Hans-Geert Metzger: Idealisierung und Entwertung des Vaters

Erstellt von Hans-Geert Metzger | |   Kinder und Jugendliche

1. Väter haben im öffentlichen Ansehen die idealisierende Wertschätzung verloren, die sie einmal hatten. Schon eher werden sie mit der Enttäuschung assoziiert, die mit ihrem inneren und äußeren Rückzug verbunden ist, und, schlimmer noch, mit narzißtischer Manipulation und mit körperlichem Mißbrauch, der, wie wir wissen, nicht auf kirchliche und pädagogische Institutionen beschränkt ist. Angesichts solch mißbrauchter Vaterschaften nimmt die Kritik bisweilen so überhand, dass Männlichkeit an sich in Frage gestellt wird. Aber Idealisierung und Entwertung gehören unmittelbar zusammen. Jeder Entwertung geht eine Idealisierung voraus. Diese Dynamik erzeugt eine Spannung, die oft schwer zu bearbeiten ist. Aktuelle Umfragen wie auch die klinische Erfahrung zeigen, wie wichtig den Kindern die Anwesenheit ihrer Väter ist. (Vgl. z.B. Kinderbarometer 2009, www.hessenstiftung.de; Metzger 2008) Aber nicht alle Väter zeigen die Bereitschaft, sich an dem Entwicklungsprozeß ihrer Kinder aktiv zu beteiligen. Dadurch entsteht die Gefahr, dass frühe Idealisierungsprozesse im Verlauf der Entwicklung nicht ausreichend bearbeitet werden können.

Der Vater hat für jedes Kind schon früh eine große Bedeutung. Insbesondere findet sich bei jedem Kind eine frühe und ausgeprägte Tendenz zur Idealisierung. Kinder leben mit einem Vater, auch wenn der Vater real nicht anwesend ist und das Kind allein mit der Mutter aufwächst. Sie entwickeln ein eigenständiges Interesse an dem Mann, der mit der Mutter auf eine für sie noch geheimnisvolle Art und Weise verbunden ist, und es entsteht ein Bild, in das konkrete Erfahrungen wie auch unbewußte Wünsche und Ängste eingehen. Der Vater, besser: das Väterliche, ist im Innenleben des Kindes immer anwesend.

Ein zehnjähriger Junge hatte seinen Vater seit dem zweiten Lebensjahr nicht mehr gesehen. Der Vater, ein Farbiger, lebt auf einem anderen Kontinent, also sehr weit von dem Sohn entfernt. Nun kommt er nach acht Jahren erstmals zu Besuch. Der Sohn hat das Bild eines großen, bedeutenden Mannes und vermittelt es auch seinen Klassenkameraden: "Mein Großvater ist ein Häuptling, sozusagen der König des Stammes, versteht ihr, wie bei den Indianern. Mein Vater ist also ein Prinz. Wenn mein Großvater stirbt, wird er sein Nachfolger."

 

Die reale Begegnung zwischen Vater und Sohn aber wird enttäuschend. Der Vater ist weder körperlich imposant noch findet er einen emotionalen Zugang zu seinem Sohn. Dieser notiert als erwachsener Mann: "Nach der Woche mit meinem Vater hatte ich beschlossen, dass mir sein Bild lieber war, ein Bild, das ich beliebig abändern oder notfalls auch ignorieren konnte. Wenn mein Vater mich nicht enttäuscht hatte, so blieb er doch ein Unbekannter, wenig konkret und irgendwie auch bedrohlich".

