Krippenausbau in Deutschland - Psychoanalytiker nehmen Stellung
In der gegenwärtigen Diskussion um die Krippenbetreuung
von Kindern unter drei Jahren wird die Wichtigkeit emotionaler
Bindungen, die das Kind eingeht und die Bedeutung der
Trennung von den Personen, an die sich das Kind bindet,
häufig unterschätzt. Mit dem unten stehenden
Memorandum möchten Psychoanalytiker der Deutschen
Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) den Blick auf die
Bedeutung früher Trennungserfahrungen richten und
so zur Sensibilisierung von Öffentlichkeit und
Entscheidungsträgern beim Ausbau der Krippenplätze
beitragen.
Einen Bericht über eine wissenschaftliche Tagung
der DPV zu diesem Thema können Sie im Heft 3/2007
der Zeitschrift KINDERANALYSE
und Heft 8/2007 der Zeitschrift PSYCHE
finden. Die Zeitschrift PSYCHE wird darüber hinaus
im Februar 2008 ein ganzes Heft dem Thema widmen.
Memorandum der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung
Als Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker erfahren
wir in unserer täglichen Praxis die Tiefenwirkungen
und Langzeitfolgen von kindlichen Entwicklungsbedingungen.
In den ersten drei Lebensjahren wird die Grundlage für
die seelische Gesundheit eines Menschen gelegt. In dieser
sensiblen Entwicklungszeit bedeuten regelmäßige
ganztägige Trennungen von den Eltern eine besondere
psychische Belastung für die Kinder. Die Diskussion
über den geplanten Ausbau der Krippenbetreuung
für Kinder unter drei Jahren erscheint uns daher
zu kurz gegriffen, wenn sie sich nur auf demographische,
bildungs- und arbeitsmarktpolitische Aspekte konzentriert.
Aus verschiedenen Gründen können Mütter
und Väter auf außerfamiliäre Betreuung
ihrer Kinder angewiesen sein. Um die Faktoren, die bei
Krippen- oder Tagesmutterbetreuung die gesunde Entwicklung
des unter dreijährigen Kindes gefährden, beachten
und ihre Auswirkungen mildern zu können, ist ein
gesellschaftliches und individuelles Bewusstsein für
die Bedeutung früher Trennungserfahrungen umso
wichtiger.
Wir gehen von folgendem Wissen aus, das auf Forschungsergebnissen
und psychoanalytischer Erfahrung beruht: Während
der ersten 36 Lebensmonate ist das Kind wegen seiner
körperlichen und seelischen Verletzlichkeit ganz
besonders auf eine schützende und stabile Umgebung
angewiesen. Es bindet sich an die Menschen, die ihm
am verlässlichsten zur Verfügung stehen. Bindung
ist für das Kind eine Überlebensnotwendigkeit.
Sie bildet die Grundlage für sein Selbstwertgefühl
und seine Fähigkeit, tragfähige Beziehungen
aufzubauen. Seine emotionale und kognitive Entwicklung
wird in der frühen Kindheit durch die Stabilität
seiner Beziehungen gefördert. Einfühlung in
seine Bedürfnisse, Verfügbarkeit einer verlässlichen
Bezugsperson, regelmäßige Alltagsstrukturen
helfen dem Kind, ein "Urvertrauen", das gerade
in dieser Zeit erworben wird und eben nicht angeboren
ist, zu gewinnen. Erst langsam entwickelt das Kind die
Fähigkeit, die Abwesenheit der Eltern innerseelisch
zu verkraften, indem es sich an sie erinnern und an
sie denken kann.
Umgebungswechsel und Trennungen von Mutter und Vater
in den ersten Lebensjahren erfordern zum Wohle aller
Beteiligten langsame Übergänge, damit das
Kind mit der neuen Umgebung und der neuen Betreuungsperson
ohne Verlustangst vertraut werden und sich langsam anpassen
kann. Ein auch für das Kind fühlbar gutes
Verhältnis zwischen Eltern und Betreuerin hilft
ihm, sich angstfrei der neuen Situation als Erweiterung
der Familie anzuvertrauen. Plötzliche oder zu lange
Trennungen von den Eltern bedeuten in der frühen
Kindheit einen bedrohlichen Verlust der Lebenssicherheit,
auch weil Sprach- und Zeitverständnis des Kindes
noch nicht weit genug entwickelt sind, um Verwirrung
oder Angst mit Erklärungen zu mildern. Eine Trennung
von den Eltern, die nicht durch ausreichend lange Übergangs-
und Eingewöhnungsphasen vorbereitet wird, kann
vom Kind als innerseelische Katastrophe erlebt werden,
die seine Bewältigungsmöglichkeiten überfordert.
