Julia Gerlach: Harry Potter – Wege aus dem Seelischen Rückzug

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Übersicht:

Der vorliegende Artikel befasst sich mit der Rolle, die frühe Abwehrmechanismen und der seelische Rückzug in den Geschichten um Harry Potter spielen. Typische Erfahrungen im menschlichen Entwicklungsprozess der Kindheit, Pubertät und Adoleszenz werden in Bilder und Handlungsbausteine gefasst. Es ist äußerst spannend, zu untersuchen, wie psychoanalytische Theorien zur Entwicklung und zu Störungen im Entwicklungsprozess in der Kinder- und Jugendliteratur ihre Anwendung finden und so helfen, die seelischen Realitäten wirklichkeitsnah darzustellen. Hilfreich zur Untersuchung dieser Vorgänge sind unter anderem die Theorien John Steiners, die sich mit den Orten seelischen Rückzugs und pathologischen Organisationen befassen.

 

Rätsel eines Erfolges

Harry Potter gehörte über Jahre zu den erfolgreichsten Figuren der Kinder- und Jugendbuchliteratur. Der erste Band „Der Stein der Weisen“ erschien 1997 mit einer Auflage von 500 Exemplaren. Vier Jahre später wurde der Roman bereits verfilmt. Insgesamt gibt es sieben Bände und acht Filme, da der letzte Band "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" in zwei Teilen verfilmt wurde.

Exemplare der ersten Auflage 1997 erzielten später bei Auktionen bis zu 10 000 Euro das Stück. In den ersten zehn Jahren wurden rund 5,4 Millionen erste Bände in deutscher Sprache verkauft, in den USA waren es nach vier Jahren bereits fast 12 Millionen Bücher. Insgesamt wurden weltweit mehr als 450 Millionen Roman-Exemplare verkauft, 31 Millionen in deutscher Sprache. (Berliner Morgenpost 2011, Wikipedia 2015) Die 7 Bände sind in 61 Sprachen übersetzt worden.

Das Phänomen dieses Erfolges ist zudem etwas einmaliges, weil die Leser mit dem Helden heranwachsen konnten. Jedes Jahr wurde das Erscheinen des nächsten Bandes sehnlichst erwartet. Sie veränderten sich in der Thematik, Sprache und Umfang. So konnten die damals 11-Jährigen sehr gut den ersten Band lesen, wären aber mit der Lektüre des letzten Bandes überfordert gewesen, da diese eigentlich für 16 – 17 Jährige geschrieben wurden. Insofern gibt es nur eine Harry Potter Generation, weshalb sich dieser Hype, nicht wiederholen lässt. Trotzdem ist die Beliebtheit weiterhin groß.

Wodurch wird ein Kinder- oder Jugendbuch zu einem dauernder Erfolg?

Die Geschichte von Harry Potter ist eine Verquickung von modernem Märchen,

Entwicklungsroman und Heldenroman. Die Gestalten der Heldenromane kommen sehr oft sozusagen aus dem Nichts. Sie sind häufig Waisen, wie Harry Potter, oder haben einen Elternteil verloren und müssen ihre Abenteuer alleine bestehen. Wir haben es mit der Einsamkeit des elternlosen Helden zu tun. Der Verlust der Eltern wird oft zunächst nur spärlich oder gar nicht erklärt. Manchmal sogar als ein Vorteil beschrieben wie bei Pippi Langstrumpf. In fast allen bekannten Kinder- und Jugendbüchern haben die Helden zumindest einen Elternteil verloren. Pippi Langstrumpf die Mutter, das Sams ist elternlos, Eragons Eltern sind beide tot. Auch in vielen anderen, zur Zeit aktuellen Kinder- und Jugendbüchern ist dieses Phänomen zu beobachten: Zum Beispiel bei Ursula Poznanskis Computerspielroman „Erebos“, Cornelia Funkes „Tintenherz“-Triologie, Paul Maars „Herrn Bello“, (bei Stephenie Meyers „Twighlight“ lebt die Mutter zwar noch, diese ist aber durch die Trennung der Eltern und die Fixierung auf ihren neuen Partner für ihre Tochter nicht wirklich erreichbar). Die sehr erfolgreiche Reihe „Games of Thrones“ (dt.: „Ein Lied von Eis und Feuer“ von George R.R. Martin) beginnt mit dem Verlust der Eltern und der Heimat.

Der Zauber dieser Gestalten regt zu vieldeutiger Interpretation an: Steht ihre Isolation für die Unsicherheit des Jugendlichen, der versucht, sich von seinen Eltern und grundsätzlich von seiner Kindheit zu lösen? Stellt er das Heimatlose des Adoleszenten dar, der nach der Überwindung des ödipalen Konflikts noch keine neuen, stabilen, alternativen Bindungen gefunden hat und einen Rückfall, also die Regression befürchtet? Oder spielen auch die Aspekte des Traumas und des Umgangs mit Traumatisierungen eine entscheidende Rolle. Seelische Rückzug (Steiner 1993) und frühe Abwehrmechanismen finden sich bei psychischen Störungen, sind aber auch in der Adoleszenz zu beobachten. Die Schilderung der Überwindung des Rückzuges und anderer mit der Adoleszenz verbundener Schwierigkeiten durch Reifungsprozesse und hilfreiche innere und äußere Objekte könnte ein Teil der Anziehungskraft der Geschichte um Harry Potter erklären.

Worum geht es im Heldenroman aus psychoanalytischer Sicht?

