Matthias Elzer: Überlegungen zum Phänomen Amoklauf an Schulen (School Shootings) aus psychoanalytischer Sicht

Erstellt von Matthias Elzer | |   Kinder und Jugendliche

Vorbemerkung

Das Phänomen Amoklauf an Schulen hat seit ca. 15 Jahren in verschiedenen Ländern deutlich zugenommen und unterscheidet sich von Amokläufen Erwachsener. Der Beitrag diskutiert das Phänomen auf den Ebenen der Gesellschaft (Medienkonsum einschließlich PC-Spiele und Zugang zu Waffen), der Biologie (die Täter sind in der Regel männlich) und insbesondere der Psychopathologie: Die Täter sind seelisch krank, weisen vermutlich eine Psychopathologie im Sinne einer schweren Persönlichkeitsstörung auf und die Tat stellt einen erweiterten Suizid dar. Ferner werden Überlegungen zur Prävention an Schulen formuliert.

1. Das Phänomen Amok

Das Phänomen "Amok" (aus dem Malaiischen: "rasend", "wütend") ist seit Jahrtausenden in vielen Kulturen als individuelle Tat (z. B. Mythos "Werwolf"), aber auch als Militärstrategie bekannt: Der Gegner soll durch ein überraschendes Massaker demoralisiert werden; in Nordeuropa war der Berserker ein Kämpfer im Bärenfell, in Asien ist der Kamikaze-Krieger ("Göttlicher Wind") und religiös oder politisch motivierte Selbstmordattentäter ("Suicide bomber") sind heute ebenfalls diesem Phänomen zuzuordnen.

Die WHO definierte Amok 2002: "Amok ist eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens. Danach tritt eine Amnesie (Erinnerungslosigkeit) und/oder Erschöpfung ein. Häufig Umschlag in selbst zerstörerisches Verhalten, d. h. Verwundung oder Verstümmelung bis zum Suizid (Selbsttötung). Über psychische Hintergründe besteht keine Einigkeit. " (Faust, 2008) Diese Definition der WHO trifft aber nicht auf Erfahrungen mit Amokläufen zu z. B. wegen der fehlenden Amnesie.

Ein weiteres Problem besteht darin, dass der Begriff wissenschaftlich nicht klar definiert ist, er wird in der Kriminologie nicht verwandt. Ab welcher Zahl von Toten ist eine Gewalttat z. B. an einer Schule ein Amoklauf? Bannerberg (2011) unterstreicht, dass der Begriff "Schulamok" ein von den Medien geprägter sei.

Der Suizidforscher Schmidtke und Mitarbeiter werteten 2002 Berichte in internationalen Zeitungen über Amoktaten zwischen 1993 und 2001 aus. Hier einige Daten: Es wurden in diesen acht Jahren 143 Amokläufe gezählt, davon 141 Einzeltäter und zwei Paare, 144 Männer und eine Frau mit einem Durchschnittsalter von 35 Jahren. Als Motiv wurde zu 61% Rache genannt, 57 % der Täter überlebten, in über 70 % der Taten bestand eine Beziehung zwischen Täter und Opfern.

Amokläufe ereigneten sich an Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Arbeitsplätzen, Gerichten, einem Kantonsparlament und öffentlichen Plätzen.

In den letzten zwei Jahren ereigneten sich in China eine Serie von Amokläufen in Kindergärten, bei denen Kinder im Vorschulalter, Erzieherinnen und Mütter von männlichen Tätern mit Messern und Beilen getötet und verletzt wurde. Binnen fünf Monaten ereigneten sich 7 Amokläufe in Kindergärten. Die Täter sind überwiegend erwachsene Männer aus verschiedenen sozialen Schichten (z. B. Bauer, Angestellter, Chirurg). Über die Motive der Täter, die überwiegend keinen persönlichen Bezug zum Tatort hatten, ist wenig bekannt. Diskutiert wird, dass sich durch die Einkindpolitik Chinas und die rasante ökonomische Entwicklung die junge Generation als Projektionsfläche von Hass und Neid für "Verlierer" dieser gesellschaftlichen Entwicklung anbieten. (China Daily, 2010, Spiegel-online 2010) Auf dem einen Kind lastet die gesamte Erwartung für eine erfolgreiche Zukunft der ganzen chinesischen Familie. 2009 ereignete sich in Belgien ebenfalls ein Amoklauf in einem Kindergarten.

2. Schulamoklauf: Ein altes Phänomen mit neuer Qualität

Die Schule war ein Ort, der u. a. von Angst, Repression, Gewalt und Demütigung bestimmt war und das Erziehungssystem diese Gewalt von den Lehrern repräsentiert und ausüben ließ. So waren z. B. die Lehrer im Schulsystem Preußens ausgediente Soldaten, die Disziplin einbläuten und mit dem Rohrstock lehrten. 
Heute hat die Schule diesen Charakter verloren und die Machtverhältnisse scheinen sich umgedreht zu haben: machtlose Lehre, entfesselte Jugendliche. Aber überzufällig häufig ist die Schule ein Ort, an dem Gewalttaten und Amokläufe stattfinden. Einzelne Schüler attackieren und töten mit Waffen Lehrer und Mitschüler. Die Schule scheint immer mehr eine Projektionsfläche zu werden, die für erlittene Kränkungen und Demütigungen gewaltsame Racheakte evoziert. Es macht Sinn, an Schulen zwischen einfachen Gewalttaten und Amokläufen zu unterscheiden, da sie sich durch eine andere Quantität und Qualität auszeichnen. Nicht jedes "School shooting" ist ein Amoklauf.

Der in der Kriminalgeschichte und Forensik erstmals beschriebene Amoklauf in Deutschland wurde 1913 von einem 39-j. Lehrer in Baden-Württemberg begangen ("Hauptlehrer Wagner"), er wurde wegen seiner Paranoia in einer psychiatrischen Klinik bei Winnenden untergebracht und starb 1938 an Tbc. (Der 17-j. Amokläufer von Winnenden soll sich ausführlich mit der Geschichte des Hauptlehrer Wagners beschäftigt haben, ebenso der 19-j. Täter von Ansbach, beide Taten ereigneten sich 2009.) 1927 sprengte der Farmer K. (55 J.) in Michigan, USA eine Schule, in deren Komitee er saß, aus Protest mit Dynamit in die Luft, tötete 45 Menschen, darunter seine Familie und sich selbst. Diese Tat wurde als das erste "School massacre" bezeichnet. 1964 tötete in Köln der 42-j Frührentner S. an seiner Schule 10 Menschen u. a. seine ehemalige Lehrerin; er wurde von der Polizei auf der Flucht erschossen. 1983 erschoss der 34-j Sportschütze C. in Eppstein im Taunus drei Schüler, einen Lehrer und einen Polizisten, er beging Selbstmord. Einen Bezug zur Schule hatte er nicht.

