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"Die Bedeutung der Psychoanalyse heute"

Einige subjektive Noten

Die Redaktion von "Psychoanalyse-aktuell" hat einige Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern der "Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung" (DPV) gebeten aufzuschreiben, welche Bedeutung die Psychoanalyse für sie heute hat. Der Beitrag sollte kurz und durchaus mit einer subjektiven Note versehen sein. Wir stellen die ersten dieser Kurz-Beiträge auf den folgenden Seiten in der Reihenfolge des Eingangs bei der Redaktion vor und hoffen, den Lesern von "Psychoanalyse aktuell" weitere Noten vorstellen zu können.

Frankfurt a. M., 4. Dezember 2008
Die Redaktion

 

Angelika Ramshorn-Privitera, Frankfurt a. M.

"Die Bedeutung der Psychoanalyse heute"

So umstritten die Psychoanalyse seit ihren Anfängen sein mag, sie ist als Wissenschaft aber auch als Profession aus dem Leben und Denken in einer modernen Welt nicht wegzudenken. Denn die Entstehung unserer Zeit, der Moderne, ist mit der Herauslösung des Menschen aus seiner traditionell-religiösen Verwurzelung einhergegangen und hat ein Menschenbild hervorgebracht, das von Individualität und Selbstbestimmung geprägt ist. An die Stelle der Zwiesprache des Menschenkindes mit seinem Gott ist die Selbstreflexion des autonomen Individuums getreten, und es ist das Prinzip der individuellen Subjektivität, das dem Zusammenleben der Menschen nunmehr zugrunde liegt.

Diese Welt "braucht" deshalb eine Wissenschaft vom Individuum und seiner Subjektivität, und hier ist die Psychoanalyse gewiss die am weitesten entwickelte Wissenschaft. Sie ist nämlich die einzige, die sich - im Unterschied zu den Naturwissenschaften - der Herausforderung gestellt hat, die menschliche Subjektivität als eine symbolisch vorstrukturierte, innere Welt zu erforschen und so die Einzigartigkeit des individuellen menschlichen Erlebens zu erfassen.

Wir "brauchen" deshalb diese Wissenschaft so wie Kinder Märchen brauchen, um den amerikanischen Psychoanalytiker Bruno Bettelheim zu zitieren. Eine moderne Welt ohne Psychoanalyse wäre wie ein Kinderzimmer ohne Geschichten, wäre ohne Angebot für teilhabende Strukturierung von subjektiver Erfahrung. Es würde ihr gerade diejenige Wissenschaft fehlen, die mit ihren Konzepten gleichsam die besten "Geschichten" über das Leben in einer modernen Gesellschaft zu bieten hat: Geschichten von Lust und Leiden an Triebschicksalen, von mühsamer Individuation und schmerzlicher Identitätsfindung.

Stand Freuds genialer Entwurf einer psychoanalytischen Metapsychologie noch im Zeichen eines gewaltigen Individualisierungsschubes in der patriarchalen Ordnung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, so fanden in der Folge mit der Objektbeziehungstheorie und den Narzissmuskonzepten zunehmend Fragen der Identitätsbildung und des Selbstgefühls Eingang in die psychoanalytische Theoriebildung. Vor dem Hintergrund der zunehmenden gesellschaftlichen Entwurzelungsprozesse der letzten Jahrzehnte -der immer größeren Anforderungen an Mobilität, der immer geringeren Beständigkeit in den familiären Strukturen (Zunahme von Scheidungen, von Ein-Eltern- und sogenannten Patch-work-Familien) - ist es vielleicht kein Zufall, dass gerade die Bindungstheorie auch über die Psychoanalyse hinaus an Bedeutung gewonnen hat.

Trotz der unverzichtbaren Erkenntnisse, die die Psychoanalyse der modernen Welt zu bieten hat, ist sie von Beginn an auf Skepsis und Widerstände gestoßen und hat sich stets in Distanz zum gesellschaftlichen Mainstream wiedergefunden. War diese Distanz anfangs noch im Beharren der Psychoanalyse auf der frühkindlichen Sexualität und der menschlichen Triebnatur begründet, so liegt sie heute in ihrem Beharren auf der unabweislichen Notwendigkeit von Bindung und Beziehung sowie auf dem Erhalt eines intersubjektiven Raumes, der allein seelisches Wachstum befördern kann.

Wie die Psychoanalyse sich in der Gegenwart am besten Gehör verschaffen kann, wie sie sich im dringend nötigen wissenschaftlichen Dialog und als Profession in der Gesundheitsversorgung behaupten kann, wie die psychoanalytische Ausbildung zeitgemäß gestaltet werden kann - mit all diesen Fragen stecken wir in einem Prozess von Veränderung, dessen Ausgang offen ist. Diese Veränderungen sind - nicht nur, aber auch - als Fortschritt beschreibbar, der sowohl Verluste wie Bereicherungen mit sich bringen wird.

