Hans-Geert Metzger: Conchita Wurst und die Illusionen in den Gendertheorien

Politik und Gesellschaft

1. Über die Faszination an der Bisexualität

Conchita Wurst ist ein junger homosexueller Mann, der bekannt wurde, weil er in der medialen Öffentlichkeit als eine Frau mit einem Bart auftritt. Man sieht also einen Mann mit einem sorgfältig gepflegten Vollbart, einer Langhaarperücke, sorgfältig geschminkt, mit künstlichen Augenlidern und in Frauenkleidern. Dieser Auftritt führt zu einer durchaus irritierenden Wahrnehmung, weil er die Sehgewohnheiten von Männlichkeit und Weiblichkeit infrage stellt.

In der Talkshow „Menschen bei Maischberger“ sagte Conchita Wurst, dass er eine Frau mit Bart sein wolle, dass er aber „am Ende des Tages … ein Mann in Frauenkleidern“ sei (2015). Sowohl die Moderatorin Sandra Maischberger wie auch die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer waren sichtlich begeistert von Conchita Wurst. Schwarzer fand seinen Auftritt „subversiv“ und entgegen der Selbstdefinition von Wurst, am Ende des Tages sei er ein Mann, sah sie ihn als „Mann und Frau zugleich“ und sie fand die Vorstellung erotisch, beides sein zu können, „ich kann das und auch das“.

Während Maischberger versuchte, ihren Eindruck in Worte zu fassen – sie sprach mehrfach von einer Drag Queen -, gab sich Schwarzer ihrer Begeisterung hin.

Bisexualität bewegt, nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch unsere inneren Bilder. Conchita Wurst inszeniert das Spiel mit der Bisexualität. Er schürt die Illusion, die geschlechtliche Festlegung auflösen zu können, aber es ist ihm zugleich bewusst, was er tut. Schwarzer dagegen konnte diese Distanz nicht halten, als sie sich der Fantasie hingab, mehr als ein Geschlecht haben zu können.

Maischberger und Schwarzer sind erfolgreiche Frauen, die eine öffentliche Position haben. Sie entfalten ihre Wirkung durch das Wort, durch den kritischen Diskurs. Sie würden wohl kaum ihre Stellung durch eine bisexuelle Inszenierung gefährden. Stellvertretend begeistern sie sich an dem Auftritt des verkleideten jungen Mannes. Conchita Wurst wirkt wie ein Bild, mit dem er Illusionen erzeugt, die offenbar viele Menschen ansprechen, ohne dass sie sich ihnen hingeben würden. Ein Bild evoziert frühe präverbale Anteile. Die Sprache versucht, diese zu benennen: es ist ein Mann, der einen schönen Schein erzeugt.

Nun ist es mittlerweile keine besondere Subversion mehr, wenn eine größere bisexuelle Bandbreite im Leben von Männern und Frauen erwartet wird. Männer und Frauen tragen jeweils gegengeschlechtliche Anteile in sich, die bei dem traditionell dichotomen Rollenverständnis oft unterdrückt werden mussten. Es gehört nun doch zum Selbstverständnis vieler Männer und Frauen, dass sie – auf der Grundlage einer klar empfundenen Geschlechtsidentität – dem anderen Geschlecht zugeordnete Eigenschaften, also Aktivität/Passivität, Fürsorge/Unternehmungslust oder ähnliches, ausleben können. Subversiv, also zu einem Aufstand oder Umsturz aufrufend, wird die Aktion erst, wenn weitergehende Ziele beabsichtigt sind.

2. Von der Ausgrenzung zur Überhöhung

Die Gendertheorien wollten ursprünglich eine Gleichwertigkeit zwischen Männern und Frauen herstellen. Im Laufe ihrer Entwicklung schälen sich allerdings radikalere und weitreichendere Ziele heraus. Einige Gendertheoretiker und -theoretikerinnen formulieren eine mehr und mehr offene Feindseligkeit gegenüber Heterosexualität. Heterosexualität wird bei Autorinnen wie Judith Butler fast selbstverständlich mit Zwang, Normierung und Herrschaft gleichgesetzt. Befreiung von dieser Herrschaftsstruktur findet sich nach dieser Ansicht alleine durch die Überwindung heterosexueller Grenzen (vgl. Sielert 2001, von Braun 2014). Daher werden die Spielarten der neuen Sexualitäten freudig begrüßt. Conchita Wurst wird allein schon durch seinen Auftritt für Alice Schwarzer zu einer subversiven Kraft.

