Nach dem bewaffneten Kampf
Anna Leszczynska-Koenen *
Als im September 1996 einige mit amnesty international
verbundenen Psychoanalytiker in Hamburg ein Seminar
mit dem Psychologen David Becker organisierten, der
mit politischen Häftlingen in Chile gearbeitet
hatte, bekamen sie überraschenden Besuch - eine
Reihe von ehemaligen RAF-Häftlingen war zu dem
Seminar gekommen. Sie hatten in der Haft alle David
Beckers Buch, "Ohne Haß keine Versöhnung.
Das Trauma der Verfolgten", gelesen und identifizierten
sich mit den dort geschilderten Traumatisierungen der
unter Pinochet verfolgten politischen Häftlinge.
Mit ihrer Anwesenheit bei dem Seminar meldeten sie ihren
Anspruch an, auch als verfolgte und traumatisierte politische
Gefangene gesehen zu werden.
Für manch anderen Teilnehmer des Seminars und
für den Referenten selbst war dieses Selbstverständnis
der ehemaligen RAF-Gefangenen verstörend. David
Becker sah in der Gleichsetzung der Verhältnisse
unter der Diktatur in Chile und in der demokratischen
Bundesrepublik Deutschland eine "abartige Realitätsverleugnung",
wie er in seinem Einleitungstext zu dem vorliegenden
Buch sagt. Doch andere Teilnehmer des Seminars waren
bereit, dieses Opferselbstverständnis der ehemaligen
Gefangenen anzunehmen. Der Hamburger Psychoanalytiker
Volker Friedrich meinte, daß Folter nicht "das
schwarze Privileg der Dritten Welt sei" und auch
in Deutschland Traumatisierungen infolge politischer
Kämpfe vorliegen, die unabhängig von den Handlungen
der politischen Gruppe anerkannt werden müssen
(wiedergegeben nach dem Bericht von Dellwo). Karl-Heinz
Dellwo, der an der Besetzung der deutschen Botschaft
in Stockholm 1975 und der Ermordung zweier Botschaftsangehöriger
beteiligt war, hört in diesen Sätzen die Bereitschaft,
ihrem Kampf um das "eigene Ich und Wir" im
Gefängnis Respekt zu zollen. Es war offenbar das
Signal, das es den ehemaligen Gefangenen ermöglichte,
ihren Wunsch nach Hilfe, wenn auch in sehr verklausulierter
Form, zu artikulieren. Einige der anwesenden Therapeuten
waren bereit, ein weiteres Treffen für die ehemaligen
Mitglieder aus der RAF und der Bewegung 2.Juni zu verabreden.
So entstand eine Gruppe aus ehemaligen Mitgliedern der
RAF, des 2. Juni und der Unterstützerszene, die
sich in unregelmäßigen Abständen über
sieben Jahre traf und mit Hilfe der sie begleitenden
Psychoanalytiker Volker Friedrich und Angelika Holderberg
versuchte, die eigene Geschichte aufzuarbeiten. Die
Berichte, die sowohl die beteiligten Psychoanalytiker
wie die Mitglieder der Gruppe in dem Buch "Nach
dem bewaffneten Kampf" ** veröffentlicht haben,
kann man wie Mosaiksteine zusammenfügen, um sich
ein Bild dieses ungewöhnlichen Gruppenprozesses
zu machen.
Wer auf dem Hintergrund der jüngsten Diskussion
um die Begnadigung von Christian Klar und die Entlassung
von Brigitte Mohnhaupt Äußerungen von Schuld,
Reue und Mitgefühl mit den Opfern als Ergebnis
dieses Gruppenprozesses erwartet, kann von dem, was
die ehemaligen Terroristen in ihren Berichten äußern,
nur enttäuscht sein. David Becker bezeichnet sie
in seinem Vorwort als "Täter-Opfer",
die erstmal nur bereit waren, ihr eigenes Opfertum als
Gefangene zu reflektieren, "und selbst das nur
in außerordentlich begrenzter Form". Einigen
in der Gruppe schien es zunächst um eine Reinszenierung
der "Isolationsfolter" Kampagnen aus den siebziger
Jahren zu gehen, bei der die Therapeuten dafür
eingespannt werden sollten, in Fachbegriffen zu untermauern,
daß ihre Haft "Vernichtungshaft" war,
also Folter. Als ihnen der Versuch mißlang, mit
diesem alten Muster - Freund oder Feind, Mensch oder
Schwein - Kontrolle darüber zu gewinnen, was in
der Gruppe gedacht und gesagt werden dürfe, mußten
sie aus der Gruppe fliehen, alles andere wäre für
sie zu bedrohlich gewesen.