"Wenn die Vergangenheit aufhört, ihr Licht auf die Zukunft zu werfen, tastet der Verstand im Dunkeln", schrieb Alexis de Tocqueville, der leidenschaftliche und brilliante Analytiker der modernen Demokratie, schon 1835. Diese Diagnose bezog sich auf die Verunsicherung der Gesellschaft seiner Zeit infolge der Umwälzung vom Primat der Tradition in der Adelsgesellschaft zum Primat des Fortschrittsgedanken in der Bürgerdemokratie. In Tocquevilles Metapher ist die Angst ebenso enthalten wie die Bereitschaft, auf Neues zu stoßen.

Auch in der Psychoanalyse ist die Bedeutung mancher Ideen, die für immer Licht auf ihre wissenschaftliche Zukunft zu werfen schienen, verblaßt, und wir stehen stattdessen vor der Notwendigkeit, uns vorzutasten zum Entwurf einer zeitgenössischen Psychoanalyse -einer Psychoanalyse, die ihre Konzepte weiter entwickelt, die fähig wird zum Dialog mit anderen Wissenschaften und die das Licht der Überprüfung dessen, wie in ihr wissenschaftlich gedacht und wie professionell gehandelt wird, nicht scheut.

Zur Autorin: Angelika Ramshorn-Privitera ist Diplom-Psychologin und Psychoanalytikerin in eigener Praxis in Frankfurt am Main; sie ist zudem die Vorsitzenden des "Frankfurter Psychoanalytischen Institut e.V." (FPI).
April 2008

 

Mahrokh Charlier, Frankfurt a. M.

"Die Bedeutung der Psychoanalyse heute"

Die Beschäftigung mit gesellschaftlich und kulturell bedingten Konflikten -mit dem Unbehagen in der Kultur wie Freud es in seiner berühmten Arbeit nannte -ist immer ein wichtiger Themenbereich der Psychoanalyse gewesen. Die psychoanalytischen Überlegungen hierzu versuchen diese bewussten und unbewussten Konflikte innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Struktur verstehbar zu machen.

Ein dringliches Thema der heutigen Zeit ist die Migration, die mit vielschichtigen Konflikten einhergeht und vielen Menschen Unbehagen bereitet. Man kann hier von einem Unbehagen in der Kultur der neuen Zeit sprechen. Migration hat es zwar in allen Zeiten der Geschichte gegeben, aber durch die Globalisierung mit ihrer Beschleunigung von Zeit und Raum haben die Auswirkungen von Migrationsprozessen eine neue Dimension angenommen.

Migration hat nicht nur Auswirkungen auf die individuellen Schicksale, sondern sie beeinflusst beide Kulturen, zwischen der der Emigrant sich bewegt. Diese umfassen politische, gesellschaftliche und kulturelle Lebensräume. Die innere und äußere Veränderung, die Migranten im Verlauf eines Migrationsprozesses erfahren, haben ihre Auswirkung nicht nur auf die hiesige Kultur sondern auch auf die gesellschaftliche Struktur der jeweiligen Ursprungskulturen. Sie sorgen schleichend, zunächst unbemerkt für eine Veränderung der kulturellen Selbstverständlichkeit beider Kulturen. Durch ihre Erfahrungen in der neuen Umgebungskultur entwickeln Emigranten auch einen veränderten Blick auf ihre Herkunftskultur entwickeln und exportieren ihre neue Sichtweise auf die eine oder andere Art und Weise in ihre Herkunftsländer. Als Beispiel sei hier das Verhältnis der Geschlechter zueinander erwähnt. Diese wechselseitigen kulturellen Im- und Exporte gehen selbstverständlich nicht ohne Komplikationen mit der Mehrheit der Gesellschaft einher, wie z.B. Fremdenangst, Angst vor fremden Einflüssen und vor Entfremdung.

Die Migranten selbst fühlen sich häufig in inneren Wirrungen und Irrungen gefangen. Desorientierung, Fremdheitsgefühle, Verlustängste und Sehnsüchte sowie die daraus resultierende Verunsicherung des Identitätsgefühls sind Empfindungen, von denen sie sich in der Regel nicht befreien können. Sie befinden sich zwischen zwei Kulturen, einer familiären und einer außerfamiliären Kultur. Assimilation bedeutet nicht selten Vernachlässigung oder Verlust der Ursprungskultur. Das Festhalten an der Ursprungskultur bringt wiederum im Extremfall ein Leben im Ghetto mit sich.

Wie ist jedoch eine innere Beweglichkeit, ein Oszillieren zwischen zwei Kulturen möglich? Aus psychoanalytischer Sicht ist eine Integration dieser zwei Kulturen ohne Auseinandersetzung mit den ursprünglich verinnerlichten kulturellen Normen und Werten, deren ganzer Vielfalt an schwierigen aber auch wertvollen Aspekten, unmöglich. Dies setzt wiederum voraus, dass eine Auseinandersetzung mit der neuen Kultur, mit allem ihren individuell erlebten Schwächen und Stärken stattfindet. Ein sich wechselseitig beeinflussender Dialog aus zweiäugiger, bikultureller Perspektive, der im günstigsten Falle ein kulturelles Pendant des räumlichen Sehens ermöglicht, ein ähnlicher Vorgang wie der Wechsel und die Integration von Innen- u. Außenperspektive im psychoanalytischen Prozess.

