Persönliche Stellungnahme zum Film „Elternschule“ - Dokumentarfilm von Jörg Adolph & Ralph Bücheler über die Psychotherapie in der Abteilung für Psychosomatik an der Kinderklinik Gelsenkirchen 07.11.18

von Barbara von Kalckreuth

Ich komme soeben aus dem Kino und bin entsetzt.

Die Ohnmacht von Kindern und Eltern im ausführlich und ehrlich dargestellten klinischen Setting machen mich sprachlos und wütend zugleich. Ein Gefühl der Ohnmacht, wie bei der Lektüre von Johanna Haarer „Die deutsche Muttern und ihr erstes Kind“ (1934) und dem Film von Kai Wessel „Nebel im August“ (2016) über die Euthanasie an Kindern in Kaufbeuren lähmen die Gedanken..

„Elternschule“ ist ein Dokumentarfilm von Jörg Adolph& Ralph Bücheler über eine psychosomatische Abteilung in der Kinderklinik Gelsenkirchen, in die verzweifelte Eltern, meistens Mütter zusammen mit ihren Kindern zur psychotherapeutischen Behandlung komplexer psychischer, psychosomatischer Erkrankungen und gravierender Verhaltens- und Entwicklungsstörungen aufgenommen werden. Das behandelnde Team besteht aus einem leitenden Psychologen, einem Kinderarzt und ausgebildetem Pflegepersonal. Der Film erfuhr zunächst positive öffentliche Aufmerksamkeit durch Besprechungen in der Presse.

Zum Film:

1. Was ist ein Kind?

In dieser Kinderklinik ist ein Kind ein gerissener Stratege, bedacht auf seinen Vorteil, egoistisch und rücksichtslos, ein Gegner, den man überwältigen muss.

Das störende Verhalten des Kindes muss „gelöscht“ werden.

Dazu dienen verordnete Trennungen von den Müttern, denen z.B. ein gutes Frühstück gewünscht wird, während sie bis in den Frühstücksraum das Schreien ihrer Kinder hören („das ist Meiner“).

Essstörungen werden mit Zwangsfüttern im Klammergriff beantwortet und den Kindern wird mit emotionaler Kälte begegnet.

Gefühle sind kein Thema. Der Erwachsene muss die Oberhand behalten.

2. Die Eltern:

Ihre emotionale Not ist offenkundig. Übergewicht und Migration sind z.B. zwei offensichtliche und unbearbeitete Themen. Ein Bemühen um das Verstehen der Eltern, ihrer Biographien, ihrer eigenen Bindungserfahrungen, fehlt völlig. Die Eltern-Kind-Interaktionen zeigen Leere und Frustration auf beiden Seiten, die dann aber unvermittelt in Aggression umschlägt. So wirft ein Mädchen die Gabel gegen die Mutter, die bis dahin regungslos bei der gemeinsamen Mahlzeit saß.

3. Die Fachpersonen:

Sie haben den Auftrag die Mutter/Eltern-Kind-Beziehung durch Trennung zu verändern.

Ihre Sprache ist unangemessen. Sie enthält viele vulgäre Ausdrücke und hat einen spöttischen Unterton.

4. Das Setting:

Die Überwältigung der Kinder und ihrer Eltern, meist sind nur die Mütter da, beginnt bereits bei der Aufnahme. Das Kind wird von fremden Menschen entkleidet, seines persönlichen Schutzes beraubt. Die Mutter wird auf einen unbequemen Hocker verbannt und angewiesen, denselben nicht zu verlassen. Die anbiedernde Zuwendung bzw. Überwältigung durch Arzt - Kinderarzt! - und Schwester hat einen aggressiven, sadistischen Unterton.

Trennung ist Trumpf, denn dann lernen die Kinder, dass nichts passiert und das Leben nach der Trennung weiter geht. Dass sie aber damit völlig überfordert sind, sich altersentsprechend heftig wehren, kämpfen, suchen und schließlich dissoziieren, um sich dadurch aus der unerträglichen Situation weg zu beamen, wird völlig unreflektiert gezeigt.

