Metzger, H.-G., Dammasch, F. (Hg): Männlichkeit, Sexualität, Aggression. Zur Psychoanalyse männlicher Identität und Vaterschaft. Gießen: Psychosozial 2017. 29,90 €

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Rezensent: Arne Burchartz, Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut

Von der Krise und der Neudefinition von Männlichkeit und Väterlichkeit, von der konflikthaften und chancenreichen Identitätsfindung männlicher Kinder und Jugendlicher ist im psychoanalytischen Diskurs schon seit längerer Zeit die Rede. Das ist in der Psychoanalyse nichts Neues, kam doch dem Vater seit ihren Anfängen eine entscheidende Funktion für die Strukturierung der Psyche zu. Doch diese Sichtweise ist zunehmend verblasst, die Triebtheorie wurde ergänzt, teils ins Abseits gedrängt oder gar gänzlich verabschiedet durch die Ich-Psychologie, die Objektbeziehungstheorien, die Selbstpsychologie und neuere intersubjektive Ansätze. In den Triangulierungskonzepten finden sich – zunächst zaghaft, inzwischen in breitem Konsens - neuere Positionsbestimmungen des Vaters. Was hat zu der neuerlichen Hinwendung zu Männlichkeit und Väterlichkeit geführt?

Im vorliegenden Buch stößt man auf vielfältige und vielschichtige Gründe: Zum einen führt die Erosion patriarchalischer Ordnungen und Leitvorstellungen im 20. Jahrhundert zu einer Neuorientierung in der Frage der männlichen und väterlichen Identität. Spätestens mit der Katastrophe zweier Weltkriege im 20. Jhd. ist die Herrschaft des Patriarchats fragwürdig geworden. Sowohl der kritische Aufbruch der „Studentenbewegung“ als auch die erstarkende Frauenemanzipation und schließlich die Genderdebatte, in der die Zweigeschlechtlichkeit als soziologisches Konstrukt in Frage gestellt wird, veränderten die Prozesse männlicher Identitätsbildung. Zudem stellt die Reproduktionsmedizin die Väterlichkeit in völlig neue Horizonte: Was ist ein Vater angesichts von Samenspende und Leihmutterschaft? Gleichzeitig gewinnen archaische (heterosexuelle) Männlichkeitsvorstellungen, die sich an Autoritarismus, an phallischer Grandiosität, Macht, Gewalt und teils religiös gerechtfertigtem Sexismus orientieren, individuell und weltweit politisch an Bedeutung. Diese Hinwendung zu autoritären Leitbildern können als Identitätsstützen sich auflösender Männlichkeit verstanden werden, als Abwehr von erlebter Ohnmacht und Hilflosigkeit, oder als Versuche der Unübersichtlichkeit der Geschlechterpositionen in der Postmoderne zu entkommen. „In der Moderne (wird)... Männlichkeit sozusagen von zwei Seiten in die Zange genommen“ (S. 10). Im Spannungsfeld dieser psychischen, soziologischen und politischen Entwicklungen bewegen sich die Beiträge dieses Bandes. Sie beschreiben einen weiten Bogen:

Josef Christian Aigner hinterfragt die Gendertheorien kritisch. Die Verleugnung von Geschlechterdifferenzen scheint einem angstbetonten Motiv zu entstammen. Wird doch im Genderdiskurs allzu leicht und unkritisch Differenz mit männlichem Herrschaftsstreben gleichgesetzt: Männlichkeit wird unter Generalverdacht gestellt. Dem begegnet Aigner, indem er das Konzept der Zweigeschlechtlichkeit auf psychophysische Erfahrungen gründet.

 Michael Diamond geht von einer grundlegenden Vulnerabilität des Jungen aus, die in ihrer phallischen Verarbeitung eine dauerhafte, nicht auflösbare Spannung in der Psyche hinterlässt. Er beschreibt, dass männliche Identität immer aus frühen, präödipalen Identifizierungen mit beiden Eltern hervor geht. Der heranwachsende Junge steht vor der Aufgabe, Vulnerabilität, Mangelerfahrungen, phallische Ich-Ideale und genital-ödipale Positionen zu balancieren und zu integrieren.