Zwischen 1996 und 2011 ereigneten sich an Schulen und Hochschulen mindestens 54 Amokläufe: 38 in USA, 4 in Deutschland (Erfurt, Emsdetten, Winnenden, Ansbach) je zwei in Kanada, Niederlanden und Finnland sowie je einer in Argentinien, Bosnien-Herzogovina, Brasilien, Niederlanden, Schottland, Schweden und Yemen. (www.Infoplease, 2007 und eigene Ergänzung 2011)

Auffällig in der Geschichte der Amokläufe an Schulen ist, dass früher überwiegend erwachsene Männer die Täter waren, während seit ca. 15 Jahren ausschließlich Jugendliche diese Taten begehen. Nahezu alle Attentäter an Schulen töteten sich beim Amoklauf selbst oder legen es darauf an, getötet zu werden, während über die Hälfte der Täter von Amokläufen außerhalb von Schulen überlebten (Schmidtke u.a. 2002).

Mit diesem Umstand ist ein methodisches Dilemma verbunden, dass die Schulamokläufer hinsichtlich ihrer Motive und seelischen Struktur (Psychopathologie) nicht untersucht werden können. Überlegungen zu den Ursachen dieses Phänomens beruhen daher auf der Rekonstruktion der Biographie des Täters und singulären fremdanamnestischen Angaben. Die Kriminologie spricht von "psychologischer Autopsie". Die Kriminologin Bannenberg (Justus-Liebig Universität Giesen) schildert in einem Vortrag (2011), dass auch diese Autopsie durch nicht zugängliche Akten, Datenschutzbestimmungen und die Traumatisierung der Familienmitglieder und des Umfeldes des Täters erschwert sei. Zudem ist es eine Besonderheit der Adoleszenz, dass sich Jugendliche ihren Eltern, Lehrern oder Fachleuten (Ärzten) nicht anvertrauen. Einige wenige Täter befanden sich in kurzfristiger psychiatrischer Behandlung oder psychologischer Beratung. Die meisten Täter traten vorher psychopathologisch nicht stärker in Erscheinung.

Im Folgenden sollen gesellschaftliche, biologische und psychische Aspekte zusammengetragen werden, um das komplexe Phänomen des Amoklauf an Schulen verständlicher zu machen und daraus Maßnahmen für ein präventives Handeln abzuleiten.

3. Die gesellschaftliche Ebene

3.1. Die Rolle der Medien

3.1.1 Der Medienkonsum Jugendlicher

Ereignet sich ein Schulamoklauf, so rückt in der öffentlichen Diskussion die "Schuldfrage" z. B. die Rolle der Medien (TV, Film, Internet, PC-Spiele) in den Focus, da von nahezu allen jugendlichen Amokläufer bekannt wurde, dass sie PC-Spiele (Ego-Shooter, Killer-Spiele) exzessiv konsumiert hatten. Es werden Verbote und gesetzliche Regelungen für den Verkauf von Gewaltspielen gefordert gefolgt von einem Aufschrei von Spielern und der Medienindustrie, da der Nachweis für die Schädlichkeit dieser Spiele nicht erbracht sei. Inzwischen ist dieser Nachweis, dass Gewaltspiele gewaltsames Verhalten fördern, in zahlreichen experimentellen Studien belegt worden. Bereits die Experimente von Bandura vor ca. 50 Jahren belegten den Einfluss von medialer Gewalt für das Imitationsverhalten von Schulkindern. Der Kriminologe Pfeiffer beschrieb 2007, dass Teenager täglich 3 - 4 Stunden vor dem TV und PC sitzen, Hauptschüler doppelt so häufig wie Gymnasiasten. Einer Stichprobe an einer Schule in Hessen nach hatten ca. 50 % männlicher Grundschüler eine Playstation, einen PC und TV in ihrem Kinderzimmer (deutlich geringere Werte bei weiblichen Grundschülern). Der Hirnforscher Spitzer (2007) spitzt seine Untersuchungen in den Satz zusammen, dass erhöhter TV-Konsum dick, dumm, depressiv und aggressiv mache. Erhöhter PC und TV-Konsum korreliere nachweislich mit schlechtem Schulerfolg und beeinflusse negativ die Hirnentwicklung. Ein Jugendlicher in den USA habe bis zum 18. Lebensjahr mindestens 32.000 Morde in den Medien gesehen - so Spitzer.

3.1.2 Die Wirkung der Massenmedien

Die Fachdiskussion über die Medienlandschaft, insbesondere die der privaten TV-Sender, lässt sich auf folgende Punkte zusammenfassen: In den Medien finde eine "Verwahrlosung" und eine "Verkindlichung der Gesellschaft" statt; andererseits dringe die Erwachsenenwelt in die Welt der Kinder und Jugendlichen durch emotionale Überforderung ein (Gewalt, Sexualität). Dadurch verwischten sich die Generationsgrenzen. Bilder mit starken Emotionen brennen sich tief und anhaltend im expliziten und impliziten (unbewussten) Gedächtnis ein und können Lernprozesse tagelang blockieren. Gewalt in den Medien senkt die Fähigkeit zur Empathie und erhöht die Gewaltbereitschaft.

3.1.3 Die Wirkung von PC-Gewaltspielen

Interessant ist, dass die PC-Ballerspiele aus militärischen Simulationsprogrammen hervorgegangen sind, die das Ziel haben, die selektive Konzentration, Reaktionsbereitschaft und Treffsicherheit zu erhöhen; emotionale Hemmungen zum Töten sollen ausgeschaltet und auf technische Fertigkeiten reduziert werden.

Experimentelle Studien und Beobachtungen legen nahe, dass der häufige Konsum von PC-Gewaltspiele wie "Counterstrike", "Doom", "Quake" folgende Effekte hat:
Sie erhöhen die Aggressionsbereitschaft durch das Imitationslernen, senken die Empathiefähigkeit, Emotionen stumpfen ab, reduzieren kreatives Problemlösen durch Schwarz-Weiß-Denken und die Frustrationstoleranz, lösen eine "virtuelle Regression" aus mit Rückzug aus der Realität in omnipotenten Größenphantasien mit narzisstischer Aufwertung und Unverletzlichkeit (z. B. 3 Leben), sie bieten Pseudobeziehungen und Pseudowelten an und vieles andere mehr.