Die Überwindung geschlechtsspezifischer Grenzen wird zu einem Wert an sich. Judith Butler vertritt nicht nur die Ansicht, das Geschlecht sei sozial gemacht - wobei stets der geschlechtsspezifische Körper negiert wird (z.B. Quindeau 2014, 86) -, sondern sie hat auch den Begriff der heterosexuellen Melancholie geprägt (2001, 125ff). Butler sieht die heterosexuelle Entwicklung als das Ergebnis einer „mühsamen und ungewissen Arbeit“, sie „wird durch Verbote herangezüchtet“ (ebd., 129). Deshalb bleibt heterosexuelle Identität für sie „immer fragil“ (ebd., 127). Butler lebt mit dem Bild eines umfassenden heterosexuellen Zwangssystems und geht davon aus, dass die Entwicklung heterosexueller Identität durch den Zwang zur Unterdrückung homosexueller Anteile herbeigeführt wurde. Weil diese Unterdrückung im Laufe der Entwicklung nicht betrauert werden kann, leiden Heterosexuelle an einer verleugneten Trauer, an einer melancholischen Einschränkung der Libido.

Naumann nimmt den Ansatz von Butler auf. Er sieht die heterosexuelle Entwicklung geprägt von einem unverbundenen Nebeneinander „von starrer heteronormativer Identifizierung, von leidvollen Gefühlen des Mangels und des Neids in der Geschlechterdichotomie sowie von spielerischem Überqueren der Geschlechtergrenzen und dem Wunsch nach Mehrdeutigkeit….Wenn freilich eine starre heteronormative Identifizierung überwiegt, folgen aus den unbewussten Verwerfungen ernste psychosoziale Probleme“ (2015, 209). Der Mangel, die Entscheidung für ein Geschlecht und die damit verbundene Einschränkung, wird als Grundlage für eine neurotische Entwicklung heterosexueller Kinder gesehen. Von diesem Verständnis ausgehend ist die Erwartung geradezu logisch, dass erst das Ausleben aller sexuellen Bedürfnisse und Identitäten zu einer befreiten Sexualität führt.

Erst jenseits des heterosexuellen Zwangs wird die Überwindung der der Heterosexualität angeblich inhärenten Melancholie denkbar. Der Wunsch, die Heterosexualität zu überwinden, öffnet damit auch den Illusionen ihren Raum. In dieser Welt gibt es, so scheint es, keinen Mangel, keinen Zwang und keine Grenzen. Deshalb wird das Ausleben der Bisexualität nicht als eine Möglichkeit unter vielen gesehen, sondern missionarisch als ein der Heterosexualität überlegenes und als ein allgemein gültiges Modell dargestellt.

3. Die Frage nach der Selbstreflexion

In den ursprünglich emanzipatorischen Ansatz der Gendertheorien mischt sich ein zunehmend aggressiver Impuls der Heterosexualität gegenüber. Die Gendertheorie ist über die Kritik an der Normierung hinaus und längst dabei, ihrerseits neue Ordnungen zu formieren, die Andersdenkende sanktioniert. Zum Beispiel werden Studenten und Studentinnen an manchen Lehrstühlen schlechter bewertet, wenn sie nicht gendertheoretisch begründete Rechtschreibregeln verwenden. Oder ein britischer Nobelpreisträger wird einer Verfolgungsjagd ausgesetzt und sozial kastriert, weil er ein witzig gemeintes Spiel mit Geschlechtsrollenklischees versucht hat. Hier werden Machtpositionen missbraucht, um partikulare Interessen gendertheoretisch normativ zu formulieren und Andersdenkende zu sanktionieren. Es entstehen ähnliche Konflikte mit der Normierung, wie sie ursprünglich von der Gendertheorie kritisiert wurden.

Die Gendertheorien haben Machtmechanismen nicht überwunden, sondern sie setzen sie lediglich unter anderen Vorzeichen fort. Die negative Fixierung auf die Heterosexualität verhindert eine selbstreflexive Auseinandersetzung mit verinnerlichten Machtmechanismen. Insbesondere wäre es in diesem Zusammenhang hilfreich, wenn die eigenen heterosexuellen Anteile – seien sie positiv oder negativ besetzt - selbstkritisch reflektiert werden könnten.

