Anette Burkhart: Die Kultur der Pflege und die Psychoanalyse

Kultur und Medien

Über eine Idee Pflegekräfte zu gewinnen

Ende 2019 erhielt die Universitätsklinik Freiburg in Berlin einen ersten Platz in der Kategorie „Employer Marketing“ für eine Rekrutierungskampagne um dringend benötigte Pflegekräfte und Ärzte zu gewinnen (Vögtle, 2019). Auf dem dafür gestalteten Plakat sind  Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu sehen, die Krankenhauspersonal gezielt anwerben sollen.

Über das gesamte Stadtgebiet Freiburgs, an Haltestellen und Bahnhöfen sowie  über die sozialen Medien wurde diese Anzeige öffentlich gemacht.  Die Aktion sorgte für viel Gesprächsstoff und Irritation. Not macht bekanntlich erfinderisch. Und der Pflegenotstand kann kaum noch übersehen werden.

Alle vier Personen werden uns auf dem Plakat mit Vornamen vorgestellt: Die blonde Ärztin Birte mit entschlossenem Blick hält sich an einer Mantelseite fest. Die schwarzhaarige Gesundheits- und Krankenpflegerin Elma in schwarzer Lederjacke, Arzt Christian, ebenfalls ganz in schwarz gekleidet mit blickdichter Sonnenbrille und Rettungssanitäter Igor im Unterhemd, mit verschränkten Armen und freiem Blick auf seine Tätowierung. Düster erscheint das Plakat, auf den ersten Blick wie ein Filmplakat für einen Horrorfilm. Die Buchstaben in blendendem Licht weisen darauf, dass mit dem neu erbauten interdisziplinären Tumorzentrum der Universitätsklinik Freiburg „Zeit für Neues“ angebrochen ist. Das Neue bedeutet: Der Arbeitgeber bietet großzügige, hochmoderne Untersuchungs- und Behandlungsräume und hat bereits ein motiviertes Team - das auf dem Plakat - das Verstärkung sucht. 

Das Team vor einem Hintergrund aus Codes und Kennzahlen erinnert eigentlich nicht daran, dass hier um Krankenpflegepersonal und Ärzte geworben wird. Eher drängt sich beim ersten Blick die Assoziation an den Science Fiction Film Matrix auf: das Plakat sieht dem Trailerposter des Matrix Films überraschend ähnlich.

Der Matrix Film stellt einen heldenhaften Kampf um Leben und Tod ins Zentrum. Und wie der Held des Filmes Neo als Retter der Menschheit erscheint, fordert das Kampagnenplakat die zukünftigen Pflegekräfte und Ärzte dazu auf, den Kampf um Leben und Tod an ihrem Arbeitsplatz aufzunehmen. Der Held der beruflichen Zukunft soll wie Neo im Film Übermenschliches leisten, kampferprobt sein, fürsorglich an die Zukunft der Menschen denken, mit allen Mitteln gegen Krebszellen, Zellwucherungen und Zelltod kämpfen, und das nicht alleine, sondern im Team. Genauso stehen die Helden auf dem Trailer des Matrixfilms der Bedrohung und dem Gegenwind des Lebens entgegen wie die vier Akteure des Werbeplakats stellvertretend für die Berufsbilder heldenhaft aufgestellt wurden. Wer den Matrix Film kennt, weiß, dass auf die Retter und Helden schwere, anstrengende, mühevolle und unübersichtliche Zeiten warten, so wie  es für die  Mitarbeiter des Klinikteams zutrifft. Um zu zeigen, dass sie sich dieser Aufgabe stellen, wird auf die Technik, die Codes und Kennzahlen verwiesen. Die Protagonisten stehen für  das moderne, ökonomisierte Gesundheitssystem, das auf umfassende effiziente Kostenfinanzierung und wissenschaftlich, medizinische Forschung setzt (Maio, 2018).  Die Darstellungsweise soll Mut machen und den künftigen Mitarbeiter quasi heldenhafte Siegerfähigkeiten zuschreiben.

Von der Realität der Pflegetätigkeit und der  menschlichen Beanspruchung, von Leid, Krankheit und Schmerz und dem Versuch diese  durch Wissen, Anteilnahme  und Empathie zu bewältigen, zu ertragen– vermittelt das Plakat keine Botschaft. Es weist eher darauf hin, dass wir in einer Situation angekommen sind, in der die Bedeutung von Mensch und Maschine für die Pflege sich verwischen. Der „Held“, der nach gesellschaftlicher Anerkennung sucht, steht selbst in der Gefahr in seinem Kampf - seiner Arbeit - zur Maschine, zum Roboter, zum Automaten zu werden, so wie die Agenten im Matrix Film, die nach einem Plan gesteuert werden, der sich längst verselbständigt hat.

Und so ist für jeden Vorbeigehenden und Betrachter das Kampagnenplakat nicht nur ein Aufruf zum geforderten Heroismus, sondern zugleich der Versuch zu überspielen, dass der Beruf der Krankenpflegekräfte, wie auch der Ärzte, im technisch durchorganisierten Krankenhausbetrieb oft ein automatenhaftes Funktionieren (Bossinade, 2019) verlangt. Dauerbelastung, Akkordarbeit und Burnout  werden als Merkmale der übermenschlichen Beanspruchung unkenntlich gemacht.