Nun wird nicht jeder Jugendliche, der Gewaltspiele konsumiert, zum Gewalttäter. Aber Kinder und Jugendliche mit einem schwachen Selbstwertgefühl, sozialen Misserfolgen (in Schule und bei den Peers) finden in den Gewaltspielen Erfolgserlebnisse und narzisstischen Aufwertungen, Belohnungseffekte und Glücksgefühle. Erst in jüngster Zeit wird das hohe Suchtpotential von PC-Spielen deutlicher. Fachleute sprechen davon, dass insbesondere sehr viele männliche Jugendliche ihre Zukunft am PC regelrecht verspielen.

3.2 Die Rolle des Waffenzugangs

Ebenfalls kann als gesichert angesehen werden, dass der Zugang zu und die leichte Verfügbarkeit von Waffen Gewalttaten und Morde begünstige: Die in verschiedenen Ländern lockeren Waffengesetze, der berufliche Zugang zu Waffen (Polizisten, Militärs) sowie der private Waffenbesitz (Sammler, Waffensportler) erleichtern Gewalttaten. Neu ist ein gewisser Zugang zu Waffen über das Internet.

4. Die biologische Ebene

Eine umfassende Diskussion über das Phänomen Gewalt muss auch auf biologische Faktoren eingehen. Auffällig ist das Kriterium "Geschlecht". Nahezu alle Schulamokläufer sind männliche Jugendliche. Gewalt gibt es zwar bei beiden Geschlechtern, sie äußert sich aber unterschiedlich. Die Datenlage ist klar: 85 % der Gewalttäter sind männlich und jugendlich, schwere Gewalttaten werden zu fast 100 % von männlichen Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen begangen. Allgemein werden Morde überwiegend von jungen Männern an jungen Männern begangen. Zwei Drittel der Selbstmorde begehen Männer, diese aber im hohen Alter.

Direkte Gewaltausübung ist offenbar ein Problem der Männer. Aus biologischer Sicht korreliert dieses Problem mit dem männlichen Sexualhormon Testosteron. Während das weibliche Sexualhormon Östrogen dämpfend auf Konkurrenzverhalten wirkt, wird Testosteron tendenziell für aggressives Verhalten verantwortlich gemacht, insbesondere bei jungen Männern. Die biologischen Zusammenhänge sind sehr viel komplexer und nicht allein auf einen Parameter wie das Hormon Testosteron zu reduzieren. (Roth 2008)

Die Hirnforschung beschäftigte sich auch mit der Frage des menschlichen Gewaltpotenzials z. B. der Rolle von fehlenden präfrontalen Steuerungsfunktionen für aggressive Impulse (Frontalhirn-Defizit) oder ein genetisch bedingtes Enzymmuster (Monoaminoxidase-A), das den Transmitter Serotonin abbaut.

Die Transmitter Dopamin und Serotonin spielen eine Rolle bei Gewalt und Depression: Zuviel Dopamin fördert Aktivität, Aggression und Kampf/Fluchtverhalten, während ein Mangel an Serotonin Unruhe, Angst, Stress, Depressivität und auch Suizidalität fördern kann. In den USA wurde z. B. die Frage juristisch aufgeworfen, ob die Verordnung des Antidepressivums Prozac (Fluoxetin: Fluctin) bei den beiden Tätern an der Columbine High School (Colorado, USA 1999) durch eine Verhaltensaktivierung das Massaker ausgelöst haben könnte (Langman 2009).

Gesichert ist, dass ein Serotoninmangel psychosozial durch mangelnde frühe Bindungserfahrungen, emotionale Vernachlässigung, Gewalt und sexuellen Missbrauch in der Kindheit verursacht sein kann. Für unser Thema Schulamok ist die Diskussion um genetische und neurophysiologischen Funktionsstörungen der Gewaltentstehung vernachlässigbar, da die Täter in der Regel nicht durch aggressives oder antisoziales Verhalten mit Verlust der Impulskontrolle auffielen, sondern im Gegenteil eher introvertierte, gehemmte, stille Kinder und Jugendliche waren.

5. Psychologische Ebene

Recht übersichtlich sind die lerntheoretischen Aspekte der Gewalt, wie oben bereits angedeutet wurde. Durch Konditionierungsvorgänge und Imitationslernen können Gewaltbereitschaft erhöht, gelenkt und Empathiefähigkeit reduziert und ausgeschaltet werden.

Vielschichtiger sind dagegen die psychodynamischen Aspekte einer Persönlichkeit, die zu Gewalt gegen sich selbst oder andere tendiert.

5.1 Psychodynamische Aspekte

Die Entwicklung und der Umgang mit den Trieben (Libido, Destrudo), der Beziehungsfähigkeit (Objektbeziehungen) und des Selbstwertgefühle (Narzissmus) sind drei wesentliche Elemente der seelischen Struktur und des sozialen Verhaltens eines Menschen. Die Psychoanalyse bietet theoretische und klinisch verifizierte Modelle an z. B. für den Umgang mit Aggressionen: Der Depressive wendet Aggressionen gegen sich selbst (Autoaggression), ca. 15 % aller depressiven Menschen töten sich im Laufe ihres Lebens selbst, oder die Aggression wird in verschiedenen Qualitäten nach außen auf andere Menschen gerichtet (Alloaggression).

5.1.1 Zur Entstehung von Ärger, Wut, Hass, Rache und Neid

Kernberg (1997) beschreibt die Entwicklung von extremen Hassgefühlen so: Affekte, die in dem Gefühl von Hass münden, entwickeln sich stufenweise über das Gefühl der "Gereiztheit", das sich zu einem "Ärger" verstärkt; Ärger steigert sich in "Wut"; wenn z.B. ein Kleinkind Wut verspürt, so will es einen heftigen Schmerz ausschalten oder ein Hindernis, das einem Ziel im Wege ist, aus dem Weg räumen (Kernberg, 1997: 36). Ärger und Wut sind gesunde emotionale Reaktionen auf eine Frustration oder Aggression von außen. Fehlt die Fähigkeit, Ärger und Wut zu empfinden und sozial angemessen damit umzugehen, so hat derjenige ein seelisches Problem (vgl. Depression oder Zwang).

Als pathologische Klimax wächst die Wut dann zu "Hass" an, der zwei Adressaten haben kann:
1. Das Selbst (Selbsthass z.B. in der Depression und ggf. Suizid) und
2. das Objekt, das wiederum in 3 Abstufungen aus verschiedenen Motiven attackiert werden kann:
2.1 um das Objekt zu beherrschen, zu kontrollieren (anal-sadistischer Modus),
2.2 um das Objekt zu quälen (Sadismus) und
2.3 um das Objekt psychisch oder physisch zu zerstören.