Die Kindheit mit allen ihren bewussten und unbewussten Erfahrungen bildet die Wurzeln des Lebens, aber die heutige Realität braucht Licht und Wasser, um den Baum des Lebens in der neuen Kultur lebendig und fruchtbar zu halten. (Und deshalb Psychoanalyse...)

Zur Autorin: Mahrokh Charlier ist Diplom-Psychologin und Psychoanalytikerin in eigener Praxis in Frankfurt am Main.
August 2008

 

Manfred G. Schmidt, Köln

"Die Bedeutung der Psychoanalyse heute"

In Zeiten der immer noch zunehmenden Ökonomisierung unserer Welt hat die Psychoanalyse eine wichtige kontrapunktische Funktion:

  • durch die Berücksichtigung von tieferen, unbewussten Sinnzusammenhängen,
  • durch die Betonung von längerfristigen menschlichen Entwicklungsprozessen,
  • durch unsere Methode, langsam und sehr genau auch Kleinstspuren in zwischenmenschlichen Begegnungen zu beachten und
  • durch den konsequenten Versuch, die jeweils individuellen, subjektiven Bedingungen und ihre soziale Einbindung anzuerkennen.

Die Psychoanalyse bietet Räume und Orte der Entschleunigung bei der Begleitung und Interpretation von Prozessen des individuellen Lebensvollzuges an.
Dies gilt sowohl für den Bereich der Behandlung von psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Zwangserkrankungen, psychosomatische Krankheiten und Persönlichkeitsstörungen als auch für das Verständnis von kulturell-künstlerischen und gesellschaftlichen Prozessen.
Hierbei ist die Methodik der langsamen und auf Kleinstspuren ausgerichteten teilnehmenden Beobachtung des Analytikers ausschlaggebend. Der Analytiker ist immer ein Teil des Geschehens, das er beobachtet

Im klinischen Bereich bilden die nur scheinbar wahllosen "freien Assoziationen" des Analysanden zu seinen Symptomen, Träumen und Affekten allmählich ein Geflecht von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen, die zu einem neuen und tieferen Verständnis auch der unbewussten Motivationen führen. Dabei spielt die persönliche Beziehung des Analysanden zum Analytiker eine zentrale Rolle. In ihr bilden sich nach und nach fast alle krankmachenden affektiv-konflikthaften Probleme ab (das nennen wir die Übertragung) und dann können sie - sozusagen "vor Ort" und in Zeitlupe - bearbeitet und auch aufgelöst werden.

Es gibt inzwischen große empirische Langzeit-Wirksamkeitsstudien: Aus Schweden die STOPP Studie von R. Sandell (2001), aus England die TADS von D. Taylor (2005), aus Deutschland die DPV Katamnesestudie von M. Leuzinger-Bohleber (2001) und die PAL Studie von G. Rudolf (2001), die die Wirksamkeit der psychoanalytischen Therapie bei einer Vielzahl von psychischen Erkrankungen eindrucksvoll belegen.

Im Diskurs um die Interpretation von Filmen, in der Literatur und in der Bildenden Kunst hat die Rezeption von psychoanalytischen Gedanken und Konzepten stetig zugenommen. Auch in der Beurteilung einiger gesellschaftlich relevanter Phänomene gewinnt die Psychoanalyse wieder an Boden; so aktuell bei der Diskussion über die Bedeutung früher außerfamliärer Betreuung von Kindern.

Durch viele Befunde der neurobiologischen Forschung hat die Psychoanalyse in den letzten zehn Jahren eine unerwartete -allerdings von S. Freud immer erhoffte -Bestätigung gefunden. Dies betrifft u. a. ihr Verständnis von Träumen, Gedächtnis und Erinnerung sowie der Verarbeitung von lebensgeschichtlich traumatischen Erfahrungen.

Literatur:
Leuzinger-Bohleber M., Stuhr U., Beutel M., (2001): Langzeitwirkungen von Psychoanalysen und Psychotherapien. Eine multizentrische repräsentative Katamnesestudie. In: Psyche 55: 193-276
Rudolf G., Grande T., Dilg R. (2001): Strukturelle Veränderungen in psychoanalytischen Behandlungen. Zur Praxisstudie analytischer Langzeittherapie (PAL). In: Stuhr U., Leuzinger-Bohleber M., Beutel M. (Hrsg.): Langzeit -Psychotherapie. Eine Perspektive für Therapeuten und Wissenschaftler. S. 238-259. Kohlhammer, Stuttgart
Sandell R., Blumberg J., Lazar A., Carlson J., Broberg J., Schubert J. (2001): Unterschiedliche Langzeitergebnisse von Psychoanalysen und Langzeitpsychotherapien. Aus der Forschung des Stockholmer Psychoanalyse und Psychotherapieprjekts (STOPP). In: Psyche 55: 277-310
Taylor D. (2005): Klinische Probleme chronischer, refraktärer oder behandlungsresistenter Depression. In Psyche 55: 843-863