Diese verborgenen Aspekte, die neben dem sichtbaren Wunsch nach Heldentum nicht direkt erkennbar sind, verweisen darauf, dass die realen Wünsche und Bedürfnisse der Pflegekräfte und Ärzte keine oder kaum noch Beachtung finden. Das Plakat versperrt sozusagen den Blick auf den „Antihelden“, auf die vielen Pfleger, die sich alleine fühlen mit viel zu vielen Patienten im Tagdienst und vor allem auch im Nachtdienst. Es sind Pflegekräfte, die sich nicht als Stars erleben, sondern als „Poabwischer“ und „Urinkellner“, die sich nicht anerkannt fühlen in ihrer Leistung, in ihrer Professionalität und durch Systemzwänge im Vollzug ihrer persönlichen Menschlichkeit blockiert werden.

Mit dieser Art von Personalrekrutierung wollten die Verantwortlichen ausdrücklich neue Wege gehen, um junge Leute für Berufe zu motivieren, die unsere Gesellschaft dringend braucht. Es ist ein Bereich, der jedoch, gerade was die Pflege betrifft, durch die Politik der letzten 20 Jahre  kaputt gespart worden ist. 

Die gezielte Suche nach Helden und Heldinnen der Krankenpflege funktioniert nach dem Muster eines Wechselspiels (Lorenzer, 2006), bei dem die gesellschaftliche Suche nach Helden sich verbindet mit den individuellen Wünschen der Angesprochenen,  Anerkennung und Prestige durch ihre Rolle und ihre Arbeit zu erlangen, ausgedrückt und dargestellt im Bild des Helden. Die gesellschaftliche Institution, hier die Stabstelle für strategische Personalentwicklung in Verbindung mit der  Unternehmenskommunikation, scheinen sich mit den persönlichen Wünschen der Pflegekräfte und Ärzte verschränken zu wollen. Gegenseitige Bestärkung und Bestätigung im Sinne von „wir warten nur auf Sie“ einerseits und der Wunsch auf Seiten des zukünftigen Personals nach persönlicher Anerkennung – dargestellt in der Chiffre des Helden - verbinden sich, allerdings mit dem Preis der Ausblendung der Realität: Ausblendung der realen Not und der Hilflosigkeit der kranken Patienten, gerade in Zeiten der krankheitsbedingten Regression. Ausgeblendet werden die Wünsche der Patienten nach Zeit, Zuwendung und Gespräch, wie auch die  Wünsche der Pflegekräfte und Ärzte nach einem würdevollen Umgang mit sich und anderen.

Die ausgeblendete Hilflosigkeit, die Krankheit und mögliche traumatische Erfahrungen bleiben als individuelle und gesellschaftliche Herausforderungen zur Bewältigung bestehen. Die Geschichte der Krankpflege zeigt,  dass bereits die Ikone der Krankenpflege  Florence Nightingale  wie eine weltliche Heilige benutzt wird, in deren Namen bis heute Krankenpflegepersonal rekrutiert wird, das sich  immer noch sehr schwer tut, eigene Bedürfnisse im Arbeitsalltag einzufordern (Hoops, 2013). Die Orientierung an der Formensprache des Films (hier: Matrix) und das Bild des Helden haben das Ritual und die Heilige abgelöst. Diese Rekrutierungskampagne zur Gewinnung von Pflegekräften und Ärzten stellt einen Bewältigungsversuch gegen Personalknappheit dar, der viel Aufmerksamkeit bekam. Wie viele Pflegekräfte als MitarbeiterInnen damit gewonnen werden konnten, darüber konnte das Universitätsklinikum im Rahmen der Preisverleihung für die als besonders gelungen betrachtete Werbung allerdings keine Auskunft geben. Eine mögliche Wiederholung wurde jedoch angekündigt: d.h. weitere Kampagnen und weitere Filmplakate sind zu erwarten (Vögtle, 2019).

Angaben zur Autorin:
Anette Burkhart
Gesundheits-und Krankenpflegerin
Pflegewissenschaftlerin B.Sc.
Dipl.-Theologin
Sozial-und Kulturtheorie der Psychoanalyse bei der DPV
anetteburkhart@googlemail.com

Literaturliste:

  • Bossinade, J. (2019). Begehren nach Lacan und über Lacan hinaus. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft.
  • Hoops, W. (2013). Pflege als Performance. Zum Deutungsproblem des Pflegerischen. Bielefeld: transcript Verlag.
  • Lorenzer, A. (2006). Szenisches Verstehen. Zur Erkenntnis des Unbewußten. In U. Prokop, & B. Görlich, (Hrsg.), Kulturanalysen, Bd. 1, Marburg: Tectum Verlag.
  • Maio, G. (2018). Werte für die Medizin. Warum die Heilberufe ihre eigene Identität verteidigen müssen. München: Kösel Verlag.
  • Vögtle, F. (2019). Uniklinik plant neue Kampagnen. Preis für Werbeaktion mit Filmplakat / Peronallage angespannt. Badische Zeitung, Freiburger Zeitung, 18.11.2019,21

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