Entgegen der Überzeugung in den Gendertheorien trägt jede sexuelle Identität, die sich von der Heterosexualität abgewendet hat, gleichwohl heterosexuelle Anteile in sich. Denn jedes Kind ist schon sehr früh mit den Fragen nach seiner Entstehung, nach seiner Herkunft beschäftigt. Es forscht auf seine Art nach der Urszene, nach der sexuellen Verbindung zwischen Vater und Mutter, die zu seiner Zeugung geführt hat. Die Eltern antworten aufgrund ihrer eigenen inneren Bilder auf diese Fragen nach der Urszene (vgl. Heenen-Wolff 2015, 598f). Die Zeugung ist eine heterosexuelle Szene. Das Wissen darum wird nicht nur von heterosexuellen Eltern, sondern auch von Menschen, die eine andere sexuelle Identität entwickelt haben, vermittelt, weil sich jede sexuelle Identität aus der unbewussten Auseinandersetzung mit der Urszene entwickelt hat. Die Urszene ist in der Vorstellung immer repräsentiert, auch in der Negation und auch in der reproduktionsmedizinischen Manipulation.

Die negative Fixierung auf die Urszene würde die Aggressivität gegen die Heterosexualität verständlich machen. Reimut Reiche hat bereits 1997 in seinem klassischen Text zur Gendertheorie eine ähnliche Vermutung geäußert, wenn er in Bezug auf die Texte von Judith Butler von der Vorstellung eines „bösen elterlichen Koitus“ spricht (1997, 950).

4. Begrenzungen

Viele Menschen sind mit sich selbst ganz einverstanden, wenn sie eine klare geschlechtliche Identität entwickelt haben. Bisher wurde eine solche Identität als ein wesentlicher Schritt in der persönlichen Entwicklung angesehen. Ordnungen sind hilfreich für Strukturierung und Orientierung. Das wird gerade in der klinischen Erfahrung deutlich. Zugleich ist schon klar, dass die Entscheidung für eine Lebensform andere Optionen ausschließt. Welche Grenzen sinnvoll und welche Grenzen überflüssig sind, entscheidet sich sowohl aus dem Umgang mit dem geschlechtlichen Körper wie auch aus gesellschaftlichen Konventionen heraus.

Klar aber ist, dass die Entscheidung für ein Geschlecht nicht die einzige Einschränkung im Lebenslauf darstellt. Es ist eine grundlegende Einsicht, dass nicht alles möglich sein wird. Entwicklung ist auch eine ständige Auseinandersetzung mit der Begrenzung. Die Einsicht in die eigene Sterblichkeit führt zu der Anerkennung der Generationalität. Der Ausschluss aus der Urszene führt zur Erfahrung des Alleinseins und zur Verinnerlichung der Triangularität. Die Vertreibung aus dem Paradies des Mutterleibs führt zur Anerkennung der Realität.

Die Einsicht in die Begrenztheit des eigenen Selbst ist zwar eine Kränkung, aber sie ist auch ein Gewinn, weil sie die Voraussetzung für Wachstums- und Reifungsprozesse darstellt. Entwicklungsprozesse bleiben nur dann fragil, wenn die Integration des Narzissmus nicht gelingt. Die Bearbeitung narzisstischer Anteile scheitert aber gerade dann, wenn Begrenzungen nicht akzeptiert werden können und trotzig auf den Versprechungen des Größenselbst beharrt wird. Das könnte auch für das Ausleben bisexueller Vorstellungen gelten.

Die Melancholie ist das Gegenstück des Narzissmus. „Narzissmus impliziert Vollkommenheit und Allmacht…Melancholie nötigt uns, unser Ichideal zu überdenken. Allgemein zwingt sie uns dazu, unsere existentielle Haltung gegenüber dem Tod und der Sexualität zu überdenken, mit einem Wort: unsere Haltung gegenüber dem, was Lacan als symbolische Kastration bezeichnet hat. In all ihrer Trauer eröffnet uns die Melancholie damit dennoch eine Möglichkeit der Veränderung“ (Verhaeghe 2015, 56ff).

Soll einer ganzen Gruppe sexueller Identität, den Heterosexuellen, eine neurotische Hemmung unterstellt werden? Die Homosexuellen hatten sich doch gerade gegen eine solche Pauschalisierung gewehrt. Sollen die unterschiedlichen sexuellen Identitäten nur als eine Befreiung von unnötigen Grenzen dargestellt werden? Je mehr bisexuelle Anteile ausgelebt werden, desto vollständiger ist der Mensch? Begrenzungen haben ihren Sinn, gerade in Zeiten, in denen unbegrenzte narzisstische Möglichkeiten, gerade auch in der technisch reproduzierbaren Machbarkeitsillusion, als unkomplizierter Königsweg dargestellt werden soll (vgl. Metzger 2015). Aber Begrenzungen rufen immer Widerspruch hervor. Schon Freud hatte darauf hingewiesen, dass die Einsicht, dass das Ich nicht Herr in seinem eigenen Haus ist, dass also Handlungen wesentlich auch von unbewussten Anteilen bestimmt sind, zu einer der großen Kränkungen der Menschheit gehört (1917, 11).

