Kuvert, P., Meyer zum Wischen, M. ( Hrsg.): Jacques Lacan - eine Einführung für die therapeutische Praxis. Kohlhammer, 2017.

Rezensent: Lutz Goetzmann, Bad Segeberg

Anzuzeigen ist ein sehr informatives Buch, das sich zum Ziel gesetzt hat, wie Philipp Kuwert, einer der beiden He­raus­ge­ber, in seinem Vorwort feststellt, der Vertreibung Lacans aus den deutschsprachigen Fachgebieten der Psychiatrie, Psychotherapie und psy­cho­somatischen Medizin mit Hinweisen auf dessen beeindruckende klinische Relevanz entgegenzuwirken (S. 7). Tatsächlich ist es so, dass Jacques Lacan sich in den geis­tes­wissenschaftlichen Fächern einer breiten und lebendigen Rezeption erfreut, wäh­rend er unter deutschsprachigen Psychoanalytikern als ein schwer zu verstehender, im Grunde unverständlicher Autor gilt, dessen komplexer, eigenwilliger und sprachartistischer Stil eine nar­ziss­tische Zumutung bildet - von einer Rezeption seitens einer empirisch fixierten Psychiatrie, die sich auf die neurobiologische Grundlegung des Geistes fokussiert, ganz zu schweigen. Der Verdienst der vorliegenden Einführung liegt nun gerade darin, Lacan`s Psychoanalyse aus einer klinischen Sichtweise darzustellen und die kli­nische Relevanz seiner konzeptuellen und technischen Inventionen he­raus­zuarbeiten. - Gleichsam als Ouvertüre eröffnet Birgit Meyer zum Wischen den Reigen der verschiedenen Beiträge von Lacanianern aus Berlin, Paris, Stralsund und Luxembourg mit dem Text „Das Glück der Ruhe opfern“ – gemeint ist damit, dass der Kontakt zum Unbewussten und die „Tuchfühlung“ mit dessen Struktur ein Verlust an Sicherheit und Ruhe bedeutet. Das „Opfer“ dieses Glücks einer im Grunde asketischen, auf den Reichtum des Unbewussten verzichtendende Ruhe bildet den Wesenskern psy­cho­ana­ly­tisch­er Arbeit (S. 15). Nachdem solchermaßen ein lacanianisches Grundmotiv angestimmt wurde, äußert sich André Michels didaktisch folgerichtig zur Bedeutung der Vorgespräche: Natürlich beginnt das Vor­ge­spräch mit einer „Anfrage“ an den Analytiker. Das Vorgespräch ist eine „Herausforderung so­wohl an den Analysanten als auch an den Analytiker, der in seiner Fähigkeit ge­for­dert wird, sich auf die Dimension des anderen einzulassen, sie überhaupt wahr­zunehmen, diese Singularität eines Sprechens zu erkennen, d. h. an­zu­er­ken­nen“ (S. 18). Auch hier taucht das Motiv der (kreativen) Unsicherheit auf: Es geht um einen Verzicht auf die Kontrolle, wodurch sich ein „an­deres Sprechen, trotz oder jenseits der Zensur“ ergibt. Der Analytiker weiß nicht, ob er seinen Platz finden bzw. einnehmen wird auf der Suche danach – und dies wäre das Spezifische des analytischen Anfangs! - „die Be­din­gungen eines Sprechens zu schaffen, dass vom Unbewussten zeugt“ (S. 18). So wiederholt der Analytiker mit jeder neuen Behandlung sein eigenes „Unterwegs zum Unbewussten, zur Sprache, zu einem ganz eigenartigen Sprechen“. Insofern nimmt er immer wieder die Position des „Anfängers“, und er sollte auch den Bezug zum Anfänglichen aufrecht erhalten, d. h. „das längst Bekannte anders oder wie neu (...) hören, sehen, verstehen“. Durch diese Art des „Ent-Lernens“ hält dieser seine Praxis so frisch, lebendig und erfindungsreich wie möglich (S. 19). Wenn Michels nun im Zusammenhang mit der Grundregel, die doch ein Vorschuss an Vertrauen verlangt, den lacanianischen Begriff der „Skandierung“ einführt (S. 24), zeigt sich eine gewisse Problematik des Buches, das eine Einführung in die therapeutische Praxis sein will, aber gelegentlich voraussetzt, dass der Leser mit dem We­sen und der Problematik bestimmter lacanianischer Begriffe - etwa der „Skandierung“, vertraut ist. Hier hätte man sich klarere Definitionen und Beispiele aus der klinischen Praxis ge­wünscht, um die Vor- und Nachteile dieser Technik, die sich u.a. auf die umstrittene flexible Dauer der Sitzung bezieht, verstehen zu können. Interessant wäre es auch gewesen, ob es in irgendeiner Form empirische, sei es quantitative oder qualitative  Forschungsergebnisse zur besonderen Wirksamkeit der Skandierung gibt. - Kai Hammermeister kommt nun zur Theorie und Klinik der Neu­ro­sen: Lacan`s Neurosen-Konzept steht in Verbindung zur Freud`s klinischer Nosographie mit der Vorstellung einer Sexuierung, d. h. „der Reflexion