"Psychotherapie" im Internet - psychodynamische
Aspekte der virtuellen Beziehung
Rupert Martin *
Das Internet verändert zunehmend das Leben. Vieles
wird durch das Internet einfacher, schneller und effizienter.
Demgegenüber erscheint die psychotherapeutische
Krankenbehandlung, als in der persönlichen Begegnung
zwischen Psychotherapeut und Patient verankerte Behandlungsform,
nach wie vor als eine sehr aufwendige Angelegenheit.
Daher nimmt es nicht wunder, daß die Idee entstanden
ist, ob man nicht auch hier mit Hilfe des Internets
Verkürzung und größere Effizienz erreichen
könnte. Vor diesem Hintergrund stellt sich die
Frage, ob die persönliche Begegnung wirklich als
unabdingbare Voraussetzung für die Psychotherapie
anzusehen ist bzw. ob unter "virtuellen" Bedingungen
überhaupt Psychotherapie im Sinne von Krankenbehandlung
möglich ist.
Beziehung als Grundlage psychotherapeutischer Behandlung
Während man lange Zeit Erfolg oder Mißerfolg
von psychotherapeutischen Behandlungen von bestimmten
Interventionsstilen des Psychotherapeuten her zu begründen
suchte, hat man sich heute wieder der Alltagserfahrung
von der berühmten "Chemie", die stimmen
muß, angenähert. So rückte auch in der
Psychotherapieforschung mehr und mehr die Beziehung
zwischen Patient und Psychotherapeut in den Mittelpunkt.
Die relevanten Veränderungen während einer
Psychoanalyse beispielsweise ergeben sich dabei aus
der Beziehung selbst, d. h. aus dem emotionalen und
empathischen Kontakt zwischen Patient und Analytiker,
so wie aus der Übereinstimmung des Analytikers
mit seiner eigenen Methode, d. h. seiner Überzeugung
von dem, was er tut. Dies kann mittlerweile sogar als
schulenübergreifend abgesicherte Erkenntnis gelten.
So zitiert Buchholz (Psycho-News-Letter Nr. 6) den renommierten
amerikanischen Psychotherapieforscher Wampold: "Es
zeigt sich, daß jene Therapeuten die besseren
Erfolge haben, die nicht auf Technik setzen, sondern
auf den Kontakt; die nicht eine quasi-biologische, sondern
eine psychologische Hypothese verfolgen; die nicht glauben,
das Problem sei durch Psycho-Technik rasch zu lösen,
sondern die von Anfang an wissen, das psychische Entwicklung
Zeit braucht und verbraucht."
Psychotherapie im Internet?
Sucht man nach "Internetpsychotherapie", so
wird man im Web erstaunlicherweise wenig finden. Denn
die meisten Anbieter kennzeichnen ihr Angebot nicht
als "Psychotherapie", sondern als "Beratung".
Ganz offensichtlich geht es ihnen darum, Schwierigkeiten
mit der ärztlichen bzw. psychotherapeutischen Berufsordnung
zu vermeiden. Dabei diskutieren sie das Verhältnis
von Psychotherapie vs. Beratung, ohne dabei zu einer
Klärung zu kommen. So heißt es auf der Website
der Psychotherapeutischen Praxis Paffrath in Düsseldorf
lakonisch: "Therapie ist, was ein Therapeut tut.
Alles andere ist Beratung. Es gibt also Therapie, von
Therapeuten eben, die eher Beratung ist, und eine Beratung,
von nicht staatlich zugelassenen Behandlern, die sehr
wohl Therapie ist." (www.paffrath.de).
