"Immer vorwärts und nie zurück".
ADHS: Krankheit oder Beziehungsstörung?
Frank Dammasch *
Zur subjektiven Bedeutung der Diagnose
In der Ambulanz des Instituts für analytische
Kinder- und Jugendlichen Psychotherapie und in meiner
Praxis werde ich zunehmend schon am Telefon von anmeldenden
Eltern damit konfrontiert, daß sie wahrscheinlich
ein ADS-Kind haben.
Diese Reduzierung des Subjekts Kind auf drei oder vier
Buchstaben einer rein deskriptiv psychiatrischen Diagnose
ist uns als analytische Kinderpsychotherapeuten fremd.
Wir sind es gewohnt, unseren psychoanalytischen Blick
auf die jeweils einzigartigen, aus der individuellen
Biografie heraus begründeten Ursachen psychischer
Störungen zu richten. Was uns als Psychoanalytiker
bei dieser großzügig verteilten, pauschalen
Kurz-Diagnose beunruhigt, wirkt aber irgendwie beruhigend
auf eine Vielzahl von Eltern, die sich im Kampf mit
ihren unruhigen Kindern und den negativen Resonanzen
der Umwelt verunsichert fühlen. Die medizinisch
deklarierte Zusicherung, zu einem bekannten Diagnose-Typ
zu gehören, macht aus dem verwirrend unverständlichen
Verhalten ihres Kindes etwas medizinisch Bekanntes und
als somatische Krankheit auch sozial Anerkanntes. Ein
Vater sagte mir z.B.: "Ich bin froh, daß
das Kind jetzt einen Namen hat. Ich weiß nicht,
ob das der richtige Name ist, aber ich kann mich jetzt
selbst besser unter Kontrolle bekommen. Wenn mein Kind
sich wieder mal unmöglich benimmt, sage ich mir,
es hat ADS, es ist krank, es kann ja nichts dafür
und dann schaffe ich es manchmal wieder, mich zu beruhigen."
Wir sehen hier, daß die vereinfachende Diagnose
ADS/ADHS (Aufmersamkeits-Defizit-Syndrom, bzw. Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom)
schon als solche auf manche Eltern beruhigend wirkt
und den Zirkel von Aggression und Gegenaggression zumindest
für einen Augenblick unterbrechen hilft. Das beunruhigend
und chaotisch Unverständliche bekommt einen angstvermindernden
Namen. Das befreit darüber hinaus bisweilen von
Gefühlen der Ohnmacht, auch der ohnmächtigen
Wut und insgesamt von elterlichen Schuldgefühlen,
bei der Erziehung des eigenen Kindes nicht genügend
gut gewesen zu sein.
Die psychiatrische Diagnose, die so beruhigend für
die Eltern ist, beunruhigt allerdings viele Fachkräfte
und Forscher im psychosozialen Bereich. Eine heftige
Kontroverse zwischen Befürwortern und Kritikern
der ADHS-Diagnose ist entbrannt, hat alte Gräben
zwischen den "Genetikern" und den "Umweltlern"
neu aufgerissen. Die von den rein biologisch-genetisch
orientierten Ärzten betriebene Bindung der Behandlung
von ADHS im Schlepptau amerikanischer Verhältnissen
an ein Psychopharmakon hat zur Verschärfung der
Debatte beigetragen.
Geschichte der Medizinalisierung des unruhigen Kindes
Allgemein gilt der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann,
der mit dem ersten Kinderbilderbuch "Der Struwwelpeter"
Weltruhm erlangte als "Entdecker" und Namensgeber
des unruhigen Kindes. Mit dem Zappelphilipp, der Urfassung
des Struwwelpeters von 1844 erst 1858 zugefügt,
wurden die Bilder eines aufsässigen und unruhigen
Jungen weltweit verbreitet und gelten noch heute als
Leitbild des hyperkinetischen Kindes.
In der Medizingeschichte werden seit der Entstehung
des Zappelphilipps immer wieder unruhige und unaufmerksame
Kinder von Kinderärzten und Psychiatern beschrieben.