Zum einen setzt er sich mit unbewussten Konflikten und den damit verbundenen Ängsten und Phantasien auseinander. So kann sich der Verlust der Eltern auf narzisstische Bedürfnisse, Wunschphantasien der Unabhängigkeit und ödipale Konflikte beziehen. Der Heldenroman beinhaltet ein Identifizierungsangebot mit dem Helden selbst. Er holt die Leser dort ab, wo sie sich befinden. Harry Potter muss sich erst zum Helden entwickeln. Er leidet unter den alterstypischen Schwierigkeiten und wird erst allmählich ein erfolgreicher Zauberer. Dies erleichtert die Identifikation mit ihm. Bei den Lesern wird so die Hoffnung geweckt, selbst eine außergewöhnliche Seite zu haben, die entdeckt werden könnte. Harry muss wie alle anderen, trotz Begabung, seine Fertigkeiten als Zauberer mühsam erarbeiten und die dazugehörige Kränkung aushalten. Hier sehen wir die Dynamik zwischen Allmacht und Ohnmacht, die in der Adoleszenz mit all ihren Größenphantasien und Minderwertigkeitsgefühlen dominierend ist und eine gelungene Mischung aus Lust- und Realitätsprinzip. Die Identifizierung dient der Stabilisierung des Selbstwertsystems, welches in der Adoleszenz starken Schwankungen ausgesetzt ist.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt bei den Harry Potter Bänden ist – nach diesem Muster arbeiten viele Kinder- und Jugendromane - das Phänomen, das Freud bereits 1909 unter dem Titel „Der Familienroman der Neurotiker“ (Freud, Sigmund: Psychologische Schriften: Der Familienroman) beschrieben hat. Es geht um die Phantasie, dass die Eltern nicht die tatsächlichen Eltern sind, sondern dass die wahren, viel mächtigeren, schöneren und besseren Eltern von ihnen getrennt worden sind und um die Hoffnung, diese wieder zu finden. So kann das reale Leben korrigiert werden und ehrgeizige, den Selbstwert regulierende Wünsche im Zusammenhang mit einer edleren Abstammung erfüllt werden. Diese Phantasien spielen gerade in der Adoleszenz eine wichtige Rolle. Sie helfen den Jugendlichen bei der notwendigen Ablösung von ihren realen Eltern. Die Illusion von besseren Eltern schafft Distanz zu den realen , gleichzeitig erfüllt die Phantasie von idealen Eltern den unbewussten Wunsch nach einer Rückkehr in die Zeit vor der ödipalen Krise, die Zeit, in der ihm „sein Vater als der vornehmste Mann, seine Mutter als die liebste und schönste Frau erschienen“ ( Freud, Psychologische Schriften, Studienausgabe, Band IV, S. 231). Der Familienroman ist also eine Kompromissbildung, die der Ambivalenz der Adoleszenten Rechnung trägt: Einerseits dient sie der distanzierenden Abwertung der realen Eltern, andererseits der Heraufbeschwörung der idealen Eltern der Kindheit.

Wie Harry Potter schließen sich die Leserinnen und Leser den Gleichaltrigen an und übertragen viel von der frühkindlichen Bewunderung und Idealisierung der Eltern auf Lehrer oder andere Vorbilder der Adoleszenz wie Stars oder Künstler. Peter Subkowski (Subkowski, Peter: Harry Potter - das Trauma als Motor der Psychischen Entwicklung) spricht hier auch von Spaltung und beschreibt, dass es bei diesem Phänomen darum geht, die Enttäuschung, dass die einst so bewunderten Eltern nur gewöhnliche Menschen sind, und den Hass in Bezug auf diese enttäuschenden Eltern zu verarbeiten. Bettelheim (Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen, 1980 (2017) dtv) beschreibt diese Spaltung als einen Versuch des kleinen Kindes, das ursprüngliche Bild der guten Mutter unangetastet zu lassen, trotz unangenehmer Erlebnisse mit der realen, manchmal bösen Mutter und sich so vor Angst, Verzweiflung bzw. Frustration zu schützen.

Eltern dient der Lesestoff ihrer Kinder auch als Mittel der Erziehung und der Vermittlung ihrer Werte und wird deshalb häufig bewusst ausgewählt. Freud schreibt darüber: „Die Erziehung kann ohne weitere Bedenken als Anregung zur Überwindung des Lustprinzips, zur Ersetzung desselben durch das Realitätsprinzip beschrieben werden; “ ( Freud, Sigmund: Formulierungen über zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, 1911, S.236 ff). Kunst und Literatur verstand Freud als Phantasiebefriedigung unbewusster Wünsche, als Kompromiss des Konflikts zwischen dynamisch zugrunde liegenden unbewussten Wünschen einerseits und den dagegen stehenden Verboten andererseits. Ein Roman beinhaltet also Kompromisse zwischen Wünschen und Verboten. Bei Harry Potter finden wir anfänglich eine schier unerträgliche Sehnsucht nach den Eltern und schließlich den Wunsch sich zu lösen, aber gleichzeitig die Angst sie endgültig zu vernichten, ihr Andenken zu zerstören und die Wut darüber, was sie ihm zumuteten, indem sie sich gegen Lord Voldemort stellten.

