Migration und Integration - Probleme des Lebens zwischen
zwei Kulturen
Mahrokh Charlier, Frankfurt *
Die Migrationsbewegung der letzten Jahrzehnte aus der
islamischen Welt hat in den westlichen Ländern
neben einer kulturellen Bereicherung auch eine Vielzahl
an Integrationsproblemen mit sich gebracht, die einer
ernsthaften Auseinandersetzung bedürfen. Die Integration
ist infolge divergierender Wertvorstellungen -den religiös
geprägten Überzeugungen der muslimischen Einwanderer
auf der einen, den säkular ausgerichteten westlichen
Gesellschaften auf der anderen Seite - von erheblichen
Konflikten begleitet. Ergänzend zu den politischen
und soziologischen Ansätzen, die um Erklärungen
und Lösungsvorschläge für diese Konflikte
bemüht sind, können Psychoanalytiker auf die
unbewußte Dimension der Tradition im Sinne einer
kollektiven Übertragung aufmerksam machen. Mit
dieser Dimension ist nicht eine archaische Erbschaft
gemeint, die in der individuellen Psyche lokalisiert
ist, sondern vielmehr ein Bestandteil des kulturellen
Gedächtnisses, in das jeder einzelne auf seine
Weise hineingeboren und hineinsozialisiert wird.
Auch die Tradition der Gesetzesreligion Islam kann
als transgenerationaler Übertragungs- und Prägungsprozeß
und damit als Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses,
einschließlich seiner unbewußten Dimension,
betrachtet werden. Dieser transgenerationale Prozeß
ist vom Verlauf der individuellen Sozialisation abhängig
und als fester Bestandteil des Bewußten und Unbewußten
im einzelnen Individuum wirksam.
Die islamische Kultur ist patriarchalisch ausgerichtet
und in Hadithe (die Überlieferung über die
Gewohnheiten des Propheten) und Sunna (die überlieferten
Worte des Propheten) eingebettet. Die rituellen Einzelheiten
ebenso wie die rechtlichen und sozialen Fragen werden
entsprechend dieser Tradition behandelt. Da dem Islam
neben der religiösen auch eine politische Rolle
zugewiesen ist, kommt dem gesellschaftlichen Umfeld
die Aufgabe zu, die Einhaltung dieser religiös
verankerten Gesetze zu regulieren und zu überwachen.
In diesem Sinne ist die Einhaltung der islamischen Werte
und Gesetze nicht nur eine individuelle und familiäre
Angelegenheit, sondern ebenso Aufgabe der Gemeinschaft
bzw. der Gesellschaft.
Die Familienstruktur in islamischen Gesellschaften ist
durch die väterliche Autorität und die strikte
Geschlechtertrennung zwischen Männern und Frauen
geprägt. Diese Trennung, die mit der Geburt des
Kindes beginnt und später durch die Aufspaltung
des Lebensraumes in eine öffentliche Männer-
und eine private Frauenwelt weiter verfestigt wird,
stellt eine entscheidenden Faktor der Sozialisation
und zugleich eine tragende Säule der Gesetzesreligion
Islam dar.
Eine weitere tragende Säule der Gesetzesreligion
Islam ist die patriarchalische Struktur, die in der
psychischen Matrix des Knaben durch die Besonderheit
seiner Sozialisationserfahrungen von Beginn an verankert
wird. Es gehört zu den gesellschaftlichen Aufgaben,
diese psychische Struktur aufrechtzuerhalten und der
mit ihr verbundenen männlichen Identität einen
haltenden Rahmen zu geben. Dafür sorgen zum Beispiel
ein gesamtgesellschaftliches brüderliches Zusammengehörigkeitsgefühl,
sowie der Glaube an väterliche Autoritätsfiguren,
wie religiöse und/oder politische Führer oder
ältere weise Männer in Familie und Gesellschaft.
Den Wegfall der gesellschaftlichen Regulierung und
Stützung dieses Wertesystems in der westlich-säkularen
Kultur erleben viele Migranten als Bedrohung ihrer Identität.
Für sie bedeutet dieses Wegbrechen der gewohnten
kulturellen Regulationsmechanismen im westlichen Einwanderungsland,
daß das vormals in sich geschlossene Wertesystem
ihrer islamischen Kultur brüchig wird. Je divergierender
die Wertvorstellungen zwischen Herkunftskultur und der
Kultur des Migrationslandes sind, um so unvereinbarer
werden die innerfamiliären mit den außerfamiliären
Erwartungen.
Ein Kind aus einer muslimischen Familie spürt sehr
früh, daß es im Migrationsland einen massiven
Widerspruch zwischen innerfamilären und außerfamiliären
Werten gibt. In der Familie erfährt das Kind Anerkennung
und Zuspruch für die Anpassung an die elterlichen
Gebote und Verbote, was ihm eine sichere Orientierung
und Identität gibt. Doch was innerhalb der Familie
Anerkennung findet, kann in Konflikt mit außerfamiliären
Normen stehen und zu einer ablehnenden gesellschaftlichen
Reaktion führen. Es entstehen auf diese Art und
Weise im Kind zwei miteinander unvereinbare Identifizierungen,
was zu einer psychischen Destabilisierung und Desorientierung
führt. Es gerät unter psychischen Druck, diesen
Widerspruch innerpsychisch zu ordnen und zu integrieren.
Diese Aufgabe kann das Kind ohne eine integrative Hilfe
der elterlichen wie auch der außerhäuslichen
Umwelt (Hort, Kindergarten und später die Schule)
nicht bewältigen.
Wenn diese integrative Lösung nicht gelingt, wird
das Kind oder später der Jugendliche dieses Dilemma
eines Lebens in einer gespaltenen Welt mit unvereinbaren
Identifizierungen entweder mit einer Unterwerfung unter
die elterlichen Gebote und Verbote bewältigen,
oder im Gegenteil, sich radikal von ihnen abwenden.
In der Regel orientiert sich das Kind/ der Jugendliche
jedoch aufgrund von Verlustängsten wie auch Schuld-
und Schamgefühlen gegenüber der Familie an
seiner Ursprungskultur, was zu einem Scheitern der Integration,
zu einer Perpetuierung der gesellschaftlichen Spaltung
von Migranten und Einheimischen und im Extremfall zu
einer Radikalisierung führt.
Eine Auseinandersetzung mit den Problemen der Integration
kann nur fruchtbar sein, wenn es gelingt, sich diesem
Konflikt zwischen divergierenden inner- und außerfamiliären
Werten zu stellen. Für die Migranten bedeutet das
zu akzeptieren, daß sie sich nach zweierlei Gesetzen
zu richten haben - zum einen nach den familiären
und religiösen Gesetzen, zum anderen nach den Gesetzen
der Gesellschaft, in der sie leben. Dabei muß
die Kultur des Migrationslandes der brüchigen Orientierung
vor allem der jungen Migranten mit eindeutiger und bestimmter
Haltung begegnen. Mit einer klaren Forderung nach Akzeptanz
der hiesigen Gesetze würde die Politik an der patriarchalisch
strukturierten Kultur der Migranten selbst, nämlich
am väterlichen Gesetz anknüpfen.
Juli 2006
* Autorin: Mahrokh Charlier, Diplompsychologin,
niedergelassene Psychoanalytikerin in Frankfurt am Main
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