Sigmund Freud - ein Porträt zu seinem 150. Geburtstag
Ann-Kathrin Scheerer *
Wenige haben unser Menschenbild so fundamental verändert
wie Sigmund Freud. Nicht mehr gottgewolltes Schicksal
oder biologischer Instinkt - nein: Konflikte beherrschen
uns, solche zwischen Sexualität und Schuldgefühl,
Aggression und Strafangst, Phantasie und Realität,
Libido und Frustration, Triebhaftigkeit und Kulturanspruch,
Wille und Hemmung. Unsterbliche Kinderwünsche begleiten
und bestimmen uns lebenslang, und es ist deren individuelles
Schicksal, das den Menschen zufrieden, krank oder böse
machen kann. Glücklich zu sein, schrieb Freud,
ist im Plan der Schöpfung für den Menschen
nicht vorgesehen, und obwohl jede seelische Anstrengung
dem Streben nach Lust dient, ist Glück ein bloß
episodisches Phänomen, das nur im Kontrast zum
Leiden genießbar ist. Freud hat nicht das Unbewußte
entdeckt, von den verdunkelten Bühnen unserer Seele
weiß die Literatur und Philosophie seit der Antike.
Was Freud zum einzigartigen Denker des 20. Jahrhunderts
macht, ist seine Systematisierung des Zugangs zum Unbewußten
und die Entwicklung einer Verstehens- und Heilmethode
auf dieser Grundlage: der Psychoanalyse. Skandalös
und subversiv erschien vielen seine Entdeckung, daß
der Mensch von allem Anfang an ein triebhaftes, sexuelles
Wesen sei mit Neugier und Forscherdrang, mit vielen
Möglichkeiten der Lustgewinnung aus den noch nicht
zur erwachsenen Genitalität integrierten, "polymorph-perversen"
Teilaspekten der Sexualität (ein Mensch, so Freud,
werde nicht im Laufe der Entwicklung pervers, er bleibe
es aufgrund von neurotischen Entwicklungshemmungen.)
Die Entdeckung des Geschlechtsunterschieds führe
zu infantilen Sexualtheorien, zu Kastrationsangst und
Penisneid.
Freud bewies uns die Unsterblichkeit der infantilen
Sehnsüchte durch die von ihm begründete Methode
der Traumdeutung, dem Königsweg zum Unbewußten:
in den Träumen tauchen die verbotenen Wünsche
in verschleierter Form wieder auf, der mit ihnen verbundene
peinliche Affekt erforderte einstmals ihre Verdrängung,
aber sie fordern ihr Recht auf Anerkennung - das Verdrängte
will wiederkehren, es gibt sich nicht verloren. Es geht
um diese subjektive Wahrheit, die sich in Krankheitssymptomen
einen kompromißhaften und leidvollen Ausdruck
gesucht hat. Es ist die verschüttete Wahrheit und
deren Wiederaufdeckung, die neurotischen Leidensdruck
in normales lebbares Unglück verwandelt. Freud
systematisierte das Unbewußte, indem er seine
Funktionsweisen entdeckte. Die Psychoanalyse nannte
er eine weltliche Seelsorge. Traumdeutung und Selbstanalyse
waren die Wege, auf denen er uns das theoretische und
methodische Handwerkszeug für die bis heute humanste
und nachhaltigste Form der Behandlung seelischen Leidens
hinterließ, an der das schmerzhafteste die Selbsterkenntnis
ist. Wir verdanken Freud die Einsicht, daß es
keinen anderen Trost gibt als die Anerkennung von Realität
und Wahrheit. Sein eigenes Leben war - neben seiner
epochemachenden Arbeit - reich an Krankheit, Schmerzen
und Leid.
Zur Beerdigung seiner Mutter, die 95-jährig gestorben
war, ging Freud nicht. Er war selber bereits ein alter
Mann von 74 Jahren, - er schickte Tochter Anna - aber
hinter dieser unkonventionellen Verweigerung mag doch
mehr stecken. "Es hat merkwürdig auf mich
gewirkt, dies große Ereignis. Kein Schmerz, keine
Trauer, was sich wahrscheinlich aus den Nebenumständen,
dem hohen Alter, dem Mitleid mit ihrer Hilflosigkeit
am Ende, erklärt, dabei ein Gefühl der Befreiung,
der Losgesprochenheit, das ich ja auch zu verstehen
glaube. Ich durfte ja nicht sterben, solange sie am
Leben war, und jetzt darf ich."