Man kann sich des Eindrucks nur schwer erwehren, daß
solche Anbieter sich die Unklarheit der Grenze zwischen
Beratung und Therapie zunütze machen. So schreibt
beispielsweise der Hamburger Diplom-Psychologe Christian
Hilscher auf seiner Internetseite (www.onlineberatung-therapie.de):
"Sicher kann die Onlineberatung bei bestimmten
Problemen keine vis a vis Psychotherapie ersetzen. Aber
das ist oft auch nicht nötig, denn viele Probleme
benötigen keine solche und vor allem keine jahrelange
Therapie beim Psychotherapeuten. Oft reichen auch Beratung
oder Coaching, Ratschläge und Betreuung aus, daß
der Ratsuchende sein Problem und sein Leben wieder in
den "Griff" bekommt. Und Angststörungen
werden heute schon sehr erfolgreich psychotherapiert,
ohne daß der Patient den Therapeuten jemals zu
Gesicht bekommen hat!" Dieser Ton, in dem die "klassische"
Psychotherapie unterschwellig als antiquierte Verschwendung
zeitlicher und finanzieller Ressourcen hingestellt wird,
kann als prototypisch gelten.
Doch wie läßt sich ohne persönlichen
Kontakt feststellen, ob eine Internetbehandlung "ausreicht"?
Die meisten Internetbehandler verlangen, daß die
Hilfesuchenden Fragebögen zur Symptomatik ausfüllen.
Es bleibt jedoch offen, wie solche Fragebögen dem
Behandler die nötige Sicherheit der Diagnose- und
Indikationsstellung vermitteln sollen. Schließlich
sind es gerade seine nonverbalen Beobachtungen, welche
dem Psychotherapeuten helfen, die verbalen Ausführungen
des Patienten einzuordnen: Wie der Patient gekleidet
ist, wie er riecht, wie sein Händedruck ist, was
er für Umgangsformen hat, wie seine Stimme klingt,
etc. ... Daß all dies via Internet nicht "rüber"
kommt, ist als Umstand von nicht zu unterschätzender
Bedeutung anzusehen, insofern es diagnostisch von hoher
Relevanz ist, ob ein Patient z. B. schreckliche Dinge
mit einem Lächeln berichtet oder sich äußerlich
verwahrlosen läßt.
Die Bedeutung eines Behandlungskonzepts
Die Frage nach der Indikation ist auch die Frage nach
dem Behandlungskonzept generell, da sich Psychotherapie
als "systematische" Beeinflussung des Seelenlebens
versteht. Bei der Frage nach dem Konzept sind die verschiedenen
psychotherapeutischen Schulen von Bedeutung. Entgegen
populärer Auffassung sind diese auch heute keineswegs
verzichtbar. Ihre Bedeutung hat der Präsident der
Hessischen Psychotherapeutenkammer, Dr. Jürgen
Hardt herausgestellt: "Die Schulen bieten also
ein erlaboriertes Verstehen von seelischen Zusammenhängen
- Gegenstandsbildungen - an, die wir brauchen, um die
unzureichenden Alltagspsychologie überschreiten
zu können, sie zu übersetzen, um dann wieder
an sie anzuschließen." Es erscheint daher
wichtig, daß ein Psychotherapeut sich einer Schule
zugehörig fühlt - um so ein identitätsstiftendes
Referenzsystem zu haben, das sowohl ihn selbst, als
auch den Patienten vor willkürlichem Vorgehen schützt.
Denn die Durchführung einer "psychotherapeutischen"
Behandlung verlangt, daß man ein Grundkonzept
vom Seelischen hat, aus dem heraus man auch die Handhabung
der psychotherapeutischen Beziehung ableiten kann. Daraus
ergibt sich für die psychotherapeutische Beziehung
eine grundlegende Asymmetrie zwischen dem Psychotherapeuten
und seinem Patienten. Die Asymmetrie der Beziehung gilt
jedoch allein in Bezug auf die psychische Erkrankung
- hier ist der Patient der Hilfsbegehrende, während
der Psychotherapeut der "Fachmann" ist. In
anderen Hinsichten ist dagegen von einer Symmetrie des
Verhältnisses zwischen zwei erwachsenen Personen
auszugehen, z. B. wenn es darum geht, bestimmte Dinge
wie Termingestaltung, Ausfallhonorar etc. miteinander
auszuhandeln.
