Helmut Luft: Psychoanalyse bei Älteren - Anachronistische Vorurteile und aktueller Stand

Erstellt von Helmut Luft | |   Erkrankungen und Therapie

Helmut Luft **

Die Chancen, auch Älteren durch Psychoanalyse zu helfen, werden noch weithin durch längst anachronistisch gewordene Vorurteile blockiert: Eine Psychoanalyse sei im Alter nicht mehr möglich und nicht mehr sinnvoll. Die Psychoanalyse beschäftige sich nur mit in früher Kindheit entstandenen Neurosen. Sie arbeite nur mit der hochfrequenten (vier- bis fünfmal pro Woche) und Jahre dauernden Standardmethode im Liegen auf der Couch, andere Methoden seien weniger aufwendig und effizienter.

Alle diese Vorurteile entsprechen dem Stand der Psychoanalyse in ihren Anfängen vor über 100 Jahren, und sind durch die Entwicklung der Erfahrungswissenschaft Psychoanalyse inzwischen sämtlich widerlegt. Das erste stammt von Freud selbst, der meinte, die biologischen Prozesse des Alterns setzten der Psychoanalyse natürliche Grenzen (1898). Das entsprach durchaus dem, was er in seiner damaligen Umgebung sah. Die Menschen hatten eine viel geringeres Lebenserwartung als heute, sie alterten früher und hatten kaum Perspektiven. Doch das änderte sich bald und schon Freuds Schüler Karl Abraham (1919) nahm Patienten von bis 53 Jahren (Depression, Zwangskrankheit, Angst ) in Behandlung und war von den Heilerfolgen überrascht. Pearl King (King 1980) bemerkte, dass Analysen bei 50- bis 60-Jährigen erfolgreich sind, und dass diese in der Behandlung oft besser mitarbeiten als Jüngere.

Der heutige Stand der Erfahrung ist, dass es keine chronologische Altersgrenze für Psychoanalyse mehr gibt. Das folgende Beispiel verdeutlicht, dass auch sehr hohes Alter kein Hindernis für eine erfolgreiche Therapie zu sein braucht.

Eine 94-jährige Frau litt nach dem Tod ihres Mannes unter Schwindel, Angst und Gedächtnisschwäche. In der analytischen Behandlung stellte sich heraus, dass ihr unbewusster Konflikt die Ambivalenz zum verstorbenen Mann war. Sie liebte ihn sehr, hatte aber auch das Ende seiner Krankheit herbeigewünscht und fühlte sich deswegen schuldig. Die aus Schuldgefühl unterdrückte Wut wurde das Hauptthema der Behandlung, in deren Verlauf von Monaten die Symptome vollständig verschwanden. - Fünf Jahre später suchte sie noch mal eine Behandlung, die modifiziert bis zu ihrem Tod im 104. Lebensjahr andauerte. Der Anlass waren Anfälle von Herzrasen, die sich als Ausdruck von Wut und unerfüllter Wünsche nach Nähe herausstellten.
Neben dieser auf die Symptome bezogenen persönlichen Thematik stellten sich im analytischen Prozess auch die für das höhere Alter überhaupt spezifischen Probleme dar, und es ergaben sich dafür erreichbare Behandlungsziele, sodass die Pat. bessere Lösungen für ihr Altern finden konnte: Mit dem Verlust ihrer Mobilität kam sie besser zurecht, wandte sich der inneren Welt zu, wurde abgeklärter, machte Gedichte. Sie lernte Beziehungsverluste und Enttäuschungen zu ertragen, den Tod geliebter Menschen zu betrauern, und ihre Unabhängigkeit und Identität zu wahren. Andererseits lernte sie, auch ihre Abhängigkeit von Tochter und Enkelkind anzunehmen. Voraussetzung dafür war, die für ihre Alterskohorte typischen Vorurteile und Werte revidieren zu können und toleranter für die Denkweise jüngerer Menschen zu werden. Sie konnte sich schließlich mit ihrer Sterblichkeit abfinden und sich auf ihren Tod einstellen.
Die Frage nach dem Sinn von psychoanalytischer Therapie wird dadurch beantwortet, dass auch die vorher dem Altersabbau zugeschriebenen Symptome wie Verwirrtheit, Schwindel und Vergesslichkeit sich als sinnvoll erwiesen und verschwanden. Entscheidend war, die Anlässe für ihre "Symptome" zu erkennen, und statt "dement" zu sein, ihre Autonomie wiederzugewinnen. Das Gedächtnis hatte »nur scheinbar und nicht tatsächlich« versagt. »Die Erinnerungen kehrten zurück, nachdem die Patientin voller Schmerz darüber gesprochen hatte, dass sie sich nicht an ihren Mann in seinem schlimmen Zustand erinnern wollte.« (Settlage 1998) Ebenso waren die Rückzüge aus der Realität und Desorientierung nicht Symptome einer Demenz, sondern Antworten auf enttäuschende Ereignisse.