Der stichwortartige Überblick zeigt, welch divergierende
Erklärungsmodelle Kinderärzte und Psychiater
im Laufe der Zeit zur Entstehung der kindlichen Unruhe
entwickelt haben:
- Zappelphilipp - Vater-Sohn Konflikt (1844
Heinrich Hoffmann)
- Nervöse Konstitution (1845 - Psychiater
Wilhelm Griesinger)
- Vorschnelle Entwicklung (1859 - Psychiater
Heinrich Neumann)
- Affektives und moralisches Irresein (1867
- Engl. Kinderpsychiater Henry Maudsley)
- Vererbung und Degeneration (1878 Kinderpsychiater
Hermann Emminghaus)
- American Nervousness (1869 - amer. Neurologe
George Miller-Beard)
- Konstitutioneller Charakterfehler (1890 -
Psychologe Ludwig Strümpell)
- Moral defect (1902 - engl. Pädiater George
Frederick Still)
- Erziehungsdefizite der Eltern (1908 - Pädiater
Adalbert Czerny)
- Falsche Erziehungsmethoden, Reizüberflutung
(1926 - Kinderpsychiater August Homburger)
- Neurotische Unarten (1939 - Wiener Pädiater
Franz Hamburger)
eigene Zusammenstellung nach E. Seidel, Deutsches
Ärzteblatt 2/2004
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Diese Aufzählung macht deutlich, daß Diagnosen
und Behandlungsleitlinien keine ein für alle Mal
festliegenden, in Stein gemeißelten medizinischen
Gewissheiten darstellen, sondern im Laufe der Zeit unterschiedlichen
medizinischen, pädagogischen und gesellschaftlichen
Einflüssen unterliegen. In der Mehrzahl finden
wir vor dem zweiten Weltkrieg Erklärungsmuster,
die die Ursache der kindlichen Unruhe abwechselnd in
der biologisch-körperlichen Konstitution oder in
der umweltbedingten Erziehung sahen.
Der Siegeszug von ADHS und Ritalin
Nach dem zweiten Weltkrieg wurden diese divergierenden
Erklärungsversuche abgelöst von einer Fokussierung
auf biologische Ursachen. Bei aller psychoanalytischer
Kritik rein biologistischer Deutungsmuster darf nicht
vergessen werden, daß die Erklärung psychischer
Auffälligkeiten aus genetischen oder organischen
Wurzeln in der Vergangenheit wesentlich mit dazu beigetragen
hat, die Gleichwertigkeit psychischer und organischer
Krankheitsbilder gesellschaftlich anzuerkennen. Mit
der Entdeckung der paradox beruhigenden Wirkung des
Stimulanz Methylphenidat auf Kinder vor der Pubertät
in den 40-er Jahren und dessen Synthetisierung und Vermarktung
als Ritalin, wird schließlich die kindliche Verhaltensstörung
alleine auf eine hirnorganische Erkrankung zurückgeführt.
Fast zeitgleich mit der Vermarktung von Ritalin entwickelt
sich der Begriff des hyperkinetischen Syndroms, dessen
Ursache hirnorganisch lokalisiert wird. Nach mehreren
anderen Bezeichnungen setzte sich schließlich
die Diagnose "Minimale cerebrale Dysfunktion"
(MCD) im Zusammenhang mit dem hyperkinetischen Syndrom
durch.
Übersicht:
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40 er Jahre Psychiater Charles Bradley
entdeckt zufällig, daß ein Stimulans
paradoxerweise verhaltensgestörte Kinder
beruhigt.