Seine Mutter Amalie hatte von ihrem Großen, dem
erstgeborenen Sigismund Schlomo - mit 16 Jahren verkürzte
Freud seinen Vornamen auf Sigmund - stets etwas Großes
erwartet, und Freuds Fleiß und Entdeckerfreude
motivierte sich womöglich auch aus dem Wunsch,
die Mutter mit seinem Lebenswerk endlich zufrieden zu
stellen. Viel exklusive zärtliche Zuwendung wird
er als kleines Kind nicht von ihr bekommen haben, denn
die Mutter erwartete in jedem der folgenden sieben Jahre
ein weiteres Kind. Und nicht nur das: der nächstgeborene
Bruder Julius starb noch als Säugling und später
deutet Freud selbst die Schuldgefühle, die für
ihn mit dem Tod des zu früh eintreffenden Rivalen
verbunden waren. Die Mutter trauerte zu der Zeit auch
um ihren verstorbenen eigenen Bruder, so daß Sigmunds
affektiver Zugang zur Mutter durch deren Traurigkeit
und Depression verstellt gewesen sein mögen. Sicher
waren all diese Umstände gerade auch für die
damalige Zeit nicht ungewöhnlich, aber - Freuds
eigenen Entdeckungen folgend - in jedem Einzelfall psychisch
dennoch folgenreich. In der Selbstanalyse fand Freud
die Spuren seines Zorns auf die Mutter, die sich mit
anderen Babies beschäftigt. Zu früh schon
"der Große" sein zu müssen, hinterläßt
eine wütende Enttäuschung, die man in Freuds
Leben im Umgang mit "Brüdern" übrigens
wiederfindet: seine Anhänger bewunderten ihn, eiferten
ihm nach, durften seine Schüler sein, streckenweise
auch seine idealisierten Freunde, aber sobald sie gleichberechtigte
"Brüder" werden wollten, starben sie
in Freud den seelischen Rivalentod. (Gleichwohl gibt
ihm die Geschichte der Psychoanalyse durchaus darin
recht, daß seine Entdeckungen immer wieder Gefahr
laufen verleugnet, verneint, verharmlost zu werden.
Dem Verdrängungswunsch ist auch die psychoanalytische
Theorie immer wieder ausgesetzt.) Die wechselseitige
Idealisierung zwischen Freud und seiner Mutter war gewiß
gut geeignet, Enttäuschung und Zorn abzuwehren,
und die Entfremdung zwischen beiden zu verleugnen. Freud,
der lebenslang Todesangst und zwanghafte Todesahnungen
hatte, litt unter dem Gefühl, für seine Mutter
leben und streben zu müssen. Ihre Beziehung war
konventionell und ritualisiert, jeden Sonntag besuchte
er sie. Das letzte Ritual verweigerte er.
Der "goldene Sigi" sollte für die Mutter
vielleicht auch wettmachen, was Freuds Vater Jakob nicht
geschafft hatte: Erfolg und Ansehen. Er war ein armer
jüdischer Kaufmann, zwanzig Jahre älter als
seine dritte Ehefrau, die so alt war wie seine Söhne
aus erster Ehe, die in den ersten Lebensjahren Freuds,
schon mit eigenen Kindern, in familiärer Nähe
lebten. Freud war also früh im Leben mit verwirrenden
Verwandtschafts- und Generationenverhältnissen
konfrontiert, auch mit irritierenden affektiven Anziehungen
zwischen seiner Mutter und seinen erwachsenen Halbbrüdern.
Die Errichtung des Inzesttabus und seine Verletzungen
wurden in seinem Theoriegebäude zu einer zentralen
und potentiell traumatischen Entwicklungsschwelle.