Die Lehre von der ausschließlich frühkindlichen Genese der Neurosen ist ebenfalls kein Dogma mehr. Es ist zwar ubiquitär und unbestreitbar, dass die Prägungen und Traumatisierungen der frühen Kindheit die Biografie mitbestimmen, z.B. wenn sie als positive oder negative "Übertragung" die Objekt-Beziehungen verzerren, die Partnerwahl festlegen, sich als selbstschädigende Verhaltensmuster wiederholen (destruktiver Wiederholungszwang) oder zu Ängsten, Zwängen, Depressionen, körperlichen Ausdruckskrankheiten, Schmerzsyndromen und anderem führen. Das ist die Basis und die Indikation für Psychoanalysen.
Diese hat jedoch im Verlauf von 100 Jahren Praxis und Forschung erkannt, dass sich auch in den späteren Lebensepochen (Pubertät, Adoleszenz, Midlife-Crisis, Klimakterium, Älterwerden) jeweils phasentypische Anlässe für seelische Störungen ergeben können, und dass die Zuflüsse aus der gesamten Biographie dabei mitwirken, wie der Alterungsprozess verläuft. So werden z.B. die in der Adoleszenz, beim Eintritt in das Erwachsenenleben, ungelöst gebliebenen Konflikte oft mit dem Eintritt in den Ruhestand wiederbelebt und sind häufig die verborgene Ursache von Leidenszuständen im Alter.

Pearl King (King 1980) berichtete über eine 63-jährige Frau, deren Tätigkeit in einem Kinderheim die Hauptquelle ihres Selbstwertgefühls gewesen war und die nach Aufgabe ihres Berufs depressiv wurde. In der Analyse fand sie heraus, dass sie diesen Beruf gewählt hatte, weil sie damals nicht vom Kind- zum Erwachsensein hatte finden können. Sie konnte das nachholen, neue Lösungen finden und noch 25 Jahre lang ein kreatives Leben führen.

In Midlife-Crisis, Pensionierung, Klimakterium und Involution ist die direkte Konfrontation mit dem Alter das - meist abgewehrte - Thema. Die biologischen Ziele von Fortpflanzung und Kinderaufzucht sind erfüllt, Beruf, soziale Rollen und Kontakte gehen verloren. Altersleiden treten auf und die Umstellung auf Altern, Vergänglichkeit und Tod wird unausweichlich

Die Vorteile des Älterwerdens wie Lebenserfahrung, Besonnenheit und Reifung sowie Milderung von Aggressivität und Triebdruck können durchaus eine Besserung oder Abheilung von in der Vergangenheit entstandenen Neurosen begünstigen. Oft aber verstärken sich im Alter die psychischen Störungen, die auf ungelösten Konflikten und Traumatisierungen aus Kindheit und Biografie beruhen. Unter dem Stress des Alters - das nach der Definition der WHO mit 60 beginnt -, wenn Überforderungen durch Multimorbidität, Behinderungen und Verluste nicht mehr kompensiert werden können, zeigen sich manifest gebliebene Störungen und destruktive Wiederholungszwänge mit besonderer Dringlichkeit, entgleisen Fehlentwicklungen und drängen Störungen, die gutes Älterwerden verhindert haben, auf Lösung. Die Indikation für Psychoanalyse ist gegeben, denn die aktuellen Leiden hängen meist mit früheren genetischen Ursprüngen zusammen, brechen oft nur aus, weil eine aktuelle Situation emotional an eine frühere erinnert (s.u. Radebold 2004). Besonders die schweren Traumatisierungen durch Verfolgung, Krieg und Vertreibung, denen die Generation der jetzt lebenden Älteren ausgesetzt war, machen sich im Alter dringlich bemerkbar, um eine Chance zur Bewältigung zu haben. Das ist den Betroffenen oft nicht bewusst und verbirgt sich hinter Depressionen oder Körpersyndromen.