Der selbstreflexive Bezug würde hier weiterhelfen. Die Überbetonung der Autonomie ist gerade auch durch ein Zurückweisen eines analytischen Zugangs zu gendertheoretisch motivierten Lösungen gekennzeichnet.

Die neuen Sexualitäten überschreiten nicht nur Grenzen und erschließen neue Möglichkeiten. Die Ablehnung der ödipalen Ordnung führt auch zu der Schwächung von Bindungen, der Angst vor Abhängigkeit und zu der fehlenden Sozialisierung der Aggression. Je mehr die Verknüpfung von Sexualität, Beziehung und Bindung zurücktritt, desto mehr treten Prozesse der Aggressivierung von Sexualität in der Vordergrund“ (Böllinger 2015, 612).

Man sollte sich nicht zu sehr von den schönen bisexuellen Bildern blenden lassen. Die Aussicht auf die Überwindung körperlicher Vorgaben und die Manipulationen in der Reproduktionsmedizin unterstützen Größenfantasien. Die destruktiven Folgen solcher Auflösungsprozesse werden gerne übersehen. Eine Erdung in Form struktureller Bindungen ist doch nicht zu unterschätzen.

Literatur:

Böllinger, L. (2015) – Soziopsychoanalytische Reflexionen zur gesellschaftlichen Konstruktion von Sexualität und neuen Beziehungsformen. Psyche – Z Psychoanal 69, 2015, 603-631.
von Braun, C. (2014) – Blutslinien – Wahlverwandtschaften. Genealogien aus psychoanalytischer und kulturhistorischer Sicht. Psyche – Z Psychoanal 68, 2014, 393-418
Butler, J. (2001) – Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Frankfurt, Suhrkamp.
Freud, S. (1917) – Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. GW XII. Frankfurt, Fischer.
Heenen-Wolff, S. (2015) – Normativität in der Psychoanalyse – eine Kritik. Psyche – Z Psychoanal 69, 2015, 585 – 602.
Maischberger, S. (2015) - http://www.daserste.de/unterhaltung/talk/menschen-bei-maischberger/sendung/mann-frau-egal-100.html.
Metzger, H.-G.. (2015) – Konflikte zwischen Psychoanalyse und Gendertheorien – Väter und die neuen Formen der Elternschaft. www.psychoanalyse-aktuell.de.
Naumann, T. (2015) – Kindliche Entwicklung, Familie und Pädagogik in der heterosexuellen Matrix. In: Aigner, J.C./Poscheschnik, G. (Hg.) – Kinder brauchen Männer. Gießen, psychosozial.
Quindeau, I. (2014) – Sexualität. Gießen. psychosozial.
Reiche R. (1997) – Gender ohne Sex. Geschichte, Funktion und Funktionswandel des Begriffs ‚Gender‘. Psyche – Z Psychoanal 1997, 926-957
Sielert, H. (2001) – Gender Mainstreaming im Kontext einer Sexualpädagogik der Vielfalt. BZgA Forum 4-2001
Verhaeghe, P. (2015) – Narziss in Trauer. Das Verschwinden des Patriarchats. Wien, Turia + Kant.

 

14. August 2015

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Kommentare (2)

