Lilly Lindner: Splitterfasernackt.

Erstellt von Thomas Ettl | |   Rezensionen

Thomas Ettl: Hilferuf aus dem Reich der toten Seelen *

Lilly Lindner: Splitterfasernackt. Droemer, München 2011. 400S., br. **

Die Ich-Erzählerin Lilly ist sechs Jahre alt, als sie von einem Nachbarn vergewaltigt wird. Damit ist ihre Kindheit zu Ende, ihr Leben ein Trümmerhaufen. Sie "beschließt" ihren Eltern nichts zu sagen und ist fortan gezwungen, das Verbrechen irgendwie zu bewältigen. Mit 17 zieht sie in eine eigene Wohnung, wird wieder vergewaltigt, und beginnt schließlich, inzwischen magersüchtig, in einem Bordell zu arbeiten. Da ihr Körper schon lange nicht mehr ihr gehöre, könne sie wenigstens Geld mit ihm verdienen. Sie wird zur begehrten Prostituierten.

Wortgewandt, intelligent und sensibel introspektiv beziffert die Autorin in dichter Beschreibung ergreifend ihr Erleben und bringt dem Leser nahe, wie ungeheuer ihre Seelennot ist, dabei aber spürend, dass die Wucht ihrer Erlebnisse bisweilen kaum noch sprachlich zu fassen ist, denn: "Wortgewalt ist nichts. Gegen nackte Sexgewalt". Das Buch ist in vielerlei Hinsicht wertvoll, denn die Autorin erlaubt Einblicke in ihre traumatisierte Innenwelt, die man in dieser Intensität selten erhält. MitSplitterfasernackt erhalten wir eine Fallgeschichte, die mit Lust am Spiel mit Sprache und metaphernreich abgefasst ist. Wir erhalten Einblick in den Vorgang traumabedingter Abspaltung des Körpers, in die Bildung eines frühreifen falschen Selbst, in verschiedene Modi einer Traumaverarbeitung und in die Wirkweise von Ana/Mia bei Essgestörten, Einblicke, die für denjenigen, der sich berufsmäßig mit diesen Dingen zu beschäftigen hat, unschätzbar sind.

Die Schilderung des Verbrechens, wie Lilly es als 6-Jährige erlebt hat, beinhaltet bereits alle Details, die im weiteren Verlauf ihres Lebens von Bedeutung sein werden. Es geht um den Tag, an dem sie "zum ersten Mal gestorben" ist". Sie schildert ihn im Präsenz, weil er der 25-Jährigen noch präsent ist. Noch versucht sie nach der Tat, sich eine Geschichte mit gutem Ende zu erzählen, versucht über Tagträume, in traumatischer Trance magisch Abstand vom Geschehen zu finden, scheitert aber. Sie fühlt sich passiv, ausgeliefert, apathisch. Die Tagträume dürften dieselbe Funktion wie traumatische Träume haben, deren ständige Wiederholung der Versuch ist, ein Trauma unter Ichdominanz zu bekommen. Minutiös erzählt Lilly, wie sie Abschied von ihrem geschädigten Kindkörper nimmt. So detailliert habe ich die Abspaltung des Körpers trotz langen Berufslebens noch nicht geschildert bekommen. Ihren Eltern kann sie von dem Verbrechen nicht erzählen. Zu groß ist die Schande, "die ich hinter dieser Tür besiegelt habe". Noch versucht sie ihren Schock mit Techniken ihrer Kinderwelt, dem Spiel, einzuordnen, sich zu erklären und ihrer kindlichen Seele anzuvermitteln. Alle Versuche scheitern. Ihr Körper ist längst zum fremden Objekt geworden. Die 6-Jährige ist gestorben, "ohne tot zu sein". Immer wieder bezichtigt sie sich der Schande, der Schwäche und des Schmutzigseins, gibt sich die Schuld am Verbrechen. Sie hat die Schuldgefühle des Verbrechers, der ihr Schokolade schenkt, introjiziert. Ihre ignorante Mutter verlangt, sie solle den netten Nachbarn zum Vorbild, zum Ichideal nehmen, womit sie ihr Kind in einen schweren Konflikt mit ihrem Überich treibt, sodass nur eine Selbstverletzung mit Rasierklingen, ihrem "Notausgang", die Spannung zu lösen vermag.