Zurückblieben die, die einen größeren
Spielraum hatten und mehr Fragen an sich zulassen konnten.
Doch auch wenn zum Beispiel Karl-Heinz Dellwo sich in
seinem Bericht zu Schuld und Verantwortung für
den Tod zweier Menschen bekennt, so drücken seine
Worte eher die Kränkung über den Verlust der
ursprünglichen Selbstidealisierung als "Revolutionär"
aus, als echte Reue und Mitgefühl für die
Opfer: "Im Gefängnis war mir irgendwann klar
geworden, daß wir von keiner Gegengesellschaft
oder Gegenmoral reden können, wenn dies die Möglichkeit
von Geiselerschießungen und damit die vollständige
Verdinglichung von Menschen beinhaltet". Der eigene
Mythos, im Namen einer "Gegenmoral" und "Gegengesellschaft"
angetreten zu sein, um in den bewaffneten Aktionen eine
bessere, befreite Welt zu verwirklichen, muß aufrechterhalten
werden, die "ursprüngliche Besonderheit der
RAF" beschworen werden, "in sich selbst die
gesellschaftliche Prägung aus Gegenwart wie Vergangenheit,
den Zustand des vom Kapital Kolonialisierten und das
Trennende zum anderen aufzuspüren und aufzulösen".
Die Projektionen des Bösen auf den "Staat",
den "Kapitalismus", das "Bestehende"
werden nicht zurückgenommen, das Anrecht mit Mordanschlägen
dem Wunsch nach einer "Gegengesellschaft"
Nachdruck zu verleihen, nicht wirklich in Frage gestellt.
Selbst wenn manches nicht mehr gutgeheißen wird,
wie die Geiselerschießungen in Stockholm, so wird
die Schuld meist beim Staat verortet, durch dessen böses
Tun die Terroristen wie ferngesteuert agieren müssen.
So in Dellwos Erklärung für die letzten Anschläge
der RAF:
Als die Regierung Helmut Kohl nach einem wiederholten
Hungerstreik 1989 auf die Forderung nach "Zusammenlegung
der politischen Gefangenen" nicht einging, habe
der inhaftierte Helmut Pohl erklärt, daß
"es offensichtlichen keinen anderen Weg gibt, als
den Preis für die andere Seite so hoch zu treiben,
daß ihnen eine politische Lösung als kleinerer
Verlust erscheint. Die draußen haben es so verstanden,
daß es keinen Sinn mehr macht, weiter auf eine
politische Reaktion zu warten. Das stumpfe Aussitzen
von Helmut Kohl und die damit verbundene Sackgassensituation
für uns führten zu den Anschlägen auf
Herrhausen und Rohwedder."
Man wünscht sich nicht, daß die Angehörigen
von Herrhausen oder Rohwedder diese grauenhaft kalten
Sätze lesen. Wenn das eigene Tun in den Berichten
in Frage gestellt wird, dann nicht in Relation zu den
verheerenden Folgen, die es für die Opfer und ihre
Angehörigen hatte, sondern nur in Bezug auf die
nicht gelungene Einlösung der grandiosen Anmaßung,
eine bessere Welt zu repräsentieren. So können
sie ihre Opferrolle nicht durch Einsicht in die Gewalt
relativieren, die sie anderen angetan haben, sondern
am ehesten durch das Gewahrwerden der Gewalt, die ihr
Verhältnis untereinander und ihren Umgang mit sich
selbst prägte. Und dennoch: die Berichte geben
einen beeindruckenden Entwicklungsprozeß wieder,
bei dem sich im Beton überheblicher Selbstgerechtigkeit
und paranoider Projektion erste Ritzen auftun, die Selbstreflexion,
Differenz und Einfühlung in andere ermöglichen.