Ein besonderer Kunstgriff der Psyche ist die "Rache". Sie zielt auf eine Tat ab, jemanden zu verfolgen, zu strafen und ggf. zu zerstören, der dem Rächer einen Schaden, eine Ehrverletzung oder Kränkung etc. zugefügt hat. Der Rächer glaubt sich im moralischen Recht, das Objekt zu strafen. Gewissen und Empathie für das Opfer blendet er aus. Hass ist auch ein Trost gegen Einsamkeit; hasse ich jemand, so setzte ich mich in Beziehung, bin nicht alleine und habe ein Gefühl, wichtig, mächtig und angsteinflößend zu sein. 

Hass und vermeintliche Rache gehen oft einher mit einem intensiven, oft schmerzlichen Gefühl von "Neid", dass dieses Objekt etwas hat, was das Subjekt (Täter) auch haben möchte. Die Quelle des Neides liegt in der oralen Gier. 

Alle frühkindlichen psychosexuellen Phasen haben neben den libidinösen auch eine aggressive und ggf. destruktive Triebkomponente, die einem Objekt gilt: 1.Orale Aggression des Beißens und Einverleibens, 2. anale Wut des Beherrschens, Kontrollieren und sadistischen Quälens, 3. ödipale Rivalität bis zum Todeswunsch des Rivalen.

Soweit der Ausflug in die psychoanalytische Theorie.

5.1.2 Hypothesen über die psychische Struktur eines Schulamokläufers

Bei einem Schulamokläufer, der eine depressive und narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickelt hat, könnte die psychische Struktur (Psychodynamik) wie folgt aussehen:

 

 

StrukturAuswirkung
Es
  • Überwiegen aggressiver Triebanteile
  • Libido gehemmt
  • Zunächst Aggressionshemmung
  • Gefühle von Wut, Selbsthass und Hass auf andere
Ich
  • ist schwach entwickelt, Störungen von Ich-Funktionen wie z.B. Wahrnehmung, Denken, Angstbewältigung
  • Wahrnehmung und Denken sind durch frühe Abwehrmechanismen wie Projektion verzerrt
  • Niedrige Frustrations- und Angsttoleranz,
    geringes, verletzliches Selbstwertgefühl
  • geringe Empathiefähigkeit
Über-Ich
  • primitiv, streng oder strafend
  • (Selbst-)Bestrafung und später Rache an anderen
Ich-Ideal
  • Unerreichbare Ziele
  • Quelle von Frustration
  • Kompensation durch Größenideen
  • Identifizierung mit anderen Gewalttätern
  • Idealbildung (unsterblich sein durch frühen Tod) und Idolbildung (rächender Held)

 

Die Fähigkeit, Objektbeziehungen einzugehen, ist gestört: es können keine vertrauensvollen und sicheren Liebesbeziehungen eingegangen werden; keiner der Amokläufer hatte eine Freundin. Es entstehen Gefühle von Angst, Misstrauen, Neid, sozialer Rückzug und Isolation.

Ein gesunder Narzissmus kann nicht entwickelt werden: Das Selbstwertgefühl ist schwach und dadurch sehr verletzbar, es entsteht das Selbstbild, ein "Looser" und ungeliebt zu sein; das schwache Selbstwertgefühl wird durch Ego-Shooter-PC-Spiele und die damit verbundenen Größen- und Gewaltphantasien kompensatorisch aufgewertet.

Diese beschriebene psychische Struktur entspricht zunächst der einer Depression (Autoaggression). Wie kann die Janusköpfigkeit, die Wendung der Aggression nach außen (Alloaggression) verstanden werden? Aus psychoanalytischer Sicht handelt es sich um ein Oszillieren zwischen einer depressiven und narzisstischen Persönlichkeitsstruktur, wobei die depressive Struktur und der Selbstwertkonflikt immer mehr mit omnipotenten Allmachtsphantasien über Leben und Tod abgewehrt werden. Der "Kleinheitswahn" der Depression wird mit dem "Größenwahn" in der Manie oder Persönlichkeitsstörung abgewehrt.

 

Manische Abwehr der Depression,
Selbsthass durch Größenideen,
Hass auf andere.
Abwehrmechanismen: Projektion, Spaltung
"Zu wenig" Narzissmus"Kleinheitswahn", Selbstentwertung, Abhängigkeitsbeziehungenggf. Suizid
Depression
narzisstische Persönlichkeitsstörung
"Normaler" Narzissmusausgeglichenes Verhältnis von
Selbstwertgefühl und Beziehungsfähigkeit
Keine Störung
"Zuviel"
Narzissmus
Beziehungslosigkeit
Suche nach Anerkennung
Grandiose Selbstüberschätzung
"Größenwahn"
Narzisstische oder ggf.
schizoide Persönlichkeitsstörung
Manie
ggf. Suizid

 

An den gewaltsamen Größenphantasien, die die Rache und den eignen Untergang als heroische, unvergessliche Tat glorifizieren, lässt sich diese psychische Struktur erahnen. Einige der Amokläufer haben in Gesprächen, Zeichnungen und Videobotschaften ihre Gewaltphantasien und der Hass auf Schule, Lehrer, Mitschüler, die Gesellschaft und die ganze Welt ausgedrückt. Erschütternd sind der Abschiedsbrief und die Ankündigung der Tat im Internet (z. B. bei Youtube, Amokläufer von Emsdetten 2006) am Vorabend der Tat oder die martialischen Zeichnungen, die die beiden Täter des Amoklaufs in der Columbine High School, USA 1999 hinterließen, die waffenstrotzende Kampfanzüge, brennende und explodierende Körper zeigten. (Robertz, 2007)

Bekannt ist, dass sich die Entscheidung der Täter für den Amoklauf über Monate und Jahre prozesshaft entwickelt haben; es sind keine spontanen Impulsdurchbrüche, wie sie gelegentlich von Amokläufen Erwachsener oder von Gewaltattacken von Schülern an Schulen beschrieben wurden. Der erweiterte Suizid wird lange vorbereitet, es werden Waffen gesammelt, geübt, die Tat angekündigt die Morde incl. Selbstmord durchgeführt.