Zum Autor: Manfred G. Schmidt, Dr. rer. soc, Diplom Psychologe und Psychoanalytiker in eigener Praxis in Köln. Er war von 2004 bis 2006 der Vorsitzende der "Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung e.V." (DPV).
September 2008

 

Matthias Elzer, Hofheim/Taunus

"Die Bedeutung der Psychoanalyse heute"

Die Frage zu beantworten, welche Bedeutung die Psychoanalyse heute - aus meiner subjektiven Sicht - habe, erfordert zwei Anmerkungen:
1. zur Frage, was mit "Psychoanalyse" gemeint ist, und
2. zur Frage, welche Bedeutung die Psychoanalyse in den letzten Jahrzehnten hatte.

Zu 1.: Wenn ich Studenten frage, was ihnen zum Begriff Psychoanalyse einfällt, so kommen in der Regel folgende Voten: "Freud", "Traum", "Therapie auf der Couch". Später: "Freudscher Versprecher", "das Unterbewusste" oder "Unbewusste" und "Ödipus-Komplex".
Die meisten Einfälle beziehen sich auf die Psychoanalyse als Behandlungsmethode und als Theorie. Historisch ist die Psychoanalyse aus der Behandlung von Patienten mit seelischen Störungen entstanden; ihr Vorläufer war die Hypnose, die experimentell zeigte, dass das Seelenleben des Menschen aus bewussten und unbewussten Anteilen besteht.
Eine spezifische Behandlungsmethode anzuwenden, setzt voraus, eine Theorie oder Modelle über die Psyche des Menschen und ihre Störungen (Psychopathologie) zu haben. Die Psychoanalyse bietet -und das ist in der Psychologie unumstritten -die umfassendste Theorie über das Seelenleben des Menschen an. Freud nannte sie "Metapsychologie".
Die Psychoanalyse ist aber auch eine Forschungsmethode, die sich der hermeneutischen (verstehenden) und der naturwissenschaftlich (messenden und erklärenden) Methoden bedient. Sie ist aber nicht nur eine Methode der Erforschung des Individuum, sondern auch von Beziehungen zwischen Menschen, von Gruppen, Massen, sozialen Systemen, Gesellschaften und Kulturen. Vor allem die Forschungsergebnisse zur Psychologie der Gruppe und Masse haben wichtige Erkenntnisse geliefert.

Behandlungsmethode, Theorie über die menschliche Psyche und Forschungsmethode waren und sind auch heute noch drei wesentliche Bereiche der psychoanalytischen Theorie und Praxis.

Zu 2.: Von Anbeginn stand die Psychoanalyse immer wieder in einer heftigen Kritik. Anfangs war es die Rolle der Psychosexualität, die die Wissenschaften und Kreise des Bürgertums empören ließ, oder ihr aufklärerisches Potenzial, das totalitäre Regime fürchteten; später waren es Teile der Psychologie und Medizin, die z. B. das Unbewusste (das Herzstück und Alleinstellungsmerkmal der Psychoanalyse) als ein unwissenschaftliches Konstrukt ablehnten. Insbesondere die Lerntheorie (später: Kognitionswissenschaften), die sich ab den 80-ziger Jahren im wissenschaftlichen Betrieb mit den verschiedenen Formen von Verhaltenstherapien etablierte, tat die Psychoanalyse und ihre Therapie als unwissenschaftlich und damit als "Auslaufmodell" ab. In den USA und andernorts war es Mode, sich im öffentlichen Diskurs an einem "Freud-Bashing" zu beteiligen.
Diese Entwicklung ist als Gegenbewegung auf die Hochzeit der Psychoanalyse zwischen 1960 und 1985 zu verstehen, in der der Anspruch der Psychoanalytiker und die Erwartungen an die Psychoanalyse zur Beseitigung des individuellen Leids und gesellschaftlicher Missstände sehr hoch gesteckt waren. Idealisierung ist bekanntermaßen auch ein Abwehrmechanismus, um Konflikten aus dem Wege zu gehen.