Ella Rollnik, eine Frau aus der Gruppe 2. Juni beschreibt
als entscheidenden Moment dieses Prozesses die Einsicht,
daß Freundschaft nicht auf völliger politischer
Übereinstimmung beruhen muß. Diese schlichte
Erkenntnis stößt die Tür auf in eine
Welt, die nicht mehr durch Freund-Feind Polarität
bestimmt ist, in der es möglich wird, Kritik und
andere Perspektiven gelten zu lassen, und damit auch
eine eigene, abgegrenzte Perspektive einnehmen und Kritik
üben zu können. Das ist ein entscheidender
Schritt auf dem Weg, sich von einer durch paranoide
Kommunikationsstrukturen und ein sektenartiges Weltbild
verkleisterten Gruppe zu lösen, was individuelle
Verantwortung für das eigene Denken und Handeln
erst möglich macht. Knut Folkerts beschreibt es
in seinem Bericht als die Freiheit, sich selbst neu
zu betrachten, auch das, was "keinen Bestand hat
oder von Übel ist". Roland Mayer hebt die
Fähigkeit hervor, "sich streiten zu können,
ohne dem Gegenüber sofort Vernichtungsinteressen
oder ähnlich Grundsätzliches zu unterstellen."
Dieser in der Gruppe entstandene Raum für Individuation,
Differenz und Selbstreflexion befördert für
Roland Mayer die "nüchterne Erkenntnis, daß
vieles in dem Verhalten Einzelner nicht Folge von Isolation
und Knast ist und auch nicht von Strukturen in der RAF
oder der Gefangenengruppe, sondern wohl doch einfach
in der Person liegt."
Es ist ein nicht zu unterschätzender Verdienst
der begleitenden Psychoanalytiker Angelika Holderberg
und Volker Friedrich, daß in der Gruppe solche
Entwicklungsprozesse möglich wurden. Viele der
üblichen Verfahrensregeln, die in der Arbeit eines
Analytikers gelten, waren in dieser Gruppe außer
Kraft gesetzt. Es gab keinen klaren therapeutischen
Auftrag für die Analytiker, und damit auch keinen
eindeutigen therapeutischen Rahmen, der abgegrenzt gewesen
wäre von privatem Kontakt. Doch die beiden Analytiker
haben es verstanden, auch in diesen uneindeutigen Verhältnissen
sich das Wesentliche ihrer Aufgabe und Funktion zu erhalten
und den Gruppenmitgliedern zur Verfügung zu stellen.
In allen Berichten wird deutlich, wie hilfreich die
Teilnehmer den Beitrag der Analytiker erlebt haben.
Durch sie entstand ein geschützter Raum, in dem
alle "Äußerungen von jeder und jedem
die Wertschätzung erfuhren, die wir uns untereinander
zu geben oft nicht in der Lage waren", wie Ella
Rollnik schreibt. Die beiden Analytiker waren fähig,
sich eines moralischen Urteils über die Taten der
Teilnehmer und ihre festgefahrene Schuldabwehr zu enthalten,
diese "Täter-Opfer" in ihrem Leiden,
ihrer Gebrochenheit und Verletztheit anzunehmen. Es
wäre sicher einfacher gewesen, Opfer politischer
Verfolgung zu behandeln, deren persönliches Verhalten
man uneingeschränkt hätte gutheißen
können, wie David Becker in seinem Vorwort schreibt.
Ein dritter Analytiker, Lothar Verstappen, der etwa
die Hälfte der Zeit mit dabei war, konnte die "ständige
Klage, die alte ungeschmälerte Wut, die unerschütterliche
Selbstgerechtigkeit", die er bei den Teilnehmern
erlebte, nicht ertragen. Bis zuletzt habe er "auf
Zeichen der Übernahme von persönlicher Schuld,
Reue und Demut" gewartet. Er schied aus und die
Zeichen, auf die er gewartet hatte, haben sich auch
im weiteren Verlauf der Gruppe nur sehr schwach eingestellt.