Eine Frau litt unter unbehandelbaren Schmerzen im ganzen Körper, die sie mit "Schiessen, Umherwandern, Kälte, Angst" usw. beschrieb. Erst als sie im Lauf der analytischen Behandlung ihre Kriegs-Erlebnisse wieder erinnern konnte und dabei die gleichen Worte verwendete, wurde klar, dass die Traumen, die sie verdrängt hatte, in den Memoiren ihres Körpers aufgezeichnet waren und sich in der Körpersprache ausdrücken und mitteilen wollten. Erst in einer analytischen Beziehung konnte diese Sprache gehört und verstanden werden.

Ebenso können Träume die Via regia zu den abgewehrten frühen Traumatisierungen sein. In den meisten Träumen ist der Träumer jünger als real und die Zuordnung zur Lebensepoche, in der der Traum spielt, kann der Schlüssel sein. So fand sich bei einem 70-Jährigen eine Häufung von Träumen aus dem 17. Lebensjahr und es ergab sich, dass das eine Zeit von ihn tief verstörenden Kriegserlebnissen gewesen war - wie bei dem Fall von Radebold 2004 (s.u.).

Eine Psychoanalyse nach klassischer Methode ist bei Älteren gut möglich. Die Hinwendung zur Innenwelt und zur eigenen Biografie, sowie Nachdenklichkeit und Bedächtigkeit sind sehr gute Voraussetzungen für eine Psychoanalyse mit Aussicht auf Erfolg. »Wer den Jungbrunnen der Psychoanalyse entdeckt hat ... der altert nicht so schnell.« (Emma Jung, Brief an Freud, 6.11.1911).

Radebold (1996) berichtete über die viereinhalb Jahre dauernde Analyse einer 65-jährigen Frau, die im Klimakterium und dann nach ihrer Berentung an neurotischen Depressionen erkrankt war. Es erwies sich als sehr hilfreich, das »heimliche Alter« zu erfahren, in dem sich die Patientin in ihren jeweiligen Träumen befand. Die vielfältigen Symptome verschwanden völlig, darunter auch solche, die als Parkinson oder hirnorganischer Abbau fehldiagnostiziert worden waren. Körperlich fühlte sich die Patientin gesünder als vor 30 Jahren, könne das sehr genießen, und sei in ihrer Umgebung die Einzige, die nichts zu klagen habe. Sie könne besser in Gruppen Zuwendung finden, ohne sich abhängig zu fühlen, aber auch gut allein sein. Durch die Analyse hatte sie »eine neue, innerlich akzeptierte Identität als über 70-jährige Frau gewonnen« (S. 232). Das Buch ist besonders lesenswert, weil der Analytiker und die Patientin jede Behandlungsperiode aus ihrer eigenen Sicht beschrieben haben (Radebold und Schweizer 1996: Der mühselige Aufbruch).