50 er Jahre Erste Veröffentlichungen
zum Hyperkinetischen Syndrom als "minimal
brain damage syndrome" (MCD ) oder "minimal
brain disorder"
60er Jahre Methylphenidat wird als Ritalin
vermarktet. "The run on Ritalin" beginnt
in den USA
80er Jahre Diagnosemanual DSM III verbindet
Hyperaktivität mit Aufmerksamkeitsstörung
90 er Jahre Die Diagnosekategorie ADHD
findet in Amerika breitere Anwendung. Die diffus
hirnorganische Diagnose MCD wird durch die neurologische
Hypothese ADHD abgelöst
2001 Erste Erwähnung der Diagnosekategorie
ADHS im Deutschen Ärzteblatt.
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Der Begriff ADHD entstand erst in den neunziger Jahren
in Amerika und fasste schließlich Defizite der
Aufmerksamkeit und der impulsiven Motorik zu einer Diagnosekategorie
zusammen. Ende der Neunziger Jahre gelangte die Diagnose
ADHS in Deutschland in die Kinderpsychiatrie. Erst 2001
wurde sie über das Ärzteblatt auch anderen
Medizinern bekannt. Die Essentials der kinderpsychiatrischen
Sicht auf die Diagnose und Behandlung von ADHS, die
inzwischen auch Eingang in die Leitlinien der Bundesärztekammer
gefunden haben, sind folgende:
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Kernsymptome: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität,
Impulsivität
Erklärung: Erbgenetisch bedingter
Mangel des Neurotransmitters Dopamin im Gehirnstoffwechsel.
Behandlung: Methylphenidat (Ritalin, Medikinet)
zur Stimulierung und als Wiederaufnahmehemmer
von Dopamin
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Die kontroverse Diskussion entzündete sich zunächst
vor allem an der zügig wachsenden Anwendung von
Ritalin. Erst seit 2002 wird auch die neurologische
Erklärung für die Wirkung von Ritalin durch
den Göttinger Neurobiologen Gerald Hüther
in Frage gestellt. Auch gibt es erste Hinweise auf Langzeitnebenwirkungen
von Ritalin, wie die Befürchtung, daß durch
frühe Methylphenidatmedikation die Parkinson-Erkrankung
ausgelöst werden könnte. Es bleibt festzuhalten,
daß die über die Jahrhunderte unterschiedlichen
Verhaltensbeschreibungen und wechselnden Erklärungsmodelle
der kindlichen Unruhe zeitgleich mit der Entwicklung
und Vermarktung von Ritalin zu einer Diagnosekategorie
zusammengefasst wurden.
Im Jahr 1990 wurden noch 2.580 Kinder mit Ritalin behandelt.
Im Jahre 1999 wurden bereits 41.000 Dauertherapien mit
Ritalin durchgeführt. Trotz dieser rapiden Steigerungen
der medikamentösen Dauertherapien gehen Döpfner
und Lehmkuhl von der Universitätsklinik Köln
davon aus, daß die deutschen Kinder gemessen an
den amerikanischen Kindern medikamentös zu schlecht
versorgt werden. Sie gehen von einer Erkrankungsrate
von 4,8 % aus und kommen zu der Schätzung, daß
eine Medikationssteigerung von mehr als 300% notwendig
sei, um die angenommen Erkrankungszahl von 169.000 Kindern
zwischen 5-15 Jahren angemessen zu behandeln.
Nicht alle Ärzte folgen den herrschenden psychiatrischen
Verlautbarungen, wonach ADHS als eine angeborene hirnorganische
Krankheit zu betrachten ist, die medikamentös behandelt
werden muß. Immer mehr Forscher, Ärzte und
Psychotherapeuten gehen im Lichte der Gehirnerkundungen
mit Hilfe neuer bildgebender Verfahren davon aus, daß
das Gehirn und der Gehirnstoffwechsel sich in einer
dialektischen Beziehung zwischen dem reifenden Organismus
und der sich verändernden Beziehungsumwelt des
Säuglings und Kleinkindes entfalten. Diese Sichtweise
könnte künftig eine wissenschaftliche Brücke
bilden zwischen den somatisch orientierten und den psychosozial
orientierten Erklärungsmustern. So könnte
dann ADHS als eine Krankheit verstanden werden, bei
der es zu spezifischen hirnorganischen Neurotransmitterverhältnissen
kommt, die wesentlich durch die frühen interaktiven
Beziehungserfahrungen des Kindes mit seinen primären
Bezugspersonen bestimmt werden. Der folgende Fallbericht
gibt einen Eindruck von der verhaltensbestimmenden Macht
kindlicher Beziehungserfahrungen.