Nach der Abspaltung des Körpers flüchtet die 6-Jährige in eine forcierte Progression: sie wird frühreif und entwickelt ein "falsches Selbst". Sie beschließt, den "widerlichen Körper so bald wie möglich los zu sein und anschließend schnellstens erwachsen zu werden". An dem Tag, an dem sie zum ersten Mal gestorben sei, habe sie noch mit ihren drei Lieblingskuscheltieren "Sturmflut" gespielt, ein paar Stunden später aber alle Tiere in ihre Spielzeugkiste gestopft und den Deckel geschlossen, weil sie wusste, diese Zeit sei vorbei. Kinderspiele würden sich nicht mit den Regeln der Erwachsenenwelt vertragen, so ihre "bittere Erkenntnis". Auch körperlich reift sie rasch. Als Erste in der Klasse habe sie Brüste und ihre Periode bekommen.

Ihre Eltern bemerken nichts von der auffallenden Veränderung ihrer Tochter. Das Vertrauensverhältnis war nicht intim genug, der Dialog mit ihnen entgleist. Sie macht einen Suizidversuch. Ihre Mutter wirft mit Stühlen, will ins Kloster gehen, spricht kein Wort mehr. Ihr Vater bleibt ignorant und macht seiner Tochter Vorwürfe, ihn mit ihren Traumafolgen in Schwierigkeiten gebracht zu haben. Anstatt sie zu trösten, fordert er von ihr Trost und Einfühlung in sein Leid. Offenbar oblag es Lilly, den Beziehungsmüll in ihrer unzufriedenen Familie zu entsorgen.

Beim Erzählen geraten der Autorin immer wieder die Zeitebenen durcheinander, was manche Leser ärgert. Solches Erzählen ist aber traumabedingt, zum einen der flashbacks wegen, zum anderen weil mit dem Körperverlust auch die Orientierung in Raum und Zeit, die "continuity of being" (Winnicott) verloren gehen. Auch durch eine Fülle an Satzfragmenten, die bisweilen wie ein Stammeln wirken, wird das Trauma zum Stilmittel. Das ist die Sprache des Schocks. Splitterfasernackt ist auch so gelungen, weil Inhalt und Form übereinstimmen.

Inzwischen nennt Lilly das "falsche Selbst" Felia, ist magersüchtig und wird Prostituierte. Sie wundert sich, dass viele Männer sie hübsch finden, sie "mit vergötternden Blicken betrachten", möglicherweise aber seien die "einfach alle bekloppt oder abartig". Im Bordell stülpt sie sich über den mageren Kindkörper das trügerische Bild eines lasziven jungen Frauenkörpers. Aber der abgespaltene Körper, ohne Brust, ohne Menstruation, androgyn und damit präpubertär, im Lauf der Jahre zum Objekt und der Prostituierten fremd geworden, taucht immer wieder auf: "Wenn ich all den nutzlosen Sex aus meinem Lebenslauf streiche, bin ich eigentlich noch Jungfrau." Der forcierten Progression wegen geht ein Riss durch die Persönlichkeit. Deshalb lässt die Autorin eine Reihe Personen auftreten, die ihr zersplittertes Selbst repräsentieren und an ihnen zeigt sie, was in dem kleinen Mädchen durch das Verbrechen an Lebendigkeit zerstört wurde. Lilly/Felia macht aus dem Bordell ein Sanatorium. Zentral werden Himmelbett und Kuscheltiere, schon in ihrer Kindheit Ort des Rückzugs- und des Trostes. Die flüsternden Gestalten der Tagträume, die einst erfundenen Freunde sind die anderen Prostituierten. Das Bordell wird beschönigend zum vermissten Zuhause. Über den Kontakt mit vielen Männern versucht sie ihr Trauma mit dem einen aus der Kindheit zu bewältigen. Das Introjekt "Vergewaltiger" muss externalisiert werden: "Wenn ich mit jedem Mann auf der Welt freiwillig ins Bett gehe, dann kann ich nie wieder vergewaltigt werden. Was für eine Erkenntnis". Jenseits aller Idealisierung jedoch wiederholt sie mit den Freiern unablässig nur den pädophil-sadistisch-perversen Modus von damals. Fixiert an das frühe Körperbild aus der Zeit der Vergewaltigung findet sie die dazu passenden Freier. Das Bordell ist nichts anderes als die Wohnung des Nachbarn, in der ein kleines Mädchen vergewaltigt wird.