Das dritte Vorurteil, Psychoanalyse sei ausschließlich hochfrequente Langzeittherapie auf der Couch, ist jedoch lange überholt. Die Psychoanalyse wird zwar immer wieder entwertet und totgesagt, ist in Wirklichkeit aber sehr lebendig, wird in Praxen und Institutionen breit angewendet und entwickelt sich weiter. So sind seit Jahrzehnten Konzepte herangereift, wie Ältere auch mit geringerem zeitlichem Aufwand auf psychoanalytischer Grundlage behandelt werden können. Bei derFokaltherapie wird nicht eine umfassende Aufarbeitung der Vergangenheit angestrebt, sondern auf einen bestimmten unbewussten Konflikt fokussiert. Die aktuelle Konfliktsituation wird dabei allerdings oft erst dann transparent und behandelbar, wenn erkannt wird auf welchen umschriebenen verborgenen Erlebnissen aus der Vergangenheit sie basieren.
Radebold (2004) belegte das überzeugend mit einem Fall, den er »Die Vergangenheit ist unbewusst zeitlos« nannte. Eine 80-jährige Frau litt unter depressiver Verstimmung, diffuser Angst und Panikattacken: Ihr aktuelles Problem war, dass infolge einer Makuladegeneration ihr Sehvermögen fortschreitend abnahm, und sie fürchtete, nicht mehr wie bisher allein gut zurechtzukommen, sondern auf ihren Sohn angewiesen zu sein. Ihr Problem war, dass dieser ihr nicht half sondern sehr streng mit ihr umging.
Nur durch einen Traum konnte der Zugang zu den ihr bis dahin verborgenen Gründen für ihren Zustand gefunden werden: Sie versuchte, ihre Mutter zu erreichen, die aber verschwand. Die Patientin war in diesem Traum fünf Jahre alt, die schlimmste Zeit ihres Lebens. Im Krieg mit ihrem jüngeren Bruder in ein Bauerndorf verschickt, wurde dieser lebensbedrohlich krank. Die Mutter hatte ihr aufgetragen, für ihn zu sorgen, konnte selbst aber nicht kommen." Die Mutter lässt mich allein zu schwere Verantwortung tragen und hilft mir nicht" war das emotionale Erleben der Fünfjährigen. Als jetzt der einzige Sohn die Erwartung der 80jährigen, Schutz und Hilfe zu geben, nicht erfüllte (wie damals die Mutter), kam es zur Reaktivierung der schrecklichen Gefühle der 5-jährigen, wie sie sich im Traum darstellten, und damit zum Ausbruch der Depression. Die Einsicht in die Zusammenhänge machte es möglich durch eine Fokaltherapie einmal pro Woche mit insgesamt 20 Stunden wieder symptomfrei und vom Sohn unabhängiger leben zu können.


Psychoanalytische Gruppentherapien haben sich für Ältere ebenfalls als hilfreich erwiesen. Die Gruppe sieht mehr als der Einzelne und mit ihrer Hilfe kann die eigene Rolle besser bemerkt und ggf. als Wiederholung erkannt werden. In Großgruppen, wie z.B. in Kliniken, entsteht eine besonders intensive Dynamik. Psychoanalytische Kliniken sind schon in der Frühzeit der Psychoanalyse entstanden (Ernst Simmel in Berlin, Georg Groddeck in Baden-Baden) und moderne Kliniken, Rehakliniken und Einrichtungen für Ältere arbeiten heute mit ausgereiften psychoanalytischen Konzepten. Da es ein Grundbedürfnis jedes Menschen ist, seine Wünsche und Konflikte mittels szenischer Darstellung und pantomimisch unbewusst mitzuteilen, und sich in Kliniken alle Beziehungsmuster von der Zweierbeziehung bis zur Großgruppe anbieten, findet jeder die passenden Beziehungskonstellationen aus seiner persönlichen Lebensgeschichte. Die Klinik wird so zur Bühne des Lebens, auf der sich die ungelösten Probleme darstellen und behandelbar werden, die sonst vielleicht nie bemerkt worden wären. Viele erleben eine stationäre Behandlung als eine wichtige Epoche der Selbstfindung und Reifung.