Es scheint nur eine Eigenschaft gegeben zu haben, die den Sohn an dem Vater beeindruckte, und über die auch in der Familie der Mutter immer wieder bewundernd gesprochen wurde: nämlich seine intensive Überzeugungskraft und sein Einsatz für die Rechte der Farbigen, sein Engagement für eine bessere Welt. Und so schreibt Barack Obama, denn um diesen handelt es sich in meinem Beispiel: "Diese eigentümliche Kraft meines Vaters faszinierte mich, und zum ersten Mal erschien er mir als ein konkret anwesender Mensch" (Obama 2009, S. 82). Etwa 15 Jahre später und nach dem Tod des Vaters trifft der Sohn eine Halbschwester, die mit dem Vater aufgewachsen war. Sie erzählt ihm viele Details aus dem Leben des Vaters, die sein Bild tief erschüttern. Er schreibt: "Mir war, als hätte jemand meine Welt auf den Kopf gestellt... Mein Leben lang hatte ich ein einziges Bild von meinem Vater in mir getragen, ein Bild, gegen das ich mich zuweilen aufgelehnt, das ich aber nie in Frage gestellt hatte und das ich später selbst übernahm. Der brillante Harvardabsolvent, der großzügige Freund, der aufrechte Politiker – mein Vater war all das gewesen. Und mehr noch, denn abgesehen von diesem einen Besuch ... war er ja nie präsent gewesen, das Bild hatte also keine Kratzer abbekommen. Ich hatte nicht erlebt, was die meisten Söhne irgendwann erleben – dass der Vater an Statur verliert, seine Hoffnungen enttäuscht werden, ein Gesicht, das von Schmerz und Bedauern gekennzeichnet ist."( S. 232f).

 

Wenn auch Obama in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme darstellt, ist sein Schicksal doch die typische Geschichte eines Kindes, das mit einem abwesenden Vater aufgewachsen ist, der zugleich innerlich anwesend war. Obama hat den Vater zunächst im wesentlichen durch das Bild der Mutter kennengelernt. Weil der Vater meist abwesend war, fand der Sohn keinen Zugang zu dem Mann, den er erst als Zehnjähriger kennenlernte.Weil die konkrete Erfahrung so rudimentär geblieben ist, überraschen ihn dann schließlich die Informationen, die ihm die Schwester gibt und erschüttern nachhaltig sein bisheriges Vaterbild.

2. Die Bereitschaft zur Idealisierung des Vaters ist ein Phänomen, das sich in der frühen Entwicklung des Kindes regelmäßig antreffen lässt. Auch Kinder, die ohne Vater aufwachsen und ihn vielleicht nie gesehen haben, haben ein Bild von ihm (vgl. Dammasch 2006). Denn die Mutter vermittelt dem Kind schon sehr früh, bewusst und unbewusst ihr Bild von der Zeugung und ihr Bild des Vaters. In dieses Bild gehen sowohl ihre internalisierten Objektbeziehungen wie auch die Erfahrungen mit späteren Beziehungspartnern ein. Das Kind nimmt Bemerkungen der Mutter über den Vater, über Väter allgemein, über Männer oder über das Männliche auf. Es spürt im Tonfall der Mutter wie auch in anderen nonverbalen Äußerungen, wie diese den Vater wertschätzt oder entwertet. Da die Mutter für das Kind in den meisten Fällen nach wie vor die primäre Bezugsperson ist, hat ihre Vermittlung des Vaterbildes eine so große Bedeutung, dass manche Psychoanalytiker davon ausgehen, dass das Kind den Vater zunächst über das Innere der Mutter kennenlernt (vgl. Ogden 1995, Borens 1993). Wenn der Vater allerdings real vorhanden und psychisch präsent ist, bringt er ebenfalls sein Bild der Väterlichkeit ein. Dann verbinden sich zwei Beziehungsformen zur Synthese der Paarbeziehung.

3. Die frühe Idealisierung entsteht in den ersten Lebensjahren. Sie stellt einen notwendigen und entwicklungspsychologisch angemessenen Prozeß dar. Nach der Lösung aus der primären, symbiotischen Bezogenheit werden Omnipotenzphantasien auf die ersten Objekte gerichtet. Mutter und Vater werden in scheinbarer Allmacht und absoluter Größe wahrgenommen. Dieser Prozeß führt zu einer frühen Besetzung der Objekte und zu einer ersten Orientierung in der Umwelt. Im Verlauf der Entwicklung wird die Idealisierung überarbeitet und mit einer realitätsgerechteren Wahrnehmung in Einklang gebracht. Sie bildet die Basis für Identifizierungsprozesse mit den Eltern.