5.1.3 Persönlichkeitsprofil eines Amokläufers aus kriminologischer Sicht

In der Fachliteratur mehren sich durch die Ereignisse Veröffentlichungen zur Persönlichkeit von Amokläufern an Schulen. Ein Themenheft erschien in der Fachzeitschrift "Nervenheilkunde" (Heft Juli/August 2010) anlässlich des Berichts eines Expertenkreises, der nach dem Amoklaufs von Winnenden 2009 in Baden-Württemberg eingesetzt wurde. Auch hier wurde das methodische Dilemma deutlich, dass nach einem Amoklauf die Täter nicht mehr leben. In diesem Themenheft findet sich ein Beitrag über Schulamokläufe aus kriminologischer Sicht. Bannenberg (Kriminologin am Fachbereichs Rechtswissenschaften der Universität Gießen) hat Gerichtsakten von vollendeten und versuchten Mordfällen auswertete; die männlichen Täter waren zwischen 14 und 24 Jahre alt und begingen nach der Tat Suizid. Bannenberg hat zudem in Vorträgen (z. B. publiziert durch das Zentrum für Lehrerbildung der Justus-Liebig-Universität Gießen im Februar 2011) das Bild, das wissenschaftlich von den Tätern und potentiellen Tätern gewonnen werden konnte, konkretisiert. Das Profil eines jugendlichen Schulamokläufers lässt sich durch folgende Punkte annäherungsweise beschreiben (Quellen: Diverse Pressemeldungen 2007-2011, Bannenberg 2010, 2011, Ergänzung M. E.):

  • Männlicher Jugendlicher ab ca. 14 Jahre
  • Meist keine Gewalttaten oder antisoziale Verhaltensweisen in der Biographie
  • Introvertiert, verschlossen, gehemmt, "unauffälliger" Schüler
  • Zunehmend schlechte Schulleistungen, erfolglos, sieht sich als "Looser"
  • Sozialer Rückzug während der Pubertät
  • Entdeckung des PC und Internet als virtuelle Triebbefriedigung (Libido, Aggression), Beziehungsersatz, Quelle narzisstischer Tröstung, "Ego-Prothese"
  • Er verbringt sehr viel Freizeit alleine vor dem PC und konsumiert exzessiv Gewalt-PC-Spiele (Ego-Shooter)
  • Er richtet sich in einer zunehmenden eigenen Welt ein, in die Eltern und Lehrer und andere Peers keine Einblicke bekommen
  • Kontakt- und Beziehungsstörung, Kontakt- und Kommunikationsabbrüche (z. B. zu Eltern)
  • Einzelgänger, keine engen Freundschaften oder Freundin, keine Liebesbeziehung
  • Keine altersentsprechenden sexuellen Erfahrungen, sexuelle Wünsche, die ggf. später sexuelle Gewaltphantasien zeigen
  • Er ist ein Außenseiter, nicht Teil einer Peer-Group
  • Mitschüler erleben ihn als "anders", arrogant, wissen wenig über ihn, finden ihn nicht sympathisch und interessant
  • Er ist kein erkennbares Mobbing-Opfer der Mitschüler, Kränkung eher durch Nichtbeachtung
  • Er fühlt sich gemobbt, ausgeschlossen, abgelehnt, nicht wahrgenommen
  • Er ist eher ängstlich, geht Gewalt mit Mitschülern aus dem Weg
  • Leicht kränkbar, schnell beleidigt z.B. bei Bewertung durch Lehrer
  • Er fühlen sich ungerecht behandelt (z. B. Schulnoten)
  • Er hat eine geringe Frustrationstoleranz, gibt schnell auf (außer beim PC-Spiel)
  • Verhält sich unempathisch und kalt zu anderen
  • Kommt aus kompletten Familien, kein "broken home", Mutter und Vater in der Kindheit und Jugend präsent
  • Es gebe aber Hinweise für "kalte Beziehungen", emotionale Vernachlässigung in der Kindheit und Beziehungsstörungen in Familie.
  • Der Kontakt zwischen Eltern und Sohn bricht ab (Desinteresse, Konfliktvermeidung), Geschwister haben eher Einblick in die Welt des Bruders
  • Frühe Faszination für Uniformen, Gewalt, Waffen, Militaria
  • Sein Jugendzimmer ist voller Gewaltsymbole, Bilder und "virtuelle Gewalt"
  • Idealisierung von "Helden" (Krieger, Kämpfer, Politiker, Kriminelle)
  • Konkrete Erfahrungen mit Waffen (über Väter, Verwandte, Sportschützen, alleine)
  • Berufswunsch: Soldat, Polizist, Kripobeamter
  • Intensives PC-Spielen, "Ego-Shooter", Rückzug in diese Medien
  • Faszination für die Farbe Schwarz (Zimmer, Kleidung)
  • Chronisch depressive Stimmung, Sinnlosigkeit, keine Perspektive
  • Zunehmend suizidale Gedanken
  • Beschäftigung mit eigenen psychischen Problemen, anfänglicher Leidensdruck (Internet-Recherche, Konsultation bei Arzt, Psychotherapeuten)
  • Beschäftigung mit anderen Amokläufen und Gewalt- bzw. Amoktätern
  • Drogen und Alkohol spielen bei den Taten keine Rollen
  • Versteckte oder offene Ankündigung der Tat als grandioser Racheakt im Sinne:
    "Ihr werden noch lange an mich denken!"

 

5.1.4 Diagnose: Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Übereinstimmung herrscht, dass die Täter unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, einige wenige unter einer schizoiden Persönlichkeitsstörung leiden.

Das Vorkommen von narzisstischen Persönlichkeitsstörungen in der Bevölkerung beträgt ca. 1 %. Die Prävalenz von Borderline-Persönlichkeitsstörungen und schizopheren Psychosen beträgt ebenfalls je 1 %.

Im Folgenden soll das Persönlichkeitsprofil eines potentiellen jugendlichen Amokläufers an Schulen zusammengetragen und vorläufige Überlegungen zur Prävention angestellt werden.

5.1.4.1 Anmerkungen zur Persönlichkeitsstörung

In der Krankheitslehre seelischer Störungen nehmen die Persönlichkeitsstörungen einen eigenen Platz zwischen den Psychosen, Neurosen und psychosomatischen Störungen ein. Während bei den Neurosen ein ungelöster intrapsychischer Konflikt oder eine traumatische Erfahrung zugrunde liegen, die konkrete Symptome wie Angst, Depression, Zwang, Somatisierung etc. (Symptomneurosen) erzeugen und den Patienten spürbar darunter leiden lassen, sind Persönlichkeitsstörungen weniger auf einen eingrenzbaren Konflikt oder ein konkretes Trauma zurückzuführen; die Ursachen sind weniger klar fassbar, eher blande. Die Erscheinungsform der Persönlichkeitsstörung kann sich von einem psychotischen bis neurotischen Störungsniveau erstrecken: schizoide, paranoide, depressive, zwanghafte, narzisstische, ängstliche, hysterische Persönlichkeitsstörungen etc. 