Als kleiner Junge hörte Freud von seinem Vater
die Geschichte von dessen Demütigung: in einer
antisemitischen Attacke auf offener Straße war
dem Vater die Mütze vom Kopf geschlagen worden,
nachdem er vom Bürgersteig gedrängt worden
war. "Was hast du dann getan?" fragte Freud
seinen Vater und der habe geantwortet: ich hob die Mütze
auf, klopfte sie ab und ging weiter. Diese Erzählung
enthält in prägnanter Kürze die Inhalte
weiterer konflikthafter Lebens- und Forschungsthemen
Freuds. Obgleich er nie religiös war, fühlte
er sich als "in der Hauptsache" Jude, auch,
aber nicht nur wegen des ihn und seine Familie lebenslang
begleitenden und bedrohenden Antisemitismus. Mit seinem
jüdischen Erbe verband er das Ziel der Geistigkeit,
der Sublimierung der Triebwünsche. Sein Vater,
so schrieb er nach dessen Tod, sei "von großer
Weisheit" gewesen, auch wenn dem Jungen der Vater
als Rächer und Held gefehlt hat. Freud hatte in
seiner Selbsterforschung und in der Arbeit mit Patienten
das Bedürfnis des kleinen Jungen entdeckt, sich
mit dem Vater als heldenhaftem Vorbild identifizieren
zu können, nachdem er ihn zuvor in dem unsterblichen
Kinderwunsch, der Einzige für die Mutter zu sein,
noch weggewünscht hatte. Die antisemitische Wirklichkeit,
die den Vater sehr real wegwünschte und erniedrigte,
machte es Freud schwer, den individuellen, von ihm später
so genannten Ödipus-Konflikt zu durchleben, an
dessen gutem Ende die Anerkennung steht, daß die
Eltern das Paar sind, von dem das Kind in Geborgenheit
und realistischer Freiheit von Idealisierungen ausgeschlossen
ist. Freud hat sich stets ein Idealisierungsbedürfnis
bewahrt, dessen Kehrseite die emotionale Distanz sein
mußte. Nach dem Tod seines Vaters, der "sich
wacker gehalten (hatte) bis zum Ende" fühlte
er sich "recht entwurzelt" und war fast erstaunt
über seine emotionale "Ergriffenheit".
Eine weitere Gefühlserschütterung hatte Freud
in der Kindheit zu bewältigen. Seine Kinderfrau
Monika, die in seinen ersten drei Lebensjahren als Ersatz
für seine mit den anderen Kindern vielbeschäftigte
Mutter seine wichtigste Bezugsperson war, wurde von
einem Tag auf den anderen mit dem Vorwurf aus dem Haus
gejagt, sie habe einige Dinge aus dem Besitz des Kindes,
die man in ihrem Zimmer gefunden hatte, gestohlen. Sie
kam deshalb sogar für drei Wochen ins Gefängnis.
Der plötzliche Verlust seiner emotionalen Stütze,
gepaart mit Schuldgefühlen - wer weiß, ob
die "gestohlenen" Dinge nicht Liebesgaben
des kleinen Sigmund an seine Kinderfrau gewesen waren
-, die Skandalisierung und Bestrafung seiner Liebe -
all das hat sicherlich überwältigend beängstigend
auf den Dreijährigen gewirkt, zumal er keinen Ersatz
fand, außer die distanzierte Idealisierung seiner
Mutter. Bis heute werden die Auswirkungen solch einer
doppelten Bemutterung in der frühen Kindheit -
sei es durch Kinderfrau oder Kinderkrippe - und des
zwangsläufig eintretenden Verlusts einer dieser
Mütter(funktionen) trotz brennender Aktualität
nicht ausreichend beachtet. Für Freuds eigenes
Denken war seine klinische Beobachtung zentral, daß
so viele Männer Schwierigkeiten haben, in ihrem
erwachsenen Liebesleben die früh getrennten zärtlichen
(idealisierenden) und sinnlichen (sexuellen) Bedürfnisse
in einem befriedigenden Liebesleben mit einer Frau -
mit einer Frau - wieder zusammenzuführen. Wo sie
lieben, begehren sie nicht und wo sie begehren, können
sie nicht lieben. Sigmund Freud war bezüglich dieses
Aspekts seines Privatlebens diskret, er griff zur Selbstenthüllung
nur, wenn sie seiner Sache half, strebte eher nach kultivierter
Sublimierung der doch auch mit Beunruhigung betrachteten
sexuellen Triebe - einer Beunruhigung, die natürlich