Nicht zuletzt können sich die Leser mit dem Prozess der Bewältigung eines Traumas mit einer anschließenden erfolgreichen psychischen Entwicklung im Rahmen der Pubertät und der Adoleszenz identifizieren. Die Geschichte mit ihren ungezählten Haupt- und Nebenfiguren eignet sich gut als Projektionsfläche für eigene Wünsche, Ängste und Konflikte. Enttäuschung, Verlust, Verrat, Isolation und Einsamkeit und unvermeidliche Traumata können in den Romanen wieder erkannt werden und bieten vielfältige Möglichkeiten zur weiteren Identifikation. Die Möglichkeit der psychischen Reifung, die die Geschichte vorgibt, weckt die Hoffnung im Leser, auch er könnte sich aus seelischen Konflikten lösen und sich entwickeln, was ermutigend wirkt. Die kindlichen Grundängste und deren Bewältigung werden sehr plastisch dargestellt, zum Beispiel Verlustangst, Phobie, Kastrationsangst, Trennungsangst, Angst vor Selbstverlust oder Verlust der Autonomie, Angst vor der Überflutung durch Affekte und Beschämungsängste. Aber auch Ängste vor Schlangen, Werwölfen oder Geistern werden aktiv und teilweise sogar humorvoll durchgespielt. Saitner (Saitner, Barbara: Angst und Konfliktbewältigung bei Harry Potter) weist in ihren Untersuchungen nach, dass alle Kinder diese Ängste mehr oder weniger ausgeprägt teilen. Es geht auch um Angstlust (Balint, Michael: Angstlust und Regression), nämlich darum etwas von den Erwachsenen Verbotenes zu tun. Wie im echten Leben muss in Rowlings Romanen die Angst durch Konfrontation und Durcharbeiten überwunden werden und kann nicht durch Zauberei bekämpft werden.

Bettelheim schreibt, dass die meisten Kinderbücher nicht auf die tiefsten inneren Konflikte der Heranwachsenden, auf die Triebe, die unbewussten Konflikte und die begleitenden Ängsten eingehen. Auch Eltern können diese existentielle Ängste ihrer Kinder nur begrenzt einfühlen und lassen sie damit allein. Märchen dagegen haben diese Themen aufgegriffen, haben die existentiellen Ängste und Wünsche und die Furcht vor Verlust und Tod ernst genommen. Auch Rowling jedoch greift diese existentiellen Bedrohungen, reifungsbedingte Konflikte, Verlust und Tod ohne Tabu auf.

Dagegen wurden interessanterweise in den 70-er und 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts eher Kinderbücher mit sogenannten pädagogischen Aufträgen geschrieben. Es drängt sich die Frage auf, ob das an der inneren Einengung der Autoren gelegen haben könnte, die der Generation der Kriegskinder angehörten und somit einer Generation, die vielfach unter nicht benannten Traumatisierungen litt.

Winnicott begreift Literatur als Übergangsraum, als den „Zwischenbereich des Erlebens, zu dem sowohl die innere Realität als auch das äußere Leben beitragen“ (Winnicott: Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse) Im Folgenden werde ich daher das Wesen der Illusion untersuchen, jenes Raumes, der dem Kleinkind zugebilligt wird und dem im Leben des Erwachsenen Kunst und Religion zugehören. Bei Harry Potter finden sich dann spielerische Möglichkeiten, Phantasien auszuleben, zwischen innerer Welt und äußerer Realität zu oszillieren und sich zwischen Lust- und Realitätsprinzip zu bewegen.

Zum Beispiel muss auch Harry in den Ferien zurück in die Welt der Muggel und sich dort den oft beschämenden und unlustvollen Realitäten stellen. Gemeinsam mit ihrem Helden oszillieren die Leser zwischen ihren inneren und äußeren Realitäten und dem Übergangsraum, den diese Geschichte eröffnet. Gerade in der Adoleszenz fällt es schwer, die Kränkungen durch Realität zu ertragen. Gerade diese Tatsache könnte zu den Gründen gehören, weshalb die Harry Potter Bände so erfolgreich sind, die genau hier einen Zwischenbereich spielerisch eröffnen und so den Kränkungen der Wirklichkeit die Schärfe nehmen.

a) Orte seelischen Rückzugs

Der seelische Rückzug in eine Phantasiewelt ist eine Möglichkeit, echte Kontakte, Begegnungen und die bedrohliche Realität zu meiden und sich so vor der Überflutung durch bedrohliche Ängste zu schützen. John Steiner (1993) bezeichnet diesen Ort als ein „mächtiges Abwehrsystem“, das dem Betroffenen als „Schutzpanzer oder Versteck dient“. (Steiner: Orte des seelischen Rückzugs, 1993, S. 17) Dazu gehört eine Gruppe früher Abwehrmechanismen wie projektive Identifizierung, Projektion, Spaltung und auch das Herstellen eines „betäubenden Gefühls von Wirklichkeit“. (Steiner: Seelische Rückzugsorte verlassen, 2014, S. 77) Je dringender dieser Rückzugsort gebraucht wird, um Angst zu vermeiden, umso stärker wirkt sich die damit verbundene Isolation aus, die wiederum durch beängstigende Phantasien die Tendenz zum Rückzug weiter befördert. Es entsteht ein Circulus vitiosus und die Möglichkeit zur gewünschten Entlastung schwindet. Der Rückzug wird genutzt, „um relativ frei von Angst zu bleiben, was ihm jedoch nur um den Preis eines fast vollständigen Entwicklungsstillstandes gelingt.“ (Steiner: Orte des seelischen Rückzug, 1993, S. 19) Somit funktioniert der Rückzug als ein seelischer Bereich, in dem der Kontakt zu anderen und zur inneren und äußeren Realität vermieden werden kann.

