Das Unwort "Krankheit" in der Gesundheitswirtschaft
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Jürgen Hardt **
Warum die Krankenbehandlung auf dem Gesundheitsmarkt
als Kostenfaktor erscheint - die verwirrende, aber präzise
Sprache im so genannten Gesundheits-System
In den letzten Jahren ist zwischen denen, die Rahmenbedingungen
für therapeutisches Handeln bestimmen - Gesundheitspolitiker
und Gesundheitsverwalter - und den Ärzten und Therapeuten,
die Kranke behandeln, schleichend eine Sprachverwirrung
entstanden, die Verständigung unmöglich macht:
Es ist die sprachliche Kluft zwischen "Gesundheitsversorgung"
und "Krankenbehandlung". Vor 30 Jahren begann
die Reform der Sozialversicherungssysteme mit dem "Krankenversicherungskostendämpfungsgesetz",
das durch immer schneller nachfolgende und erfolglose
Gesetze abgelöst wurde. Am Anfang wurde noch gespöttelt,
man solle den Begriff "Gesundheit" nicht wörtlich
nehmen, es handele sich nicht um die Gesundheit der
Bevölkerung, schon gar nicht um die des einzelnen
Versicherten, es gehe schließlich um die finanzielle
Gesundung der Versicherungssysteme. Einen vorläufigen
Endpunkt stellt das so genannte Wettbewerbsstärkungsgesetz
(WSG) dar, das ehrlicher ist als seine kurzlebigen Vorgänger.
Es sagt, um was es geht: nicht mehr um Verbesserung
der gesundheitlichen Versorgung bzw. der Gesundheit
der Bevölkerung, sondern alleine um die Stärkung
des Wettbewerbes. Was das mit Gesundheit zu tun hat,
wird nur einsichtig, wenn man nicht in therapeutischer
Weise denkt. Gesundheit wird jetzt als Ware aufgefasst,
die auf dem Gesundheitsmarkt gehandelt wird und mit
Leiden und körperlich-seelischem Wohlbefinden nur
mittelbar zu tun hat. Leiden und dessen Behandlung ist
im Gegensatz dazu Sache der Krankenbehandlung, die auf
dem Gesundheitsmarkt als Kostenfaktor erscheint. Das
sind unterschiedliche Sprachspiele, die kaum noch etwas
miteinander zu tun haben. Vormals war die Behandlung
der Kranken in unserer Kultur von anderen Werten als
denen des Marktes getragen. Sie stand in der Tradition
der Nächstenliebe und der Solidarität.
Gesundheit als Produkt
Wenn man die Gesetze des Marktes schleichend und jetzt
verbindlich auf die Krankenbehandlung überträgt,
richtet man schweren kulturellen Schaden an: Die Beziehung
zwischen Partnern in einer Gesundheitsökonomie
ist mit der zwischen Patienten und Therapeuten kaum
vereinbar. Weil Gesundheit nicht auf jegliche Regulation
verzichten kann, wird als Ausgleich der Gesundheitsbereich
mit einer feinmaschigen Administration überzogen.
In so genannten Qualitätssicherungen und Effizienzkontrollen
sowie Normierungen von Arbeitsvorgängen wird aber
Misstrauen in therapeutische Beziehungen implantiert,
das die Notwendigkeit des Sich- Anvertrauen-Könnens
konterkariert. Zugleich wird zunehmend eine Entmündigung
der vormals freiberuflichen Ärzte und Therapeuten
betrieben, die ständiger Fortbildungspflicht unterworfen
werden, als wäre nicht ohnehin im Ethos einer Profession
enthalten, sich nach bestem Können zu informieren
und das Bestmögliche zu tun. Die Entäußerung
des Ethos ist ein Angriff auf die Profession des Heilens.
Therapeuten, die nur noch normgerechte Leistungen erbringen
sollen, sind nicht mehr Professionelle sondern üben
einen abhängigen Beruf aus, der Aufträge erfüllt.
Der Angriff auf das Ethos zerstört schleichend
die Grundlage eines jeden freien Berufes im Sinne der
Professionstheorie. Warum protestiert niemand dagegen,
dass die ehemaligen "Götter in Weiß"
zu Facharbeitern der Gesundheitswirtschaft absteigen
sollen? Besorgniserregend ist, dass sich der Protest
der Ärzte und Therapeuten nur um Entlohnung drehte.