auch durch die von körperfernen und homosexualitätsängstlichen
Müttern erzogene und durch väterliche Übergriffe
verletzte Töchter an ihre Liebhaber weitergegeben
wird. Freud, der den damals wie heute grassierenden
sexuellen Mißbrauch in der Kindheit als Ursache
psychischer Erkrankungen anerkannte, später auch
beunruhigenden sexuellen Phantasien eine pathogene Wirksamkeit
zusprach - in beiden Fällen kann der intrapsychische
Reizschutz traumatisch durchbrochen werden -, glaubte
an Sublimierungs- und Kultivierungsanstrengungen als
Ausweg aus den zerstörerischen Triebhaftigkeiten
im Menschen. Das unvermeidliche Unbehagen in der Kultur
basiert auf dem von der Zivilisation, stets aufs neue
geforderten Verzicht auf unmittelbare Befriedigung libidinöser
und aggressiver Bedürfnisse. Daß Freud Genuß
an seiner Arbeit hatte, ist unbezweifelbar. Seine schöne
und literarisch-verführerische Sprache, die so
manche Unklarheit charmant kaschiert ohne zu verärgern,
läßt deutlich erkennen, wieviel Libido hier
sein Antrieb war. Er beschrieb den sexuellen Konflikt
wie keiner vor und nach ihm. Er fürchtete, daß
ein Mann, der "im Liebesleben wirklich frei und
damit auch glücklich werden soll, den Respekt vor
dem Weibe überwunden, sich mit der Vorstellung
des Inzest mit Mutter oder Schwester befreundet haben
muß. Wer sich dieser Anforderung gegenüber
einer ernsthaften Selbstprüfung unterwirft, wird
ohne Zweifel in sich finden, daß er den Sexualakt
im Grunde doch als etwas Erniedrigendes beurteilt, was
nicht nur leiblich befleckt und verunreinigt. Die Entstehung
dieser Wertung, die er sich gewiß nicht gerne
bekennt, wird er nur in jener Zeit seiner Jugend suchen
können, in welcher seine sinnliche Strömung
bereits stark entwickelt, ihre Befriedigung aber am
fremden Objekt fast ebenso verboten war wie die am inzestuösen."
An der Aufgabe, einzusehen, daß er trotz aller
leidenschaftlicher und idealisierender Liebe zur Mutter
ein für sie zu kleiner und niemals in Frage kommender
Liebhaber ist, daß er Zorn und Enttäuschung
überwinden und aus der körperlichen Liebe
ein Zukunftsprojekt machen muß, bis er an einer
zu ihm passenden Frau seine Ambivalenzen schlichten
kann, scheitern laut Freud unzählige Männer
wegen dieser ihrer "psychischen Impotenz".
Die massenhaften Phänomene der sexuellen Männerwelt
wie Perversionen, Pornographie, Prostitution, Pädophilien
und sexuelle Gewalt gegen Kinder geben Freuds illusionslosem
Blick recht.
"Das Ich ist zuallererst ein körperliches"
schrieb Freud - und bekräftigte damit die körperliche
Repräsentanz eines jeden seelischen Ereignisses,
- eine unauflösliche Verbindung, mit der sich heute
die Neurobiologen wieder befassen, hundert Jahre nach
Freud und ein später Triumph für ihn. (Für
den Nobelpreis, den er zu Recht erhoffte, war er unter
anderem sogar von Thomas Mann vorgeschlagen worden,
aber er hat ihn nie bekommen.) Wenn eine emotionale
Erschütterung keinen bewußten gedanklichen
und affektiven Ausdruck finden kann, wird sie im Körper-Ich
zurückgehalten und kann ein Organ "befallen"
- eine psychosomatische Krankheit entsteht. Verleugnete
und unverarbeitet gebliebene Trauer um erlittene Verluste,
unbewußte Aggressionen und Schuldgefühle,
verdrängte erregende Triebwünsche können
zum unerkannten Inhalt von körperlichen Symptomen,
von Schmerzen und Entzündungen werden. Auch Sigmund
Freud war davor nicht gefeit. Die Liste seiner körperlichen
Erkrankungen und auch die seiner neurotischen Symptome
ist lang und wurde von ihm selbst freimütig in
seinen vielen Briefen jeweils aktualisiert.
Wir wissen, daß er bis ins neunte Lebensjahr ein
Bettnässer war und auch noch als Erwachsener von
Inkontinenz- und Ohnmachtsanfällen erschreckt wurde.