Steiner verbindet die Position des Rückzugs mit der von Melanie Klein beschriebenen paranoid - schizoiden und der depressiven Position in Form einer Dreiecks-Konstruktion (ebds.: S. 31) . Er nennt den Rückzug auch „Borderline-Position“, wodurch meines Erachtens eine Einengung des Begriffes erfolgt, die die Pathologie dieser Prozesse in den Vordergrund stellt.

Betrachtet man jedoch die Position des seelischen Rückzugs in Analogie zur paranoid–schizoiden und depressiven Position als eine der Positionen der seelischen Entwicklung, die eine bestimmte Dynamik entfaltet, dann wird verständlich, warum auch Gesunde die mit diesem Rückzug verbundenen Konflikte intuitiv verstehen. Seelische Gesundheit wird so als die Fähigkeit definiert, zwischen verschiedenen seelischen Positionen wechseln zu können, um Entwicklung zu ermöglichen. Die Position des Rückzugs wird dann als Teil der inneren Möglichkeiten verstanden, mit denen Menschen auf bedrohliche, unbewusste Konflikte reagieren. Im Fall einer seelischen Störung benötigt der Betroffene den Einsatz einer „Organisation“ (S. 26), in der „primitive, destruktive Impulse“ gebunden werden, um den Ort des seelischen Rückzugs zu stabilisieren und auszubauen. So entsteht eine Gruppe von Objektbeziehungen (Organisation), in die eigene destruktive Anteile projiziert werden können.

In der Folge soll dargestellt werden, dass solche Organisationen und die damit verbundenen frühen Abwehrformen in den Harry Potter Romanen geschildert werden - vermutlich nicht aus einem psychoanalytischen Fachwissen heraus, sondern intuitiv - und somit ein wichtiges Mittel der Spannung und Dynamik darstellen.

Harrry Potters Entwicklungsgeschichte:

Harry Potter, der durch den gewaltsamen Verlust seiner Eltern zu Beginn seines zweiten Lebensjahres traumatisiert wurde, lebt als ungeliebtes Kind bei der Schwester seiner Mutter und deren Familie. Die frühe Begegnung mit dem dunklen Zauberer Lord Voldemort, dem Schrecken der gesamten Zaubererwelt, führte zur Traumatisierung und dem Verlust der Eltern. Harry überlebte diesen Angriff und wird so – zunächst ohne sein Wissen - zur Legende in der Welt der Hexen und Zauberer, während er in der Welt der Menschen und in seiner Selbstwahrnehmung schwach und oft ohnmächtig erscheint.

Der Ort, an dem der Leser dem zu diesem Zeitpunkt noch 10-jährigen Harry erstmals begegnet, ist ein von Spinnen bewohnter Besenschrank unter der Treppe eines Einfamilienhauses, der ihm als Zimmer dient. Seine Tante hämmert ungeduldig an die Schranktür, um ihn zu wecken, damit er ihr bei der Vorbereitung des Geburtstags ihres geliebten Sohnes Dudley hilft. Während Dudley verwöhnt wird, erhält Harry nur Missachtung und ein paar abgelegte Kleider des Cousins. Er ist, wenn man so will, ein männliches Aschenputtel. Das bleibt so, bis er in die Zaubererschule Hogwarts eingeladen wird und sich ihm dort eine neue Welt eröffnet.

Der Besenschrank, ein auf den ersten Blick unbequemer Ort, kann als Symbol des seelischen Rückzugs verstanden werden. Für Harry dient er als ein Schutzraum, der ihm allein gehört und in den er sich zurückziehen kann. Spinnen und die räumliche Enge sind zwar einerseits Zeichen seines Ungeliebt-seins, scheinen ihn andererseits aber nicht wirklich zu stören, sondern sind Schutzfaktoren, die diesen Ort für die feindliche Umwelt unattraktiv erscheinen lässt. In einem gewissen Sinn fühlt er sich dort seiner Familie überlegen, trotz deren Missachtung.

Steiner (Steiner: Seelische Rückzugsorte verlassen, 2014, S. 12) spricht davon, dass wenn Containment misslingt, eine massive Abwehr stattfinden muss. „Das hilflose und allein gelassene Selbst wird nach außen projiziert und verleugnet...“, „Die Bedürftigkeit wird verneint und durch eine narzisstische Form der Objektbeziehung ersetzt...“ (S.12) Es ist ein Ort, an dem Harry einigermaßen ungestört seinen Omnipotenzphantasien nachgehen kann, in welchen er sich in auswegslosen Situationen als wehrhaft erweist. Hier wird erstmals mit der Fähigkeit zu zaubern gespielt, etwas geschieht, weil er es sich wünscht, dass es geschehen soll.

Erst als er in die Zaubererschule Hogwarts eingeladen wird und sich ihm dort Menschen wertschätzend zuwenden, kann er den Besenschrank verlassen. In Hogwarts findet er einen durch genügend Zuwendung und Containment geschützten Ort, an dem er sich aus dem seelischen Rückzug herausentwickeln kann, um sich langsam von einem männlichen Aschenputtel in einen jungen Helden zu verwandeln, der im Laufe der Geschichte zum reifen Erwachsenen wird.