Im Alter selbst führen die für die Lebensphasen des 3. und 4. Alters spezifischen Belastungen auch zu Konflikten und Problemen, die Ältere überfordern, weil sie für deren Lösung kein Vorbild in Kindheit oder Biografie haben. Im Konzept des Aktualkonflikts (Heuft et al.1997) fokussiert die Psychotherapie darauf, die aktuelle Konfliktlage bewusst zu machen und Lösungsstrategien zu erarbeiten.
Da jeder Ältere »Zwischen Abschied und Neubeginn« (Peters und Kipp 2002) steht, und nicht nur die Erfahrungen aus der Vergangenheit verarbeiten muss, um für die Gegenwart frei zu werden, sondern auch Perspektiven für die Zukunft finden muss, sind weitere Konzepte entstanden, um speziell die Fähigkeit zu neuen Entwicklungsschritten anzuregen (Peters 2004).

 

Zusammenfassung und Leitlinien

1. Die zunehmende Langlebigkeit bringt einen steigenden Therapiebedarf für Ältere mit sich. Während 1880 die durchschnittliche Lebenserwartung eines Mannes bei nur 35 Jahren lag, sind es jetzt 77 und bei Frauen sogar 82 Jahre. Während 1950 nur 7 Millionen Bundesbürger 65 Jahre und älter waren, sind es jetzt 17 Millionen. Jeder 5. Bundesbürger ist im Seniorenalter, nur in Japan sind es mehr (Statist. Jahrbuch 2011). Eine permanent steigende Zahl von Menschen tritt in das 3. (über 60) und 4. (über 80) Lebensalter ein und hat die Chance diese uns neu eröffneten Zeiträume zu nutzen.

2. Da sich parallel auch der Bildungsstatus verbessert, die Frauen ihre traditionellen Geschlechtsrollen überwinden und heute häufiger Abitur machen als Männer, sowie immer mehr Menschen studieren, erweitert sich der Interessenshorizont enorm. Abnahme der Vorurteile, vermehrtes Bedürfnis nach Aufklärung und gesteigerte Sensibilisierung für die Probleme des Älterwerdens sind zu erwarten. Der Trend ist deutlich, dass es unter der zunehmenden Zahl von Älteren viele potentielle Analysand/innen gibt, die motiviert und geeignet für eine Psychoanalyse sind.

3. Eine chronologische Altersgrenze für Psychoanalyse gibt es nicht mehr. Wichtig für Eignung und Motivation ist das biologische und psychische Alter. Ebenso wie bei Jüngeren sollten Flexibilität, Interesse, Motivation und ein gewisser Leidensdruck vorhanden sein. Man kann niemanden in Analyse schicken, der das nicht will. Das Hörvermögen muss für eine gute sprachliche Verständigung noch ausreichen. Eine schwere, nicht nur zeitweise bestehende, diagnostisch zweifelsfreie Demenz ist in der Regel eine Kontraindikation. Die Verbesserung des biologischen Status der Älteren, ihrer Fitness und Lebensqualität schaffen jedoch zunehmend günstige Voraussetzungen. Viele Psychoanalytiker/innen nehmen inzwischen auch Ältere zur Behandlung an, und die Kosten dafür werden auf begründeten Antrag von den Krankenkassen übernommen.

4. Die Vorteile des Alters wie Bedächtigkeit, Zuwendung zur Innenwelt sowie das Bedürfnis, im Rahmen der Lebensbilanz mit sich ins Reine zu kommen, disponieren zur Psychoanalyse. Ältere möchten wissen, woher sie kommen, wer sie sind und woran sie leiden. Weil es an der Zeit ist, um ihre Probleme zu begreifen und Lösungen zu finden, bringen sie Dynamik und Dringlichkeit mit, um ihre späten, vielleicht letzten Chancen zu nutzen. Eignung und Motivation sind deshalb oft höher als bei Jüngeren, und die Bedingungen für psychoanalytisches Arbeiten sind günstig.

5. Die meisten Älteren wollen sich zwar mitteilen, möchten über ihre Leiden und Probleme und auch über ihre Vergangenheit reden, machen aber meist die Erfahrung, dass das niemand hören will. Typisch ist weiter, dass die Ursachen ihrer Probleme ihnen selbst nicht bewusst sind, sodass sie nicht direkt mitgeteilt werden können und auch nicht abfragbar sind. Die ihnen verborgenen Probleme äußern sich in psychischen und körperlichen Symptomen und möchten sich in der Körpersprache ausdrücken. Ein Schmerz kann eigentlich die Trauer über einen Verlust bedeuten, oder die Verletzung wegen einer Kränkung, einer Zurücksetzung, einem Tritt ins Kreuz oder einen Schlag in den Nacken. Oft sind die Symptome Hilferufe, Appelle und Kontaktangebote, die aber nicht verstanden werden.

