Zeitgeschehen Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2006,
Nr. 258, S. 10
Zappelig, gewaltbereit und ängstlich
Die möglichen Ursachen und Vorbeugemaßnahmen
gegen Hyperaktivität bei Kindern / Von Heike Schmoll
Die Einheitsdiagnose ADHS gibt es nicht. Es handelt
sich vielmehr um ein ganzes Bündel von Symptomen,
deren Ursache genau in den Blick genommen werden muß,
um Möglichkeiten der Therapie zu finden.
Allein in Deutschland werden etwa 400 000 Kinder wegen
einer sogenannten Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung
(ADHS) mit Psychopharmaka behandelt. Insgesamt sollen
es Schätzungen zufolge 80 Millionen auf der ganzen
Welt sein. Schon vor fünf Jahren hatte das Bundesgesundheitsministerium
besorgt darauf hingewiesen, daß der Verbrauch
des am häufigsten verordneten Medikaments Ritalin
(Methylphenidat) allein von 1997 bis 2000 um 270 Prozent
angestiegen sei. Häufig ist das Medikament für
betroffene Familien und Kindergärten wie Schulen
tatsächlich das einzige Mittel, eine unerträgliche
Lage zu stabilisieren. Denn die Zappelphilippkinder
sind aggressiv, hyperaktiv, unkonzentriert, fahrig,
von Reizen überflutet und schwer zu bändigen.
Viele dieser Kinder kommen aus bildungsfernen Schichten
oder aus "Familien mit Migrationshintergrund",
wie es im Pisa-Deutsch heißen müßte,
und gehören zu der in Deutschland viel zu großen
Risikogruppe späterer Schulabbrecher. Beunruhigend
ist, daß solche Phänomene immer öfter
auch bei Kindern "aus normalen Verhältnissen"
auftauchen, zumal diese ihre Konflikte ebenfalls gewaltsam
austragen. Je häufiger jedoch die Symptome einer
ADHS-Erkrankung auftreten, desto eher wird sie für
alle kindlichen Schwierigkeiten im Vorschul- und Grundschulalter
in Anspruch genommen. Eltern und Erzieher fühlen
sich oft genug entlastet, ihr Kind pathologisieren zu
können. Auf diese Weise schützen sie sich
vor unangenehmen Auseinandersetzungen mit sich, ihrer
eigenen Lebenswelt und ihrer Erziehung.
Bisher gab es auch keine objektive Unterscheidung zwischen
einem hirnstoffwechselgestörten ADHS-Kind und einem
nicht hirnstoffwechselgestörten normalen Kind.
Bei der Internationalen Tagung zum 150. Geburtstag Sigmund
Freuds am Wochenende in Frankfurt berichtete der amerikanische
Psychiater und Neurowissenschaftler Bradley S. Peterson
zum ersten Mal von deutlichen Unterschieden der Hirnrinde
(Kortex) bei normalen Kindern und ADHS-Kindern. Während
die zum Limbischen System (Instinkt- und Affektsteuerung)
gehörende Amygdala bei beiden Vergleichsgruppen
unauffällig ist, ist der sogenannte Hypocampus
bei Kindern mit ADHS um mindestens 7 Prozent vergrößert.
Bisher war die Hyperaktivität vor allem mit Störungen
des Hirnstoffwechsels in Verbindung gebracht worden.
Betroffene Eltern, die zwar gern ein besonderes, aber
kein auffälliges Kind haben möchten, mag diese
neurowissenschaftliche Bestätigung entlasten, die
Ursachen des Zappelphilippsyndroms klärt sie trotz
ihrer Bedeutung für die Grundlagenforschung nicht.
Häufig wird die Suche nach Lösungsmöglichkeiten
durch solche Erklärungen sogar erschwert. Ein Kinderpsychiater
berichtet, daß 28 von 107 Kindern in einem Quartal
mit Verdacht auf ADHS kamen, der sich jedoch nur in
sieben Fällen bestätigt hat. Für ihn
sind sie deshalb noch lange nicht alle therapiebedürftig,
schon gar nicht mit Medikamenten. Andere Ärzte
hätten vielleicht alle 28 Kinder medikamentös
behandelt. Einig sind sich Psychologen, Psychiater,
Mediziner und Pädagogen einzig und allein darin,
daß die Symptome des Zappelphilipps immer häufiger
bei Kindern festzustellen sind, nicht jedoch über
die Ursache und die Therapie. Nicht umsonst wird ADHS
als eine der größten Kontroversen in der
Kinderpsychiatrie bezeichnet. Bis heute fehlen schulenübergreifende
Vergleichsstudien zwischen psychopharmakologischen,
verhaltenstherapeutischen und psychodynamischen Behandlungen
von Kindern und Jugendlichen.