Hogwarts ist also, im Gegensatz zum Besenschrank, ein geschützter Ort, an dem Entwicklung möglich ist. Durch die Zaubererschule kann Harry aus der Welt der Muggel (normale Menschen, die nicht zaubern können) ausbrechen und eine Welt entdecken, in der er Beziehungen auf verschiedenen Ebenen entwickeln und erproben kann: Freundschaften (Ron und Hermine), Lehrer und Mentoren (Albus Dumbledore, Minerva MacGonagall und Hagrid), Paten (Sirius Blake), mütterliches Objekt (Mrs. Weasley). Um den Entwicklungsprozess weiter zu treiben, muss er sich in den Ferien in sein ungeliebtes Zuhause zurückbegeben und sich dort der Realität, der Welt der Muggel, stellen. Nach zwei Jahren Hogwarts zieht er aus dem Besenschrank aus und erhält ein eigenes Zimmer.

Hogwarts ist damit ein Ort der Therapie, an dem die Folgen der frühkindlichen Traumatisierung, der Deprivation und die Folgen des mangelnden Containments behandelt werden.

b) Das betäubende Gefühl von Wirklichkeit

Bei der Behandlung von Patienten, die sich an seelische Rückzugsorten verbarrikadiert haben, begegnet John Steiner (2014) einem besonderen Phänomen, das schon von Bion (1952) als „The numbing feeling of reality“ (Bion, W. R. (1952): Group dynamics: A review. In: Experience in Groups and Other Papers. New York (Basic Books) 1959. Dt.: Gruppendynamik. In. Erfahrungen in Gruppen und andere Schriften. Frankfurt. Fischer Taschenbuch Verlag 1990)

beschrieben wurde. Er spricht von dem „betäubenden Gefühl der Wirklichkeit“, das der Analytiker in sich spürt und überwinden muss, um Projektionen und projektive Identifizierungen des Patienten zu erkennen, zu halten und zu deuten.

Wird das betäubende Gefühl der Wirklichkeit ausgehalten und aufgenommen, kann eine größere Offenheit entstehen projektive Identifizierungen aufzunehmen. Der Zugang zur inneren Wirklichkeit wird dann wiederhergestellt, wenn sich der Analytiker den eigenen, schmerzhaften und ängstigenden inneren Realitäten stellt. Projektionen und projektive Identifizierungen sind seelische Abwehrmaßnahmen, mit denen wir uns in allen menschlichen Beziehungen auseinandersetzen müssen.

Die Einladung zu projektiven Prozessen ist auch in den Harry Potter Bänden enthalten. Von Anfang an ist ein Sog in eine andere Wirklichkeit spürbar, in die Welt der Hexen und Zauberer, die von der Welt der Muggel klar abgegrenzt ist. Man könnte ins Träumen und Phantasieren kommen oder sich bedroht fühlen und das Ganze als Spinnerei abwehren. Doch die Welt der Zauberer hat viele Ähnlichkeiten mit der Welt, die wir kennen. Die Leser bemerken sehr bald, dass es auch im Zauberreich Regeln und Grenzen gibt: das Zaubern muss mühsam erlernt werden, die Lehrer sind gerecht oder gemein, die Eltern mischen sich ein, sind fürsorglich, übergriffig oder desinteressiert. Und es wimmelt vor Konflikten zwischen einzelnen Protagonisten und den verschiedenen Gruppierungen der Schule und der Zaubererwelt. Also alles ganz vertraut. Trotzdem ist es zunächst möglich, die Hoffnung zu nähren, dass da etwas Neues möglich ist, das ganz leicht wäre.

Auch Harry, von den Lesern begleitet, kann es zunächst nicht fassen, was ihm da geschieht. Er scheint sich von seinem alten Selbst verabschieden zu können, findet Freunde und Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Nicht nur er, sondern auch seine Stiefeltern, die Dursleys, sind von dieser überwältigenden, neuen Wirklichkeit ganz in Besitz genommen.

„Mr. Dursley stand da wie angewurzelt. Ein völlig Fremder hatte ihn umarmt. Auch hatte er ihn einen Muggel genannt, was immer das sein mochte. Völlig durcheinander eilte er zu seinem Wagen und fuhr nach Hause. Er hoffte, sich diese Dinge nur einzubilden, und das war neu für ihn, denn von Einbildungskraft hielt er normalerweise gar nichts.“ (Rowling, Stein der Waisen, S. 9-10)

Harry, der von diesen neuen Wirklichkeiten eingenommen wird, wird bald von seiner inneren Realität eingeholt. Die betäubende Konfrontation mit der Zaubererwelt leitet zunächst die Vertiefung der massiven Abwehr ein und könnte sie weiter fördern. Er hat die Wahl zwischen Gryffindor und Slytherin, Häuser innerhalb Hogwarts, zu denen die Schüler zu Beginn ihrer Schulzeit mit Hilfe des sprechenden Hutes zugeteilt werden. Slytherin mit seiner Nähe zu Voldemort hätte eine Verharrung in der Spaltung und massiver Projektion bedeutet. Doch der Preis wäre der Verlust des inneren Kerns im Wesen des Protagonisten. Das Trauma wäre vorübergehend gebändigt, aber damit gleichzeitig der Zugang zur Liebe seiner getöteten Eltern verloren. Harry wählt Gryffindor, das Haus, dem schon seine Eltern als Schüler angehörten. Er gibt damit einen Rückzugsort auf, die haltgebende Umgebung der Zaubererschule Hogwarts und ihn stützenden Beziehungen ermöglichen ihm diese Entwicklung.