6. Die Psychoanalyse geht genau darauf ein. Der gemeinsame Nenner aller psychoanalytischen Methoden ist die analytische Haltung, das Zuhören ohne bestimmte Erwartung. Auf sich einwirken lassen, was vom Patienten ausgeht: nicht nur was er sagt, sondern auch wie, was er "zwischen den Zeilen" sagt, der Ton, das Averbale, die pantomimische und szenische Darbietung. Oft ist das Verhalten bei der ersten Begegnung schon der Schlüssel. "Älterwerden ist für mich als Frau überhaupt kein Problem" sagt eine 60jährige, (wobei sie, offenbar ohne es zu bemerken, auf ihre Runzeln, schlaffe Haut und Falten zeigt). Wer zuhört, dem sagt der Patient die Diagnose ganz von selbst (Michael Balint). "Ich bin nicht alt, ich sehe nur so aus, weil die Ärzte und mein Mann und schon meine Mutter bei mir soviel falsch gemacht haben."

7. Ältere bedürfen besonderer Rücksicht. Man muss erkennen, wenn sie schwerhörig sind (was sie aus Scham gern verschweigen), und man muss sich vergewissern, ob sie wirklich verstanden haben. Man muss ihnen Zeit lassen, da sie zu allem länger brauchen, auch um akustisch Gehörtes begreifen und einordnen können. Arbeitsbündnis und Abstinenz sollte man nicht zu streng handhaben, sondern eher als bei Jüngeren entgegenkommen und z.B. auf ihre aktuelle Lebensrealität und ihre Probleme damit eingehen.

8. Es ist absolut notwendig, ihre Würde zu achten, und ihre narzisstische Bedürftigkeit zu schützen. Jeder Ältere verfügt über einen großen Erfahrungsschatz, weiß mehr vom Leben als seine jüngeren Therapeut/innen, hat etwas ganz Persönliches aus sich gemacht und möchte das anerkannt und bewahrt wissen. Man muss auch verstehen, dass sie unter gänzlich anderen sozialen und politischen Bedingungen aufgewachsen sind, dass vielen die Werte ihrer Alterskohorte noch heilig sind, und sie sich enttäuscht, resigniert und gekränkt zurückziehen, wenn man sie von vornherein an heutigen Werten messen will.

9. In einer Psychoanalyse gestaltet sich die Beziehung zwischen Therapeut/in und Patient/in- anders als bei Jüngeren. Wenn Ältere nicht ihre Therapeuten in der Elternrolle sehen sondern sich selbst, liegt eine "umgekehrte Übertragung" vor. Die sich daraus ergebenden Widerstände, etwa wenn die Therapeut/innen als der unfreundliche, ideologisch verblendete Sohn oder die gehorsamspflichtige, unterwürfige Tochter erlebt werden, müssen erkannt und thematisiert werden. Aus dem Faktum, dass man im vierten Alter mit einer oder zwei Generationen mehr als früher gleichzeitig lebt, ergibt sich die neue Form der multigenerationellen Übertragung, bei der zu klären ist, welche Rollen man sich und den Therapeuten unbewusst zuteilt: als Grosseltern- oder Elternteil, als Kind oder gar als Enkel oder Urenkel.