Elvira - Immer vorwärts, nie zurück
Anhand der skizzenhaften Beschreibung der Behandlung
eines Mädchens möchte ich zeigen, wie vielfältig
die Ursachen sein können, die sich hinter der großzügig
vergebenen Diagnose ADHS verstecken können. Kinder-
und Jugendlichen Psychotherapeuten sehen die unterschiedlichsten
Störungsbilder bei Kindern, die in die hirnorganisch-psychiatrische
ADHS-Schublade gesteckt werden. Eine davon ist die achtjährige
Elvira. Sie wurde auf Empfehlung der Schule von ihrer
Mutter mit der Diagnose ADHS angemeldet. Sie erfüllt
die deskriptiven Symptome kinderpsychiatrischer Diagnostik:
Sie ist unaufmerksam, hyperaktiv und impulsiv.
Mutter und Tochter sind in einem aufgelösten Zustand,
als ich sie kennen lerne. Ich denke: Zwei junge Vögel,
die aus dem Nest gefallen sind und nun wild mit den
Flügeln schlagen. Der Vater hatte vor zwei Jahren
beide plötzlich und unerwartet verlassen, war zu
einer Freundin gezogen und hatte damit Mutter und Tochter
den Boden unter den Füßen weggezogen.
In den ersten Begegnungen mit mir springt Elvira auf
und ab, beginnt etwas zu basteln, was sie bald unvollendet
liegen läßt, um sich dann verschiedene Spielsachen
anzuschauen, erzählt schnell und viel von verschiedenen
Dingen, die irgendwie keine Verbindung miteinander zu
haben scheinen. Sie wirkt hektisch getrieben, und zwischen
den schnell ausgeführten Handlungen und Basteleien
fehlt ein roter Faden. Während sie bei all ihren
schnellen Bewegungen und Handlungen fröhlich wirkt,
fühle ich mich total überfordert von ihrer
Hektik und bleibe nach den Stunden ernsthaft verwirrt
zurück.
Im Laufe der Zeit gelingt es mir, mein Gefühl
der Überforderung und der Verwirrung im Zusammensein
mit Elvira als etwas zu verstehen, das eigentlich von
ihr, von ihrem Verhalten ausgelöst wird, und so
allmählich einen Zugang zu ihrer Innenwelt herzustellen.
Ich verstehe, daß die Trennung vom Vater die Kontinuität
des familiären Seins und ihren inneren Halt abrupt
unterbrochen hat.
Ich erfahre dann aus den Gesprächen mit der Mutter,
daß aufgrund ihrer eigenen kindlichen Trennungserlebnisse
die aktuelle Trennung vom Mann für sie eine Retraumatisierung
bedeutet, und sie deshalb kaum psychische Möglichkeiten
hat, ihrer Tochter einen emotionalen und verstehenden
Halt zu geben.
Das bedeutet für Elvira, daß sie ihrer Mutter
keine zusätzlichen Sorgen zumuten kann und mit
ihren Problemen ganz auf sich gestellt ist. Ihrer Angst
vor dem Alleinsein entkommt sie durch radikale Flucht
in die Außenwelt. Sie stimuliert sich permanent,
läßt keine Ruhe aufkommen, ist immer in Bewegung,
immer mit der Produktion neuer Reize beschäftigt.
In den Stunden mit mir ist sie bestrebt, die Kontrolle
über mich und den Rahmen zu behalten. So kommt
sie häufig zu spät zu den Stunden, weigert
sich am Ende wiederum, pünktlich zu gehen, so daß
die Stunden regelmäßig erheblich überzogen
werden. Zwischendurch läßt sie auch abrupt
Stunden ausfallen. Ihr ist es wichtig, den Rahmen und
den Inhalt der Stunden zu bestimmen. Sie muß die
Bestimmerin sein und ich soll mich bestimmen lassen.