In den letzten 10 Jahren hat die Psychoanalyse eine wissenschaftliche Rehabilitation durch die neuropsychobiologische Forschung (Neurosciences) erfahren (z. B. 1). So ist inzwischen gesichert, dass das Unbewusste auf unser Denken und Fühlen einen großen Einfluss ausübt. Beispielsweise sagt der us-amerikanische Hirnforscher Eric Kandel, der 2000 den Nobelpreis für Medizin erhielt, auf die Frage, warum das Unbewusste für uns so faszinierend sei: "Weil 80 bis 90 Prozent dessen, was wir tun, in ihm (dem Unbewussten) gründet." (2) Dass Träume keine sinnlosen zufällige elektrophysiologische Entladungen des Gehirns, sondern Ausdruck einer Bewältigung und Nachbearbeitung grundlegender Konflikte, seelischer Traumen und einfacher Erlebnisse des Alltags sind, gilt inzwischen als wissenschaftlich gesichert. Ebenso gesichert ist die Bedeutung der frühen Bindungs- und Beziehungserfahrungen der Baby- und Kleinkindzeit für eine bio-psycho-soziale Gesundheit und Umgang mit späteren Belastungen und Krisen im Leben des Erwachsenen.

Die Bedeutung der Psychoanalyse heute liegt weiterhin darin, dass sie für Menschen mit seelischen Störungen ein Spektrum von Behandlungsmethoden (klassische oder modifizierte Psychoanalyse, psychodynamische Psychotherapien, Fokaltherapien, Beratungskonzepte, Gruppentherapien) anbietet, in der sich der Patient in einer sicheren therapeutischen Beziehung mit den unbewussten Bedeutungen seiner Symptomen, seines Wahrnehmen, Erleben und Verhaltens auseinander setzen kann. Die Psychoanalyse auf der Couch ist eine komfortable Methode, über sich nachzudenken und nachzufühlen. Dieser Prozess ist auch mit Ängsten, Widerständen und Grenzen durchsetzt. Will ein Patient Tiefergehendes über sich selbst erfahren, so sind die Psychoanalyse und ihre Therapiemodifikationen eine geeignete Methode.

Geradezu genial ist die Methode der freien Assoziation, durch die der Patient sich in seiner inneren bewussten und unbewussten Welt bewegen kann und dadurch an Hindernisse und verschlossene Türen kommt, hinter denen oft bedeutungsvolle Konflikte und traumatische Erfahrungen stehen. Die Grundregel der freien Assoziation, dass der Patient keine Zensur über seine Gefühle und Gedanken ausüben soll, gelingt nur, wenn der Therapeut ebenfalls einer Grundregel unterliegt, nämlich der der Abstinenz: Er bewertet die Gedanken und Gefühle des Patienten nicht, er lobt, tadelt, steuert, erzieht und missbraucht ihn nicht; er will gemeinsam mit dem Patienten "nur" die subjektive Bedeutung erkennen und bearbeiten. Dabei stellt sich der Therapeut als Person für die Übertragungs- und Gegenübertragungsvorgänge zur Verfügung. Die therapeutische Beziehung ermöglicht dem Patienten eine unvergleichbare Freiheit und Wahrhaftigkeit. Der Patient wird in die Lage versetzt, seine seelische Struktur zu verändern und die Symptome überflüssig werden zu lassen.

Neben der Krankenbehandlung liegt die Bedeutung der Psychoanalyse auch in ihrer Theorie über den Menschen, speziell seiner seelischen Natur. Was sind förderliche und was sind hinderliche Entwicklungsbedingungen für ein Kind? Was geschieht in der konfliktreichen Zeit der Pubertät und Adoleszenz? Welche Lebensereignisse und Krisen erfahren Erwachsene? Wie erlebt der Mensch im hohen Alter seine körperlichen, psychischen und sozialen Veränderungen? Wie sind somatische, psychische und soziale Regressionen eines erwachsenen Menschen zu verstehen? Welche Rolle spielt die Begrenztheit des Lebens, der Tod und seine Verleugnung?
Die psychoanalytische Theorie hat damit auch eine präventive Funktion für das Individuum und seine Gesellschaft. Sie will - so Freud - die "Liebes- und Arbeitsfähigkeit" des Menschen verbessern oder gar erst herstellen.
Das Menschenbild der Psychoanalyse ist dabei nicht so idealistisch, wie das der "Humanistischen Psychologie", wo der Mensch von Natur aus als gut angesehen wird. Diese Wertung nimmt die Psychoanalyse nicht vor. Sie sieht den Menschen als Teil der gesamten Natur mit seinen Triebkonflikten und Triebschicksalen (lieben, begehren), seinen Beziehungserfahrungen und -wünschen (jemanden lieben und geliebt werden) sowie seinem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (ich bin liebenswert). Insbesondere der Umgang mit seinen aggressiven und destruktiven Trieben und den sich daraus ergebenden Konflikten und Traumatisierungen stellt eine stetige Herausforderung dar. Dazu genügt ein Blick in die reale Welt, wenn wir die politischen und gesellschaftlichen Nachrichten verfolgen.

Welche Bedeutung hat nun die Psychoanalyse heute aus meiner Sicht?
Meine schlichte Antwort ist: Die gleiche, die sie im Laufe der Geschichte hatte.
Die Psychoanalyse hat Vieles zum Verständnis menschlichen und gesellschaftlichen Verhaltens beigetragen. Sie hat den Blick des Menschen auf sich selbst geschärft. Ob der Mensch aber aus dieser Erkenntnis entsprechende Konsequenzen zieht, ist eine andere Frage.