Die Zauberei, die er in der Schule lernt, fasst die unbewussten Abwehrvorgänge in konkrete Bilder. Harry jedoch muss um sich entwickeln zu können seine Schwierigkeiten überwinden und kann das ist nicht mit Zauberei (Abwehr) zu schaffen. Denn das Steckenbleiben in Abwehrprozessen würde auch für ihn den Tod bedeuten.

c) Spaltung, Projektion und Projektive Identifizierungen

Die Spaltung zwischen Gut und Böse taucht zu Beginn des Geschehens auf, sorgt für Spannung und Dynamik und scheint anfangs unüberwindbar. Die Zaubererschule Hogwarts und ihr Schulleiter Dumbledore stehen für das Gute, Voldemort mit seinen Anhängern für das Böse.

Harry scheint zunächst der unbefleckte Held zu sein, nur die Narbe auf seiner Stirn zeichnet ihn. Sie ist gleichzeitig ein Zeichen des Mutes und der Liebe seiner Eltern und dem damit verbundenen Widerstand gegen Voldemort. Sie bezeichnet ihn als Opfer und als Widersacher Voldemorts. Somit ist sie auch ein Zeichen seiner eigenen Aggression. In seiner Neugier und Abenteuerlust sind die hilfreichen Teile der Aggression gebunden, Neid und Hass werden zum Teil projektiv abgewehrt, zum Teil auch abgespalten. Im Laufe der Geschichte wird immer klarer, dass der dunkle Lord, also Voldemort, das Alter Ego Harry Potters ist.

Mit Hilfe von Projektionen werden unerträgliche Empfindungen in Objekten untergebracht, die auf dem Weg der projektiven Identifizierung kontrolliert werden können. Dabei wird der Träger der Projektion so manipuliert, dass er sich gemäß des projizierten Materiales verhält. Beides sind seelische Vorgänge, die sowohl kommunikative Funktionen als auch Funktionen der Abwehr erfüllen können.

In Harry Potters Geschichte sind die Dementoren - große, graue, maschinenähnliche, gesichtslose, untote Wesen, die unendliche Furcht auslösen und alles Gute und letztlich die Seele aus einem Menschen heraussaugen können - Träger seiner Depressionen, seiner Verlassenheit, Verzweiflung und Todesangst. In die Dementoren werden die für den Protagonisten unerträglichen Gefühle, das Trauma und die damit verbundenen Ängste projiziert.

Harrys destruktive und hasserfüllte Anteile, die ihm Angst machen und die er anfangs noch nicht integrieren kann, projiziert er in Lord Voldemort.

Der Zauber, der sowohl gegen die Dementoren als auch gegen Voldemort und seine dunklen Mächte hilft, ist der Patronus-Zauber, „Expecto Patronum“. Hier geschieht quasi eine positive Projektion, eine Externalisierung ohne Verlust: Eigene, gute Erfahrungen werden innerlich aufgerufen, in eine Vorstellung gefasst und dann bildhaft verarbeitet. Jeder Zauberer hat seinen eigenen Patronus, meist eine Tierfigur, die sich wie ein Schutzschild vor den Beschwörenden stellt. Professor Lupin, Harrys Lehrer, erklärt es folgendermaßen: „Der Patronus ist wie eine gute Kraft, ein Abbild eben jener Dinge, von denen sich der Dementor nährt – Hoffnung, Glück, der Wunsch zu überleben -, doch kann er keine Verzweiflung erleben wie wirkliche Menschen und so kann ihm der Dementor nichts anhaben...“ ( Rowling: Harry Potter und der Gefangene von Askaban, Carlsen 1999, S.247) Der Zauberer nutzt also seinen Patronus, um sich vor Tod, Verzweiflung und Fragmentierung zu schützen. Interessanterweise kostet dieser Zauber, wie auch alle anderen Zauber, viel Kraft. Es muss etwas hineingegeben werden, etwas Eigenes und Gutes. Je stabiler der Selbstwert und die verinnerlichten Objektbeziehungen, umso stärker und schützender wirkt der Zauber. Er versinnbildlicht also die schützende Kraft stabiler Objektbeziehungen, bei Harry sind das frühe Erfahrungen der Liebe seiner Eltern.

Weniger gefährliche Wesen, wie die Irrwichte, die die Form der größten Angst des Gegenübers annehmen – bei Harry sind das die Dementoren -, werden mit dem Riddiculus-Zauber abgewehrt. Dabei muss eine Vorstellung entwickelt werden, das bedrohliche, äußerst ängstigende Wesen lächerlich zu machen. Im Zauberunterricht verwandelt sich die Bedrohung in eine lächerliche Gestalt: Lachen, ein ganz wunderbares Mittel gegen die Angst. Den Riddiculus –Zauber könnte man auch wieder als projektive Identifizierung verstehen: das Gefühl der Insuffizienz, der Lächerlichkeit wird dem gegenüber zugeschoben, es wird so manipuliert, dass es sich den Bedürfnissen entsprechend verhält.

Alle Zauber müssen mühsam gelernt und geübt werden. Sie werden nach Schwierigkeiten und Reifungsprozessen in den verschiedenen Schuljahren vermittelt und geprüft. Damit enthält die Zaubererwelt das Realitätsprinzip. Zaubern ist mühsam erlerntes Handwerk und verlangt auch Reifungsprozesse seitens der Person. Begabung kann helfen, ersetzt aber nicht das Üben.