  • Heiko Gürke
    Heiko Gürke
    vor 3 Wochen
    Gender Ver(w)irrungen
    Für mich hört sich das an, wie der sexuelle Wunschtraum von Homosexuellen! Ich habe in meinem Leben immer viel Kontakt mit schwulen Männern und lesbischen Frauen gehabt, da ich ende der 80er, Anfang der 90er in der beginnenden Techno, Rave Community unterwegs war! Und wer sich ein wenig auskennt, weiß das in dieser Szene viele homosexuelle waren! Da ich offen und tolerant erzogen wurde, war es anfangs erstaunlich für mich das gerade in der Welt der elektronischen Musik und den dazugehörigen Clubs scheinbar mehr Schwule und Lesben waren, als bei anderen Musik bzw. Feierszenen. Aber das bereitete mir keine Probleme, ganz im Gegenteil machte das gerade auch die besondere Stimmung und den Flair der Techno und Rave Szene aus! Und dadurch lernte ich viele homosexuelle Männer und Frauen kennen und mit einigen entstanden enge Freundschaften! Eine Tendenz fiel mir interessanterweise bei eigentlich allen fest und das war das infrage stellen meiner ausschließlich heterosexuellen Ausrichtung! Das war immer wieder Thema und ich bemerkte diese Tendenz tatsächlich bei allen. Und die Infragestellung, oder Charakterisierung der Heterosexualität passt in diesem Kontext genau ins Bild! So wie ich nur den Kopf schütteln kann, wenn ich immer noch von manchen Menschen höre Homosexualität sei eine Sache der Erziehung und man könnte sie durch bestimmte Maßnahmen wieder beenden und solch einen Unsinn, so geht es mir genauso wenn ich heute lese, daß Heterosexualität durch ihre Beschreibung als Norm, oder ihrer Bezeichnung als richtig und alles andere sei falsch, den (jungen) Menschen sozusagen fälschlicherweise aufgedrängt wird. Das ist in meinen Augen tatsächlich völliger Unsinn!
    • Elias Pran
      Elias Pran
      vor 3 Wochen
      Aus eigenen Ängsten soll man keine missionarische Aufgabe machen
      Es geht nicht um richtig oder falsch. Für mich geht es vielmehr um die Wahrnehmung eigener psychischer Entwicklung, um die Zusammenhänge zwischen dem was ich geworden bin und der frühkindlichen Erfahrung in meiner Familie. Es geht vor allem um die Frage, wie war die elterliche Beziehung und wie ist es mit der unbewussten Identifikation mit der Mutter und dem Vater (oder der dritten Person überhaupt) gewesen. Wir alle haben unsere Entwicklungspunkte, an denen wir mehr oder weniger psychische Fixierung wahrnehmen und unsere lebenslangen Themen, die uns in den Beziehungen bewusst werden. Und wenn in der frühkindlichen Entwicklung die dominante Mutter aus manipulativen, selbstüberhöhenden oder depressiven Gründen es dem Kind schwer macht, sich von der Mutter emotional zu distanzieren, weiter zu entwickeln und gleichzeitig der Vater schwach, abwesend, desinteressiert oder sogar verächtlich sich dem Kind gegenüber verhält, dann kann sich das Kind aus der unbewussten Identifikation mit der Mutter nicht lösen. Eine Subjekt-Objekt-Differenzierung und die Wahrnehmung der Getrenntheit gelingt dann nur partiell oder gar nicht. Nach der klassischen Vorstellung der psychischen Individuation ist aber diese Fähigkeit eine wichtige Voraussetzung für ein innere Autonomie, eine gute Ich-Wahrnehmung und ein Ich-gesteuertes Leben. Ansonsten bleiben die hilflosen Mechanismen der Identifikation mit der Mutter (betont weibliche, einfühlsame, dienende, zugewandte etc. Rolle in homosexuellen Beziehungen) oder ein hilfloser Versuch sich mit der Vorstellung vom Vater als einer eher aggressiven, nach Außen orientierten, dominanten, bestimmenden Person zu identifizieren und in homosexuellen Beziehungen sich als von der Mutter getrenntes Subjekt zu erleben. Beide Versuche sind auf die Ablösung ausgerichtet und nicht aus einer inneren Unabhängigkeit zu einem anderen ebenfalls weitgehend autonomen Subjekt in den Kontakt zu treten.
      Das ist weder vorurteilend noch entwertend gemeint ! Aber man muss sich z.B. in der Lehranalyse diesen Gefühle, abgewehrten Ängsten (z.B. verschlungen zu werden) und der eigenen Geschichte stellen. Es muss sich nichts oder nicht viel ändern, aber die eigenen Schwierigkeiten mit dem eigenen Leben produktiv, selbstbestimmt und reif umzugehen muss man nicht als eine besondere Gabe vor sich tragen oder prallen. Auch die Künstler müssen nicht leidend sein, um gute Kunst zu machen. Man kann mit seiner Geschichte auch gut leben, ohne daraus eine Ideologie zu machen. Und darüber hinaus, noch zu verlangen, dass man für seine Entwicklungsmühen noch einen besonderen gesellschaftlichen Stellungwert und missionarisch aufklärerische Anerkennung bekommt, halte ich für vermessen. Die narzistisstische Selbstüberhöhung ist auch ein hilfloser Abwehrmechanismus der Angst und einer tiefen Unsicherheit.