Literatur:
(1) Roth, Gerhard: Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Suhrkamp, Frankfurt 2001.
(2) Kandel, E.: Unter der Oberfläche der Dinge. Das Unbewusste und die Hirnforschung. Ein Gespräch mit Eric Kandel - Nobelpreisträger und Doyen der Neurowissenschaften Geist & Gehirn, Nr. 5/2008: 64-66, Heidelberg.

Zum Autor: Matthias Elzer, Prof. Dr. med., FA Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker (DPV/IPA), Gruppenanalytiker, Balint-Gruppenleiter. Professor an der Hochschule Fulda und in eigener Praxis in Hofheim/Ts. tätig.
November 2008

 

Ludwig Haesler, Berlin

"Die Bedeutung der Psychoanalyse heute"

Als ich mich vor nunmehr 40 Jahren nach anfänglich stürmischer Begeisterung für die naturwissenschaftliche Dimension der Medizin (incl. einer Promotion im Bereich der Neurophysiologie) im Gefolge meiner zunehmend kritischen Auseinandersetzung um die Theorie und Praxis der Medizin schließlich zur Psychoanalyse als meinem Lebensberuf entschied, hatte die Psychoanalyse Freuds in der naturwissenschaftlichen Welt keinen leichten Stand, und ihr begegnete vor allem von dieser Seite her, noch wie in deren Anfangsjahren, große Skepsis bis hin zur offenen Ablehnung. Vonseiten der Kultur- und Geisteswissenschaften, aber auch vonseiten der allgemeinen Öffentlichkeit erfreute sich die Psychoanalyse dagegen eines wachsenden Interesses, das seinerzeit mit der anschwellenden Studentenbewegung zu einer nicht selten unkritischen, unkritisch idealisierenden Begeisterung anwuchs, die zwangsläufig in Enttäuschung umschlagen musste, so dass Skepsis und Ablehnung im öffentlichen wie auch im allgemeinen wissenschaftlichen Diskurs wieder mehr die Oberhand gewannen.

Inzwischen beginnt sich das Blatt wieder spürbar zu wenden, nicht zuletzt auch vonseiten der Naturwissenschaften, indem die rasante Entwicklung vor allem der Neurowissenschaften erkennbar werden lässt, dass deren Erkenntnisse und theoretische Annahmen nicht wirklich im Widerspruch zu den Erkenntnissen und Annahmen zum Seelischen stehen, die die Psychoanalyse mit Freud und seit Freud aus deren spezifischer wissenschaftlicher Perspektive und Methode entwickelt hat.
Die Psychoanalyse ist nicht nur eine besondere therapeutische Methode der ´Seelenbehandlung´, sondern zugleich auch eine Wissenschaft vom Menschen, deren grundsätzliche Annahmen in verschiedene Bereiche des individuellen und kollektiven menschlichen Erlebens, Denkens, Tuns und Wollens reichen und von daher fruchtbare interdisziplinäre wissenschaftliche Diskurse mit anderen sich mit dem menschlichen Erleben, Denken, Tun und Wollen befassenden Wissenschaften zu beiderlei Nutzen erschlossen haben.
Als therapeutische Methode hat die Psychoanalyse nicht so sehr zum Ziel, mit dezidierten psychotherapeutischen "Techniken" der gezielten Veränderung kurzfristig bloß symptomatische Besserung zu erreichen, sondern über die kurzfristige Besserung von Symptomen hinaus sehr viel grundsätzlicher, wie Freud dies einmal treffend formuliert hat, dem Ich des Patienten die ´Freiheit zu verschaffen, sich so oder anders´ entscheiden zu können, ganz im Sinne von Kants Idee vom ´Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit´ mit dem Ziel, als freies Subjekt in eigenen Rechten ´sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen ... zu bedienen´, ´von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen´, wie Kant dies in seiner kleinen Schrift zur Frage Was ist Aufklärung auf den Punkt gebracht hat.