Ein mächtiger Zauberer wie Voldemort muss andere Mittel der Verteidigung anwenden als Harry, obwohl beide frühe Verlusterfahrungen gemacht haben. Voldemort nutzt eine besondere Form der projektiven Identifizierung, die sogenannten Horkruxe. In seinem Kampf um die Macht in der Zaubererwelt wendet Voldemort dieses Mittel an. Dabei verbirgt er Teile seines Selbst in Gegenständen, die er bei seinen Gefolgsleuten unterbringt. Diese Gegenstände sind wertvoll und haben eine persönliche Bedeutung für ihn, der selbst arm geboren wurde und wie Harry ebenfalls ohne Eltern aufwuchs. Voldemort hatte im Gegensatz zu Harry keine liebenden Eltern, die sich zumindest anfangs um ihn sorgten und ihm einen Wert vermittelten. Vielmehr vertrieb sein Vater, ein Muggel, seine Mutter, nachdem er herausfand, dass sie eine Hexe war und sagte sich von ihr und dem Kind los. Voldemorts Mutter starb bei seiner Geburt, so dass er unter schwierigsten Bedingungen in einem Waisenhaus aufwuchs. Später besuchte er ebenfalls die Zaubererschule Hogwarts. Doch der heilsame Einfluss der Schule konnte ihm nicht helfen, seine traumatischen Erfahrungen zu überwinden. Voldemort tötete seinen Vater aus Hass, weil er ihn als Mörder seiner Mutter sah. Es ist also davon auszugehen, dass in seinen frühen Objektrepräsentanzen der Mörder und das Opfer enthalten sind.

Durch die Projektion von Selbstanteilen entsteht die Gefahr der Fragmentierung und einer weiteren Schwächung des Selbst. Dieses Moment macht sich Harry letztlich zunutze, als er mit seinen Freunden beginnt, Voldemorts Horkruxe zu suchen und zu zerstören. So tritt er schlussendlich in einem letzten Kampf einem geschwächten Voldemort gegenüber.

Ähnliche Prozesse eines komplexen Abwehrsystems beschreibt Salge (2017) mit dem Begriff „Position der Unschuld“ (Holger Salge: Analytische Psychotherapie zwischen 18 und 25, S.67) allerdings bezogen auf die Spätadoleszenz. Salge beschreibt eine „defensiv-destruktiv funktionierende innere Organisation, die Entwicklung verhindert...“ und zu einem „...Teufelskreis einer spätadoleszenten Entwicklungshemmung...“ führen kann. (S. 67 -68). Der von Salge als „Teufelskreis der spätadoleszenten Verweigerung“ (S.68) bezeichnete innere Prozess kann auch als eine Form des seelischen Rückzugs betrachtet werden.

Doch Harry Potter geht einen anderen Weg und zeigt dadurch die Möglichkeit auf, aus dem Rückzug herauszufinden. Am Ende der Geschichte kann und muss der 17-jährige Harry sich mit seinem ganzen Schmerz, der Trauer über seine eigenen abgelehnten Anteile, seiner Grausamkeit und Rücksichtslosigkeit und seiner Schuld auseinandersetzen, um Voldemort zu besiegen. Es geht also um einen „Sieg“ über sich selbst, eine Überwindung der Tendenz, Schuld bei den anderen zu suchen, zu projizieren und um die Übernahme von Verantwortung für die eigene Aggression und Destruktion. Die mit dem Seelischen Rückzug verbundene Omnipotenz, muss aufgegeben werden. Die Trauer, die diesen Prozess begleitet, zieht sich durch den letzten Band und lässt einen Harry zurück, der durch Verzicht auf die ihm angebotene Macht und den Heldenstatus gereift erscheint. Er wird ein „normaler“ Erwachsener, gründet eine Familie und ergreift einen Beruf.

Das Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ (Rowling 2016), das sich der Harry Potter Reihe anschließt, zeigt ödipale und adoleszente Vater-Sohn-Konflikte, in dem der Vater Harry mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, wie andere Väter auch. Die Idealisierung wird auch hier systematisch weiter abgebaut, Harry erscheint ganz durchschnittlich, während sich sein Sohn mit dem Ruhm seines Vaters und den damit verbundenen Erwartungen auseinandersetzen muss. Dabei geht es wieder um Entwicklungsschritte und die damit verbundenen Konflikte der Adoleszenz.

Schluss

In den Harry Potter Bänden werden adoleszente Entwicklungsprozesse und die Überwindung eines Traumas geschildert, aber auch die Möglichkeit daran zu scheitern. Auf spielerische Art und Weise überträgt Rowling die Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz, den seelischen Rückzug und die mit dem Rückzug verbundenen Abwehrformationen in eine zauberhafte Welt. Zunächst werden die Protagonisten und die Leser in diese Welt hineingezogen, dürfen ein stückweit träumen, identifizieren sich und bemerken schließlich, dass auch dort die Gesetze der Realität gelten.

Wie diesen inneren und äußeren Realitäten begegnet werden kann, bis hin zur Verarbeitung traumatischer Erfahrungen, ist ein durchgehender Erzählstrang aller sieben Bände und Motor der Handlung.

Der Seelische Rückzug, der sowohl in der Pubertät und Adoleszenz als auch als Folge seelischer Störungen zu beobachten ist, kann in den Erzählsträngen und Bildern entdeckt werden. Seelische Abwehrformationen wie Spaltung, Projektion und projektive Identifizierungen werden in den Bausteinen der Handlung vorgefunden. Die sich mehr und mehr steigernde und bedrohliche Spaltung in Gut und Böse und die nötig erscheinende Abwehr innerer und äußerer Bedrohung werden mittels Zauberei abgebildet.