Charakteristisch ist, dass der von einer Persönlichkeitsstörung betroffen Mensch zunächst subjektiv weniger leidet als ein Neurotiker; es leiden eher die Menschen, die mit ihm in Beziehung stehen. Der Leidensdruck baut sich erst im Laufe der Erkrankung auf, wenn der Patient zunehmend soziale Konflikte und eine Behinderung seines Entwicklungspotenzials erfährt. Die Entwicklung dieses Leidensdrucks kann nach wiederholten Krisen im Erwachsenen zu einem Behandlungswunsch führen. Jugendliche suchen bei seelischen Störungen selten professionelle aus eigenem Antrieb auf, sie lehnen fremde Hilfe eher ab und möchten autonom sein.

Das psychoanalytische Verständnis der Persönlichkeitsstörungen geht von einer Störung der Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung in biographischen Phasen der frühen Kindheit aus. Die Entwicklung einer gefestigten Identität, zu der der Umgang mit den Trieben (Libido, Aggression), die Ausbildung von stabilen Objektbeziehungen und eines gesunden Narzissmus (Selbstwertgefühl) gehören, ist in verschiedenen Entwicklungsabschnitten unterschiedlich störanfällig. Defizite in der Ausbildung einer frühen Bindung, Erfahrungen von emotionaler Vernachlässig und Unerwünschtheit, Gewalt, Formen von Missbrauch in den Phasen der symbiotischen Dyade, Separation und Individuation können die Ausbildung einer stabilen Persönlichkeit erheblich behindern. Besonders deutlich zeigt sich diese Dynamik bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung, in der gute und böse Selbst- und Objektanteile aufgespalten bleiben und präambivalent als "entweder gut oder schlecht" (schwarz-weiß, Freund-Feind) und nicht ambivalent als "sowohl gut als auch schlecht" affektiv erlebt und kognitiv verstanden werden.

Neben den psychodynamischen Faktoren werden auch genetische oder konstitutionell organische Faktoren bei der Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung vermutet.

5.1.5 Die Besonderheit der Adoleszenz für die Manifestation seelischer Störungen

Jugendliche Schulamokläufer haben - so die Hypothese - eine schwere narzisstische und depressive Persönlichkeitsstörung mit selbst- und fremddestruktiver Verarbeitung, die in der mittleren Adoleszenz (14. Bis 16. Lebensjahr) und später sichtbar wird. Die Adoleszenz ist allgemein eine besonders kritische und vulnerable Phase im Leben, in der narzisstische Themen und Krisen zur normalen Entwicklung gehören. Sie ist eine Art "Sollbruchstelle" für Konflikte und Traumen, die ihren Ursprung in der Kindheit haben. Die Adoleszenten haben fünf Herausforderungen zu bewältigen:

 

  1. Integration der biologischen Reifung (sexueller Körper, sexuelle Identität, Umgang mit den Triebimpulsen)
  2. Ablösung aus dem Elternhaus (Autonomie) bei ökonomischer und psychischer Abhängigkeit vom Elternhaus
  3. Eingehen erster außerfamiliärer (Liebes-)beziehungen; davor und parallel zu ersten Beziehungen orientieren sich Jugendliche als eine Art "Übergangobjekt" an Gruppen von Gleichaltrigen (Peers), um ihre eigenes, von der Erwachsenenwelt differentes Leben zu entfalten (Mode, Musik, Sprache)
  4. Übernahme gesellschaftlicher Werte und Normen (Enkulturation) und Entwicklung einer gesellschaftlichen Identität (Platz in der Gesellschaft durch Ausbildung und Beruf)
  5. Entwicklung und Nutzung kognitiver Fähigkeiten, die bereits mit ca. 16 Jahren nach Piaget abgeschlossen ist.

 

 

5.1.6 Die Faszination von Gewaltspielen

Auffällig ist, dass die Amokläufer an Schulen - soweit Informationen bekannt wurden - ihre aggressiven Triebimpulse insbesondere in der Phantasie und über die Gewalt-PC-Spiele entwickeln und ausleben, dagegen ihre libidinöse und sexuelle Triebwünsche nicht entwickeln können: keiner der Täter hatte eine Liebensbeziehung oder Freundschaft zu einem Mädchen. Sie konnten sich keinen Gruppen anschließen und sich von ihr in diesem Übergangsraum tragen lassen; wegen ihrer Verschlossenheit und ihres Einzelgängerverhaltens werden sie von Gleichaltrigen und Gruppen ausgeschlossen und dadurch gekränkt; sie konnten kaum Erfolgserlebnisse durch schulische, sportliche oder musische Leistungen erfahren, dafür um so mehr am PC bei den Ego-Shootern. 
Diese vermutlich in der Kindheit erworbene narzisstische Vulnerabilität, die in der Adoleszenz wieder aufbricht, muss bei den Tätern ein Gefühl und Selbstbild, unerwünscht und ausgeschlossen sein und keine Entwicklungsperspektive zu haben, erzeugt haben. In diese Lücke müssen die Botschaften der PC-Ballerspiele (Ego-Shooter) und der reale Umgang mit Waffen wie eine narzisstische Tröstung und Prothese für das schwachge Ego und den verletzten Narzissmus wirken, die als immer größer werdende Blase irgendwann in einem selbst- und/oder fremdaggressiven Zusammenbruch platzen muss.
Ein Gedanke eines entschlossenen Täters könnte lauten: "Wenn ihr mich nicht wertschätzt und dazugehören lasst, dann müsst ihr eben meine Rache und meinen Hass schmerzlich erfahren." Die Ego-Shooter-Spiele wirken dabei wie eine süchtig machende Droge, die das angeschlagene Ego kurzzeitig aufwertet, aber von der Realität zunehmend entfernt. Sucht kommt etymologisch nicht von "suchen", sondern von "siechen" (zugrunde gehen).
Hinzu kommt die Bedeutung der Medien, die über die Gewalttaten ausführlich berichten. Bei der Berichterstattung über begangene Suizid ist bekannt, dass eine ausführliche Berichterstattung zu weiteren Suiziden (gleiche Methode, gleicher Ort) führt im Sinne einer Herabsetzung der Angstschwelle und Identifizierung mit dem Täter ("Werther-Effekt", benannt nach Goethes tragischem Roman). Nach einem Amoklauf in der Welt ereignet sich in der Regel zeitnah ein zweiter ("Trittbrettfahrer"). Gleiches gilt für Suizide. Es gibt daher einen Codex für Journalisten des Deutschen Presserates, dass über Suizidtaten nicht persönlich und detailliert berichtet werden darf, um diesen Werthereffekt zu vermeiden.