Dass Vaterschaft bei weitem nicht so eindeutig war, wie wir das „früheren Zeiten“ zuzuschreiben pflegen, weist Simone Korff Sausse anhand der römischen Vorstellung des „pater familias“ und der christlichen Ikonographie  der Figur des Joseph nach. Vaterwerden – so die Autorin – bringt das Infantil-Sexuelle, das Weibliche/Mütterliche und die Identifizierung mit dem eigenen Vater ins Spiel – ein Prozess, der immer schon voller „Hindernisse und Fallen“ steckte.

Mit Vaterschaft setzt sich auch Hans-Geert Metzger auseinander. Als Aufgabe des Vaters fordert er, dass er im Zeitalter des Narzissmus Verantwortung für Bindung und Grenzsetzung –  hier besonders die Inzest-Grenze und die Generationen-Grenze - übernehmen muss. Dazu muss der Vater über eine gesunde, kontrollierte Aggression verfügen. Bei einer defensiv-unterwürfigen, versteckt verweigernden Haltung wird Aggression destruktiv oder zeigt phallisch-narzisstische Züge. Wenn sie sublimiert in persönliche Autorität integriert ist, weist sie über sich selbst hinaus auf einen kulturellen Prozess.

Auch Dieter Bürgin setzt sich mit Autorität auseinander – im Rahmen seines Beitrags untersucht er die zentrale Frage, was Verantwortung ist und wie Jugendliche zu einer allmählichen Verantwortungsübernahme für die eigene Innenwelt und für ihr Verhalten in der Außenwelt kommen. Es ist ein hürdenreicher Weg, der die Aufgabe infantiler Illusionen fordert: Wut, Eifersucht und Auflehnung müssen ertragen werden bis der Jugendliche allmählich seine Getrenntheit annehmen und Verantwortung für sich und sein Handeln übernehmen kann. Am Ende steht – wenn es gut geht – die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme für die Elternschaft.

Hans Hopf  beschreibt die Entwicklungsbedingungen für die häufig auftretenden externalisierenden Abwehrmuster bei Jungen, die sich in unruhig-aggressiven Verhaltensweisen äußern. Dabei spielt die Vaterlosigkeit dieser Jungen eine große Rolle. Wenn die triangulierende Funktion des Vaters fehlt, ist die notwendige Integration von Männlichkeit und Weiblichkeit in der Entwicklung des Jungen gefährdet und der Junge bleibt in defensiven, phallisch narzisstischen Positionen gefangen.

Das Anwachsen destruktiv-männlicher Gewalt kann auf der Abwehr von Schwäche- und Abhängigkeitsgefühlen beruhen. Dazu liefert Frank Dammasch einen  sehr plastischen Fallbericht: ein zehnjähriger Junge, der einer familiären „Entwertungsdynamik“ ausgesetzt ist, einer Kombination aus überstimulierender inzestuöser Nähe zur Mutter und einer rigiden Haltung des Vaters, kann dessen Nein nicht akzeptieren. Es kommt zu einem destruktiven Agieren, welches durch eine traumatische Beschneidungserfahrung zusätzlich verstärkt wird. Ein Fall, der pars pro toto die männliche Gewaltentwicklung veranschaulicht.

Eine andere Entwicklung zu destruktivem Hass beschreibt Mohammad Reza Davami in seinem Fallbericht über die Psychotherapie eines moslemischen Patienten. Hier steht im Mittelpunkt der Dynamik eine Idealisierung (Deutschlands), die durch reale Enttäuschungserfahrungen, narzisstische Kränkung und deren projektive Verarbeitung in Hass umschlägt. Es wird die zu Grunde liegende destruktive Sohn-Vater-Beziehung erkennbar. Destruktive und autoaggressive Tendenzen mussten in der Psychotherapie gehalten und bearbeitet werden.

Die Mentalisierung der sexuellen Erregung des Säuglings bleibt weitgehend aus – denn die Spiegelung sexueller Affekte ist in der frühen Eltern-Kind-Beziehung rudimentär, wie empirische Untersuchungen ergeben haben. Daraus ergibt sich nach Peter Fonagy, dass die Sexualität etwas Rätselhaftes bleibt (ähnlich auch Laplanche) und dauerhaft einen Anderen braucht – dies wäre dann auch der evolutionäre Sinn der mangelnden Spiegelung. Sexuelle Erregung kann nie vollständig als zu einem selbst gehörend erlebt werden, da sie mental nicht umfänglich angeeignet wurde wie andere psychophysische Vorgänge. Fonagy verdeutlicht das an dem klinischen Beispiel eines 17jährigen Jugendlichen.