Das Behandlungssetting und die entsprechenden Rahmenvereinbarungen
sind nicht nur Voraussetzung für eine erfolgreiche
Behandlung, sondern zugleich auch ein methodisches Hilfsmittel
zur Installierung eines "gemeinsamen Werkes".
Auf diese Weise wird versucht, in den seelischen Strudel,
in dem sich ein Patient befindet, zunächst einmal
einen Pflock einzuschlagen, um einen Teil des Grundes
zu befestigen.
Das Konzept von Internetbehandlung?
Befragt man die Websites der Anbieter von Internetbehandlung
nach deren Behandlungskonzepten und den Vor- und Nachteilen
derselben, so fällt auf, daß überhaupt
nicht mit der Qualität der eigenen Arbeit "geworben"
wird. So nennt beispielsweise die "Cyber-Praxis
Andreas von Wallenberg Pachaly" (www.pachaly.com)
8 "gute Gründe" für eine Internetbehandlung,
die sich ausschließlich auf die "Convenience"
beziehen, "anonym" mit einem Behandler in
Mail-Kontakt aufnehmen zu können, statt mit einem
"leibhaftigen" Psychotherapeuten in Beziehung
treten zu müssen. Dabei sind schon die betont joviale
Sprache der einschlägigen Websites und das übliche
Duzen des Internet-Users darauf angelegt, die Eingangsschranke
zur Internetbehandlung niedrig zu halten. Hinzu kommt,
daß der Hilfesuchende sich seinen Behandler anhand
von Photos aussuchen kann ("Psychologie.de").
Meistens kann er der Website seines Behandlers auch
einiges über dessen Lebenslauf und über seine
familiären Verhältnisse entnehmen, manchmal
bis hin zu Kinderphotos.
Die meisten Internetbehandler scheinen die Konzeptlosigkeit
sogar zur Tugend zu erheben, da niemand "die alleinige
Wahrheit" kenne und daher nicht das Recht habe,
"dogmatisch" andere Schulen zu "stigmatisieren"
(Website Dipl.-Psych. Christoph Hilscher). Polemisch
ließe sich zuspitzen: Wir haben zwar kein Behandlungskonzept
("Wahrheit"), aber dafür bereiten wir
unseren Patienten am wenigsten Unannehmlichkeiten. Da
das Angebot von Internetbehandlung so "niederschwellig"
daher kommt, ist jedoch die Wahrscheinlichkeit hoch,
daß sich davon vor allem Patienten angesprochen
fühlen werden, bei denen Scham- und Schuldgefühle
besonders stark ausgeprägt sind. Solche Patienten
wünschen sich einerseits hohe Authentizität
und Intimität, andererseits möchten sie aber
die Kontrolle darüber, was gezeigt und was verborgen
gehalten wird, immer aufrechterhalten. Auf diese Weise
soll ein fragiles Selbst verborgen und geschützt
werden.
Hohe narzißtische Gratifikation für den
Hilfesuchenden
Die niedrige Eingangsschwelle zur Internetbehandlung
geht damit einher, daß sich der "Patient"
nicht als solcher bekennen und eine Aussage wie die
folgende nicht treffen muß: "Ich bin krank
und komme allein nicht mehr zurecht. Daher brauche ich
einen Fachmann, der mir hilft." Auf diese Weise
bleibt dem Patienten die narzißtische Kränkung
erspart, seiner Hilfsbedürftigkeit einzugestehen.
Dies stärkt sicherlich auch die häufig bei
Patienten anzutreffende "Wasch'-mir-den-Pelz,-aber-mach'-mich-nicht-naß"-Haltung.
Wenn dem "Patienten" sogar noch angeboten
wird: "Das Online-Setting können Sie sich
selber aussuchen: Email, Chat, Videokonferenz,"
(www.psychotherapie-net.de) so bestärkt ihn das
noch mehr in seiner narzißtischen Abwehr. Mit
den eher "patriarchalen" Strukturen der "Richtlinienpsychotherapie",
in denen der Psychotherapeut das Setting setzt, so wie
der Arzt die Medikation verordnet, hat dies wenig zu
tun. So wird das Setting offenbar nicht methodisch genützt,
um einen veränderungseinleitenden Behandlungsrahmen
zu installieren.