Darauf verwies die Frankfurter Psychoanalytikerin und
geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts,
Marianne Leuzinger-Bohleber, die vor kurzem mit anderen
Fachleuten das Buch "ADHS-Frühprävention
statt Medikalisierung" veröffentlicht hat.
Gemeinsam mit dem dortigen Institut für Analytische
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und dem Städtischen
Schulamt führt sie seit 2003 eine Präventionsstudie
mit 500 Kindern in 14 Frankfurter Kindertagesstätten
durch. Auch wenn die Ergebnisse noch nicht im einzelnen
feststehen, spricht vieles dafür, daß es
die Einheitsdiagnose ADHS nicht gibt. Die Hyperaktivität
kann Ausdruck unbewältigter Traumata, einer besonderen
Begabung, Reaktion auf eine depressive Mutter, auf kulturelle
Verschiedenheiten oder frühe Verwahrlosung sein.
Wird die Hyperaktivität nur als Defizit empfunden,
richtet sich die Aufmerksamkeit einzig und allein auf
die Beseitigung der als defizitär empfundenen Symptome.
Der psychosoziale Ursachenzusammenhang wird damit der
Wahrnehmung entzogen.
Die Frankfurter Präventionsstudie will deshalb
klären, ob eine zweijährige psychoanalytische
Prävention die Anzahl der mit ADHS diagnostizierten
Kinder deutlich verringern kann. Die Kinder sollen Vertrauen
in ihre Selbststeuerung, ihre Affektkontrolle und ihre
soziale Beziehungsfähigkeit entwickeln. Häufig,
erläutert Frau Leuzinger-Bohleber, konnten die
Kinder kein sicheres Bindungsverhalten entwickeln, um
so wichtiger sei ein berechenbarer Umgang der Erzieherinnen
und eine vertrauensvolle Atmosphäre, die den Kindern
Sicherheit vermittle.
Mit Hilfe bildgebender Verfahren ist schon längst
an verschiedenen psychiatrischen Störungen nachgewiesen
worden, daß psychotherapeutische Interventionen
ebenso wie medikamentöse Behandlungen sogar noch
im Gehirn des Erwachsenen zu nutzungsabhängigen
Umstrukturierungen neuronaler Netze und synaptischer
Verschaltungen führen können. Das Gehirn reagiert
auf Beziehungserfahrungen. Frühe Fehlentwicklungen
lassen sich so durch therapeutische Zuwendung durchaus
korrigieren.
Zum Frankfurter Präventionsprojekt gehören
eine Weiterbildung der Erzieherinnen, eine psychoanalytisch
fundierte Supervision durch professionelle Supervisoren,
im zweiten Jahr einen Schulung im Gewaltpräventionsprogramm
("Faustlos"), die Arbeit mit Kindergruppen,
Elternarbeit und vor allem eine Einzeltherapie durch
analytische Kinder- und Jugendlichentherapeuten im Kindergarten,
sofern die Eltern einwilligen. In der Regel überwinden
hilfebedürftige Kinder aus bildungsfernen Schichten
die Schwelle zum niedergelassenen Therapeuten oder einer
Ambulanz nicht. Ein Beispiel dafür ist Roberts
Mutter, eine alkoholkranke, arbeitslose 21 Jahre alte
Frau. Der uneheliche Sohn Robert, dessen Vater die Mutter
nach kurzer dramatischer Beziehung verließ, ist
wegen seines aggressiven Verhaltens im Kindergarten
völlig isoliert, schmeißt während des
Essens alles um, leidet unter Ängsten und kann
sich nicht konzentrieren. Trotz ihrer Vorbehalte - ein
Psychiater hatte ihr eine manische Depression bestätigt
- nahm die Mutter schließlich professionelle Hilfe
an, zog jedoch dann nach kurzer Zeit weg. Es läge
nahe, daß das Kind einer depressiven Mutter ihre
Aufmerksamkeit durch hyperaktives Verhalten zu erzwingen
versuchte.
Ahib, der aus einem östlichen Kulturkreis stammt,
hat ein vierjähriges Mädchen so heftig in
den Bauch getreten, daß es kinderärztlich
versorgt werden mußte. Die Mutter des Jungen berichtete
daraufhin, daß die Kinder in ihrem Dorf weitgehend
auf der Straße aufwachsen und sich die Jungen
in Kindergruppen aggressiv behaupten müssen. Um
die Eltern überhaupt in die Behandlung einbeziehen
zu können, müssen die Supervisoren nicht selten
mit mehreren Dolmetschern in die Kindertagesstätte
kommen. Gelingt es der Frankfurter Präventionsstudie,
den Blick auf die unterschiedlichen Ursachen und mögliche
Lösungen zu lenken, könnte sich in Kindertagesstätten
und Schulen einiges ändern. Die Ergebnisse dürfen
schon jetzt mit Spannung erwartet werden.
10.01.2007
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