Insofern hat die Psychoanalyse die Freiheit des Subjekts im Auge, eine Ausgangsposition, von der her sich die psychoanalytische Methode in der klinischen Situation mit dem Patient, in der spezifischen, von Freiheit und Offenheit bestimmten analytischen Begegnung mit dem zu befassen hat, was den Möglichkeiten einer solchen Verwirklichung von Freiheit innerhalb der psychoanalytischen Begegnung und im übrigen Leben des Patienten, in der Verständigung mit dem Anderen entgegensteht und diese Freiheit in Gestalt von Einschränkungen, Hemmungen und belastenden Symptomen mehr oder weniger stark beeinträchtigt. Es ist offenkundig, dass der Anspruch einer solchen Zielsetzung nicht mit auf Kurzfristigkeit angelegten Rahmenbedingungen einer solchen Form der ´Seelenbehandlung´ verwirklicht werden kann. Insofern müssen kurzfristig angelegte, in erster auf die bloße Symptombesserung oder Symptombeseitigung angelegte therapeutische Verfahren gerade unter den gegenwärtig die Gesundheitspolitik bestimmenden ökonomischen Interessen vordergründig, weil scheinbar kostengünstiger, als gegenüber der Psychoanalyse überlegen erscheinen. Eine nicht geringe Zahl von gründlichen wissenschaftlichen Studien gerade aus jüngster Zeit haben aber deutlich gemacht, dass die längerfristigen psychoanalytischen Therapien langfristig stabilere Ergebnisse in Hinblick auf klinische Besserung und vor allem Freiheitsgrade der Selbstverfügbarkeit erbringen, als kurzfristig angelegte therapeutische Verfahren dieses allein schon aufgrund der sie bestimmenden Leitvorstellungen zu erbringen imstande sind.

Als Wissenschaft vom Menschen hat die Psychoanalyse, die ja das Seelische des Menschen, d.h. die seelische Dimension des denkenden, denkend sich fühlenden und erlebenden, wie auch des sich darüber verständigenden Subjekts zum Gegenstand hat, vielfältige gemeinsame Berührungspunkte mit anderen Wissenschaften, vor allem mit verschiedenen Kultur- und Geisteswissenschaften, die mit Freud und seit Freud im Rahmen fruchtbarer Prozesse wechselseitiger Anregung, der Gewinnung neuer Perspektiven auf deren Gegenstände und von daher zu fruchtbaren interdisziplinären Diskursen, etwa mit der Literatur, der bildenden Kunst, der Musik, mit den Sprachwissenschaften, den Gesellschaftswissenschaften und der Philosophie, geführt haben, die im Rahmen dieses kurzen Beitrages hier nicht im Einzelnen aufzuführen sind. Insofern entwickelt die Psychoanalyse ihre Potentiale zur allgemeinen Erforschung der Dimension des Seelischen, der menschlichen Motivation, nicht zuletzt etwa auch der seelischen Grundlagen individueller und kollektiver Aggressivität im fortgesetzten Diskurs mit den anderen Wissenschaften. Indem sie als Wissenschaft vom Menschen sui generis in relevanter Weise zum Verständnis des Menschen und seiner konstruktiven und destruktiven Möglichkeiten beizutragen sucht und beizutragen vermag, ist sie weit über ihre Bedeutung als therapeutische Methode hinaus gerade heute von besonderer Aktualität.

Meine Entscheidung zum Ende meines Studiums die Psychoanalyse Freuds zu meinem Beruf zu machen, habe ich, der ich mich an vielen Diskursen innerhalb der psychoanalytischen Wissenschaft, nicht zuletzt aber auch an manchen der oben angeführten interdisziplinären Diskurse beteiligen konnte, bis heute nie bereut.

Zum Autor: Ludwig Haesler, Dr. med., Psychoanalytiker und Lehranalytiker der DPV in Berlin und Hofheim Ts. 1984 bis 1994 Sekretär der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV). Zahlreiche Veröffentlichungen zur Theorie und Praxis der Psychoanalyse sowie zu interdisziplinären Fragestellungen der Kunst, Literatur, Musik und Philosophie.
November 2008

 

Georg Bruns, Bremen

"Die Bedeutung der Psychoanalyse heute"

Der Begriff "Bedeutung" ist ein mehrdeutiger Begriff. Er kann 1. die Wichtigkeit eines Menschen oder einer Sache meinen, also attributiv den "Psychoanalytiker von Bedeutung" oder die "bedeutende Psychoanalytikerin" charakterisieren. Er kann 2. eine Funktion meinen, wenn es z.B. um die Bedeutung der Grundregel für das Psychoanalysieren (oder der Spielregeln für das Fußballspielen) geht. Er kann 3. den -oft geheimen oder verborgenen -Sinn einer Handlung, eines Ereignisses oder eines Sachverhaltes bezeichnen, also den Sinn etwa eines neurotischen Symptoms. Er kann 4. die Geltung oder Gültigkeit einer Regelung ansprechen, z.B. dass die Dokumentationspflichten der vertragsärztlichen Versorgung Bedeutung auch für analytische Psychotherapien haben. Er kann 5. eine ungenaue Einflussgröße angeben, etwa dass das Bildungsniveau eines Neurotikers Bedeutung auch für seine Chance auf einen psychoanalytischen Behandlungsplatz hat.