In einer Sitzung baut sie mit kleinen Spielfiguren
eine Situation auf, in der eine Familie in den Ferien
ist. Jeder Erwachsene trägt ein Kind. Plötzlich
stehen alle an einem Abgrund und fallen den Abgrund
hinunter. Ich spreche sie darauf an, daß sie sich
vielleicht so fühle, wie ein fallen- gelassenes
Mädchen. Sie beginnt hektisch zu werden, im Raum
rumzulaufen, Kissen zu werfen und sagt: "Was nutzt
es, wenn die Erwachsenen das Kind halten und selbst
abrutschen!" Da muß ich ihr recht geben.
Wenn die Erwachsenen selbst abrutschen, dann muß
sich ein Kind selbständig machen um nicht mit in
die Tiefe gezogen zu werden. Sie läuft weiter rum,
ignoriert das Ende der Stunde. Ich spreche ihren Wunsch
an, vielleicht hier bei mir bleiben zu wollen, um einen
sicheren Halt zu finden. Sie geht, besser gesagt, springt,
läuft schließlich aus dem Zimmer und verschwindet.
Sie läßt mich hilflos zurück, so wie
sie hilflos von ihrem Vater zurückgelassen wurde.
Sie dreht passiv Erlittenes in Aktion um, wird vom Opfer
zum Täter.
Es beeindruckt mich, wie Elvira verzweifelt versucht,
mit ihrem permanenten Bewegungsdrang das gemeinsame
Sprechen zu verhindern. Zwischendurch setzt sie sich
kurz an den Tisch, beginnt etwas zu bauen, z.B. ein
Haus, das dann aber so wackelig ist, daß es gleich
wieder einstürzt. Sie macht sofort aktiv ein Spiel
daraus, baut Häuser, die sie absichtlich zum Einsturz
bringt. Ich sage ihr schließlich, daß es
leichter zu ertragen ist, etwas selbst zusammenbrechen
zu lassen, als hilflos mit ansehen zu müssen, wie
etwas zusammenbricht. Sie nickt, ohne weiter darüber
sprechen zu wollen, läuft wieder im Raum rum und
macht aus unserer Gesprächstherapie eine Sportstunde.
Nach etwa zwanzig Behandlungsstunden läßt
ihr Bemühen nach, durch permanente Bewegung eine
Beziehung zu mir zu vermeiden. Sie wirkt verzweifelt
und schließlich kommt es zu einem depressiven
Zusammenbruch. Am Boden liegend sagt sie leise: "Ich
mache immer soviel und immer mehr und am Ende bleibt
gar nichts." Ich fühle mit ihr. Aber bevor
ich ihre Verzweifelung und ihre traurige Stimmung benennen
kann, ist sie schon wieder vom Boden aufgesprungen,
will nichts von mir hören. Sie schiebt ihre schwache
bedürftige Seite mit ihrem stimulierenden Bewegungsdrang
zur Seite.
Warum hat Elvira eine solch panische Angst davor, sich
ihren Wünschen nach Geborgenheit und Halt zu nähern?
Im Laufe unseres Beziehungsprozesses gelingt es Elvira
besser, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Sie gibt
selbst Hinweise darauf, warum sie immer in Bewegung sein
muß und nicht stillstehen darf, keinen Moment des
Innehaltens zulassen darf.
Nachdem ich mich in einer Stunde wieder einmal bemühe,
Verbindungen zwischen ihren aktuellen Handlungen und dem
Verlusterlebnis vom Vater herzustellen, platzt es aus
ihr heraus:
"Sie immer mit Ihren Zusammenhängen. Überall
wollen Sie Zusammenhänge sehen, wo es keine gibt.
Ich mache immer, was mir gerade einfällt, da ist
keine Verbindung."
"Verbindungen können ja auch schmerzlich sein!"
