Thomas Pollak: Was tut der Psychoanalytiker? Eine Einführung.

|   Psychoanalyse und Wissenschaft

Anmerkungen zur Profession
(Vortrag im Rahmen der Reihe „Wozu Psychoanalyse?“, gehalten 10.11.2017 am Frankfurter Psychoanalytischen Institut.)

Die Frage Was tut der Psychoanalytiker? ist eine umfassende Frage und kann in einem einzelnen Vortrag nur umrisshaft beantwortet werden. Dennoch werde ich versuchen, das Wesent-liche, wie ich es sehe, möglichst präzise darzustellen.

Ich beginne mit einem Erstgespräch:

1. Klinische Vignette 1: Die ersten beiden Stunden

Zum Erstgespräch erscheint ein sympathischer, schmächtiger junger Mann, er sieht jünger als 31 Jahre aus, ich halte ihn zunächst für einen Studenten, bis ich erfahre, dass er Lehrer ist. Er leidet seit vielen Jahren unter stets wiederkehrenden Gedan-ken und Impulsen, sich umbringen zu müssen. Er hat bereits eine tiefenpsychologische Behandlung gemacht, aber ohne Erfolg. Sein Therapeut hat ihm eine Analyse empfohlen.

Nun berichtet er von einem Gespräch mit seiner 3 Jahre jüngeren Schwester. Sie hat auch eine Therapie gemacht und im Rahmen dieser Therapie hat eine ihrer „Imaginationen“ (Es handelt sich um therapeutische Übungen mit inneren Bildern und Vorstellungen.) eine große Rolle gespielt:

Die Familie sitzt zusammen an einem Tisch, alle sind da, die Großmutter, die Eltern und die Schwester. Die Schwester fragt: Und wo ist Wolfgang (Name des Patienten)?

Der Patient weint, als er das erzählt.
Ich denke, warum erzählt er von einer Imagination seiner Schwester? Es muss etwas für ihn Wichtiges darin enthalten sein, noch dazu, wenn er jetzt weint. Es muss mit dem Problem der Abwesenheit zu tun haben.
Ich sage: „ ‚Wo ist Wolfgang?’ heißt, dass Sie keinen richtigen Platz haben in der Familie – und im Leben?“
Daraufhin erzählt Herr G., dass eine 6 Jahre vor ihm geborene Schwester im Alter von 2 Jahren an einer Infektion verstorben ist. Ich denke sofort, dass es sich bei seinem grundlegenden Problem um die Dynamik eines Ersatzkindes handelt. - In der nächsten Stunde vereinbaren wir eine Analyse mit einer Frequenz von 4 Wochenstunden.

Kommentar: In diesen beiden Stunden passiert schon sehr viel, was wir unter dem Gesichtspunkt unserer Fragestellung „Was tut der Analytiker“ betrachten können. Zunächst einmal erzählt der Patient ganz normal, weswegen er kommt. Dann aber berichtet er von dieser „Imagination“ der Schwester. Dass er dies im ersten Gespräch erzählt und dabei weint, signalisiert auch für ihn selbst, dass darin etwas Wesentliches über sein Lebensproblem aus-gesagt ist.
Die Imagination der Schwester ist ein inneres Bild von ihr, der Patient erzählt es, als könnte es ein Traum von ihm sein. Mir ist klar, dass hier eine verschlüsselte Botschaft formuliert ist, bei der es um Abwesenheit geht: „Wolfgang “ ist verschwunden, …dass die Schwester nach ihm fragt, nicht weiß, wo er ist.
Ich weiß als Analytiker auch, dass oft schon im ersten Gespräch ganz wesentliche Dinge zur Sprache kommen. Ich deute daher diese Imagination, und erweitere den Aspekt, keinen Platz in der Familie zu haben, um den Aspekt, keinen Platz im Leben zu haben. Das scheint nicht weit entfernt von dem zu sein, was der Patient selbst sagen könnte, er nimmt es ganz selbstverständlich auf und erzählt dann vom Tod seiner Schwester.
Damit ist für mich eine relativ vollständige szenische Information gegeben (Argelander 1970): Die Abwesenheit von „Wolfgang“ am Familientisch hat mit dem Tod der Schwester, mit ihrer Abwesen-heit zu tun, nach der jeder in der Familie fragen könnte. Da ich außerdem weiß, dass eine Ersatzkind-Dynamik oft mit schwerer Suizidalität einhergeht, lässt schon dieses erste Gespräch relativ zuverlässige Rückschlüsse darüber zu, worum es bei diesem Patienten geht.
Außerdem zeigt mir der Verlauf des Gesprächs, dass der Patient meine Deutung ohne Schwierigkeiten aufnehmen kann und die Richtung meiner Deutung durch seine Erzählung vom Tod der Schwester vertieft und bestätigt. Daraus kann ich vorläufig folgern, dass prinzipiell ein Dialog zwischen uns möglich ist, der auf die Erschließung des Unbewussten gerichtet ist.
Mit anderen Worten, als Analytiker habe ich in diesen zwei Stunden Folgendes „getan“:

  • beim Zuhören meine Aufmerksamkeit für mögliche unbewusst-szenische Botschaften offengehalten
  • eine Botschaft in dieser „Imagination“ der Schwester vermutet und in meiner Deutung erweitert
  • Im Verlaufe dieser ersten Stunde habe ich die „Imagina- tion“, die Information über die tote Schwester und die Suizidalität des Patienten in einen inneren Zusammenhang gebracht: in die Psychodynamik eines Ersatzkindes.
  • Auf der Grundlage der ersten Stunde konnte ich mit dem Patienten eine Analyse vereinbaren, weil ich annehmen konnte, dass es sich um eine schwere grundlegende Störung handelt, die einer längeren und intensiven Behandlung bedarf. Dass bereits eine einstündige psychoanalytisch orientierte Behandlung mit einer Wochenstunde ohne Erfolg stattgefunden hatte, war ein Grund mehr für mich, ihm eine hochfrequente Behandlung vorzuschlagen.

Mein Handeln ist also in einen methodischen Rahmen eingefügt: Die Einordnung der Störung des Patienten in die Dynamik eines Ersatzkindes konnte ich aufgrund der psychoanalytischen Krankheitslehre vornehmen. Dass ich ihm dann eine Analyse vorschlug, stützte sich auf die psychoanalytische Behandlungstheorie. Mein praktisches Vorgehen war jedoch nicht nur in theoretischem Wissen fundiert. Es basierte zugleich auf meiner persönlichen Individualität, meiner eigenen Erfahrung in der Lehranalyse, in Supervisionen, im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und auf meiner eigenen praktischen Erfahrung als Analytiker. Und es folgte auch einer intuitiven „Chemie“ zwischen Herrn G. und mir, die nicht ohne Weiteres theoretisch zu fassen ist. Sie sehen, schon ein Blick auf das Handeln des Analytikers in zwei Stunden kann zu weitreichenden Perspektiven einladen.

2. Klinische Vignette 2: Die erste Stunde im Liegen 

Drei nachfolgende Stunden waren damit gefüllt, dass ich Herrn G. einige Fragen zu seiner Biographie stellte, mir Notizen machte und auch die ganze Vorgehensweise in der Analyse mit ihm besprach.
Die erste Stunde im Liegen beginnt Herr G. damit, dass alle Menschen seiner Umgebung zu viel von ihm wollen – und er sich oft so fühlt, dass er die Wünsche und Forderungen der anderen nicht erfüllen kann. Er bringt vor allem Beispiele aus seinem Berufsleben.
Ihm zuhörend vermute ich, dass er Angst hat, auch meine Forderungen nicht erfüllen zu können. Ich formuliere das in einer deutenden Frage: Ob er Angst habe, hier von mir ausgesaugt zu werden?
Das Stichwort „Saugen“ bringt ihn zu der Frage, ob ich wohl genug Milch für ihn habe? Er berichtet dann, dass die Mutter zwar die Schwester gestillt hat, aber für ihn nicht genug Milch hatte, so dass er mit Flaschenmilch ernährt wurde. Die Mutter erzählte ihm später, dass sie entschlossen war: „Dich mache ich satt!“ Er fühle sich sehr hungrig, sagt er – und ich füge deutend hinzu, dass ihn die Frage bewegt, ob er hier wirklich „satt“ werden kann. Am Schluss kann Herr G. sagen, dass er sehr überrascht ist von dieser ersten Stunde im Liegen.

Kommentar:
Es ist erstaunlich, wie schnell bei Herrn G. die Regression eingesetzt hat, das heißt die emotionale Rückversetzung in Zustände und Themen der Kindheit.
Allerdings habe ich etwas dazu getan: ich habe sein Gefühl und seine Angst, überfordert zu sein, auf die Analyse bezogen und ich habe dabei intuitiv das Wort Saugen bzw. Aussaugen benützt. Wahrscheinlich lag das Thema „in der Luft“, ohne dass mir das bewusst gewesen wäre.
Das hat ihn zunächst zum Thema Stillen und Gestillt werden geführt und dann zu seinem Hunger als Kind und jetzt, im übertragenen Sinne, in der Analyse.
Herr G. hat intuitiv sehr schnell verstanden, dass es in der Analyse nicht nur um ihn als erwachsenen Patienten mit mir als seinem Analytiker geht, sondern dass in einer symbolischen Weise auch Fragen wie z.B.: Wie hungrig ist ein Kind und wie wird sein Hunger von der Mutter gestillt? zwischen uns in der Analyse eine Rolle spielen und in der Beziehung mit verhandelt werden.
Mit anderen Worten, es entwickelten sich schnell Übertragungsphänomene und mein Handeln war wiederum von dem obengenannten methodischen Rahmen bestimmt.
Bevor ich diesen Rahmen genauer skizziere, möchte ich Ihnen jetzt eine zusammenfassende Darstellung der Analyse von Herrn G. vorlegen:

3. Klinische Vignette 3: zusammenfasende Falldarstellung

(Ich habe über diese Analyse bereits in anderem Zusammenhang berichtet; Pollak 2008, 2012)

Herr G. war verheiratet, hatte zwei Kinder und war als Lehrer an einer Gesamtschule tätig.
Die von ihm berichtete Suizidalität war wie ein fester Begleiter seines Lebens, beeinträchtigte alle seine Aktivitäten und sein Familienleben. Oft hielt ihn nur der Gedanke an seine Kinder vom suizidalen Handeln zurück, zumal er seit vielen Jahren eine Zyankali-Kapsel bei sich trug.
Die Eltern hatten den frühen Tod der 6 Jahre vor ihm geborenen Schwester nie verwunden. Beide Eltern hatten selbst erstgeborene Geschwister, die totgeboren waren.
Herr G. sah seiner verstorbenen Schwester ähnlich und es existierten Kinder-Fotos, von denen nicht klar war, ob sie ihn oder die Schwester zeigten.
Im Laufe der Analyse wurde deutlich, dass Herr G. überzeugt war, kein wirkliches Anrecht auf ein eigenes Leben zu haben, sondern im Auftrag der Eltern das Leben der toten Schwester fortführen zu müssen. Wenn er selbst stürbe, würde er als Toter einerseits ihr ähnlich, erfüllte also den Auftrag der Eltern in extremer Weise; andererseits würde er gewissermaßen mit ihr gleichziehen und hätte dann dasselbe Recht auf die Liebe der Eltern, die - zumindest in seinem Erleben - mehr der Schwester als ihm galt und die er als lebendiger Sohn mit einem eigenen Leben nie würde gewinnen können. Dies war der unbewusste Hintergrund seiner langjährigen Suizidalität, die ihm selbst stets rätselhaft erschienen war.
Seine Depressivität und seine Suizidalität verstärkten sich, als er selbst Vater wurde. Sein Vater hatte ihm bei der Geburt des Enkelsohnes erklärt, dass er glaube, es liege ein familiärer Fluch auf allen Erstgeborenen. Auf einer unbewussten Ebene hatte Herr G. nun selbst ein vermeintlich gefährdetes Kind und die Verpflichtung, am Leben zu bleiben und seinen Sohn zu beschützen. Auf der anderen Seite fühlte er sich dieser Aufgabe überhaupt nicht gewachsen.
Im vierten Jahr der Analyse erzählte Herr G. einen Traum, den er ein Jahr vor der Analyse geträumt hatte. Er hatte ihn auf einem Zettel notiert, in einer Schublade aufbewahrt und vergessen; nun hatte er diesen Zettel wiedergefunden und war verblüfft über seinen Traum.

Der Traum war folgender:

Er begegnet einer Frau, die ihm unbekannt, aber sofort sehr vertraut ist. Sie fahren in einem Zug und es entwickelt sich eine Zärtlichkeit oder Liebesbeziehung, wie eine Verschmelzung, als ob sie eine einzige Person würden. Es ist klar, dass der Zug in den Tod fährt.

Ich brauchte den Traum nicht zu deuten, er war für Herrn G. wie ein offenes Buch. Er bestätigte für ihn auf einer ganz subjektiven Ebene unsere bisherige Arbeit. Ich sagte ihm, dass wir diesen Traum hier analysiert hätten, bevor er ihn jetzt wiederentdeckt hatte.
Insgesamt hatte die beschriebene Dynamik bei Herrn G. nicht nur zu Depression und Suizidalität geführt, sondern auch in einer unvollständigen Identitätsbildung ihren Niederschlag gefunden: sowohl in seiner Ehe und seiner Vaterschaft als auch in seinem beruflichen Umfeld hatte Herr G. viele Probleme und er war in seinem Selbstwertgefüge erheblich beeinträchtigt.
Auf all diesen Feldern hatte die Analyse Fortschritte erzielt; nach meinem Eindruck war der Bann des unbewussten Identitätsverbotes - ein Leben im eigenen Recht als Sohn bzw. als Mann zu haben - im Lauf der Analyse weitgehend aufgehoben worden. 

Die Analyse wurde überwiegend mit 4 Stunden pro Woche durchgeführt, der Gesamtumfang betrug 653 Stunden (Das Verhältnis von Psychoanalyse und Richtlinien-Psychotherapie kann in diesem Rahmen nicht erörtert werden. Dieses Thema bleibt einer eigenen Abhandlung vorbehalten (vgl. dazu z.B. Hartung u.a. 2016)).

4. Der methodische Rahmen

(Ich greife nachfolgend auf vorangegangene Arbeiten (Pollak 1999, 2003) zurück, ohne dies im Einzelnen zu dokumentieren.)

4.1 Psychoanalyse als Allgemeine Psychologie

Bevor der Analytiker seine erste Analysestunde mit einem Patienten beginnt, hat er sich in seiner Ausbildung einen Fundus an theoretischem Wissen im Sinne einer Allgemeinen Psychologie des menschlichen Seelenlebens angeeignet. In den Anfängen war sie wesentlich von Freuds Entdeckung des Unbewussten und seiner Triebtheorie geprägt. Seither ist der psychoanalytische Wissensbestand immens angewachsen und es besteht ein Pluralismus unterschiedlicher Lehrmeinungen. Aus der Vielzahl neuerer Erkenntnisse und Akzente möchte ich nur die Gedächtnisforschung, die Säuglingsbeobachtung, die Mentali-sierungsforschung und die Intersubjektivitätstheorien erwähnen. Es bleibt eine lebenslange Aufgabe, sich dieses theoretischen Rahmens immer aufs Neue zu vergewissern, denn die psycho-analytische Psychologie befindet sich in einem stetigen Prozess der Fortentwicklung.

Aber dieser Rahmen einer Allgemeinen Psychologie befähigt den Analytiker noch nicht, psychoanalytisch-therapeutisch tätig zu werden. Dazu braucht er – ergänzend zu seiner Lehranalyse und seinen Behandlungen unter Supervision - eine Theorie über die Entstehung und Behandlung psychischer Störungen.

4.2. Psychoanalyse als Theorie der Entstehung psychischer Störungen

a) Die Psychoanalyse geht davon aus, dass jedes Kind - vorwiegend in der Beziehung zu seinen primären Bezugspersonen - eingeführt wird in eine sinnstrukturierte soziale Welt und die darin herrschende symbolische Ordnung. Diese frühen und prägenden Kindheitserfahrungen stellen die primäre Sozialisation dar. Sie sind entweder im prozeduralen Gedächtnis gespeichert (Das prozedurale Gedächtnissystem ist vorsprachlich und außersprachlich, es manifestiert sich nur in unserem Verhalten und unseren Reaktionen. So wie man gehen, sprechen, Rad fahren, Klavier spielen lernt, so werden auch emotionale Beziehungserfahrungen zunächst im prozeduralen Gedächtnis gespeichert - lange bevor sprachfähige Erfahrungen bzw. Erinnerungen entstehen) oder sie werden, sofern sie ins autobiographische Ge-dächtnis gelangt sind, zu einem großen Teil verdrängt. Die Kindheitsbiographie findet ihren Niederschlag in den unbewussten psychischen Repräsentanzen: der eigenen Person (Selbst), der bedeutungsvollen anderen Personen (Objekt) und der Beziehung zu ihnen (Objektbeziehung). Diese unbewussten Repräsentanzen sowie die begleitenden Phantasien und Interaktionsmuster bestimmen maßgeblich Verhalten und Erleben des Erwachsenen.

b) Psychische Störungen sind, soweit sie Gegenstand des psychoanalytischen Verfahrens werden können, in der Regel auf Störungen dieses Sozialisationsprozesses zurückzuführen. Sie sind insoweit sein Ergebnis. Im Falle schwerwiegender Traumatisierung im späteren Lebensalter resultiert psychische Störung aus der bleibenden späteren Läsion des primären Sozialisationsergebnisses.

4.3 Psychoanalyse als Behandlungsmethode: Übertragung, Deutung, neue Objekterfahrung

Wenn nun die Entstehung psychischer Erkrankung auf Störungen der Sozialisation zurückzuführen sind, so besteht die grundlegende therapeutische Annahme der Psychoanalyse darin, dass man einen der Sozialisation ähnlichen Prozess herstellen muss, um diese Störung zu beheben. Nur unter dieser Voraussetzung lässt sich jene Erfahrungsschicht erreichen und verändern, in der die Störung entstanden und verankert ist. Die Herstellung dieses Prozesses ist die Aufgabe des Analytikers, das tut er.

Die Übertragung

Die genannte Wiederholung sozialisationsähnlicher Erfahrung wird in der psychoanalytischen Terminologie mit dem Konzept der Übertragung erfasst.
Wie beschrieben, entsteht aus dem "Niederschlag" der Kindheitserfahrungen eine für das weitere Leben relativ stabile Art und Weise des Individuums, Erfahrung psychisch zu organisieren. In diesem Sinn ist Übertragung ein ubiquitäres Phänomen, das alle menschlichen Beziehungen kennzeichnet.
Unter den Bedingungen der psychoanalytischen Situation lassen sich diese Muster und Phantasien in besonderer Weise reproduzieren und erschließen. In diesem engeren Sinn bezeichnet der Begriff der Übertragung die in der Psychoanalyse stattfindende Wiederholung jener Erfahrung, die zur Entstehung psychischer Struktur geführt hat.
Natürlich kann diese Wiederholung nie eins zu eins stattfinden, aber die Intensität und Tiefe der Übertragung, die erreicht werden soll, liefert den Maßstab und die Begründung für die Dauer und die Wochenfrequenz psychoanalytischer Behandlungen. Der analytische Prozess erfordert aus dieser Sicht eine Beziehungskontinuität, wie sie nur in ähnlichen Dimensionen wie jenen der ursprünglichen Erfahrung hergestellt werden kann.

Die Übertragung entfaltet sich durch die Herstellung der asymmetrischen psychoanalytischen Situation. Der Analysand hat die Aufgabe und das Vorrecht, sein Leben möglichst frei zu erzählen und seine Gedanken und Affekte so unverstellt wie möglich zu äußern; dem Analytiker kommt im Gegenzug Aufgabe und Privileg zu, sein Leben nicht zu erzählen und seine Affekte eher für sich zu behalten. Er antwortet meist nicht wie in einem normalen Gesprächsdialog, hält sich zurück, schweigt eventuell, erzählt nichts von sich. Dies führt beim Analysanden zu Irritation, Angst und Regression. Er lernt mit der Zeit, diese Asymmetrie zu akzeptieren, sofern er der Professionalität des Analytikers vertraut.
Der Analytiker hört mit gleichschwebender Aufmerksamkeit zu, d.h. er versucht die Mitteilung des Patienten möglichst genau zu erfassen, ohne sie zu schnell zu ordnen und zu werten. Dadurch kann er in den Mitteilungen und im Verhalten des Analysanden Sinnzusammenhänge und Sinngestalten erkennen, die dem Analysanden unbewusst sind. Häufig benützt der Analytiker hierfür auch seine eigenen körperlichen und affektiven Reaktionen, die ihm bewusst sind oder ihm aufgrund einer Selbstanalyse zugänglich werden. Die Gefühle und Phantasien des Analytikers gegenüber seinem Patienten werden in ihrer Gesamtheit als Gegenübertragung bezeichnet; sie liefert oft wichtige Erkenntnisse über den Patienten und ihre Reflexion gehört heute zum selbstverständlichen Handwerkszeug des Analytikers (Eine ausführlichere Würdigung kann in diesem Rahmen nicht erfolgen. Sandler u.a. (1992) führen 6 verschiedene Bedeutungen für die Übertragung und 11 Bedeutungen für die Gegenübertragung im analytischen Sprachgebrauch auf).

Die Deutung der Übertragung

Die Deutung ist ebenfalls Ausdruck der Asymmetrie. Der Analytiker beansprucht, die Gedanken und Gefühle des Patienten anders verstehen zu können als dieser selbst. In einem normalen Gespräch wäre dies ein Übergriff oder eine Zumutung, die sich niemand ohne Weiteres gefallen lassen würde. Erst mit zunehmendem Vertrauen kann der Analysand die Deutung des Analytikers akzeptieren und sie, im Laufe der Analyse, zu einem gemeinsamen Verständnis ausbauen.
Die Deutung der Übertragung ist ein notwendiger therapeutischer Schritt, damit es nicht bei einer reinen Wiederholung der Kindheitserfahrung bleibt.
Die Deutung der Übertragung bewirkt, dass Gefühle, Gedanken, Beziehungsstrukturen des Patienten in einem neuen Lichte erscheinen, indem ihre Entstehung auf Kindheitserfahrungen zurückgeführt wird und sie dadurch einen neuen Sinn bekommen. Auf diese Weise kann jene Dimension der inneren Welt des Patienten, die in der Gegenwart zu unangemessenen und unnötigen leidvollen Erlebnissen führt, verstanden und in ihrer Wirkungskraft gemildert oder aufgehoben werden.

Die neue Objekterfahrung

Die Kennzeichnung der analytischen Behandlung bliebe aber unvollständig, wollte man als ihre Bestandteile nur die Übertragung und ihre Deutung nennen.
Es geschieht noch etwa Drittes, eine neue Objekterfahrung. Die rein intellektuelle Einsicht allein könnte wohl keine so weitreichenden Veränderungen bewirken. Durch die gemeinsame Betrachtung und Reflexion des Erlebens in der Analyse entsteht auch eine neue Ebene der Beziehung zwischen Patient und Analytiker, eine neue Objektbeziehung.
Diese neue Objekterfahrung kann nicht dadurch hergestellt werden, dass sich der Analytiker freundlicher und angemessener verhält als seinerzeit die Eltern. Die neue Beziehung kann nur auf dem Boden der Übertragung und ihrer gemeinsamen Deutung entstehen. Sie ermöglicht dem Patienten, sich selbst und seine Beziehungen, innerhalb wie außerhalb der Analyse, neu zu sehen und zu erleben.

5. Übertragung, Deutung und neue Objekterfahrung in dem dargestellten Fall

Die skizzierten Elemente der Methode: Übertragung, Deutung der Übertragung und neue Objekterfahrung vermischen sich ständig in der klinischen Arbeit. Ihre Entfaltung über einen Zeitraum von 653 Stunden kann hier nur vereinfachend zusammengefasst werden. Ich bitte um Nachsicht für diese Simplifizierung eines komplizierten und langwierigen Prozesses.

Ich habe bereits zu zeigen versucht, dass die Störung von Herrn G. durch die unbewusste Botschaft der Eltern an ihn verursacht war: Er sollte kein Anrecht auf ein eigenes Leben haben, sondern das Leben der toten Schwester fortführen.
Aber diese Botschaft vermittelte sich ihm nicht in einem bestimmten Augenblick, geschweige denn in einem wörtlichen Auftrag, sondern es handelte sich um eine komplexe Botschaft, die ihm in hundertfachen kleinen Momenten, in Szenen mit den Eltern, in scheinbar nebensächlichen Bemerkungen oder Handlungen, mitgeteilt wurde und sich tief in sein Inneres eingeschrieben hatte.
Er fühlte sich beispielsweise mir gegenüber als sehr ohnmächtig, voller Angst, unbedeutend zu sein, als unfähig, jemals Anerkennung und Zuneigung gewinnen zu können. All dies hätte er aber zunächst überhaupt nicht in Worte fassen können. Die Deutung gelang uns nur in der langwierigen Arbeit von Stunde zu Stunde, in der wir gemeinsam zu verstehen versuchten, wie er sich mir gegenüber fühlte und was er aus seinem aktuellen Leben und aus seinen Erinnerungen hinzufügen konnte.
Er erinnerte sich z.B. an Besuche mit den Eltern am Grab der Schwester und wie ohnmächtig, unbedeutend, ungeliebt er sich damals gefühlt hatte. In unserer gemeinsamen Betrachtung wurde das Kind, das er gewesen war, anders als damals verstanden; es kam gewissermaßen zu seinem Recht, es konnte, stellvertretend für damals, in seinen Bedürfnissen, Wünschen und Phantasien gesehen und anerkannt werden.
So entstand allmählich in vielen kleinen Schritten die Einsicht, ein Ersatzkind – mit all den beschriebenen Konsequenzen - gewesen zu sein. Die Botschaft der Eltern an ihn und ihre Unausweichlich-keit wurde somit erkennbar und analysierbar. Zum ersten Mal in seinem Leben verstand Herr G., was mit ihm los war und wes-wegen er schon so lange eine Zyankalikapsel mit sich getragen hatte. Diese Einsicht bewirkte eine große Erleichterung und Befreiung für ihn.

In einem letzten Abschnitt möchte ich nun die psychoanalytische Tätigkeit als Profession unter die Lupe nehmen.

6. Psychoanalyse als Profession

6.1 Die professionelle Beziehung

Der Begriff der Profession bezeichnet nach Parsons (1967) eine bestimmte Gruppe von freiberuflichen Tätigkeiten, die auf gesellschaftlich zentrale Werte wie z.B. Gesundheit, Recht, Wahrheit, Moral bezogen sind; ihre Aufgabe bestehe darin, die Sinninterpretation gesellschaftlicher Lebensverhältnisse sicher-zustellen. Oevermann hat in seiner Professionstheorie (1979, 1980, 1981) ausgeführt, dass die Beziehung zwischen dem professionell Handelnden und seinem Klienten durch eine widersprüchliche Kombination von Spezifität und Diffusität charakterisiert ist.
Spezifität kennzeichnet formalisiertes berufliches Rollenhandeln, Diffusität hingegen ist typisch für primäre Sozialbeziehungen, wie sie zwischen Lebenspartnern oder zwischen Eltern und Kindern bestehen. Diffuse Beziehungen sind ganzheitliche Beziehungen: es besteht eine wechselseitige affektive Bindung und in der zeit-lichen Perspektive sind sie unbegrenzt und unkündbar. Ferner unterscheiden sich beide Beziehungsformen in der Auswahl der Themen: in spezifischen Beziehungen bedarf es der Begründung, wenn Themen außerhalb der Berufsrolle zu Sprache kommen; in diffusen Beziehungen gilt umgekehrt, dass begründet werden muss, wenn ein bestimmtes Thema aus der Kommunikation ausgeschlossen wird. 
Wenn ein Kunde in der Autowerkstatt dem Mechaniker von seinen Eheproblemen erzählte, bedürfte dies einer besonderen Begründung, das Thema gehört nicht zur spezifischen Berufsbeziehung. Wenn ein Ehemann umgekehrt seiner Frau verschweigt, dass er ein neues Auto gekauft hat, bedarf dies ebenfalls der Begründung, denn in der diffusen Beziehung ist die Kommunikation prinzipiell für alle Themen offen zu halten.

6.2 Die professionelle Beziehung in der analytischen Situation

Für die analytische Situation kann die diffuse Dimension der Übertragungs-Gegenübertragungs-Beziehung zugeordnet werden, während die spezifische Dimension zum Arbeitsbündnis gehört. Obwohl beide Beziehungsdimensionen sowohl den Analysanden wie den Analytiker betreffen, sind die Akzente asymmetrisch verteilt.
Die Übertragung erzeugt eine tendenziell unendliche und unübersehbare Fülle von Bildern, Gefühlen und Situationen beim Analysanden; es entsteht eine sehr persönliche affektive Bindung. Und es finden sich auch die weiteren Kennzeichen der diffusen Beziehung: es soll kein Thema ausgeschlossen werden und die Beziehung ist in dieser Dimension gleichsam unbegrenzt und unkündbar.
Bei Analytiker überwiegt im Gegenzug der Schwerpunkt der spezifischen Dimension, das Arbeitsbündnis: Es ist Ausdruck dessen, dass mit der Analyse ein gemeinsames, zweckgerichtetes Unterfangen vorliegt und dass der Analytiker in seinem Handeln einer wissenschaftlichen Begründungsverpflichtung unterliegt.

Die Bühne und der Zuschauerraum

Bezogen auf die erwähnte Behandlung lässt sich sagen, dass eine Facette der Übertragungs-Gegenübertragungs-Beziehung sich darin manifestierte, dass sich Herr G. mir gegenüber im Guten wie im Bösen oft wie ein Sohn gegenüber seinem Vater fühlte. Umgekehrt hatte ich ebenfalls negative wie positive väterliche Gefühle für ihn. Diese Beziehung fand gleichsam auf der Bühne der Übertragung statt. Es ist ja nicht so, dass es in einer Analyse immer friedlich oder rational zuginge – im Gegenteil können auf beiden Seiten heftige Konflikte und Gefühle auftreten. Übertragung und Gegenübertragung sind keine abstrakten Bestimmungen, Liebe und Hass, Anerkennung und Zurückweisung, Verachtung etc. werden von beiden Seiten konkret erlebt.
Von Zeit zu Zeit mussten wir uns daher sozusagen in den Zuschauerraum begeben, um gemeinsam als Zuschauer zu betrachten und zu reflektieren, was sich auf der Bühne – zwischen uns – gerade abspielte. Dann war er nicht mehr der „Sohn“, sondern der erwachsene Patient und ich nicht mehr der „Vater“, sondern der Analytiker, der mit ihm gemeinsam das Bühnengeschehen, das wir hergestellt hatten. bzw. das uns widerfahren war. zu verstehen suchte.
Die dialektische Einheit von diffuser und spezifischer Beziehung ist nicht immer so einfach zu entziffern, wie ich sie in dem Bild von Bühne und Zuschauerraum dargestellt habe. Der Wechsel zwischen Übertragung und Arbeitsbündnis vollzieht sich oft sehr schnell und unbemerkt, oft auch mehrfach innerhalb einer Stunde. Die Unterscheidung der beiden Ebenen gelingt daher meist erst nachträglich und im Rückblick auf größere Behandlungsabschnitte.

6.3 Die Bedeutung der Zeit

Ich habe schon erwähnt, dass die Erfahrung, die ein Patient in der Analyse macht, aus methodischen Gründen von ihrer Struktur her ähnlich sein sollte wie die Erfahrung eines Kindes mit seinen primären Bezugspersonen. Dabei habe ich die Übertragung, die Deutung der Übertragung und die neue Objekterfahrung darzustellen versucht.
Ich möchte einen weiteren Gesichtspunkt noch etwas vertiefen, nämlich die Bedeutung der Zeit.

Dimensionen der Zeit

Die Wahrnehmungs- und Erlebnisdimension der Zeit, mit ihren Elementen von Aufeinanderfolge und Dauer, Rhythmik, Schnelligkeit etc. hat einen komplexen Einfluss auf die Entwicklung psychischer Struktur. Beispielsweise ist im Erleben des Kindes ein Tag unendlich lang, gemessen an der formalen Zeitstruktur des Erwachsenenlebens. Der regelhafte Rhythmus von Essen, Schlafen und Wachsein ist ursprünglich ein Kennzeichen des Säuglingsalters; eine ritualisierte Rhythmisierung spielt aber auch im Alltag des Erwachsenen eine große Rolle: von den kleineren Rhythmen des Tages- und Wochenablaufs bis zum Wechsel der Jahreszeiten und der Wiederkehr von Festtagen.
Die Analysestunde, die über lange Zeiträume zu einer bestimmten Tageszeit in einer festen Wochenfrequenz stattfindet, knüpft an die ursprüngliche Bedingung von Erfahrung an: Regelhafte Rhythmisierung ist eine basale Bedingung dafür, dass der Säugling seine Erfahrung in der Zeit strukturieren kann. Nur dann kann er lernen, das Objekt bzw. die Welt als vorhersehbar und damit vertrauenswürdig anzusehen.
Die fest vermietete 50-Minuten-Stunde verankert andererseits die Analyse in der objektiven Zeitmessung der Außenwelt, unabhän- gig von der in der Stunde erlebten Zeitdimension. Manchmal geschieht es, dass der Patient den Analytiker fragt, wieviel Zeit noch sei. Er bittet den Analytiker um diese Auskunft, obwohl er selbst auf seine Uhr schauen könnte. Darin kann sich der Wunsch ausdrücken, sich möglichst ungestört der erlebten inneren Zeit hingeben zu können und die äußere, gleichsam digital ablaufende Zeit der Obhut des Analytikers zu überlassen. In dieser Zeit-Schichtung ist die Situation vergleichbar mit der Lektüre eines Romans oder dem Ansehen eines Films, wo wir unter Umständen ein ganzes Leben oder eine Epoche zeitlich durchmessen und uns dann, beim Verlassen des Kinos, nach zwei Stunden überrascht wieder in die äußere Zeit einordnen.
Die Grenze zwischen Innen und Außen markierend, ist die Zeitplanung der Analyse in eine Arbeitsorganisation des Analytikers eingebunden. Gerade das Stundenende beendet zuweilen sehr abrupt die Interaktion, das regelgeleitete Handeln des Analytikers setzt dem emotionalen Geschehen eine plötzliche Grenze. Es kommt vor, dass der Patient noch weint, erschüttert oder erregt ist von Erinnerungsbildern – und der Analytiker beendet dennoch die Stunde. – Diese von der Behandlung her notwendige Begrenzung würde in einer ähnlichen Situation außerhalb der Analyse niemals akzeptiert werden, sie könnte z.B. als Ausdruck einer großen Kälte des Anderen wahrgenommen werden.

Im Hinblick auf den Zeithorizont unterscheiden sich Übertragung und Arbeitsbündnis grundsätzlich. Als zweckgerichtetes Unter-fangen ist die Analyse von Anfang an auf ein Ende hin angelegt. Nicht so die Übertragung: Für die Beziehungsstruktur, die sich aus der primären Objektbeziehung entwickelt, ist eine Trennung nicht regelhaft vorgesehen. Familiale Beziehungen zwischen Kin- dern und Eltern oder zwischen Lebenspartnern sind nicht auf ein Ende hin angelegt; zwischen den Generationen erfolgt eine schrittweise Distanzierung im Laufe des Lebenszyklus, bei Paarbeziehungen hingegen signalisiert eine Trennung deren Scheitern.
Das Ende einer Analyse resultiert aus der Dialektik zwischen beiden Beziehungsebenen: Man könnte von einer Flugbahn der Analyse sprechen, in der Übertragung und Arbeitsbündnis sich als Flug- bzw. Schwerkraft gegenüberstehen. Die Übertragung treibt das Flugzeug in die Höhe, das Arbeitsbündnis behält die Landung im Auge. Die Übertragung entfaltet und intensiviert sich zunächst, bis sie dann, infolge der gemeinsamen Deutungserkenntnisse, wieder abnimmt, es zu einer relativen Auflösung (Stone spricht von einer "Minimisierung" der Übertragung (1961, S. 58). Vgl. hierzu auch die Diskussion unterschiedlicher Auffassungen bei Sandler u. Dreher (1996)) der Übertragung kommt. Die Übertragung verliert in dem Maße, in dem sie analysiert wird, an Gewicht für den Fortbestand der Analyse. Die Arbeitsbeziehung hat aber ohne Übertragung keinen Gegenstand mehr. Es handelt sich gleichwohl nicht um ein einfaches lineares Schema, der Verlauf gestaltet sich bei jeder Analyse anders und ein Flugbahn-Zyklus kann sich innerhalb einer Analyse mehrfach wiederholen.