darüber, wie psychosexuelle Positionen zur Verfügung gestellt und vom Subjekt übernommen werden“. Diese Sichtweise verknüpft die Neurose untrennbar mit dem „Begehren“ (Seite 31). Aus Lacan`s Sicht ist die Neurose kein pa­tho­lo­gisches Phänomen, sondern vielmehr eine „psychische Struktur, die durch Ver­drängung entsteht“. Sie ist also keine pathologische Umformung einer vermeintlich normalen Struk­tur, sondern selbst der „Normalfall“ als Lösungsweg aus der ödi­pa­len Krise. Hammermeister führt nun das semiotische Schibboleth der Lacanschen Psychoanalyse ein: Die Wahl der psychischen Struktur ergibt sich aus dem jeweiligen Ver­hältnis zur Sprache (Seite 33). Lacan ist über­zeugt, dass es sich bei den verdrängten Inhalten des Unbewussten nicht um Wahrnehmungen oder Affekte handelt, sondern um deren gedankliche Re­prä­sentationen. Insofern besteht das Unbewusste aus Gedanken, d. h. aus Spra­che, und was hier spricht, ist nicht das Ich der Kontrolle, sondern das Sub­jekt. Unter dieser Vorannahme grenzt Hammermeister die Neurose von der Psychose ab, und differenziert die neu­rotische Struktur bezüglich der Hysterie und Zwangsneurose: Für den Zwangsneurotiker ist die Partnerin nur Instrument zur eigenen Lust­gewinnung und als solche austauschbar, was in der Phantasie auch häufig ge­schieht. Umgekehrt verleugnet die Hysterikerin ihr eigenes Begehren da­hin­ge­hend, dass sie sich während des Geschlechtsverkehrs als eine andere phan­ta­sie­rt. Im Glücksfall, so Hammermeister, ergänzen sich diese neurotischen Stile, indem der „Obsessive sich eine andere im Bett vorstellt, und die Hysterikerin eine andere sein will“. Insofern ist die neurotische Sexualität nichts anderes als „die Erfüllung des Unerfülltseins“ (Seite 38). - Hier schließt Edith Seifert mit ihrer Arbeit über „Fragmente einer Liebe“ an, in der sie sich mit dem Über­tra­gungs­konzept bei Freud und Lacan beschäftigt. In Anlehnung an Platons Symposion und der Figur des Sokrates lässt sich sagen: Der Analytiker gibt die Weisheit, die er nicht hat, d.h. dasjenige, was der eine hat, nicht in Beziehung steht zu dem, was dem anderen eigentlich fehlt. Mit anderen Worten, Übertragung im Lacan`schen Sinne ist vom Mangel, von einer Abwesenheit oder einer Abwendung des Objekts geprägt. Und dennoch und gerade des­wegen ist es so, dass die Übertragungsliebe das Austragungsfeld der Kur schlecht­hin darstellt (Seite 57). Beeindruckend ist auch der folgende Beitrag von Michael Meyer zum Wischen: „Grenz­fälle – Struktur und Singularität in der Klinik von ‚Borderlinern’“. Meyer zum Wischen schlägt vor, dass Borderline-Patienten Subjekte sind, „denen die Struktur nicht genug Halt bietet, um in ihr eine Stütze für ihr Begehren und Eingrenzung ihres Ge­nießens zu finden“. Weil sie diese Struktur nicht haben, können sie - anders als die (reinen) Neurotiker, keine Phobien, Konversions- oder Zwangssymptome bilden. Borderline-Patienten sind „Exi­lanten ihrer eigenen Struktur“. Sie sind ihrer Struktur entfremdet, sind Hei­matlose. Meyer zum Wischen spricht von einer „fundamentalen Ortlosigkeit, einer Art basaler Atopie“, die dadurch entsteht, dass die Struktur als „po­ten­tiel­ler Bezugspunkt“ verschwindet oder zumindest zurücktritt (S. 66). Er schlägt vor, deswegen von „Bor­derline“ zu sprechen, weil es sich um neurotische Subjekte handelt, welche sich so weit an die Grenzen ihrer eigenen Struktur wagen bzw. gedrängt werden, dass sie aus dieser Struktur ge­wis­ser­maßen exiliert sind: „Es könnte sein, dass es sich um Analysanten handelt, bei denen eine be­sondere Nähe zum Realen, einer traumatischen Ur-Szene besteht, die die grund­sätzliche Verankerung in der durch den Namen-des-Vaters garantierten phal­lischen Funktion an ihre Grenzen dringt, was nicht selten auch so formuliert wird: ‚Da bin ich an meine Grenzen gekommen’“ (Seite 74). Hier setzt Meyer zum Wischen einerseits die Instabilität, wie sie im DSM-V als be­son­de­res Kennzeichen der Borderline-Pathologie beschrieben wird, mit Lacan`s Psy­cho­analyse in Verbindung (Seite 68), und es bereitet ein besonderes Ver­gnü­gen, die an Lacan geschulte Lektüre eines im Grunde deskriptiv verfassten Diagnosemanuals zu verfolgen. Andererseits wird aber auch diskutiert, ob mit dem Niedergang symbolischer Referenzen (in Form einer „phallischen Fragilität“) wir nicht zunehmend einem, wie es heißt, „traumatischen Realen“ ausgesetzt sind, das jeden Versuch einer strukturelle Rahmung verunmöglicht. Insofern würde das Aufkommen der Psychoanalyse exakt dem „einsetzenden Nie­dergang der hergebrachten väterlichen Ordnung entsprechen und der damit verbundenen Notwendigkeit der Singularisierung der Subjekte, die sich nicht mehr auf vorgegebene symbolische Grenzpunkte stützen können.