So wie die Protagonisten müssen auch die Leser Trauerarbeit leisten und es ist erstaunlich, wie treu die Leser dabei bleiben und sich gemeinsam mit ihren Helden der Trauerarbeit stellen, die letztendlich zur Aufgabe der Idealisierung und Omnipotenzphantasien führt. Im Übrigen gilt das auch für die äußerst erfolgreichen Verfilmungen, die den Zuschauern den mühsamen Prozess der Aufgabe von Projektionen, des Verzichts auf Idealisierung und der Trauerarbeit ebenfalls nicht ersparen.

Wahrscheinlich ist gerade das der wichtige Punkt, der zum Erfolg der Bücher beitrug. W Wir finden in Rowlings Werk ein Stück der adoleszenten Entwicklungsgeschichte , aber auch Schilderungen, die wir aus Entwicklungsprozessen in Analysen und dem rhythmischen Wechsel zwischen Außenwelt und analytischer Mikrowelt kennen. Auch in den Analysen spielen die Pausen zwischen den Stunden und die Ferienzeiten eine wichtige Rolle, als Zeiten, in denen der Patient seine Entwicklung ohne den Analytiker vorantreiben kann, ein dialektischer Prozess also zwischen sich binden und sich lösen, der dem der Adoleszenz entspricht. Die Verlagerung der Handlung in die Welt der Zauberer, die Parallelen zur analytischen Mikrowelt aufweist, macht es leichter, sich als Leser darauf einzulassen, Pausen einlegen zu können, wenn die Entwicklungsarbeit, die gemeinsam geleistet werden muss, zu schwierig erscheint. So erhalten die Leser und die Protagonisten der Romane einen Spielraum und genügend Zeit, dem Entwicklungsprozess der in der Handlung implementiert ist, zu folgen.

Dass das möglich wurde, hat auch mit dem Phänomen der Harry Potter Generation zu tun. Jedes Jahr erschien ein neuer Band (jedenfalls bei den Bänden 1-4, danach jedes 2. Jahr), so dass die Protagonisten, die Leser, deren Eltern und Großeltern gemeinsam den jeweiligen Entwicklungsabschnitt erleben und bewältigen konnten. Vergleicht man den ersten mit dem letzten Band, so stellt man fest, dass der Erste für 10-11 jährige Kinder geeignet erscheint, während der Siebente sich an 16-17-jährige Leser wendet. Mit diesem Kniff erreichte Rowling eine ganze Generation, was auch einen Teil des damaligen Hypes der Geschichte erklärt. Gemeinsam wurde ein Jahr lang sehnlichst auf den nächsten Band gewartet. Währenddessen fand eine Entwicklung statt: Die Leser mussten, wie Harry in seinen Ferien, zu den Muggel und ihren Alltag zurückkehren.

Bis heute sind die Harry Potter Bände ein wichtiger Teil der Kinder- und Jugendbuchliteratur geblieben und bieten ein Forschungsfeld auch für die Psychoanalyse. Psychoanalytische Entwicklungspsychologie, Traumdeutung, Überwindung von Traumata und Darstellung alterstypischer Konflikte sind nur einige Themen, die dort verarbeitet wurden und eine große Leserschaft gebunden haben.

Julia Gerlach, Freiburg

Literatur

  • Balint, Michael: Angstlust und Regression. Stuttgart 1959.
  • Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen, 1980 (2017) dtv
  • Bion, W.R.: Erfahrungen in Gruppen und andere Schriften, Gruppendynamik , Fischer Taschenbuch Verlag 1990
  • Freud, Sigmund: Gesammelte Werke, Band III, Psychologie des Unbebußten: Formulierungen über die Zwei Arten psychischen Geschehens, Fischer Wissenschaft 1982
  • Freud, Sigmund: Psychologische Schriften: Der Familienroman, Studienausgabe, Band IV, S. 226. S. Fischer 1970
  • Kluge: Etymologisches Wörterbuch, 24. Auflage, 2002
  • Moser, Ulrich: What is a Bongaloo, Daddy? , Psyche 2001
  • Rowling, Joanne K. : Harry Potter und der Stein der Weisen, (1. Band), Carlsen 1997
  • Rowling, Joanne K. : Harry Potter und das verwunschene Kind, Theaterstück von Jack Thorne, Carlsen 2016
  • Rowling, Joanne K.: Harry Potter und der Gefangene von Askaban, Carlsen 1999, S 247
  • Saitner, Barbara: Angst und Konfliktbewältigung bei Harry Potter, AKJP Heft 114, 2002
  • Salge, Holger: Analytische Psychotherapie zwischen 18 und 25 – Besonderheiten in der Behandlung von Spätadoleszenten, Springer, 2. Auflage, 2017
  • Steiner, John: Orte des seelischen Rückzugs, Klett-Cotta 1993
  • Steiner, John: Seelische Rückzugsorte verlassen, Therapeutische Schritte zur Aufgabe der Borderline Position, Klett-Cotta 2014
  • Subkowski, Peter: Harry Potter - das Trauma als Motor der Psychischen Entwicklung, Prax. Kinderpsycholog. Kinderpsychiat. 53, 2004
  • Winicott, Donald Woods (1983): Von der Kinderheilkunde zur Psychoanalyse, Fischer Taschenbuch, S. 300-319, heute: Psychosozial-Verlag
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