Da der Behandler zum reinen Dienstleister zu mutieren
scheint, der sich primär um die Convenience seiner
Patienten verdient macht, sprechen manche Autoren sogar
von einer "Machtverschiebung" in der Internetbehandlung.
Die Asymmetrie der psychotherapeutischen Beziehung scheint
aufgelöst zu sein. Das heißt aber auch: Der
Behandler fällt als Beziehungspartner, der den
Patienten spiegelt, ihn zu Auseinandersetzungen anregt
und ihn konfrontiert, ihm Grenzen aufzeigt und ihm hilft,
neue Spielräume zu erschließen, weitgehend
aus. Dies meint jedoch nicht, daß im Zuge von
Internetbehandlung überhaupt keine Beziehung zwischen
Behandler und Hilfesuchendem entstehen kann - sondern
eben keine professionell gehandhabte, psychotherapeutische
Beziehung.
Das "Netz" tritt an Stelle des Behandlers
Um so mehr stellt sich die Frage, welche "Qualität"
die Beziehung zwischen Behandler und Behandeltem bei
der Internetbehandlung hat. In einer Arbeit über
Beziehungsformen im Internet (Der Nervenarzt, Bd. 73)
meinen die Hamburger Psychotherapeuten Lindner und Fiedler
daß die haltgebende Funktion personaler Beziehung
("Containment"), im Rahmen von Internetbehandlung
auf das Netz selbst übergeht. Der Behandler wird
dabei nicht als personales Gegenüber, sondern als
Teil des Netzes erlebt. Warum das Netz allerdings kein
Containment im psychotherapeutischen Sinne leisten kann,
wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, daß
Containment kein rein passiver Vorgang ist. Vielmehr
werden dabei die Impulse des Patienten, die der Psychotherapeut
bzw. Psychoanalytiker aufgenommen hat, von ihm verarbeitet
und dem Patienten in verarbeiteter Form zurückgegeben.
Handelt es sich z. B. um destruktive Impulse, so wird
der Analytiker sie dem Patienten nicht 1:1 zurückspielen,
indem er den Patienten seinerseits angreift, sondern
in "entgifteter" Form. Auf diese Weise kann
der Patient etwas darüber erfahren, wo seine Destruktion
Grenzen verletzt, ohne daß dies zu einem Teufelskreis
von Destruktion führen würde. Darüberhinaus
kann er auf diese Weise die ich-stärkende Erfahrung
verinnerlichen, daß man Destruktion aushalten
kann.
Da das Internet Grenzen auflöst, ist jenen Autoren
beizupflichten, die konstatieren, daß die Internetbehandlung
regressionsfördernd wirkt. Dieser Verdacht wird
bereits dadurch geweckt, daß in eMails in aller
Regel weitaus weniger Rücksicht auf Etikette genommen
wird, als es in persönlichen Begegnungen oder in
Briefen der Fall ist. So beschreiben Lindner und Fiedler,
daß mit der "Anonymität" des Internets
eine Distanz geschaffen wird, "die den Ausdruck
regressiver Wünsche zumindest auf diese Weise partiell
erlaubt". Weiter führen sie aus, daß
die Kontaktaufnahme im Internet "Unmittelbarkeit
suggeriert, die aber gar nicht besteht, da der "Briefkasten"
nicht sofort geleert und gelesen wird." Offenbar
wird das Internet - wie die Eltern in der "Omnipotenzphase"
während der psychischen Entwicklung des Kleinkindes
- als ein Medium erlebt, das dem User das Gefühl
gibt, allmächtig zu sein und die (virtuelle) Welt
selbst erschaffen zu haben. Aufgrund der regressionsfördernden
Funktion von Internetbehandlung sprechen Lindner und
Fiedler davon, daß der Behandler im Vergleich
zur klassischen Psychotherapie verstärkt idealisiert
oder abgewertet werde. Sie fassen ihre Auffassung im
Konzept des "virtuellen Objekts" zusammen:
Virtuelle Objekte ersetzen natürliche Objekte,
die Übertragungsprozesse im Internet beziehen sich
auf den Computer und das Internet selbst.