An der kindlichen Reaktion auf die Trennung - zum Beispiel
verzweifeltes Weinen, anhaltendes Schreien oder später
auch resigniertes Verstummen, Schlaf- und Ernährungsstörungen
- kann man eine seelische Überforderung erkennen,
die dann besondere Zuwendung und Verständnis braucht,
um nicht zu einer innerseelischen Katastrophe zu werden.
"Pflegeleichte" Kinder, die gegen die Trennung
nicht protestieren, brauchen besondere Aufmerksamkeit,
weil ihre seelische Belastung manchmal nicht erkannt
wird.
In der Regel passen sich Kinder nach einer Weile an
neue Situationen an und akzeptieren das neue Beziehungsangebot.
Auch wenn die Betreuerin nur eine "Übergangs-Mutter"
ist, die sich deshalb nicht stärker binden möchte,
weil sie den kommenden Abschied voraussieht: das Kind
bindet sich immer, weil es Bindung braucht, um seelisch
zu wachsen. Jeder Krippenwechsel oder Wechsel einer
Tagesmutter bedeutet für das Kind eine erneute
Erfahrung von Bindungsverlust. Es gibt keine psychische
Gewöhnung an Verlust: Kommt er unvorbereitet und
kann er nicht innerhalb einer vertrauten Beziehung verdaut
werden, sind Verleugnung und Anästhesierung der
Gefühle die Folge, häufig begleitet von der
"Körpersprache" psychosomatischer Symptome.
Der meist unausweichliche Verlust der Ersatzperson ist
dann besonders schwerwiegend, wenn das Kind in seiner
Trauer um sie von den Eltern kaum bestätigt und
gestützt wird.
Es ist Forschungs- und Erfahrungswissen (und keine
Ideologie), dass für die Entwicklung des kindlichen
Sicherheitsgefühls, für die Entfaltung seiner
Persönlichkeit und für die seelische Gesundheit
eine verlässliche Beziehung zu den Eltern am förderlichsten
ist. Gerade in den ersten drei Lebensjahren ist die
emotionale und zeitliche Verfügbarkeit von Mutter
und Vater dafür von großer Bedeutung.
Das Kind entwickelt nicht nur seine Beziehung zur Mutter,
sondern in der Regel auch eine gleichermaßen enge,
aber andere Bindung an seinen Vater. Es erlebt sich
selbst in der Beziehung zum Vater oder zu seinen Geschwistern
anders und erfährt, dass Fürsorglichkeit und
Bindungsangebote unterschiedlich ausfallen können.
Es erlebt die Eltern als Paar, so dass es sich als Teil
eines Beziehungsdreiecks wahrnimmt und mit der Qualität
der elterlichen Beziehung identifiziert. Durch ausreichend
regelmäßige Wiederholungen dieser Erfahrung
von "verlässlicher Flexibilität"
lernt das Kind Veränderungen zu tolerieren und
auch die unvermeidlichen Ausschluss-Erfahrungen und
Kränkungen im Sinne eines altersgemäßen
Entwicklungsanreizes zu verarbeiten - all dies stabilisiert
seine psychische Weiterentwicklung, festigt die grundlegenden
Erfahrungsstrukturen und fördert seine Fähigkeiten,
neue Beziehungen einzugehen. Ein Kind mit sicheren Bindungen
innerhalb seiner Familie wird den behutsamen Schritt
in eine zusätzliche Betreuung außerhalb der
Familie als Bereicherung seiner Erfahrungswelt erleben.
Wenn die außerfamiliäre Betreuung - sei
es Krippe oder Tagesmutter - vom Kind als Teil der "familiären
Einheit" erfahren wird, kann sie seine Entwicklung
bereichern und bei der Aufgabe, sich später von
den Eltern abzulösen, eine Hilfe sein. Wenn die
Familie wegen Krankheit, seelischer oder materieller
Not dem Kind nicht die nötige Verlässlichkeit
bietet und Vernachlässigung oder Misshandlung drohen,
wird das Kind von der Betreuung außerhalb der
Familie dann profitieren, wenn es dort ausreichend Gelegenheit
findet, gute und dauerhafte Beziehungen zu entwickeln.