“ (Seite 77). Wahrscheinlich lassen sich die Effekte dieser Entwicklung nicht nur, wie Meyer zum Wischen zeigt, im Kontext der klinischen Praxis nachweisen, sondern auch in der Politik, in welcher beispielsweise rechtliche Vereinbarungen durch „Deals“ oder symbolisch verankerte Ereignisse durch imaginäre „Fake News“ substituiert werden. - In dem folgenden Beitrag stellt der dieses Jahr ganz unerwartet verstorbene Franz Kaltenbeck einen „Fall von Pädophilie bei einem Psychotiker“ vor. Kaltenbeck zeigt im Detail, wie sein  Patient, dem es nicht gelingt, die symbolische, sich im ödipalen Komplex begründende Kastration anzuerkennen, die pädophile Perversion als (vermeintlichen) Ausweg aus seiner Notlage wählt - einer Notlage, die sich aus der Wiederkehr der verworfenen Kastration im Realen ergibt (Seite 87 ff.). Im letzten Beitrag wendet Annemarie Hamad Lacan`s Konzepte auf die Kinder-Psychoanalyse an. Auch wenn Lacan auf den ersten Blick vielleicht keine direkte Referenz für die analytische Arbeit mit Kindern darstelle, so die Argumentation, seien bestimmte Grundgedanken für die Kinderanalyse doch äußerst fruchtbar (Seite 106). Hamad greift hier nur einige Punkte auf, etwa dass das Unbewusste des Kindes sich aus dem Diskurs des Anderen herleitet, d.h. durch die Sprache und das Denken der Eltern bestimmt wird (S. 109). Ein weiterer Aspekt ist Lacans Auffassung über körperliche Symptome. Diese können als Ideogramme, Hieroglyphen oder Inschriften verstanden werden, als würde sich das psychisch Unorganisierte, v.a. Traumabedingte in den Körper einschreiben. Mit der Kinderanalytikerin Françoise Dolto läßt sich sagen: Die unbewusste Erinnerung des gesamten Beziehungserfahrungen wie deren Aktualisierungen werden nicht nur im Körperschema des Kindes präsentiert, sondern auch in Zeichnungen, im Tanz, in jede mimischen und gestischen Äußerung (S. 110). Hamad zeigt dies sehr schön anhand der Arbeit mit einem vierjährigen Mädchen und wie sie dessen Zeichnungen oder, wie das Mädchen sagte, „Kritzeleien“ therapeutisch aufnimmt und deren Bedeutung versteht (S. 111 ff.).

Dies sind nur einige Schlaglichter auf diese „Einführung in die therapeutische Praxis“ der Lacan`schen Psychoanalyse. Wie bei Lacan zu erwarten, ist das Feld, das abgesteckt wird, viel weiter, und es werden auch einige typische Spezialgebiete behandelt, z.B. Freuds Arbeit über den Wolfsmann, den Michael Meyer zum Wischen unter dem Aspekt seines Borderline-Modells diskutiert (S. 72 ff). Franz Kaltenbeck bespricht in seinem Beitrag auch Lacans Arbeit „Kant mit Sade“, um das Verhältnis von Psychose und Perversion in dem Feld zu beleuchten, das sich aus Kants transzendentalphilosophischer Sittlichkeitslehre und de Sade`s nur wenige Jahre später publizierte „Philosophie im Boudoir“ zusammensetzt (S. 93 ff.). Etwas janusköpfig bleibt jedoch auch diese Publikation, weil sie eine Einführung verspricht, aber dann doch einiges Wissen über die Lacansche Psychoanalyse vorauszusetzen scheint. Es ist, als ob die lacanianischen Autoren manchmal, wohl in ihrer Leidenschaft für Lacan, vergessen, dass der Rest der Menschheit, und auch der Psychoanalytiker, nicht mühelos mit den Lacanschen Termini zu jonglieren wissen. Hier wäre ein kleines Glossar mit einer Erläuterung der wichtigsten Begriffe vielleicht doch  hilfreich gewesen. Andererseits, und dies ist eine typisch lacansche Erfahrung, ist  die Lektüre auch eine (erste) Übung in Lacan`scher Psychoanalyse, in welcher sowohl der Mangel, aus welchem sich das Begehren speist, ein zentrales Axiom ist, wie auch, dass sich der Leser vom Autor etwas wünscht, was dieser möglicherweise nicht hat, wie wir u.a. in Edith Seiferts Beitrag „Fragmente einer Liebe“ gelernt hatten. 

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