Freud war häufig krank und eigentlich Zeit seines
Lebens von Schmerzen geplagt. Oft spricht er von Herzrhythmusstörungen
und Atemproblemen, von Depressivität und Todesangst,
von Grippen, von Migräne, deren Ätiologie
und periodisches Auftreten er mit seinem zeitweiligen
und fachlich von ihm überschätzten Freund
Wilhelm Fließ zusammen immer wieder kurios deutete;
Magenschmerzen, Verdauungsstörungen, leichter Typhus,
Angina und Pocken. Naseneiterungen mit zwei Operationen
(inklusive Kunstfehler) durch Fließ, Prostatabeschwerden
und Rheumatismus, heftige Krebsangst und schließlich
dann wirklich Krebs am Gaumen, in der Mundhöhle,
was im Laufe von vielen Operationen am Ende auch zur
Entfernung eines Teils des Kieferknochens führte
- Essen und Sprechen waren für ihn, auch durch
die Kiefer-Prothese, nie mehr schmerzfrei. Zwischen
1923 und 1928 mußte er mehr als 350 mal seinen
Chirurgen konsultieren. Und 1924 schreibt Freud zermürbt:
"Das Richtige wäre, Arbeit und Verpflichtungen
aufzugeben, und in einem stillen Winkel auf das natürliche
Ende zu warten
". Das Rauchen von Zigarren,
den "behaglich warme(n) Strom der Rauch-Milch",
gab Freud, nach einigen fehlgeschlagenen halbherzigen
Versuchen, trotz Einsichten und Todesangst aber nicht
mehr auf. Die Angst vor Krankheiten war - damals noch
mehr als heute - natürlich auch eine Realangst
und nicht nur neurotisch-übertrieben: 1920 starb
Freuds Lieblingstochter Sophie 27-jährig an Grippe,
drei Jahre später ihr kleiner Sohn Heinele im Alter
von vier Jahren ebenfalls. Der Verlust war ihm nicht
zu verschmerzen und Freud beschrieb - dem Unerträglichen
ein notdürftiges Gewand gebend: "Der Verlust
eines Kindes scheint eine schwere narzißtische
Kränkung; was Trauer ist, wird wohl erst nachkommen."
Seine Arbeitsfähigkeit zu erhalten, war vielleicht
das zwingende Motiv, seelischen Schmerz in einen körperlichen
zu verwandeln, mit dem er einigermaßen leben konnte.
"Alles schön leis auf die dreitägige
Migräne. Von diesem Bedauern abgesehen, gehört
dieser Brief der Wissenschaft. (
) In einer fleißigen
Nacht der verflossenen Woche, bei jenem Grad von Schmerzbelastung,
der für meine Hirntätigkeit das Optimum herstellt,
haben sich plötzlich die Schranken gehoben, die
Hüllen gesenkt, und man konnte durchschauen vom
Neurosendetail bis zu den Bedingungen des Bewußtseins.
Es schien alles ineinanderzugreifen, das Räderwerk
paßte zusammen, man bekam den Eindruck, das Ding
sei jetzt wirklich eine Maschine und werde nächstens
auch von selber gehen. (
)Ich weiß mich vor
Vergnügen natürlich nicht zu fassen."
Freud arbeitete, wenn er nicht wirklich wegen Krankheit
nicht konnte, täglich/nächtlich zwischen zehn
und zwölf Stunden, unterbrochen durch Mahlzeiten
im Familienkreis zu festen Zeiten. Seine Frau Martha
und deren Schwester Minna führten den Haushalt.
In der langjährigen Verlobungszeit mit Martha,
die weit weg in Hamburg lebte und deren Mutter vom zukünftigen
Schwiegersohn vor der Einwilligung zur Hochzeit erst
den Beweis verlangte, daß seine finanziellen Mittel
für eine Familiengründung ausreichen würden,
schrieb Freud zärtliche und leidenschaftliche Briefe,
gab ihr Erklärungen zu seiner wissenschaftlichen
Arbeit und beteuerte seine grenzenlose Sehnsucht nach
ihr. Die beiden bekamen sechs Kinder, und inwieweit
Martha als seine Ehefrau noch Einblick und Interesse
für seine Arbeit aufbringen konnte, wissen wir
nicht; Minna ersetzte sie vielleicht als gelegentliche
Gesprächspartnerin, später dann hatte Freud,
der den intellektuellen Austausch mit Frauen und Kolleginnen
suchte und schätzte, aber doch in der eigenen Familie
eine Gesprächspartnerin gefunden: seine Tochter
Anna. Heute gilt es als psychoanalytische Unmöglichkeit
und inzestuöse Grenzverletzung, daß Freud
seine Tochter schließlich auch selber analysierte
- damals, in diesen kämpferischen und ehrgeizigen
Pionierzeiten ging es in den psychoanalytischen Verhältnissen
allerdings sowieso ziemlich bunt durcheinander, die
Vater-Tochter-Analyse war genauso wenig ein Skandal
wie die Mutter-Tochter-Analyse Melanie Kleins oder die
"prophylaktischen" Analysen von Analytikerkindern
durch Kollegen. Die Analysen waren eher kurz und theoriegeleitet,
weniger affekt- und übertragungsorientiert als
heutzutage. Es gab noch keine Beziehungs-Psychologie'.