Doch der "denkbar schmale Korridor des Denkens
und Fühlens", den er der RAF attestiert, weil
jeder, der abwich "Verräter war und weg vom
Fenster", hat sich im Verlauf dieser Gruppenarbeit
erheblich geweitet. Erst dadurch entsteht die Voraussetzung,
Schuldgefühle empfinden zu können, im Anderen
einen durch eigenes Handeln vernichteten, beschädigten
und verletzten Mitmenschen zu erkennen und nicht nur
das verzerrte Abbild eigener destruktiver Projektionen.
Das Buch dokumentiert einen schweren Weg, den die Gruppenteilnehmer
gegangen sind: "
vom Tod zur Anerkennung des
Todes im Leben, von paranoiden Beziehungsstrukturen
hin zu einem kleinen Stück Vertrauen, von versteinerten
Auseinandersetzungen um Ideale, Macht, Ohnmacht und
Verrat hin zur Anerkennung von Grenzen und zur Erfahrung
von Kommunikation und Lebendigkeit," wie David
Becker in seinem Vorwort schreibt. Ob sie den Schritt
zur echten Übernahme persönlicher Schuld schaffen,
kann nicht Sache der Psychoanalytiker sein, die ihnen
diesen Weg eröffnet haben. Es wird davon abhängen
wieviel Verzweiflung und Trauer über die eigene
Geschichte jeder einzelne zulassen und ertragen kann.
"Wenn ich unser Engagement bedauert hätte,
wäre ich aus Verzweiflung gestorben", sagte
die ehemalige Terroristin der französischen "Action
Directe" Joelle Aubron nach ihrer Entlassung aus
dem Gefängnis. Einen schmerzfreien Ausweg aus diesem
Schrecken gibt es nicht.
"Für die RAF war er das System, für
mich der Vater" ***
Vor einigen Jahren stieß ich bei einem Spaziergang
mit einer Freundin und deren 6-jähriger Tochter
auf die Gedenkstele, die am Ort des tödlichen Attentats
auf Alfred Herrhausen in Bad Homburg angebracht ist.
Die Kleine wollte erklärt haben, um was es da gehe,
und als wir ihr erzählten, daß hier ein Mann
durch einen Bombenanschlag ermordet wurde, als sie noch
ein Baby war, fragte sie: "Warum, war er denn böse?"
Für einen Augenblick, der mir viel zu lange schien,
blieben wir ihr die Antwort schuldig, bis meine Freundin
die richtigen Worte fand: "Niemand ist so böse,
daß man das Recht hätte, ihn zu ermorden."
Mit den Fallstricken einer solchen Frage nach der vermeintlichen
Schuld des Opfers, haben Opfer von Gewalttaten oft zu
kämpfen. Indem ein Gewalttäter sich die Verfügung
über das Leben des Opfers nimmt, löscht er
dessen Recht auf Selbstverfügung und körperliche
Unversehrtheit aus. Im Moment der traumatischen Überwältigung
ist ein Opfer in Gefahr, innerlich von dieser grenzenlosen
Verachtung, die einer Gewalttat inhärent ist, auch
psychisch erfaßt und zerstört zu werden,
und in der so introjizierten eigenen Wertlosigkeit die
"Schuld" für das zu sehen, was ihm angetan
wurde. Ein Schatten dieser traumatogenen, gewaltsamen
Intropression eines auslöschenden, entwertenden
Zugriffs auf das Opfer durch den Gewalttäter fällt
auch auf die Angehörigen von Ermordeten, die sich
für deren mißachtetes Recht auf Leben und
eine angemessene juristische wie moralische Genugtuung
einsetzen möchten.
Besonders belastend wird die Situation, wenn die ausgeübte
Gewalt eine ideologische Begründung findet, die
den Opfern das Recht auf Leben grundsätzlich abspricht,
wie dies bei der RAF der Fall ist. Die auftrumpfende
Verachtung, die Entmenschlichung ihrer Opfer in den
"Kommandoerklärungen" der RAF ("wir
haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche
und korrupte Existenz beendet...") maßte
sich über den Mord hinaus eine Definitionsmacht
über das Leben und den Wert der Ermordeten an.