Das Nachdenken eines Psychoanalytikers über die mehrfache Bedeutung von "Bedeutung" verweist schon auf zumindest zwei Bedeutungen der Psychoanalyse: sie ist ein Beispiel dafür, dass und wie ein Gegenstand sich einer einfachen deklarativen Beschreibung entzieht, und sie kultiviert eine Form des Denkens, die der komplexen, mehrschichtigen und assoziativen Natur psychischer Prozesse entspricht, die aber der modernen Tendenz zur Quantifizierung und Reduktion des Denkens auf eine eindimensionale Faktizität widerspricht.
In ihrer sozialen Wirklichkeit ist die Psychoanalyse heute ein Verfahren der Psychotherapie, das als analytische Psychotherapie in Deutschland von ca. 4000-5000 Psychoanalytikern ausgeübt wird. Es wird von ihnen nicht nur bei neurotischen Erkrankungen angewandt, sondern auch in der Behandlung von narzisstischen und Borderline- sowie von schizophrenen und schweren depressiven Erkrankungen. Neben ihrer direkten Anwendung als Behandlungsverfahren ist die Psychoanalyse die Hintergrundtheorie für weitere von ihr abgeleitete Behandlungsmethoden wie die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, die analytische Gruppenpsychotherapie und die analytische Familientherapie. Vermutlich liefert die Psychoanalyse mit ihren zentralen therapeutischen Konzepten wie Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung anderen psychotherapeutischen Verfahren und Theorien mehr Anregungen als jede andere Theorie.

Die Bedeutung der Psychoanalyse in der psychotherapeutischen Versorgung und in der psychotherapeutischen Aus- bzw. Weiterbildung von Psychologen und Ärzten findet jedoch keine entsprechende Widerspiegelung in ihrer Repräsentanz an den Universitäten, jedenfalls in den medizinischen Fakultäten und psychologischen Fachbereichen. Jedoch wird sie zunehmend in kulturwissenschaftlichen Fächern rezipiert, weil dort mehr und mehr die individuelle und kulturelle Voreingenommenheit auch der wissenschaftlichen Erkenntnis anerkannt wird, die psychoanalytische Reflektion nicht nur eine weitere Deutungsebene zu erschließen, sondern auch eine reflexive Selbstkorrektur zu ermöglichen verspricht. In den therapeutischen Fächern aber, insbesondere in der akademischen Psychologie, wird die Psychoanalyse eher marginalisiert.

Der Grund dafür liegt in dem erweiterten Wissenschaftsverständnis der Psychoanalyse. Sie folgt nicht einem positivistisch-empiristischen Wissenschaftsmodell, das nur das Beobachtbare und Messbare wie in einem naturwissenschaftlichen Experiment anerkennen will, sondern vertritt die Existenz des Unbewussten, das prinzipiell nicht nachweisbar ist, sondern sich allenfalls indirekt erschließen lässt. Zwar erhält das Konzept des Unbewussten inzwischen Unterstützung aus der Neurobiologie, jedoch unterscheiden sich die Auffassungen eines funktionalen Unbewussten in den Neurowissenschaften und eines dynamischen Unbewussten in der Psychoanalyse erheblich.
Das dynamische Unbewusste umfasst auch frühe biografische und transgenerationell vermittelte überindividuelle Ereignisse, die neben der individuellen körperlichen und geistigen Natur zu einem je eigenen Identitätsgefühl beitragen. Es ist der Kern einer Subjekthaftigkeit.
Wahrscheinlich ist der wichtigste Beitrag der Psychoanalyse zur Medizin, zu den Sozial- und Geisteswissenschaften heute die Aufrechterhaltung der Vorstellung eines potentiell autonomen Subjekts. Die Transformation des medizinischen Blicks in einen technisch-ausschnitthaften, die systemische Transformation des sozial- und geisteswissenschaftlichen Denkens, die ökonomischen Vorstellungen vom informationstechnologisch ausspionierbaren und werbepsychologisch manipulierbaren Menschen haben die Vorstellung, der Mensch sei Subjekt seines Handelns, unterlaufen und aufgegeben, das Subjektideal für dysfunktional erklärt und diskreditiert. Unter den Wissenschaften scheint heute nur die Psychoanalyse noch die Möglichkeit einer selbstbewussten Lebensgestaltung, durch kritische Selbstreflexion errungen und ständig erneuert, zu vertreten. Auch wenn im Einzelfall immer Anpassungen notwendig sein mögen, ist die Existenz der Utopie des autonomen Subjekts die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich nicht bewusstlos den Mechanismen einer Massen- und Technikkultur ergeben.
In der Aufrechterhaltung eines subjektorientierten Menschenbildes, wie es in der psychoanalytischen Behandlung vermittelt wird, die zuerst persönliches Leid zu überwinden hilft, sehe ich heute die entscheidende kulturelle Bedeutung der Psychoanalyse.

Zum Autor: Georg Bruns, Prof. Dr. med., Studium der Medizin und Soziologie, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie für Psychotherapeutische Medizin; psychoanalytische Ausbildung; Habilitation für Soziologie mit dem Schwerpunkt Medizinische Soziologie; Professor an der Universität Bremen und Psychoanalytiker in eigener Praxis. 2002 -2004 Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV). Zahlreiche Veröffentlichungen v.a. zu einer Soziologie der Psychiatrie und zur psychoanalytischen Behandlung von Psychosen.
Dezember 2008.

 

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