"Quatsch, jetzt versuchen Sie es schon wieder. Ich
will nicht nach hinten gucken. Immer nach vorne schauen."
Inzwischen hat Elvira angefangen, energisch mit dem Seil
zu hüpfen. "Bewegung ist besser als Stillstand!?"
frage ich.
"Ich erkläre Ihnen das mal. Schauen Sie, wenn
Sie dreimal den Berg heruntergefallen sind, dann wollen
Sie doch wieder nach oben kommen. Was nutzt es Ihnen da,
wenn sie unten liegen bleiben und überlegen?"
"Naja, es wäre doch gut zu wissen, warum man
den Berg heruntergefallen ist, damit es einem dann beim
nächsten Mal nicht mehr passiert."
Elvira läuft jetzt im Kreis und macht Seilhüpfen
dabei. "Unten bleiben bringt nichts. Überlegen
bringt nichts. Man muß immer vorwärts rennen,
immer vorwärts."
"Ohne Überlegen fällt man immer wieder
vom Berg."
Sie überlegt und findet schließlich einen Kompromiß
zwischen ihrem Vorwärtsdrang und meinem rückwärtsgewandten
Blick "Man kann doch auch hochklettern und dabei
überlegen!"
Hier zeigt Elvira, daß sie mit Hilfe eines verstehenden
Anderen durchaus in der Lage ist, ihre hypermotorische
Fluchtbewegung zu stoppen, einen Zugang zu ihrem Inneren
zu finden und in sprachlich symbolische Kommunikation
einzutreten. Im Zuge eines wachsenden Vertrauens und
der Sicherheit, daß ich sie nicht gleich verlassen
werde, gelingt es ihr allmählich, ihren unaufhörlichen
Stimulationsdrang durch den Gebrauch von Worten abzulösen.
Sie kann mir schließlich anvertrauen, daß
sie in der Schule immer unkonzentriert sei, weil sie
an ihren Vater denken müsse. Sie denke immer, daß
er sich amüsiere, sich mit jemand anderem amüsiere,
sie wolle dabei sein und nicht für die Schule arbeiten.
Und da ihr der Vater immer überall dazwischen komme,
kann sie sich nicht richtig konzentrieren. Und sie wolle
Spaß haben, nicht traurig sein, immer Spaß
haben, das sei das Wichtigste.
Hyperaktivität als Beziehungsstörung
Im Laufe unserer Zusammenkünfte wurde immer deutlicher,
daß der überschießende Bewegungsdrang
Elvira dazu dient, sich den Verlust des Vaters nicht
eingestehen zu müssen. Jede Gefahr an den traumatisch
erlebten Verlust erinnert zu werden, wird durch hektisch
impulsive Bewegung abgewehrt. Die Hypermotorik dient
dabei vor allem der Vermeidung von Gefühlen der
Traurigkeit und der Abhängigkeit. Indem Elvira
immer aktiv ist und die Stunden bestimmt, geht sie der
Gefahr aus dem Wege, in eine abhängige Beziehung
zu geraten und dann selbst verlassen zu werden.
In den Gesprächen mit der Mutter wird mir klar,
daß die abrupte Trennung des Mannes auch die Mutter
in verwirrende Hektik und Hyperaktivität gebracht
hat. Mutter und Tochter zeigen in ihrer aktiven antidepressiven
Art, mit dem plötzlichen Verlust umzugehen, eine
sie verbindende Gemeinsamkeit. Mögen Psychiater
in dieser Gemeinsamkeit einen Beleg für die Vererbung
von ADHS erkennen, verstehe ich dies eher als eine Identifikation
der Tochter mit den mütterlichen Umgehensweisen.
Die Herstellung einer Gemeinsamkeit mit der Mutter ist
für das Kind gerade dann existenziell wichtig,
wenn es den Vater verloren hat. Die Angst vor einem
weiteren Verlust ist überstark und wird durch die
Schaffung einer stabilen psychischen Gemeinsamkeit im
hyperaktiven Symptom im Zaum gehalten. So halten Mutter
und Tochter im Symptom zusammen.
