Bernard Lown: Die verlorene Kunst des Heilens. Anleitung
zum Umdenken *
von Frank Dammasch **
Jones, ein kerngesunder 39 jähriger Erzieher,
ist gerade spielerisch mit seinen beiden pubertierenden
Töchtern in einer lustvoll-aggressiven Keilerei
verstrickt, als ein Nachbar an der Tür klingelt.
Eine Tochter öffnet und Jones sinkt mit den Worten:
Es tut mir leid! zu Boden. Herzstillstand.
Nach Wiederbelebung und Notversorgung wird Jones in
die Klinik des weltberühmten Kardiologen Prof.
Dr. Lown** eingeliefert, der sich wissenschaftlich mit
dem Zusammenhang von plötzlichem Herztod und Streßfaktoren
auseinandersetzt. Lown befragt den Patienten eingehend
und hört unter anderem von dessen ehrgeizigen Berufsethos,
seiner Wut auf die Treulosigkeit von Kollegen und von
einer streng religiösen Erziehung mit moralischen
Grundsätzen, die sich vor allem auf die Sündhaftigkeit
der Sexualität bezieht. Ansonsten wirkt Jones entspannt
und innerlich gefestigt. Dieses Musterbeispiel guter
Gesundheit zeigt aber im EKG erhebliche Arhytmien des
Herzens. Während im allgemeinen Extrasystolen des
Herzens im Laufe des Schlafs abnehmen, zeigen sich bei
Jones insbesondere morgens in der REM-Schlafphase, wenn
er sehr ruhig und ausgeglichen zu schlafen scheint,
Herzrhythmusstörungen. Noch im Krankenhaus erleidet
Jones plötzlich nachts während einer REM-Schlafphase
einen weiteren Herzstillstand. Nach erfolgreicher Wiederbelebung
fleht er Dr. Lown an, ihn das nicht noch einmal erleben
zu lassen. Unter dem Druck der Todesdrohung ist er bereit,
seinen Traum, den er unmittelbar vor dem Herzflimmern-Herzstillstand
hatte, preiszugeben. "Er hatte geträumt, er
befinde sich mit einer vollkommen nackten Frau in einem
Auto. Der Motor habe gelaufen und der Wagen habe gefährlich
nahe an einer Klippe gestanden. Als es immer leidenschaftlicher
zuging, sei er hemmungslos geworden. Plötzlich
sei er erstarrt, als er im Rückspiegel einen herannahenden
Polizisten bemerkt habe. Voller Entsetzen über
sein Tun und Treiben habe er aus Versehen auf das Gaspedal
getreten, das Auto sei über die Klippe gestürzt
und alles sei schwarz geworden." (S. 66)
Normalerweise habe ich weder genügend inneren
Raum noch Energie, mich klinischen Fachbüchern
zuzuwenden, die außerhalb meines unmittelbaren
Interessengebiets liegen. So war es eher Zufall, bzw.
ein Vortrag, den ich vor zwanzig engagierten Ärzten
hielt, der mir als Lohn unter anderem die Empfehlung
dieses einzigartigen Buches eines amerikanischen Kardiologen
von Weltrang einbrachte. Bernard Lown betätigte
sich in der kardiologischen Grundlagenforschung und
entwickelte neue Behandlungsformen bei Herzrhytmusstörungen
und Vorhofflimmern. Parallel zu seiner ausgeprägten
naturwissenschaftlichen Forschung kehrt er zu einer
Leidenschaft seiner Jugend zurück, in der er sich
von der Lehre Sigmund Freuds fesseln ließ. Eines
seiner zentralen Forschungsgebiete wird der Zusammenhang
zwischen emotionalen Faktoren und plötzlichem Herztod.
Dabei bleibt er nicht bei der Hypothesenbildung stehen,
sondern zeigt bis ins Detail auf, wie individuell unterschiedliche
innere Stressfaktoren die biochemischen Abläufe
des Zentralnervensystems beeinflussen, die in bestimmten
Fällen wiederum Auswirkungen auf die Herzfunktion
ausüben. Lown leitet mehrere Weltkongresse über
den plötzlichen Herztod, bei denen er seine Forschungen
zum Zusammenhang von tiefliegenden psychischen Problemen
und gestörten Herzrhythmus darlegt. Neben seiner
fachlichen Tätigkeit gründet er gemeinsam
mit dem russischen Arzt Chazov 1980 die Organisation
"International Physicians for the prevention of
nuclear war"(IPPNW), für die er 1985 den Friedennobelpreis
entgegen nimmt. Die Bedeutung Lowns für die Medizin
lässt sich sicher nur zum Teil an der Zahl mehrerer
hundert Veröffentlichungen und zwanzig Ehrendoktorwürden
verschiedener Universitäten ablesen. Seine Bedeutung
für die naturwissenschaftliche Forschung gibt seinem
Wort ein besonderes Gewicht bei seinem leidenschaftlichen
Plädoyer für die Bedeutung der Psyche bei
Wohlergehen und Behandlungserfolg von Patienten.