Alle Eltern, besonders aber Eltern, die sich zuhause
mit ihren Kindern überfordert und isoliert fühlen,
brauchen Unterstützung, gesellschaftliche Anerkennung
und öffentliche Angebote für das Leben mit
Kindern
In vielen Studien wurde nachgewiesen, dass es entwicklungspsychologisch
einen bedeutsamen Unterschied macht, ob ein Kind mit
einem Jahr, mit anderthalb oder zwei Jahren in außerfamiliäre
Betreuung kommt und wie viele Stunden täglich sie
in Anspruch genommen wird. Je länger die tägliche
Betreuung getrennt von den Eltern andauert, umso höhere
Werte des Stresshormons Cortisol sind zum Beispiel im
kindlichen Organismus nachweisbar. Dies erklärt
den Zusammenhang zwischen langer, also ganztägiger
Dauer der außerfamiliären Betreuung und späterem
aggressivem Verhalten in der Schule, der in Längsschnittstudien
gefunden wurde. Weitere entscheidende Faktoren für
die Qualität der Krippenbetreuung sind die Gruppengröße
und die Personalfluktuation. Zu große Gruppen
oder häufige Personalwechsel machen es dem Kind
unmöglich, sichere Bindungen einzugehen; sie können
sozialen Rückzug bewirken oder im Verlauf seiner
Entwicklung zu innerer Unruhe, Aufmerksamkeitsstörungen
und Konzentrationsdefiziten führen.
Allgemein gilt:
Je jünger das Kind,
je geringer sein Sprach- und Zeitverständnis,
je kürzer die Eingewöhnungszeit in Begleitung
der Eltern,
je länger der tägliche Aufenthalt in der Krippe,
je größer die Krippengruppe
je wechselhafter die Betreuungen,
umso ernsthafter ist die mögliche Gefährdung
seiner psychischen Gesundheit.
Das Tagesmuttermodell, das wegen der erhofften individuelleren
Betreuung oder seiner familiennäheren Form oft
als bessere Alternative zur Krippe angesehen wird, erscheint
- im Gegenteil - besonders konfliktreich: Ein Tagesmutterwechsel
in den ersten Lebensjahren findet viel öfter statt
als bei der Einführung des Modells angenommen.
Häufig auftretende Spannungen zwischen Mutter und
Tagesmutter zeigen die große Störanfälligkeit
dieser Betreuungsform. Die Vorbereitung auf die psychologisch
und pädagogisch schwierige Aufgabe einer Ersatzbetreuung
ist bisher meist unzureichend. "Tagesmutter"
wird, wie auch "Erzieherin" und "Frühpädagogin",
ein Berufsbild der Zukunft sein, und seine notwendige
Professionalisierung mit guter Ausbildung und berufsbegleitender
Supervision sollte widerspiegeln, dass die Kleinsten
den größten Einsatz brauchen.
Analog zur "Schulreife" sollte die "Krippenreife"
für jedes Kind individuell beurteilt werden, um
Traumatisierungen zu verhindern. Auch für Eltern
ist es oft schmerzhaft und konfliktreich, sich in den
frühen Entwicklungsjahren von ihrem Kind trennen
zu müssen, und sie machen sich viele Gedanken,
wenn sie es in "fremde Hände" geben.
Sie kennen ihr Kind am besten und erfassen wegen ihrer
einzigartigen seelischen Verbindung zu ihm seine "Krippenreife"
intuitiv. Politische Forderungen nach möglichst
früher Rückkehr der Mütter an den Arbeitsplatz
verunsichern intuitives Wissen und schüren eine
unnötige ideologische Konkurrenz um ein "richtiges"
Frauenbild. Stattdessen brauchen wir staatlich geförderte
entwicklungspsychologische Forschungen und Langzeitstudien,
die den geplanten Ausbau der Tagespflegeplätze
und die Einführung des Rechtsanspruchs auf einen
Krippenplatz für die unter Dreijährigen aufmerksam
begleiten, um Fehlentwicklungen vorzubeugen und Neuorientierungen
zu evaluieren.
Die Gestaltung von Bindungen und die Bewältigung
von Trennungen sind lebenslang die schwierigsten seelischen
Aufgaben des Menschen. Sie erfordern gerade am Lebensbeginn
von allen verantwortlich Beteiligten hohe Sensibilität
und ein Wissen um die Verletzlichkeit der frühen
Entwicklung.
Berlin, 12. Dezember 2007
Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV)
Kommission Öffentlichkeit und interdisziplinärer
Dialog
(Leitung: Dr. phil. Franziska Henningsen)
Geschäftsstelle der DPV: Körnerstr, 11, 10785
Berlin, E-mail: geschaeftsstelle@dpv-psa.de
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