Das Netz ist kein "Verwandlungsobjekt"
Lindner und Fiedler berichten über zwei Patientinnen,
die sich erst nach einem langen eMail-Kontakt mit ihrem
Behandlungszentrum zu einer persönlichen Behandlung
entschließen konnten. Bei diesen Patientinnen
habe zumindest unbewußt der Wunsch nach einem
allzeit erreichbaren und verfügbaren Objekt vorgelegen,
das aber nicht zu nahe kommen, nicht kränken, nicht
lächerlich machen oder enttäuschen würde.
Dabei bestehe andererseits "das Gefühl großer
und sicherer Distanz". Zur Genese der zugrundeliegenden
Problematik führen Lindner und Fiedler aus: "Beide
hatten schon früh die Tendenz, unerträgliche
Gefühle der Verlassenheit bzw. Abweisung mit Phantasien
von Nähe und Verschmelzung mit einem omnipotenten
Objekt abzuwehren".
Eine Internetbehandlung wird solchen Patienten sicher
nicht helfen, solche starken, pathologischen Omnipotenzgefühle
abzubauen. Hierzu müßten die Internet-"Patienten"
lernen können, den Behandler als Objekt zu erfahren
und zu verwenden. Das Subjekt kann das Objekt jedoch
nur dann verwenden, wenn es das Objekt auch als ein
reales Objekt gibt. Denn nur ein reales Objekt und nicht
etwas Projiziertes entzieht sich der omnipotenten Kontrolle
im Inneren des Patienten. Ganz auf dieser Linie liegen
Untersuchungen des Psychotherapieforschers Krause, denen
zu Folge es wenig hilfreich ist, wenn Psychotherapeuten
den Affektausdruck des Patienten in der eigenen Gesichtsmimik
"kopieren". Im Gegenteil: Erst wenn der Psychotherapeut
einen Affekt des Patienten "markiert", indem
er eine Differenz herstellt, die sich auch mimisch ausdrücken
kann, wird der Patient in die Lage versetzt, diesen
Affekt als seinen eigenen wahrzunehmen und nicht als
den des Psychotherapeuten.
Das "Markieren" von Affekten ist Bestandteil
von Prozessen affektiver Spiegelung, wie sie bereits
zwischen einem Kind und seine primären Objekten
stattfinden. Diese ermöglichen dem Kind die Ausbildung
der Fähigkeit, überhaupt eigene Gefühlszustände
als solche wahrnehmen zu können, was in der Psychoanalyse
"Mentalisierung" genannt wird. Auf der Grundlage
dieser Mentalisierungsprozesse wiederum wird es möglich,
sich mit den eigenen Gefühlszuständen in sprachlich-symbolisierter
Form auseinanderzusetzen und davon etwas mitzuteilen.
Die Fähigkeit zur Symbolisierung entwickelt sich
aber auch durch die Erfahrung von Versagung und zeitweiliger
Abwesenheit des Objekts. So ermöglicht es dem Patienten
gerade die zeitweilige Nicht-Verfügbarkeit und
die professionelle Distanz ("Abstinenz") des
Psychotherapeuten, sich mit ihm zu identifizieren. Im
Wechsel von Behandlungsperioden mit therapiefreien Zeiten
(Zeit zwischen den Stunden, Praxisferien) bildet sich
eine Rhythmik, welche Symbolisierungsprozesse fördert,
was vor allem bei Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen
eine sehr wichtige Rolle spielt. Da der Behandler im
Internet imaginär permanent verfügbar ist
und das Internet keinen Zeitrhythmus kennt, sondern
die Zeiten hier zu einer Art phantasierten Dauergegenwart
zu verschmelzen scheinen, wäre dies besonders für
Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen
kontraproduktiv - doch gerade diese Gruppe scheint eine
besondere Affinität zur Internetbehandlung zu haben.