Heribert Blaß zeigt anhand zweier Behandlungen männlicher Patienten auf, wie Cybersex eine „strukturierende bzw. reparative“ Bedeutung haben kann. Er ermöglicht, die ängstigende, reale Nähe zu einer Frau zu vermeiden und dabei die Kontrolle über den eigenen männlichen und den phantasierten weiblichen Körper zu behalten. Darin steckt im Grunde eine Fixierung auf die adoleszente Masturbation, in der es um die Ablösung vom mütterlichen Körper und um Selbstbestimmung geht. Allerdings kann diese Fixierung die Entwicklung realer befriedigender reziproker Liebesbeziehungen verhindern.

 

Welchen Einfluss die Reproduktionsmedizin auf das Erleben von Konzeption, von Mutter-Werden oder dessen Versagung hat, beschreibt Ute Auhagen-Stephanos. Dabei zeigt  sie auch auf, welche Folgen daraus für Männer und deren Vaterschaft entstehen können. Wenn der Mann lediglich „hilfloser Zuschauer“ ist, „wenn ein Dritter, der Arzt, mit dem Embryotransfer die Befruchtung seiner Partnerin vollzieht,“ kann das als Depotenzierung erlebt werden. Nicht selten entwickeln sich aus solchen partnerschaftlichen Belastungen sexuelle Störungen bei dem betroffenen Paar. Aber auch Schädigungen der kindlichen Entwicklung sind möglich. Auhagen-Stephanos stellt das psychotherapeutisch-unterstützende Vorgehen des „Mutter-Embryo-Dialogs“ vor als Hilfe entstandene Beziehungslücken zu überwinden.

Ebenfalls um künstliche Befruchtungen – auch im Rahmen „neuer Sexualitäten“ - geht es in dem zweiten Beitrag von Hans-Geert Metzger. Er hinterfragt die Idealisierung dieser Reproduktionsformen als „Selbstbestimmung“ und geht den möglichen Phantasien der Betroffenen und ihren schwer fassbaren Gefühlszuständen nach. Die Psychodynamik künstlicher Befruchtung ist oft begleitet von unauflöslicher Fremdheit, Allmachtsphantasien und dem Verleugnen von Begrenztheitserfahrungen. Metzger sieht darin die Folgen einer fragilen bis fehlenden Triangulierung. Er betont die Bedeutung der jeden Menschen von Kindheit an umtreibenden Frage nach der eigenen Herkunft, die unweigerlich zur Urszene führt, und die nicht nur als unbewusste, präverbale Vorstellung, sondern auch biologisch heterosexuell angelegt ist.

Die Vielfalt der Beiträge in diesem Band ist Anregung, sich in das vielschichtige Thema „Männlichkeit“ einzulesen. Dabei entdeckt der Leser fasziniert immer wieder ähnliche Gedanken und Argumentationsstränge in unterschiedlichen Zusammenhängen. Es ist, als befänden sich die Autoren in einem virtuellen Dialog. Bei aller Verschiedenheit der Beiträge ist der rote Faden des Dargestellten erkennbar. Das mag damit zusammenhängen, dass mehrere Texte auf einer gemeinsamen Tagung vorgetragen wurden (Psychoanalyse des Jungen und des Mannes in Obergurgl/Tirol). Aber das ist nicht alles: Die Psychoanalyse befindet sich ständig in einem Diskurs, das macht dieser Band deutlich. Dieser Diskurs ist nicht widerspruchsfrei, aber lebendig, differenziert und am Zeitgeschehen und dessen unbewussten Strömungen orientiert. Die Herausgeber, Hans-Geert Metzger und Frank Dammasch, gehören sicherlich zu den herausragenden Köpfen der gegenwärtigen Diskussion um Männlichkeit.

Dieses  Buch ist unbedingt lesenswert. Es weist über die psychoanalytische Community hinaus und schließt an aktuelle kulturelle Diskussionen an. Es ist Psychotherapeuten, Soziologen und Pädagogen gleichermaßen zu empfehlen.

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