10. Im Verlauf des analytischen Therapieprozesses stellen sich häufig folgende Veränderungen ein:

  • Der Umgang mit dem alternden Körper verbessert sich. Die körperlichen Defizite und die Abhängigkeit können akzeptiert, die noch möglichen Funktionen besser genutzt werden.
  • Die Trauer über die sozialen Verluste kann zugelassen, die soziale Teilhabe dann wieder gefunden werden.
  • Der Lebensrückblick führt zur Auseinandersetzung, Abgrenzung oder Versöhnung mit den wichtigen Personen der Vergangenheit, sowie mit eigener Schuld und Fehlverhalten, und zur Klärung der eigenen Identität.
  • Immanentes Ziel ist dabei immer, die Würde und Selbstachtung der Älteren zu wahren und ihre Fähigkeit zu Autonomie und zur selbständigen Lebensführung zu fördern.
  • Entscheidend ist dabei, dass Resignation, Selbstaufgabe und Versinken in Depression und Pseudodemenz nicht mehr nötig sind, weil die Ängste, Wünsche und Symptome, die dahin führen, als sinnvolle Abwehrstrategien erkannt werden.
  • Solange das noch möglich ist, können erstaunliche Befreiungen von neurotischen Einengungen und progressive Entwicklungen erfolgen.

 

11. Die Psychoanalyse hilft, unbewusste Selbstschädigungstendenzen, die bei jedem daran beteiligt sind, sich mit dem Älterwerden schwerzutun, rechtzeitig zu erkennen, und damit Schaden abzuwenden.
Sie fördert die spezifischen Antworten, die der Mensch dem biologischen Abbau entgegensetzt. Über Symptomheilungen hinaus regt sie die Entwicklung von Fähigkeiten an, die Nachreifung und Kreativität ermöglichen.
Psychoanalyse bewirkt, dass Ältere Selbständigkeit und Autonomie finden und wahren können, weniger passiv auf andere und die Allgemeinheit angewiesen sind, und die Vorteile und Chancen der neuen Lebensphasen besser nutzen können.

 

Literatur:

Heuft, G.; Hoffmann, S. O.; Mans, E. J.; Mentzos, S.; Schüssler, G. (1997): Das Konzept des Aktualkonflikts und seine Bedeutung für die Therapie. Ztsch. Psychosom. Med., 43, 1-14.
King, P. H. (1980): The life cycle as indicated by the transference in the psychoanalysis of the middle aged and elderly. Int. J. Psychoanal., 61, 153-160.
Luft,H, Vogt,M. (2011) Gutes Altern. Verborgene Chancen und Hindernisse. Brandes & Apsel, Fankfurt a. M.
Peters, M. (2004): Klinische Entwicklungspsychologie des Alters. Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen.
Peters, M.; Kipp, J. (Hrsg.) (2002): Zwischen Abschied und Neubeginn. Entwicklungskrisen im Alter. Psychosozial, Gießen.
Radebold, H.; Schweizer, R. (1996): Der mühselige Aufbruch – über Psychoanalyse im Alter. Fischer, Frankfurt a. M.
Radebold, H. (2004): Die Vergangenheit ist unbewusst zeitlos – Psychoanalytische Fokaltherapie einer 80-Jährigen mit Angstzuständen und Panikattacken. Psychotherapie im Alter. 1.Jg, Heft 2, 31-38.
Radebold, H.; Radebold, H. (2009): Älterwerden will gelernt sein. Klett-Cotta, Stuttgart.
Settlage, C. F. (1998): Transzendenzerfahrungen im hohen Alter. Kreativität, Entwicklung und Psychoanalyse im Leben einer Hundertjährigen. In: Teising, M.: Altern: Äußere Realität, innere Wirklichkeiten. Westdeutscher Verlag, Opladen, Wiesbaden, 243-280.

 

November 2011

* Die Themen des Beitrags sind im Buch "Gutes Altern" ausführlich behandelt.
Luft, Helmut, Vogt, Monika (2011) Gutes Altern. Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt am Main. ISBN 978-3-86099-708-6

** Autor: Helmut Luft, geb. 1924, Dr. med., Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Psychoanalyse und Psychotherapeutische Medizin. Lehr- und Kontrollanalytiker (DPV). Ehemals Leiter der Fachklinik Hofheim am Taunus. 
Forschungsschwerpunkte: Psychoanalyse bei Älteren, Altersthematik bei Sophokles, Shakespeare und Freud.
E-Mail: hluft(at)t-online.de

 

 

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