Sein Buch besticht neben der auch für Laien gut
verstehbaren Tiefe wissenschaftlicher Erkenntnisbildung
vor allem durch die bewegende Darstellung seines Entwicklungsprozesses
als Arzt. Für ihn steht die Arzt-Patient-Beziehung
im Mittelpunkt, wobei das wichtigste diagnostische Handwerkszeug
die Kunst des Zuhörens ist, denn: "Die Ausübung
der medizinischen Kunst erfordert nicht nur die ausgezeichnete
Erkenntnis der Erkrankung selbst, sondern auch die Wahrnehmung
intimer Einzelheiten aus dem emotionalen Leben des Patienten"
(S. 30). Mit Zuhören meint Lown weder das anamnestische
Erfragen der Krankheitsgeschichte noch das Verständnis
vorgaukelnde Zuhören des netten Arztes von nebenan.
Zuhören heißt für ihn, die Mitteilungen
des Patienten und seiner Angehörigen mit allen
Sinnen aufnehmen und mit ihnen arbeiten, d.h. nicht
davor zurückschrecken, den Patienten auch mit unangenehmen
Deutungen psychosozialer Zusammenhänge zu konfrontieren.
Für ihn steht neben der fachmedizinischen Behandlung
die Bedeutung des Wortes im Mittelpunkt ärztlichen
Handelns. Er zeigt eindrucksvoll auf, wie das Wort des
Arztes heilen, aber auch zerstören kann. Der Patient
ist für ihn ein menschliches Individuum, das mit
einzigartiger psychosomatischer Gestaltungskompetenz
ausgestattet ist. Den Sinn seiner Symptomatik gilt es
jeweils individuell in einer vertrauenswürdigen
Arzt-Patient Beziehung zu entschlüsseln. Dabei
sind für ihn die objektiv nicht erfassbaren Emotionen
ebenso Bestandteil ärztlicher Diagnostik und Behandlung
wie die scheinbar objektivierbaren körperlichen
Funktionsstörungen. Inhaltlich dicht und humorvoll
untermauert Lown sein Plädoyer für das Umdenken
in der Medizin mit einem Fundus persönlicher Erfahrungen
und spannend erzählter Falldarstellungen, wie ich
sie in dieser Dichte noch nicht gefunden habe. Mit eindrucksvollen
Episoden und Kasuistiken wird der Leser mitgenommen
in die aufreibende Entschlüsselungsarbeit des medizinischen
Arbeitsalltag eines engagierten und nachdenklichen Arztes.
Dabei beschreibt die Leseerfahrung einen ähnlichen
Weg wie der Entwicklungsprozess des Arztes Lown.
Ist man als Leser zunächst beeindruckt von den
spannenden, bisweilen spektakulären Fallgeschichten
des stets Zuversicht vermittelnden Arztes bei seinem
Kampf gegen den Tod, so nimmt man beim weiteren Lesen
Teil an der allmählichen Reifung eines Arztes,
der zunehmend die Vielfältigkeit des menschlichen
Leidens an sich heranlässt und in sich aufnimmt.
So wird schließlich die Auseinandersetzung mit
dem Altern, dem Sterben und dem Tod gegen den eigenen
medizinischen Widerstand Teil seines Denkens. "Ich
bin davon überzeugt, dass man mit zunehmenden Alter
an Wissen verliert, aber an Weisheit gewinnt" (S.
313), schreibt der mehr als achtzig Jahre alte Lown.
Die Darstellung seiner persönlichen Erfahrungen
und Reflektionen über den Tod und das Sterben ist
sicherlich eines der bewegensten Kapitel in einem Buch,
das voll ist von beeindruckendem Nachdenken nicht nur
über den Arzt und den Patienten, sondern über
das Menschsein schlechthin.
Lown versteht es, seine großartigen Heilungserfolge
wie seine bittersten Mißerfolge in einfühlsamen
und sogleich fesselnden Geschichten zu erzählen,
die gleichermaßen das Gehirn aktivieren und das
Herz berühren. Man lernt auch viel über das
Herz in seiner konkret biologischen Funktion und in
seiner symbolischen Bedeutung.
Das Buch ist ein ausgesprochen komplexes, verstehbares
und leidenschaftliches Plädoyer für psychosomatische
Zusammenhänge körperlichen Leidens, das für
alle heilenden und pflegenden Berufe Pflichtlektüre
sein sollte.
September 2007
** Autor: Autor: Dr. phil. Frank Dammasch,
Diplom Soziologe und Pädagoge,
analytischer Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeut
in Frankfurt am Main
* Bernard Lown, Die verlorene Kunst des
Heilens. Anleitung zum Umdenken,
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, 400 Seiten,
€ 12,50
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