Die Verhaltensweisen der Kinder unter Stress werden nicht verstanden. Die Reaktionsmuster für emotional überfordernde Situationen, die in allen Menschen angelegt sind , fight, flight oder freeze, werden hier schonungslos vorgeführt. Als Erfolg wird verbucht, wenn das Kind aufgibt. Dass dadurch ein Teil seiner Explorationsfreude, seiner kindlichen Neugier und damit später seine Fähigkeit zu Lernen zerstört wird, wird völlig ausgeblendet. Die Störung der Beziehung zwischen Eltern und Kind wird vom Team nicht als seelische Not verstanden. Es gibt keine Hilfe, nur kalte, akribisch dokumentierte Beobachtung, über die im Team spöttisch gesprochen wird.

5. Die Elternschule.

Ist als Angebot an die Betroffenen gut gemeint, aber inhaltlich handgestrickt und bleibt für diese unverständlich, obwohl die Mütter aufmerksam bei der Sache sind und sie ihre Kinder gerne besser verstehen würden. Es bleibt beim durch das Konzept der Klinik geforderten Kampfmodus und dem Auftrag zur bedingungslosen Durchsetzung des Elternwillens gegen eigene Gefühle.

Die Schwestern sind in einer Machtposition, zu der sie sich berechtigt sehen. Die eigenen, nicht integrierten aggressiven Gefühle können durch den beruflichen Auftrag ungefiltert und unreflektiert in der Macht über das Kind ausgelebt werden.

Die Reaktion der Kinder auf diese Übergriffigkeit ist eigentlich nachvollziehbar und erwartbar: sie wehren sich, geben aber im Lauf der Zeit auf. Dies wird dann als Therapieerfolg gewertet.

6. Fazit:

Was ist ein Kind, was sind Eltern und welchen Auftrag, welche Verantwortung haben sie?

1949 wurde im Grundgesetz die Würde des Menschen als unantastbar in Artikel 1geschützt. Siebzig Jahre später sollte es möglich sein, die primäre Beziehungswelt von Eltern und Kind ebenfalls zu schützen. Dazu gehört, alle wissenschaftlichen Erkenntnissen für eine würdevolle psychotherapeutische Haltung zu nutzen. Dies ist an vielen Orten der Fall.

Es scheint jedoch nicht klar zu sein, welche Bedeutung die spezifische Entwicklung des Gehirns besonders in den ersten Lebensjahren hat. Die Entwicklung des Großhirn ist langsam, gemessen an den emotionalen Zentren in den tiefer liegenden, älteren Hirnregionen. Kinder sind deshalb in den ersten Lebensjahren ihren Gefühlen in besonderer Weise ausgeliefert und auf Co-Regulation angewiesen. Sie brauchen emotionale Wärme und Verständnis, aber auch Begrenzung und Halt in einer verantwortungsvollen fürsorglichen Beziehung. Das gemeinsame Aushalten von frustrierenden Situationen, wie sie der Alltag mit sich bringt, ist für beide Seiten wichtig.

Der Übergang in die Elternschaft erfordert eine komplexe körperliche und seelische Transformation. In dieser Zeit können eigene, unbearbeitete und ungelöste Konflikte bei den Eltern auftauchen. Sie können sich zunächst in schwierigen Eltern-Kind-Interaktionen, in psychosomatischen Symptomen beim Kind, verschlüsselt zeigen. Sie zu entschlüsseln, Worte zu finden und sie zu lösen ist eine zentrale psychotherapeutische Aufgabe. Eltern sind dazu sehr bereit

7. Epilog

Verschiedene Fachgesellschaften haben in der Zwischenzeit meist kritische Stellungnahmen abgegeben. (siehe auch https://www.kinder-verstehen.de/aktuelles/elternschule-so-geht-erziehung/Strafanzeigen wegen Freiheitsentziehung und Gewalt gegen Kinder wurden von der Essener und Münsteraner Staatsanwaltschaft nach unangekündigten Kontrollbesuchen nicht weiter verfolgt.

Dr. med. Barbara von Kalckreuth, Freiburg

Kinderärztin, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapeutin
für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit besonderem Schwerpunkt für
psychoanalytische Säuglings- Kleinkind- Eltern- Psychotherapie, SKEPT,
Mitautorin der Leitlinien und Manual für die SKEPT( Cierpka M, Windaus E
Hrsg., Frankfurt,2007), Vorstandsmitglied der Gesellschaft für seelische
Gesundheit in der frühen Kindheit GAIMH, Dozentin und Supervisorin