Zu den mannigfaltigen Versuchen der Traumabewältigung zählt auch die Magersucht. Hier räumt das Buch gründlich mit dem alltagsklinischen Mythos auf, Magersucht sei eine Erkrankung an falscher Ernährung, die in der Pubertät beginne. Die Auskünfte, die Lindner erteilt, sind unschätzbar in ihrem klinischen Wert. Schritt für Schritt expliziert die Autorin, dass sowohl die Magersucht als auch das mit ihr verschwisterte selbstverletzende Verhalten (SVV) Symptome einer traumatischen Beziehungserfahrung sind. In der anorektischen Logik wird Hunger zum "neuen Problem" gemacht, um ältere unangenehme Erfahrungen - die Vergewaltigung - zu verdrängen. Der Beginn der Erkrankung und ihre ätiologischen Wurzeln liegen in der Kindheit. Der Hunger hat den Vorteil, dass die Magersüchtige ihn bezwingen, also unter Kontrolle haben kann. Vom Vergewaltiger wurde die Erzählerin bezwungen. Der Hunger hat somit einen Namen: den des Nachbarn. "Hunger" steht für eine signifikante Beziehungserfahrung, hier eine Gewalterfahrung. Mit "Hunger" ist eine Szene gemeint. Schokolade, Toast, Spiegeleier sind unmittelbar mit der Gewalterfahrung mit 6 Jahren assoziiert. Schokolade essen heißt vergewaltigt werden, den Vergewaltiger samt Schuldgefühlen, Scham und empfundenem Schmutz zu introjizieren. Essen wird zum schlimmen "Andenken".

In der anorektischen Logik spielt Ana eine zentrale Rolle. Ana ist das virtuelle, personifizierte aber unpersönliche, rigide, sadistische, triebfeindliche Überich und Ichideal der Magersüchtigen. Ana macht die Magersucht zu einer so schweren und therapieresistenten Erkrankung. Über Lindners Darstellung gewinnen wir tiefen Einblick in die Wirkmacht dieses neuzeitlichen, externen und standardisierten Internet-Überich/Ichideal-Systems, das sich in Form eines inneren Objekts, einer Art Dibbuk, den Essgestörten aufdrängt und sich mit Askeseforderung offenbar umstandslos als anschlussfähig an die von Eltern gebildeten Vorläufer erweist.

Ana wird zum entscheidenden Widerstand gegen die Gesundung, als Lilly wieder aß und ihre Brüste wieder wuchsen. Wie also Ana abschütteln? Das Buch legt eindrucksvoll nahe: Nur über ein gutes (inneres) Objekt. Das Buch endet mit einem Märchen über das zarte, einfühlsame Hineinwachsen in die Welt der Erotik, eine Aneignungsmöglichkeit, die Lilly brutal geraubt wurde. Es scheint jedoch, als habe sie sich eine zarte Seite ihres Selbst retten können und diese kommt wieder zum Vorschein, je mehr Kontakt sie zu ihrem Selbst aus der Zeit vor der Vergewaltigung findet.

Die Ich-Erzählerin, davon "besessen", ihre Lebensgeschichte aufzuarbeiten, ihren partiellen Stimmverlust zu beheben, das Stimmengewirr in ihrem Kopf zu sortieren und Körper und Seele zusammenzuführen, wäre mit ihrer Introspektion und Wortgewalt geeignete Patientin für eine analytische Therapie mit günstiger Prognose. Eine Analytikerin - ich meine, es sollte eine Frau sein -, die nicht mit spitzen Fingern und falsch verstandener Abstinenz, sondern intersubjektiv-kommunikativ vorgeht, könnte imaginär mit dem "Kind" behutsam in die Wohnung gehen, in der das Verbrechen geschah und ihm erlauben, langsam erleuchtendes "Glühwürmchen" zu sein, das Gegenmodell zu ihrer Turboentwicklung. Splitterfasernackt zeigt, dass dies möglich ist.

Ein schreckliches Buch. Ein lehrreiches Buch. Ein hoffnungsvolles Buch.

Zur ausführlichen Rezension: www.thomas-ettl.de

 

* Autor: Thomas Ettl, Diplom-Psychologe, niedergelassener Psychoanalytiker in Frankfurt am Main

** Lilly Lindner: Splitterfasernackt. Droemer, München 2011. 400S., br.

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