Hinzu kam ein breiter Resonanzraum in Teilen des damaligen
linken Milieus, das zwar die Morde nicht billigte, aber
die Weltsicht teilte, in der die Ermordeten als "Charaktermasken
des Kapitals", "Bullen", "Killervisagen"
(so in dem berüchtigten "Mescalero Nachruf"
eines Göttinger Studenten) oder als sonstwie politisch
und moralisch verdammenswerte Figuren fungierten. Nachschwingungen
dieser Weltsicht kann man noch heute in dem auf breiter
medialer Front monoton wiederholten Mantra vernehmen,
mit dem die Entstehung des RAF-Terrorismus scheinbar
erklärt wird: die "bleiernen" Adenauer
Jahre, die Nazis in hohen Stellungen, der Vietnamkrieg,
die Erschießung Benno Ohnesorgs, der Anschlag
auf Rudi Dutschke, die Notstandsgesetze (mit der Macht
der Assoziation zu "NS-Gesetzen" verdichtet),
die Isolationshaft der RAF-Gefangenen... Als ob sich
aus all dem die mörderische Gewalt der RAF erklärte,
und somit letztlich die "herrschenden Verhältnisse"
verantwortlich gemacht werden könnten, und nicht
die Täter selbst. Dabei bleiben die Mechanismen,
die zu der RAF-spezifischen Interpretation der Verhältnisse
führten, unhinterfragt und unaufgeklärt.
Wie gefangen man in diesem Diskurs ist, in dem sich
die Täter ständig als Opfer aufdrängen
und damit die Empathie für die Opfer ihrer Taten
blockieren, merkt man erst, wenn man seine Perspektive
ändert und den Blick auf die Angehörigen und
Opfer der RAF-Anschläge richtet, wie es Anne Siemens
in ihrem verdienstvollen Buch "Für die RAF
war er das System, für mich der Vater" tut.
Sie führte Gespräche mit Familienangehörigen
von ermordeten Opfern der RAF sowie mit Gabi von Lutzau
(damals Dillmann), die als Stewardeß, und mit
Jürgen Vietor, der als Copilot die Entführung
der Lufthansa-Maschine "Landshut" erlitten
haben. Die Angehörigen schildern nicht nur, was
ihnen durch die Mordanschläge angetan wurde - diesen
Raub am Leben, wie Viveka Hillegaart, Tochter des in
Stockholm ermordeten Botschaftsrat und auch Corinna
Ponto, Tochter des ermordeten Vorsitzenden der Dresdner
Bank es ausdrücken. Ein Raub auf verschiedenen
Ebenen, wie Viveka Hillegaart erklärt - ihrem Vater
ist das Leben genommen worden und den Angehörigen
die Möglichkeit, noch ein Stück Leben mit
ihm teilen zu können. Sie zwingen uns auch, genauer
hinzuschauen, denn sie haben nie den Luxus gehabt, der
Konfrontation mit dieser Gewalt ausweichen zu können.