Anna Freud machte sich als Analytikerin und Begründerin
der Kinderanalyse selber einen großen Namen und
enttäuschte die Erwartungen ihres Vaters nicht.
Sie wurde seine Vertraute und Begleiterin, seine Nachfolgerin
und Stellvertreterin, am Ende seine Krankenpflegerin.
Geheiratet hat sie nie und Freud war bewußt, daß
ihr Verzicht auf Ehe und Kinder ein Opfer an ihn und
die Psychoanalyse war.
Freuds Schwestern wurden in Konzentrationslagern der
Nazis ermordet, er selber floh in letzter Minute mit
Hilfe Marie Bonapartes, seiner ehemaligen Patientin
und Schülerin, nach London. Seine Bücher waren
in Deutschland und Österreich verbrannt worden,
die Psychoanalyse als jüdische Wissenschaft gebrandmarkt.
"Die Behandlung durch die Gestapo kann ich wärmstens
empfehlen" schrieb er nach einer Verhaftung durch
die Geheimpolizei ironisch auf deren Geheiß, ihr,
seinen Todfeinden, korrektes Verhalten' zu attestieren.
Erst als sein liebstes Kind Anna ebenfalls von der Gestapo
zum Verhör geholt wurde, erkannte Freud, daß
es Zeit war, das Gefängnis Wien zu verlassen, um
jedenfalls "in Freiheit zu sterben". In London
blieben Freud noch 15 Lebensmonate, die er nach außen
stoisch gegenüber unerträglichen Schmerzen
mit Arbeit an seinem Lebenswerk füllte. Wir können
nur ahnen, welches Ausmaß an Trauer und Melancholie
er mit sich nahm, als er im September 1939 mit Annas
Einverständnis seinen Arzt Max Schur bat, ihn mit
einer Überdosis Morphium vom Lebensleid zu befreien.
Er starb 12 Jahre vor seiner Frau Martha.
Die Psychoanalyse wird als Heilmethode vom heutigen
Zeitgeist manchmal in Frage gestellt - dauert sie nicht
zu lange und sind, gemessen am Aufwand, ihre Heilerfolge
nicht zweifelhaft? Es gibt einen Witz, der das zum Thema
hat, der, so falsch er inhaltlich ist, doch einen zentralen
Aspekt der Wirkweise einer analytischen Kur thematisiert:
Ein Mann, der wegen Bettnässens einen Psychoanalytiker
aufsucht, trifft nach vielen Jahren der Behandlung einen
Freund wieder. Na, machst du jetzt nicht mehr
ins Bett?' fragt der ihn. Doch, doch, ich mach
schon noch ins Bett', antwortet er, aber es kränkt
mich nicht mehr'. Die gelingende Psychoanalyse gibt
sich nicht zufrieden mit der bloßen Befreiung
vom Symptom - wiewohl das selbstverständlich auch
ihr Ziel ist und sein muß -, sie erreicht vielmehr
auch die Toleranz nach innen, die Versöhnung mit
dem zweifelvollen Selbst, den selbstironischen und melancholischen
Blick auf unsere Fehler, Schwächen und Enttäuschungen
- bekanntlich die Bedingung, um dem Fremden in uns und
in Anderen mit Neugier und Gnade zu begegnen und die
Grenzen innen und außen dort zu ziehen, wo sie
hingehören.
Juli 2006
* Autorin: Ann-Kathrin Scheerer, Diplom-Psychologin,
niedergelassene Psychoanalytikerin in Hamburg
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