Was für ein Objekt ist das "virtuelle"
Objekt, auf das sich bei der Internetbehandlung die
Übertragung an Stelle eines realen Objekts - des
Psychotherapeuten - bezieht? Offenbar ist das Internet
mit "ozeanischen" Qualitäten (vgl. die
von Romain Rolland postulierten "ozeanischen Gefühle"
als Quelle religiösen Empfindens) aufgeladen -
rund um die Uhr erreichbar, unendlich groß, unendlich
vielfältig, in stetiger Bewegung befindlich. Übertragung
auf das Internet bedeutet insofern die Übertragung
auf ein Objekt, das "alles" und damit gleichzeitig
"nichts" ist. Das Internet als Objekt ist
weder sinnlich erfahrbar, noch in Abwesenheit symbolisierbar,
da es nie abwesend ist und damit in gewisser Weise auch
nie anwesend. Damit ist es letztlich ein Objekt wie
die psychisch "tote Mutter" in der Konzeption
von Andre Green ("Psyche" 3/1993), die sich
als unfähig erweist, in affektiv spiegelnder Weise
auf ihr Kind einzugehen, da sie hierfür zu sehr
in den eigenen Mustern narzißtischer Beschädigung
befangen ist. Als nicht wirklich symbolisierbares Objekt
ist das Internet im Gegensatz zu einer lebenden Person
nicht geeignet, ein "Verwandlungsobjekt" im
Sinne von Christopher Bollas zu sein ("Der Schatten
des Objekts", Klett-Cotta, Stuttgart 1997), d.
h. ein Objekt, das dem Subjekt dazu verhilft, sich zu
"verwandeln" oder, neutraler ausgedrückt,
sich zu verändern.
Aufhebung des "paradoxen" Charakters der
psychotherapeutischen Beziehung
Daß der Internetbehandler als reale Person nicht
existent ist, fällt vor allem auch deshalb ins
Gewicht, da die psychotherapeutische Beziehung bei genauer
Betrachtungsweise bereits eine "virtuelle"
Beziehung ist. Es ist eine Pars-pro-toto-Beziehung,
die stellvertretend für die sonstigen Objektbeziehungen
des Patienten steht. Dabei hat die Übertragungsbeziehung
einen paradoxen Charakter: Sie ist "irreal"
- insofern auf den Therapeuten Objekte aus der Vergangenheit
des Patienten übertragen werden, die mit diesem
realiter nichts zu tun haben - und zugleich ist sie
"real", weil dies vom Patienten als "real"
erlebt wird. Die Paradoxie beruht darauf, daß
die Übertragung zwischen dem Psychotherapeuten
als realer Person einerseits und einer Phantasiegestalt
andererseits oszilliert. Nach Manfred Schmidt, dem derzeitigen
DPV-Vorsitzenden, ist die "Paradoxiefähigkeit"
Kennzeichen seelischer Gesundheit, insofern sie die
Fähigkeit kennzeichnet, unauflösbare Spannungen
auszuhalten - jene Spannungen, welche die menschliche
Natur und das menschliche Leben überhaupt kennzeichnen.
Diese Paradoxiefähigkeit könnte sich in psychotherapeutischen
Behandlungen nicht entwickeln, wenn die Oszillation
zwischen Realität und Phantasie wegfiele, da sich
"alles" allein im virtuellen Raum abspielt.
Daher ist Internetbehandlung weder als Psychotherapie
im Sinne von Krankenbehandlung anzusehen, noch dafür
geeignet.