Der Sohn des Militärattachés von Mirbach
erzählt, wie sein Vater, mehrfach angeschossen,
kopfüber die Treppe runtergeworfen und dort noch
lebend und leidend liegen gelassen wurde. Der Botschaftsrat
Heinz Hillegaart wurde unter einem Vorwand zum Fenster
geführt und dort mit einem Schuß in den Hinterkopf
ermordet. Von diesem Mord gibt es Filmaufnahmen, da
zu dem Zeitpunkt die Medien vor der deutschen Botschaft
in Stockholm campierten. Dieses Bild, in dem sie ihren
Vater nach dem Schuß zusammensinken sehen, wird
seine Töchter nie loslassen. Als Siegfried Hausner,
einer der Botschaftsbesetzer, aufgrund der schweren
Brandverletzungen, die er sich durch die vermutlich
selbst ausgelöste Explosion in der Botschaft zugezogen
hatte, auf der Intensivstation von Stuttgart Stammheim
starb, wurde von RAF-Sympathisanten sofort eine Kampagne
unter der Parole "Der Staat hat Hausner ermordet"
gestartet. Frau von Mirbach macht auf die moralische
Abgründigkeit solcher Kampagnen aufmerksam, in
denen die Täter larmoyant ihr eigenes Leiden herausstellen
und für sich eine Menschlichkeit beanspruchen,
die sie ihren vermeintlichen Feinden niemals zukommen
lassen würden. Bei aller historischen Ungemessenheit
des Vergleichs, kann man in dieser Haltung unschwer
dieselben Strategien der Schuldabwehr erkennen, die
im Zusammenhang mit nationalsozialistischen Verbrechen
das eigene Leiden benutzen, um die Abfolge von Ursache
und Wirkung zu verschleiern und sich im Gewand des Opfers
der Verantwortung für das eigene Tun zu entziehen.
So entschieden rechtsstaatlich die Angehörigen
in den Gesprächen für das Recht auf freie
Meinungsäußerung auch für die Gegner
des Staates eintreten, so sehr ist es ihr Anliegen,
daß die Öffentlichkeit den Strategien der
Selbstverklärung und Verharmlosung, wie sie von
ehemaligen Terroristen immer wieder zu vernehmen sind,
stärker entgegentritt. Offenbar hat die pauschale,
staatliche Verurteilung des Terrorismus samt staatlicher
Trauerakte die Wunden nicht heilen können, welche
die diversen "klammheimlichen" Sympathien
und die sie begleitenden ideologischen Verdrehungen
geschlagen haben. Sie möchten mit einem menschlichen,
lebendigen Bild ihrer ermordeten Angehörigen der
diffamierenden und dämonisierenden Sicht, die die
Täter von ihren Opfern gezeichnet haben, entgegentreten.
Sie tun das hier zum ersten Mal, mit Ausnahme der Familie
von Braunmühl, die unmittelbar nach der Ermordung
des Politischen Direktors im Auswärtigen Amt, Gerold
von Braunmühl 1986 mit einem berühmt gewordenen
Brief "An die Mörder unseres Bruders"
in der TAZ an die Öffentlichkeit trat.
Dieser Brief, der sich zur Aufgabe machte, die wahnhaften
Realitätsverzerrungen zu entlarven, die in der
"Kommandoerklärung" zur Begründung
für den Mord angeführt wurden, verdeutlicht
die Zwiespältigkeit eines solchen Bemühens,
gegen die Entwertung des Opfers durch die Täter
dessen Menschlichkeit herauszustreichen. "Oder
bringt es Euch nicht in Verlegenheit," heißt
es in dem Brief der Braunmühl Brüder, "wenn
es sich auch unter Euren Freunden herumspricht, daß
Ihr einen ermordet habt, der sich nie angepaßt
hat - auch nicht innerhalb der Bundesregierung - , einen,
den Krieg und Ungerechtigkeit - egal auf welcher Seite
- zutiefst empörten und der in erster Linie immer
für eine Verständigung mit den sozialistischen
Ländern gearbeitet hat?" (S. 253) Doch wäre
der Ermordete weniger für Gerechtigkeit und gegen
Krieg engagiert gewesen, angepaßter und gegenüber
der Zusammenarbeit mit den sozialistischen Ländern
skeptischer eingestellt, wäre der Mord dann auch
nur um ein Jota gerechtfertigter? Besonders problematisch
wird dieses Bemühen, dem diffamierenden Bild der
Terroristen ein untadeliges Bild des Opfers entgegenzusetzen
im Fall von Hanns Martin Schleyer, der aufgrund seiner
nationalsozialistischen Belastung dafür nicht taugt.
Wird aber im Kontext seiner Ermordung auf die Nazivergangenheit
Schleyers hingewiesen, geschieht das nur, um eine vermeintliche
Berechtigung für die Mordtat der RAF zu konstruieren,
wie der Sohn von Schleyer richtig bemerkt.
