend progressiv ist und von der das größte Verände­rungspotential ausgeht. Fortschritt und Entwicklung, dies vielleicht auch eine Lehre aus dem letzten politischen Jahr­zehnt, entsteht nicht dadurch, dass man Differenzen einebnet, sondern Widersprüche aushält und austrägt – unter fairen Bedingungen. Vielleicht müssen manche dazu auch ihr Ver­ständnis von Psychoanalyse modernisieren. 

Verfasser:

Dr. Jakob Müller, Dr. Cécile Loetz
Autoren des Podcasts ‚Rätsel des Unbewussten‘ (www.psy-cast.de)

Literatur:

  • Benecke, C. (2014). Die Bedeutung empirischer Forschung für die Psychoanalyse. Forum der Psychoanalyse 30, 1, 55-67.
  • Leuzinger-Bohleber, M. et al. (2019). Outcome of psychoan­alytic and cognitive-behavioural long-term therapy with chronically depressed patients: a controlled trial with prefer­ential and randomized allocation. Can J Psychiatry 64, 1:47-58
  • Seidler, B. (2018). Who Sez Psychoanalysis Ain’t Got No Empirical Research to Back up Its Claims? An Extensive Compendium of Studies. Journal of Advancement of Scienti­fic Psychoanalytic Empirical Research, 2, 1, 63-103.

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