Die Idealisierung von Mutter und Vater unterscheidet sich. In der frühen Kindheit verbindet sich mit der Mutter die Vorstellung symbiotischer Nähe, umfassender Versorgung und sicherer Geborgenheit. Die Idealisierung des Vaters hat vielfältige kulturelle und symbolische Formen angenommen. Der erste klassische Abkömmling ist die Figur des Gottvaters. Freud weist schon früh darauf hin, dass "Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhöhter Vater" ( Freud 1909, S. 177). Auch spätere Ideale sind in der Regel mit übermächtigen Kräften und Fähigkeiten ausgestattet. Die Helden der griechischen Mythologie wie Herkules und Achilles, aber auch moderne science-fiction-Helden bleiben auch in scheinbar aussichtslosen Situationen noch siegreich. Sie stellen einen Trost für den Verlust einfacher, klarer Weltbilder dar. Sie bedienen Größenfantasien und helfen dabei, die Enttäuschung an der Realität und an dem realen Vater zu kompensieren.

Die Ritter des Mittelalters in ihrer glänzenden Rüstung, die Kaiser und Könige beeindrucken nicht nur Jungen, sondern lassen auch Mädchen glänzende Augen bekommen. Das "Käthchen von Heilbronn" (Heinrich von Kleist) entdeckt in dem vorüberziehenden Kaiser seinen eigentlichen Vater, der sie auf sein Pferd hebt und mit ihr in das ödipale Glück reitet. Auch Tarzan ist der Retter einer jungen Frau, indem er sie aus den Gefahren vor dem gefährlichen Dschungel und den wilden, triebhaften Tiere herausführt. Körperliche Stärke, Macht und Ansehen bleiben trotz aller Emanzipation archaisch wirksame Attraktionen, weil sie hartnäckig mit frühen Idealisierungen verbunden sind.

4. Weil sich Idealisierungen nicht unterdrücken lassen, müssen sie mit der Realität in Verbindung gebracht werden. Jede Entidealisierung ist mit einer Enttäuschung und der sie begleitenden Aggression verbunden. Es hängt von der jeweiligen Objektbeziehung ab, inwieweit sie in Entwertung umschlägt und dadurch unbearbeitet bleibt. Begrenzungen müssen eingeführt, vertreten und betrauert werden können. Für diesen Prozeß der Transformation hilft nur eine Vorstellung vom Vater nicht so recht weiter. Nun ist ein innerlich und äußerlich anwesender Vater hilfreich, der für die notwendigen Begrenzungen und für die innere Akzeptanz dieser Begrenzungen mit seiner Person eintritt. Der Vater – oder eine vom Kind akzeptierte Ersatzperson – kann dem Kind vermitteln, dass Enttäuschungen erträglich sein können und dass ein Leben auch jenseits der Idealisierung lohnenswert sein kann. Um dem Kind diese Haltung vermitteln zu können, muß der Vater sich selbst einigen Gesetzen des Lebens unterworfen haben. Er muß insbesondere das Inzesttabu und damit die Schranke zwischen den Generationen akzeptiert haben. Er muß auch die Abfolge der Generationen akzeptiert haben, die bedeutet, dass seine Kinder ihn eines Tages überflügeln und schließlich überleben werden (vgl. Metzger 2009).

Viele Männer wehren sich heute gegen diese scheinbar selbstverständliche Abfolge, weshalb der Generationenvertrag individuell und sozialpsychologisch nicht mehr die bisher bekannte Bindungskraft hat:

  • Eine statistisch bedeutsame Anzahl von ca. 20% der jungen Männer verweigert in Umfragen die Vaterschaft. War die Angst des Vaters vor seinen Kindern in der griechischen Mythologie ein durchaus gängiges Thema, z.B. bei Laios, dem Vater des Ödipus, so wird die Abwehr der Männer heute mit der Angst vor Verantwortung und dem Bedürfnis nach selbstbezogener Befriedigung begründet. Ich vermute, dass die Angst vor der generationalen Einordnung sich heute oft hinter solch gängigen Argumenten versteckt.
  • Der Politologe Claus Leggewie und der Sozialpsychologe Harald Welzer weisen in ihrem Buch "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" (2009) auf eine besondere Form der Verweigerung des Generationenvertrags hin. Sie meinen, daß der von der jetzigen Generation herbeigeführte Klimawandel, der seine Auswirkungen erst in den nächsten Jahrzehnten voll entfalten wird, zu einer bereits heute absehbaren Verschlechterung der Lebensbedingungen künftiger Generationen führen wird. Das Beharren auf die Erfüllung des Wachstums- und Wohlstandsversprechens der heute Lebenden gehe auf Kosten der kommenden Generationen.
  • Eine besonders destruktive Form der Aufkündigung des Generationenvertrages stellt der körperliche Mißbrauch Minderjähriger dar. Die mißbrauchenden Väter, Erzieher, Priester und andere sog. "öffentliche Väter" negieren aus eigenen triebhaften und narzißtischen Bedürfnissen die Grenze der Generation.