Die Angst des Behandlers
In den oben erwähnten Fallberichten von Lindner
und Fiedler erlebt der Therapeut als Gegenübertragung
jeweils "Beunruhigung" und die Befürchtung,
"blind" zu sein, seine Patientin nicht zu
verstehen. Dahinter liegend die Angst, ihren "überwältigenden
Wünschen" nicht gewachsen zu sein. Allem Anschein
nach wird die Angst des Behandlers durch das Medium
Internet im Vergleich zu einer ambulanten Behandlung
stark angefacht. Nicht nur daß der Ausschnitt,
den der Behandler aus dem Leben seines Patienten mitbekommt,
bei der Internetbehandlung noch beschränkter ist,
als es bei der ambulanten Psychotherapie ohnehin schon
der Fall ist. Hinzu kommt, daß er keine Handhabe
hat, mit der Übertragung auf das Web zu arbeiten.
Wie will er die übertragungskonstituierenden Momente
erkennen können, wenn sie sich so weit von der
eigenen Person und der eigenen Gegenübertragung
entfernen können? Ein Behandler, von dem derartiges
gefordert ist, müßte sich fühlen wie
ein Pilot, den man anweist zu starten, nachdem man einen
Großteil seiner Instrumente abgedeckt hat. Darin
liegt eine große Gefahr von Fehleinschätzungen
durch den Psychotherapeuten. Zugleich bietet die Internetbehandlung
die Möglichkeit, diese Angst des Behandlers auf
problematische Weise zu dämpfen. Indem das Internet
den Omnipotenzwünschen des Patienten entgegenkommt,
wird seine pathologisch-narzißtische Abwehrstruktur
gestärkt, was ihn aus Sicht des Behandlers stabiler
erscheinen läßt und so dessen Angst mindert.
Manualisierte Behandlung als Prototyp von Internetbehandlung
Angesichts der zu vermutenden Angst des Behandlers verwundert
es nicht, daß im Rahmen von Internetbehandlung
vielfach mit standardisierten Psychotherapiemanualen
gearbeitet wird. So ergaben Studien von Schauben und
Frazier (1995), daßTraumatherapeuten, die nach
einem festen Therapieprotokoll gearbeitet haben "relativ
gut gewappnet waren hinsichtlich möglicher aversiver
Konsequenzen der Traumabehandlung". Das heißt,
sie konnten das Manual gegen ihre eigene Angst in Stellung
bringen.
Immerhin scheint die Internetbehandlung hier ihre bislang
größten Erfolge vorweisen zu können.
In einem Projekt an der Uni Amsterdam ("www.interapy.com")
zeigte sich angeblich, daß sich bei posttraumatischen
Belastungsstörungen eine Erfolgsquote von 80% symptomfreier
Patienten ergeben habe. "Symptomfreiheit"
allein ist allerdings noch kein Kriterium für die
Güte einer Behandlung, da dies noch nichts über
die Beeinflussung der symptomgenerierenden Strukturen
aussagt.
Skepsis gegenüber manualisierten Behandlungen
erscheint aus psychoanalytischer Sicht auch deshalb
angebracht zu sein, da ein veränderungsrelevantes
Verstehen in "Zwischenräumen" entsteht.
Manfred Schmidt drückte es so aus: "Wir Analytiker
sind Anwälte der Unschärfen-Relationen."
Diese stellen einen Übergangsraum im Sinne Winnicotts
bereit, indem verschiedene emotionale Einstellungen
"durchgespielt" werden können. Innerhalb
eines solchen Raumes bilden sich, in gestalthaft beschreibbaren
Prozessen über eine mehr oder weniger große
Zahl an Metamorphosen hinweg, psychische Einsicht und
Verstehen aus. Nebenbei bemerkt ist es die generelle
Funktion von Metaphern und Sprachbildern, entwicklungsfördernden
Übergangsräume bereitzustellen. Von der Internetbehandlung
scheint dagegen eher eine Verengung, denn eine Ausweitung
von Übergangsräumen auszugehen. Damit wird
sie unter der Hand zum Agenten des Zeit- und Effektivitätsdiktats,
das dazu beiträgt vergessen zu machen, daß
Seelisches Zeit für seine Entwicklung braucht.
Juli 2006
* Autor: Rupert Martin, Diplom-Psychologe,
niedergelassener Psychoanalytiker und Gruppenanalytiker
in Köln
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