An den Tätern mußte der Brief der Braunmühls
sowieso abprallen, denn wie Dori Laub sagt, überschreiten
Täter, die morden, eine Grenze und begeben sich
in eine Welt, in der mitfühlende, zwischenmenschliche
Beziehungen gekappt sind. Deshalb geraten die Äußerungen
der Mörder zur ihrer Tat in der Regel oberflächlich,
inhaltlich verarmt und versiegelt in mentalen Stereotypien.
(siehe z.B. Dori Laub, Traumatisch bedingte Unterbrechung
des Erzählens und Symbolisierens: eine Folge des
Todestriebs? Vortrag auf der Herbsttagung der DPV 2002)
Das läßt sich unschwer anhand der Äußerungen
vieler ehemaliger Terroristen studieren. Selbst dann,
wenn sie ihre Taten vermeintlich bereuen, tun sie es
in einer hohlen, bürokratischen Sprache, die eher
an Verlautbarungen eines Politbüros gemahnt als
an eine von Mitgefühl für die Opfer getragene
Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld. (Siehe zum
Beispiel die Äußerungen von Karl-Heinz Dellwo
in dem oben besprochenen Buch "Nach dem bewaffneten
Kampf".)
Doch anders ist es mit den "Freunden", mit
dem damaligen linken Umfeld, das die radikale Kritik
der "bestehenden Verhältnisse" teilte,
ohne selbst gewalttätig geworden zu sein, und auch
mit uns heute, deren Empathie manchmal unter Jahrzehnten
von ideologischen Grabenkämpfen verschüttet
war. So wie der Brief der Braunmühls vor zwanzig
Jahren gerade dadurch, daß er in der linken TAZ
veröffentlicht wurde, das rein taktisch-politische
Verhältnis zum Terrorismus ("ein politischer
Fehler", "besorgt das Geschäft der Reaktion"
etc...) durchbrochen, Verhärtungen aufgelöst
und den Raum für echte Anteilnahme bei vielen geöffnet
hat, die vorher dazu nicht fähig waren, machen
die Erzählungen der Angehörigen in Anne Siemens
Buch uns bewußt, wie sehr wir uns davor schützen
wollen zu begreifen, was es bedeutet, wenn Haß
und Gewalt das Leben eines Menschen auslöschen.
In eindrucksvoller Weise erleben wir in den Erzählungen
Menschen, die es nicht nur vermocht haben, dem Einbruch
von Gewalt in ihre Welt ein erfülltes persönliches
Leben abzutrotzen, sondern für die auch das Festhalten
an einem hohen rechtsstaatlichen Ethos eine reparative
Funktion hat. "Ich gönne Karl-Heinz Dellwo
seinen Neuanfang. Ich bekomme meinen Vater nicht dadurch
zurück, daß es den Tätern schlecht geht,"
(S. 66) sagt Clais v. Mirbach. Sie akzeptieren in aller
Regel die vorzeitigen Haftentlassungen und die Begnadigungen
der ehemaligen Terroristen. Mit einer Versöhnung
mit den Tätern hat das nichts zu tun, vor deren
anmaßenden Verharmlosungen und auch vor den eigenen
Haßgefühlen wollen sie sich schützen
und wünschen deshalb keinen Kontakt. Es geht eher
darum, die Vernichtungslogik zu verweigern, die ihnen
die Terroristen aufzwingen wollten und dadurch der inneren
Beschädigung entgegenzuwirken, mit der die erlittene
Gewalt sie bedrohte.
April 2008; Die Rezensionen sind zuerst erschienen in
der PSYCHE
- Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen, Jahrgang 62, Heft 2
September 2007
* Anna Leszczynska-Koenen, Diplom-Psychologin, niedergelassene Psychoanalytikerin in Frankfurt am Main
** Angelika Holderberg (Hrsg), Nach dem bewaffneten Kampf. Ehemalige Mitglieder der RAF und Bewegung 2. Juni sprechen mit Therapeuten über ihre Vergangenheit. Gießen (Psychosozial-Verlag) 2007
*** Siemens, Anne: Für die RAF war er das System, für mich der Vater. München, Zürich (Piper Verlag) 2007
|