 

In den Berichten über den Mißbrauch in öffentlichen Einrichtungen wurde darauf hingewiesen, dass oft Kinder ausgesucht wurden, die an einem Vatermangel litten. Die "Beute sind vor allem Kinder, die keinen Vater haben, sei es physisch, sei es psychisch, Waisen, Bindungswaisen". Denn "die Päderasten fürchten und hassen Väter." (F.A.S. 2010) . Im Mißbrauch wird das väterliche Gesetz außer Kraft gesetzt. So ist es auch kein Wunder, wenn die Täter auch nach Aufdeckung nicht in der Lage sind, Verantwortung für sich und für ihre Taten zu übernehmen.

Hartmut von Hentig, der als einer der wichtigsten Pädagogen der letzten Jahrzehnte gilt, ist selbst kein Täter. Aber er gibt ein Beispiel für die Verweigerung, der nächsten Generation gegenüber väterliche Funktionen wahrzunehmen. Er lebt mit einem Partner zusammen, der das Eliteinternat Odenwaldschule geleitet hat und der dort viele Jahre lang Jugendliche mißbraucht hat. Zu diesem sexuellen Mißbrauch hat von Hentig unter dem Titel "Was habe ich damit zu tun?" Stellung genommen ( Die ZEIT, 13/2010). Er geht in seinem Text nicht auf den Mißbrauch ein, er macht sich, wie viele andere, die an Mißbrauch direkt oder indirekt beteiligt waren, keine Gedanken über die Traumatisierung Jugendlicher. Stattdessen fragt er, warum sich die Opfer so spät melden, und bringt - besonders perfide - den Mißbrauch und die Scham der Opfer in den Kontext der hysterischen Patientinnen Freuds. Er spricht von deren "unaufgehellten sexuellen Erlebnissen und Wünschen", die zu "Krämpfen, Lähmungen und Bewusstseinsstörungen" geführt hätten. Will er mit dieser unscharf gehaltenen, aber doch deutlich tendenziösen Konnotation unterstellen, die Opfer seien doch selbst schuld, weil sie sexuelle Wünsche hatten und die Erzieher bedrängt hätten, die sich nicht wehren könnten? Eine klare und empathische Stellungnahme zum Mißbrauch sieht anders aus. Offenbar stellt von Hentig den Schutz seiner Beziehung und damit die Rettung seines narzißtischen Gleichgewichts über die Verurteilung des Täters. Als ein Pädagoge, der eine öffentliche väterliche Funktion ausübt, zeigt er sich unfähig, Verantwortung für die nächste Generation zu übernehmen.

All diese Prozesse führen mich zu der Frage, ob wir von einer Lockerung der generationalen Grenze ausgehen sollten. Natürlich ist mir dabei bewußt, dass es auch in früheren Zeiten Grenzverletzungen gegeben hat. Es gibt sie, seit es Grenzen gibt. Aber es gibt, zumindest seit der Zeit der Aufklärung, ein Leitbild, das die Intention und oft auch das Handeln geprägt hat und das zu Schutz und Pflege der nächsten Generation geführt hat. Zu diesem Selbstverständnis gehörte der Wunsch, der nächsten Generation ein gutes Erbe zu hinterlassen, das Einverständnis eines Paares, eine Familie gründen zu wollen, und nicht nur die juristische, sondern auch die moralische Verurteilung des Machtmißbrauches an Kindern und Jugendlichen. Heute steht verdächtig oft das Ausleben eigener narzißtischer Bedürfnisse im Vordergrund, wenn der Triebdurchbruch rationalisiert oder jahrelang institutionell gedeckt wird oder die Umwelt auf Kosten der nächsten Generation belastet wird.