5.1.7 Zur Vermeidung des "Werther-Effekts"

Es ist daher Strategie der Polizei, über vereitelte Amokläufe an Schulen die Öffentlichkeit nicht zu unterrichten, da diese Nachahmungstäter, aber auch "Scherzdrohungen" animieren. Laut wissenschaftlichen Studien der Kriminologin Bannenberg (2011) gibt es nach Amokläufen an Schulen im Folgemonat eine große Zahl von Androhungen. 2009 (nach Winnenden und Ansbach) gingen bei der Polizei in Hessen ca. 235 Meldungen ein, die von der Polizei und geschulten Beamten z. B. der "AG Jaguar" oder "AGGAS" abgeklärt wurden. Bannenberg (2011) analysierte davon 58 gravierende Fälle, die überwiegend 2009 in Hessen - meist von Mitschülern gemeldet wurden. Die Clusteranalyse ergab 6 verschiedene Gruppen, wobei ca. die Hälfte (Gruppe 1, n=29) als makabrer "Scherz" einzustufen waren. Gruppe 2: Bei 11 Schüler wurden starke affektive Impulse und Wut ohne ernste Gefahr gefunden. Gruppe 3: 10 der 58 Drohungen wurden als Hilferufe von Jugendlichen mit psychischen Störungen, aber ohne Gefahrenpotenzial, verstanden.Gruppe 4: Schwer einschätzbar blieb eine Gruppe von 11 Schülern, die psychische und soziale Auffälligkeiten boten, die theoretisch zum Profil eines Amokläufers passen könnten; 8 von ihnen seien in psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung gekommen. Gruppe 5: 3 von 58 hätten erhebliche psychische Störungen (narzisstische Krise, dissoziative Psychopathie, schizophrene Wahn) und wurden als potentielle Amokläufer eingeschätzt. Der Rest der Meldungen wurde als "Gerüchte" eingruppiert (Gruppe 6).

Daraus lässt sich vermuten, dass durch eine erhöhte Sensibilität für das neue Gewaltphänomen bei den Schulen und der Polizei offenbar weitere Taten verhindert wurden. Schüler, Lehrer und Polizei schauen weniger weg, sondern kommunizieren und klären Gewaltandrohungen ab und versuchen zu helfen. Die Präsenz einer klaren und hilfreichen Autorität (Lehrer, Schulleitung, Polizei) könnte den in der Adoleszenz verlorengegangenen männlichen Jugendlichen einen Weg aus der Regression von gewaltsamen Größenphantasien in eine wertschätzende Realität zeigen. Good news are bad news - Daher hören wir vermutlich nichts davon. Es gibt in Hessen eine zunehmende Sensibilisierung für Fragen der Gewalt an Schulen und zahlreiche Aktivitäten in interdisziplinären Arbeitsgruppen (Lehrer, Schulpsychologien, Schulsozialarbeiter, Polizei Kriminologen) und Material durch die zuständigen Ministerien. Nichtsdestotrotz sind die Maßnahmen und personellen Ausstattungen unzureichend.

5.1.8 Zusammenfassung

Die Konsequenz aus diesem Beitrags ist die Hypothese, dass die Schulamokläufer der letzten 15 Jahre im Kern Suizid begehen und diesen als Amoklauf inszenieren. Die Autoaggression des Suizids wird mit einer Alloaggression (Destruktion gegen andere) verbunden. Selbsthass wird mit Hass auf andere Menschen, von denen sie sich narzisstisch schwer gekränkt fühlen, kombiniert im Sinne eines "erweiterten Suizids". 

Im Vordergrund steht die Entscheidung der Selbsttötung und die "Mitnahme" anderer Menschen in den Tod. Im Gegensatz zum "stillen Suizid" eines depressiven Adoleszenten wird bei der Amoktat das eigene entwertete Selbst grandios aufgewertet. Der "Kleinheitswahn" in der Depression wird durch den "Größenwahn" des Amoklaufs narzisstisch kompensiert. Es ist bei den jugendlichen Tätern von einer schweren Persönlichkeitsstörung auszugehen, die depressive, narzisstische und manchmal schizoide Anteile hat, wie sie von der Psychoanalyse (z. B. bei Kernberg, 1997) beschrieben wird.

Gewaltausbrüche (alloaggressive) und suizidale (autoaggressive) Handlungen sind insbesondere in der Adoleszenz und Pubertät als Ausdruck einer aktuellen Krise oder Manifestation einer länger bestehenden Entwicklungsstörung nicht selten anzutreffen. Eine besonders vulnerable Zeit stellt die mittlere Adoleszenz (14. - 16. Lj.) dar, in der depressive Stimmungen, Zweifel an sich und der Welt, erhöhte narzisstische Kränkbarkeit und ein Rückzug (erkennbar am Leistungsknick in der Schule) zur Entwicklungsphase mehr oder minder dazu gehören.

Dies alles erklärt aber das neue Phänomen des Schulamoklaufs nicht zufriedenstellend. Es müssen neben den individuellen Ursachen (Psychopathologie der Täter) noch andere Faktoren hinzukommen, die in diesem Phänomen zusammentreffen. Es handelt sich somit um ein Syndrom von individuellen (psychischen, ggf. biologischen) und sozialen Faktoren. Die Popularisierung und Kommerzialisierung der Gewalt durch Medien (TV, Kino, Internet, PC-Gewaltspiele) bietet für einige Jugendliche, die an einer schweren narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, an, über einen längeren Prozess des Rückzugs die Selbstzerstörung (Suizid) als "unheimlich starken Abgang" und Rache zu inszenieren. Durch die Traumatisierung anderer bleiben sie lange unvergesslich.

6. Überlegungen zur Prävention

Für den Bereich Schule und Hochschule ergeben sich berechtigte Fragen, wie die theoretischen Annahmen und Erkenntnisse für die tägliche Praxis genutzt und umgesetzt werden können, um einen derartigen traumatisierenden Gewaltakt zu verhindern. Hier einige Aspekte:

  1. Der Schulamokläufer ist keine gewaltiges Monster, sondern ist seelisch krank.
  2. Er leidet unter einer depressiven und narzisstischen Persönlichkeitsstörung; seltener liegt eine schizophrenienahe Störung vor.
  3. Sein Aggressionspotential richtet sich primär gegen sich selbst und wird im Laufe des pathologischen, länger bestehenden Prozesses zunehmend auf andere projiziert.
  4. Er ist dadurch latent und später manifest suizidgefährdet.
  5. Es besteht ein analoger Prozess zu den 3 Stadien der Suizidentwicklung (1. Erwägung - 2. Ambivalenz - 3. Entschluss) mit den Möglichkeiten der Einflussnahme in Stadium 1 und 2.
  6. Der Prozess des Rückzugs aus der Realität in eine Pseudowelt geschieht über Jahre und gipfelt in einem Wunsch nach Selbstzerstörung, wobei der Tod als grandioser heroischer Racheakt inszeniert wird.
  7. Er fühlt sich ungeliebt, wertlos und benachteiligt vom Leben
  8. Er ist übermäßig kränkbar, unnahbar und wirkt wegen seiner introvertierten und abweisenden Haltung arrogant.
  9. Dadurch ist die Kontaktaufnahme mit ihm schwierig und abhängig vom Prozess des Rückzugs in die gewaltbestimmte Pseudowelt.
  10. Ein empathischer Umgang statt distanzierte Strenge ist angebracht, um mit dem noch vorhandenen Leidensdruck des Schülers in Kontakt zu kommen.
  11. Der Schüler induziert meist Lehrern ein "unheimliches" Gefühl von Angst und Unsicherheit (Übertragung) und löst beim Lehrer Ärger und Ablehnung und damit weitere Kränkungen aus (Gegenübertragung).
  12. Lehrer sollten die introvertierten, stillen, sozial isolierten, scheinbar pflegeleichten Schüler beachten, die meist wegen der schwierigen (lauten, aggressiven, verhaltensgestörten) Schüler oft übersehen werden.
  13. Förderung einer sozialen Kultur an der Schule, Sanktionen von offener und latenter Gewalt durch Regeln, Gesetze und Leitbilder "Toleranz", "Solidarität", "soziale Verantwortung", "Kreativität", "Zukunft".
  14. Einführung von Mentorensystem, Patenschaften durch ältere Schüler.
  15. Schule als Lern- und Lebensraum (soziale Aktivitäten, Kultur, Sport).
  16. Maßnahmen zur Gewaltprävention und Konfliktmanagement unter der aktiven
  17. Saktionierung von offener und latenter Gewalt unter Beteiligung der Schüler z. B. Verhaltenskodex, "Schülergerichte".
  18. Kontaktaufnahme und Einbeziehen der Eltern und Erziehungsberechtigten, falls ein zunehmender emotionaler Rückzug und soziale Isolierung bemerkbar wird.
  19. Informations- und Diskussionsveranstaltungen für Eltern über die Besonderheit und möglichen Krisen in der Adoleszenz/Pubertät.
  20. Bildung von "Schul-Krisen-Interventionsteams" ("SKIT").
  21. Umsetzung der "Leitlinien zur technischen Krisenintervention ´Amok´".
  22. Einschaltung kompetenter Fachleute: Vertrauenslehrer, Schulpsychologischer Dienst, Sozialpsychiatrischer Dienst beim Gesundheitsamt, Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, um sich zu beraten und die Verantwortung zu teilen.
  23. Bei Drohungen mit schweren Gewalttaten: Einschaltung der Schulleitung, Polizei (AG Jaguar, AGGAS).
  24. Aufnahme des Themas "Psychische Gesundheit" und Gewaltprävention in die Lehrerausbildung (Uni und Referendarausbildung)
  25. Für Lehrer und Eltern gilt: Nicht wegschauen und verleugnen.

Weitere Überlegungen und konkrete Maßnahmen zur Gewaltprävention finden sich z. B. im "Handbuch Konflikt- und Gewaltpädagogik" von Schröder, Rademacher und Merkle (2008).

 

7. Schlusswort

Das Phänomen Schulamoklauf ist in dieser Form gesellschaftlich ein Novum und nur als ein multifaktorielles Syndrom zu begreifen, es bleiben viele Fragen offen und es bestehen weiterhin Verständnislücken und Widersprüche. Die psychischen und biologischen Aspekte existierten bereits lange, bevor es die Schulamokläufe in dieser Häufigkeit gab. Vor der Ära der Massenmedien und der PC-Gewaltspiele hätten Jugendliche und junge Männer mit einer schweren Persönlichkeitsstörung vermutlich überwiegend den Weg des stillen Suizids, der Flucht in eine Sucht oder in eine kriminelle Karriere gewählt.

Potentielle Schulamokläufer schlüpfen in einer vermeintlich auswegs- und zukunftslosen Lebensphase wie ein Berserker in ein Bärenfell, sind von Waffen wie von einer narzisstische Prothese fasziniert, eifern heroischen Vorbildern nach, schlagen und schießen in einem omnipotenten Rausch und Rachefeldzug um sich, verletzten, töten und traumatisieren verhasste Menschen, bis sie selbst zu Fall gebracht werden oder sich selbst richten.

Die narzisstische Aufwertung und Ausbildung zum Amokläufer holen sich männliche Jugendliche durch die Gewaltspiele am PC und Gewalt-Movies, in denen sie wie einsame Aspiranten auf eine Heldenkarriere ausdauernd üben, um durch Kämpfen und Töten ihrem Leben einen Sinn zu geben. In der Phantasie sind sie omnipotent, in der Realität aber schwach und einsam.

Durch die neuen Medien erfährt die Autoaggression einen Ausweg, das Selbst durch einen grandiosen Abgang, an den viele Menschen durch Traumatisierung noch lange und schmerzlich denken werden, zu "retten" und durch den Schmerz und Trauer der Anderen unsterblich zu werden.

Männliche Jugendliche, die eine schwere Persönlichkeitsstörung mit einem "malignen Narzissmus" entwickeln, finden durch die neuen Medien und die Faszination fü r Waffen eine Möglichkeit, ihre Autoaggression (Selbsttötung) mit einer Alloaggression (Tötung von anderen) zu verbinden bzw. abzuwehren und mit narzisstischer Wut und Hass einen grandiosen Abgang von der leidvollen Bühne des jungen Lebens zu inszenieren; es handelt sich um einen dramatisch erweiterten Suizid. Damit wird das narzisstisch beschädigte und entwertete Selbst "gerettet" und durch die Traumatisierung anderer Menschen, die noch lange trauern, schmerzlich daran denken werden, unvergesslich und unsterblich.

November 2010/ Mai 2011, 2. überarbeitete und ergänzte Fassung

Literatur

 

 

* Der Text beruht auf einem Vortragstext, der seit 2008 an verschiedenen Schulen Hessens, der Hochschule Fulda und dem 2nd Chinese Congress of Psychoanalysis in Shanghai Sept. 2009 gehalten wurde.

** Autor: Matthias Elzer, Prof. Dr. med., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker (DPV/IPA), Gruppenanalytiker (DAGG), Balint-Gruppenleiter. Professor für Sozialpsychiatrie, Psychotherapie, Beratung an der Hochschule Fulda und in eigener Praxis in Hofheim/Ts.

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