Zum Schluß möchte ich die zentralen Erkenntnisse
über die Ursachen impulsiver Hyperaktivität
zusammenfassen, die ich aus diesem Fall und aus anderen
Fällen des Instituts für analytische Kinder-
und Jugendlichen Psychotherapie in Hessen gewonnen habe:
Psychodynamik von ADHS:
- Die Hyperaktivität eines Kindes
basiert immer auf einer frühen und oft
persistierenden Beziehungsstörung mit den
primären Bezugspersonen, die sich als Verhaltensstörung
zeigt.
- Überproportional häufig sind traumatische
Trennungserlebnisse des betroffenen Kindes selbst
oder transgenerationale Traumata der Mutter
festzustellen, die sie unverstanden in die frühe
Beziehung mit ihrem Kind einbringt.
- Der Vater ist als emotional haltender und
verstehender Dritter in der Familie entweder
abwesend oder er steht außerhalb einer
ambivalent verwickelten Mutter-Kind Dyade.
- Der impulsive Bewegungsdrang des Kindes dient
der Flucht vor dem eigenen Innenleben und der
emotionalen Nähe in einer Beziehung.
- Die aktive Flucht nach Vorne hat die Funktion,
die Angst vor der regressiven Wiederkehr früher
Ohnmachtserfahrungen im Zaum zu halten.
- Der Stimulationsdrang des Kindes hat eine
psychisch stabilisierende Funktion für
die Mutter. Oft dient die Hyperaktivität
des Kindes der Mutter als Antidepressivum. In
diesen Fällen hält die Stimulation
durch das Kind die Mutter psychisch lebendig.
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Ich habe versucht zu zeigen, daß die Diagnostizierung
eines Kindes mit den vier Buchstaben ADHS nicht wirklich
hilfreich ist. Im Gegenteil - die von der Psychiatrie
angebotene Biologisierung und Medikalisierung sozialer
Probleme entlastet viele Eltern zwar subjektiv und führt
zur explosionsartigen Verbreitung der Diagnose. Sie
verführt aber vor allem dazu, den Blick von den
problematischen Beziehungserfahrungen fort und zum angeblich
vererbten Hirnstoffwechsel hin zu wenden. Ein Kind mit
einer hirnorganischen Krankheit zu haben, ist für
viele Eltern leichter zu akzeptieren, als die Erkenntnis,
daß auch sozial problematische Beziehungserfahrungen
die Bildung der kindlichen Persönlichkeit formen.
Mit der Diagnose ADHS wird das störende individuelle
Verhalten eines Kindes und seiner Eltern zum Bestandteil
eines gesellschaftlich anerkannten medizinischen Verstehensmodells.
Die Diagnose und medikamentöse Behandlung birgt
aber die Gefahr, sich allzu schnell von dem Kind mit
seinen individuellen sozialen Erfahrungen zu entfernen
und es zum Teil eines medizinischen Kategoriensystems
zu machen.
Für die weitere wissenschaftliche Diskussion von
Psychoanalytikern und Medizinern können die neueren
Erkenntnisse der Hirnforschung, wonach die frühe
Umwelterfahrung einen entscheidenden direkten Einfluß
auf die Differenzierung des Gehirngewebes ausübt,
als Brücke zur Verständigung dienen. So können
Psychotherapeuten akzeptieren lernen, daß es tatsächlich
auch organisch-neurologische Engramme gibt, die Verhalten
steuern und medikamentös beeinflußbar sind.
Die biologistisch denkenden Mediziner wiederum müßten
anerkennen, daß die Reifung des menschlichen Gehirns
wesentlich im Rahmen der frühen sozialen Beziehungserfahrungen
geprägt wird.
10.01.2007
* Autor: Dr. phil. Frank Dammasch, Diplom
Soziologe und Pädagoge,
analytischer Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeut
in Frankfurt am Main
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