5. Gerade der Prozeß der Begrenzung - das notwendige Gegenstück zu Idealisierung - ist heute zum Problem geworden. Gab es früher - vielleicht bis zur Studentenbewegung von 1968 - ein Übermaß an Begrenzung und Unterdrückung, was oft zu ängstlichen und gehemmten Charakteren geführt hat, so sind nun im Zeitalter des Narzißmus auch die notwendigen Begrenzungen zum Problem geworden. In der Vermittlung haltgebender Sicherheit und realitätsangemessener Größe sind natürlich beide Eltern gefragt. Väter verkörpern dabei tendenziell einen anderen Umgangsstil als Mütter. Deswegen werden sie auch von den Kindern für andere Spiele gesucht. Oft sind sie triebhafter im Spiel mit dem Kind, sie bevorzugen aufregendere Spiele und verhelfen dem Kind in diesen Spielen zu einem Umgang mit der Aggression (vgl. Herzog 1998). Männliche Aggressivität besteht nicht nur in ihren destruktiven Ausprägungen. Gerade zur Begrenzung der Größenfantasien ist eine konstruktive väterliche Aggressivität notwendig (vgl. Hopf 2009). Jungen brauchen die Erfahrung, dass sie kämpfen, rivalisieren und sich messen dürfen. Sie brauchen einen Weg, um die auch körperliche Lebendigkeit, die sie in sich tragen, in spielerische und realitätsangemessene Formen transformieren zu können. Phallisches Rivalisieren kann durchaus belebend sein, solange es nicht zum automatisierten Selbstzweck wird.

Ist der Vater nicht vorhanden, sei es, weil er real oder emotional nicht ausreichend verfügbar ist, so wird es schwierig, Idealisierungen ausreichend zu bearbeiten. Die Idealisierung wird dann zum Abwehrprozeß oder schlägt in Entwertung um. Der Entwicklungs- und Reifungsprozess des Kindes wird behindert und es entsteht eine Diskrepanz zwischen unrealistischen Größenfantasien und einer zunehmenden Selbstwertproblematik. Die Kinder sehen sich eigentlich schon als die Größten und fühlen sich angesichts realer Aufgaben klein, unfähig und überfordert. Die Selbstidealisierung dient dann zur Abwehr der Minderwertigkeit.

Die Idealisierung des Objekts muß in einer Auseinandersetzung mit dessen enttäuschenden Anteilen münden. Das idealisierte Objekt muß "Kratzer abbekommen", wie Obama es ausgedrückt hat. Muß das Objekt aber geschützt werden oder steht es für die Auseinandersetzung nicht zur Verfügung, so schlägt die Idealisierung schnell in Entwertung um. Die Aggression gegen das Objekt bleibt unbearbeitet und führt zur Negation, zur vollständigen Ablehnung.

 

Gerade in psychoanalytischen Behandlungen wird deutlich, welche Spuren das Fehlen des Vaters, insbesondere die fehlende vitale Begegnung mit ihm hinterlassen kann. Die massive Pathologie aufgrund des Scheiterns der Vater-Kind-Beziehung, die in Behandlungsberichten zum Ausdruck kommt, steht in seinen Auswirkungen kaum dem Scheitern von Mutter-Kind-Beziehungen nach. Wenn eine basale Vatererfahrung fehlt, überwiegen umfassende Beschwerden wie Depressionen, Orientierungslosigkeit und Devitalisierung. "Wie eine ausgelaufene Batterie" fühle sie sich, sagt eine Patientin. Wie ein "Gefängnis" empfindet ein Patient die Beziehung zu seinem Vater. Die Patienten leiden an katastrophischen Ängsten, sie ziehen sich aus Beziehungen zurück und empfinden eine schwer zu zügelnde Aggression. Gerade auch in der klinischen Erfahrung des Scheiterns wird die besondere Bedeutung, die der Vater für das Kind haben könnte, deutlich.

 

Mit der Zeugung haben Eltern, also auch Väter, einen zentralen Platz im Leben ihrer Kinder. