Stellungnahme der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung zur atomaren Katastrophe in Japan

Erstellt von Prof. Dr. Martin Teising, Dr. Gerhard Schneider, Dr. Christoph Walker | |   Politik und Gesellschaft

Prof. Dr. Martin Teising, Dr. Gerhard Schneider, Dr. Christoph Walker für die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung

Heftige Erdbeben und ein Tsunami führten in Japan zu einer schrecklichen Naturkatastrophe, in deren Folge mehr als 20.000 Menschen sterben mussten oder als vermisst gelten. Große Landesteile und Städte im Osten von Japan wurden völlig zerstört. Viele Bewohner verloren bei dieser Naturkatastrophe ihr Leben bzw. wurden schwer verletzt. Sie mussten fliehen, verloren ihre Heimat, ihr Haus, ihren Arbeitsplatz. Unzählige Familien wurden auseinander gerissen, Kinder verloren ihre Eltern. Hunderttausende von Menschen konnten zwar ihr Leben retten, sind aber darauf angewiesen, in Notunterkünften auf engsten Raum versorgt zu werden.

Diese Naturkatastrophe und die von ihr ausgelöste Katastrophe in den dortigen Atomkraftwerken haben uns einmal mehr die Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten vor Augen geführt, was die Kontrollierbarkeit der Natur und der von uns Menschen geschaffenen Technik betrifft. Um den Satz von Sigmund Freud, dass das "Ich nicht Herr in seinem eigenen Hause ist", aufzunehmen: Die Annahme, dass die von Menschen errichteten Atomkraftwerke bis auf ein letztlich vernachlässigbares Restrisiko beherrschbar seien, ist eine Illusion, mehr noch: ein Wahn! Wir sträuben uns dagegen Grenzen unserer Ansprüche an das wirtschaftliche Wachstum, das als magisches, allmächtiges Wundermittel phantasiert wird, anzuerkennen. Dieses Abwehrverhalten steht im Dienste unseres Allmachtsanspruches, mit dem wir glauben, die natürliche Umwelt beherrschen und kontrollieren zu können. Die Folgen der Natur- wie der Atomkatastrophe sind für die Menschen in Japan derzeit weder vorhersehbar noch berechenbar. In diesem Augenblick gelten unsere Anteilnahme und unser Mitgefühl in erster Linie den Menschen in Japan. Doch auch für uns ist diese Situation bedrohlich und kaum fassbar. In einer globalisierten Welt sind wir alle davon betroffen. Weder Landesgrenzen noch Wetterprognosen schützen uns vor den Auswirkungen dessen, was in Japan passiert ist. Dies bedeutet: Es geht uns alle an, wie wir mit den Folgen dieser Atomkatastrophe umgehen wollen bzw. müssen und welche Konsequenzen wir aus der katastrophalen Entwicklung ziehen.

Vor diesem Hintergrund trafen sich auf der diesjährigen Frühjahrstagung der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung in Gießen vom 24.03. - 26.03.2011 die anwesenden Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker, unter ihnen Horst Eberhard Richter, um zu fragen, was diese Katastrophe für uns alle bedeutet. Trotz seit Jahrzehnten verfügbaren besseren Wissens wird die Nutzung der Atomenergie als "risikoarm, sauber und friedlich" deklariert. In unsere Empörung über die durch menschliches Handeln möglich gemachte und folglich von Menschen zu verantwortende Atomkatastrophe mischen sich daher Wut und tiefe Trauer. Es ist traurig und beschämend, realisieren zu müssen, dass die Anzahl derjenigen eher klein ist, die aus Erfahrungen (wie z.B. in Hiroshima, Nagasaki und Tschernobyl) tatsächlich lernen. Es ist erschreckend, wie tiefreichend Spaltungsprozesse sind, mit denen eine scheinbar "saubere" Energie aus Atomkraftwerken das bekannte zerstörerische Potential aus dem Handlungsbewusstsein verschwinden lässt.

Wir müssen festhalten, dass nicht nur Experten und politische Entscheidungsträger zu gravierenden Fehleinschätzungen gekommen sind, sondern dass auch viele von uns, als Teil unserer Gesellschaft, mit versagt haben, weil wir nicht deutlich genug auf die bekannten Gefahren hingewiesen haben. Sich nicht an Grenzen zu halten bzw. der Glaube, diese Grenzen beliebig versetzen und missachten zu können, ist eine der Erscheinungsformen des Allmachtswahns und eine der größten Gefahren für uns Menschen - in individuellen wie in kollektiven Kontexten. Dies entspricht vielfältigen Erfahrungswerten und ist gesichertes Wissen.

Die Unmenschlichkeit atomarer Technologie ist verbunden mit einer inneren Disposition, der Haltung eines "immer mehr und immer schneller". Es ist neben den genannten destruktiven Kräften diese Gier nach unbegrenztem Wachstum und unbegrenzter Macht, die zu einer Situation führt, die unbeherrschbar ist und bleiben wird. Wir stellen fest, dass es sowohl bei der Entwicklung als auch bei der Anwendung der Atom-Technologie die irrationalen Motive und die unbewussten Triebkräfte im Menschen sind, die zu einer Katastrophe wie der in Japan führen - trotz aller angeblicher Rationalität von Fachexperten und politischen Entscheidungsträgern, die vorgeben, uns einen ausreichenden Schutz schaffen zu können.

Angesichts der schrecklichen Katastrophe in Fukushima fordern wir die schnellstmögliche Abschaltung aller Atomkraftwerke. Wirtschaftliche Interessen dürfen die Umsetzung dieser Forderung nicht länger verhindern. Bereits bei der Urangewinnung für die Atomkraftwerke erleiden viele Menschen bleibende Schäden. Die Frage der Endlagerung des Jahrtausende lang strahlenden Atommülls ist weltweit nicht gelöst, schon daraus ergibt sich die unabdingbare Forderung, die Nutzung der Atomenergie baldmöglichst zu stoppen. Am vergangenen Wochenende wurde dies allein in Deutschland von ca. einer viertel Million von Menschen gefordert. Wir schließen uns dieser Forderung an.

Weiter wird es auch um die Frage gehen müssen, wo die Grenzen unseres Wachstums liegen, wofür wir Energie benötigen und wie viel. Vielfältige Expertisen haben seit dem Bericht des Club of Rome vor 40 Jahren weltweit darauf hingewiesen. Mit der rücksichtslosen und alle Grenzen sprengenden Haltung eines "Weiter so" belasten und gefährden wir nicht nur die Zukunft unserer Kinder, sondern sind in Gefahr, die menschliche Generativität endgültig zu zerstören. Neben der Armutskrise, der weltweiten Bedrohung durch Krieg und Terror, der Finanz- und Ökonomiekrise rasen wir nun weiter in eine Ökologiekrise, mit der wir uns endgültig auslöschen können.

Dabei sind nicht nur selbstmörderische Kräfte am Werke, wir haben auch zu fragen, ob wir uns dabei nicht mörderisch unseren Kindern gegenüber verhalten. Mit der Sorge, die diese Fragen auslösen, geht unser Blick auf das, was es für uns Menschen innerlich bedeutet. Im Hinblick darauf, dass diese Entwicklung in sehr vielen Menschen große Angst auslöst, sagen wir mit Entschiedenheit, dass es sich dabei um keine neurotische "German Angst" handelt, auch wenn nicht wenige Entscheidungsträger dies suggerieren wollen. Wir dürfen, ja wir sollten Angst davor haben, dass in einer grandiosen narzisstischen Selbstüberschätzung davon ausgegangen wird, die Kräfte der Atomenergie seien beherrschbar - eine Illusion, mehr noch: ein Wahn, wie dies durch die Realität von Three Miles Island über Tschernobyl bis jetzt Fukushima offenbar wird. Dabei sollten wir die Gefahren sehen, die von unseren psychischen Abwehrmechanismen ausgehen: Dass seit vielen Jahren bekannte Tatsachen nicht richtig zur Kenntnis genommen, sondern verleugnet, verdrängt, abgespalten oder eingekapselt werden, dient der Aufrechterhaltung unserer kollektiven Allmachtsillusion.

Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Es liegt an uns allen, uns immer wieder der destruktiv-narzisstischen Kräfte bewusst zu werden, die hinter der scheinbaren Rationalität und Logik von Entscheidungsabläufen liegen und sie insgeheim zu lenken drohen. Nur so können wir für uns Menschen die Chance wahren, der Entfaltung der in uns selbst angelegten Vernichtungskräfte Einhalt zu gebieten.

April 2011

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