So wurde er zu einer unbeholfenen Streikaktion und gehorchte
der Logik der Marktwirtschaft, ohne auf den kulturellen
Skandal hinzuweisen, der sich in der Sprachverwirrung
darstellt. Die zunächst harmlos klingende Sprachverwirrung
ist in Wahrheit ein Kampf zwischen unterschiedlichen
Werten und Auffassungen. Angesichts der ungleichen Macht-
und Kräfteverhältnisse handelt es sich allerdings
nicht um einen fairen Kampf, sondern um das zwangsweise
Implantieren einer neuen Sprache in die therapeutische
Welt. Die Sprache der Gesundheitspolitik ist im strengen
Sinne George Orwells ein "Neusprech", das
Denken regulieren und anderes Denken aus dem Verkehr
ziehen soll. Dafür gibt es eine Reihe von Indizien:
In der so genannten Gesundheitsreform geht es nicht
um die Reformierung, das heißt Erneuerung der
Gesundheit, sondern um die Reform des Gesundheitsversorgungssystems.
Es handelt sich in der Folge der Reformen auch nicht
um "Gesundheit" im therapeutischen Sinn, als
körperlich-seelisches Wohlbefinden der Menschen,
sondern um Gesundheit als Produkt und Ware der Gesundheitswirtschaft.
Abnehmer der Ware der Gesundheit sind "Kunden";
früher wurden sie Patienten genannt: leidende Mitmenschen,
die Anrecht auf Hilfe, Mitleiden und Solidarität
haben. Maßnahmen, die als "Modernisierung"
gepriesen werden, sind gut geeignet, Errungenschaften
der Moderne abzubauen. "Krankheit" wird zum
Unwort erklärt, über das nicht mehr gesprochen
werden darf.
Wohlbefinden im Leistungsvergleich
Dass das keine Utopie ist, wird sichtbar, wenn sich
die größte Krankenkasse "Gesundheitskasse"
nennt, um Marktvorteile zu erringen. Ökonomisch
ist das sinnvoll, denn es ist wirtschaftlicher, Gesunde
als Kranke zu versichern. Das ist die neue Welt der
Gesundheitsversorgung: Der selbstbewusste Kunde, ehemals
Patient, schlendert lässig über den Gesundheitsmarkt
und prüft die verschiedenen Angebote sorgfältig,
bevor er sich für eine Leistung entscheidet. Leistungserbringer,
ehemals Ärzte oder Therapeuten, werben mit ihren
Angeboten um Kunden und stellen sich verschärftem
Wettbewerb untereinander. Patienten und Therapeuten,
Leiden und Behandlung, sind aus dem Blick geraten; Leiden
würde das freie Spiel ökonomischer Kräfte
stören. Problematisch an dieser Vision ist, dass
sich das Leiden nicht aus dem Leben entfernen lässt,
weil es unvermeidlich dazugehört und alle Menschen
früher oder später auf helfende Begleitung
(Therapie) angewiesen sind. Der Zynismus des Neusprechs
wird besonders deutlich, wenn anlässlich der Proteste
ein Sprecher des Gesundheitsministeriums Therapeuten
drohend auffordert, sie sollten nicht vergessen, dass
sie "ihre Kunden frei Haus geliefert" bekämen.
In der Sprache der Krankenbehandlung, in der Welt des
Leidens und seiner Behandlung ist das eine höhnische
Beschreibung. Sie steht in schamlosem Kontrast zur Erfahrung
eines leidenden Menschen, der sich mit Schmerzen und
Angst, vielleicht unter Überwindung von Scham,
einem helfenden Begleiter (Therapeuten) anvertraut,
das heißt sich in Behandlung begibt, weil er sich
selbst nicht mehr zu helfen weiß.
* Zuerst erschienen in der "Frankfurter
Rundschau" am 2.1.2007
** Autor: Jürgen Hardt, Diplompsychologe,
niedergelassener Psychoanalytiker in Wetzlar,
Präsident der Psychotherapeutenkammer Hessen
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