Dauer und Frequenz

Die Stundenfrequenz pro Woche hat einen großen Einfluss auf die Kontinuität des psychoanalytischen Prozesses, auf die Dichte des Übertragungsgeschehens und auf das erwähnte Kräftever-hältnis zwischen Übertragung und Arbeitsbündnis. Die klassische psychoanalytische Behandlung ist eine Langzeitbehandlung mit einer hohen Frequenz. In ihr lässt sich am deutlichsten der beschriebene psychoanalytische Prozess verwirklichen.

Psychoanalytiker behandeln aber von ihrer Methode her keine "Störung" oder Krankheit, sondern immer einen individuellen Menschen. Aus diesem Grunde lassen sich auch die Frequenz und Dauer von analytischen Behandlungen nicht dogmatisch formalisieren. Es kommt viel mehr darauf an, dass sich der Analytiker mit seinem Rahmen auf die Gegebenheiten und Möglichkeiten eines bestimmten Patienten einzustellen vermag. Dies gilt, als grundsätzliche Haltung, nicht nur für die klassische Analyse, sondern auch für alle abgewandelten Behandlungs-formen, z.B. auch für die Kurztherapie.

8. Schlussbemerkung

Psychoanalytiker sind kontinuierlich mit dem Unbewussten ihrer Patienten befasst, mit jenen entscheidenden primären Lebenserfahrungen, die normalerweise aus dem Bewusstsein ausgeschlossen bleiben. Diese Aufgabe verlangt ein Offenhalten des Zugangs zum eigenen Unbewussten, dem die normalen Abwehrmaßnahmen eines gesunden Erwachsenen entgegenstehen.
Mit jeder neuen Behandlung übernimmt der Analytiker die Aufgabe, für die Zeitstrecke der Analyse ein bedeutungsvoller Anderer (Mead 1934) für seinen Patienten zu sein. Die Patienten stellen an ihn den Anspruch auf eine ungeteilte Beziehungsresonanz, einen Anspruch, der im normalen Lebenszyklus nur gegenüber wenigen Menschen erfüllbar ist.
Diese beruflichen Anforderungen machen es notwendig, einen besonderen professionellen Habitus zu erwerben und aufrecht zu erhalten. Für eine kontinuierliche Überprüfung seines eigenen Handelns ist der Analytiker auf die Selbstanalyse und den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen verwiesen.

Literatur

 

  • Argelander, H. (1970): Das Erstinterview in der Psychotherapie. Darmstadt (Wissensch. Buchgesellschaft).
  • Hartung, T., Hinze, E., Schäfer, D. (2016): Wieviel Richtlinie verträgt die Psychoanalyse? Gießen (Psychosozial).
  • Mead, G. (1934): Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt (Suhrkamp) 1973.
  • Oevermann, U. (1979): Ansätze zu einer soziologischen Sozialisationstheorie und ihre Konsequenzen für die allgemeine soziologische Analyse. KZfSS, Sonderheft 21, S. 143 - 168.
    - (1980): Hermeneutische Methodologie und die Logik professionellen Handelns. Ist eine nicht-technokratische Anwendung sozialwissenschaftlicher Wissensbestände möglich? Vortrag auf dem 20. Deutschen Soziologentag in Bremen. Manuskript.
    - (1981): Professionalisierung der Pädagogik - Professionalisierbarkeit pädagogischen Handelns. Vortrag am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung der FU Berlin. Manuskript.
  • Parsons, T. (1967): Sociological Theory and Modern Society. New York, Free Press.
  • Pollak, T. (1999): Über die berufliche Identität des Psychoanalytikers. Versuch einer professionstheoretischen Perspektive. Psyche-Z Psychoanal 53, 1266-1295.
    - (2008): Träume in der klinischen Arbeit - ein Werkstattbericht. Texte 28, 22 -35.
    - (2003): Das Setting - ein Essential der klinischen Psychoanalyse? Zur Geschichte und Aktualität eines Konzeptes. Zeitschrift für psychoanalytische Theorie und Praxis 18, 352-372.
    - (2012): Der Einfluss eines toten Geschwisters. Zur Psychodynamik des Ersatzkindes. In: Teising, M., Schneider G., Walker, C. (Hg.): Generativität und Generationskonflikte. Tagungsband der DPV, Frankfurt (Geber und Reusch), 412-420.
  • Sandler, J., Dreher, A. U. (1996): What do psychoanalysts want ? The problem of aims in Psychoanalytic Therapy. London, New York (Routledge).
  • Sandler, J., C. Dare, A. Holder (1992): The patient and the analyst. Revised and expanded by J. Sandler and A. U. Dreher. London (Karnac).
  • Stone, L. (1961): Die psychoanalytische Situation. Frankfurt(Fischer) 1993. 

 

 

 

 

 

 

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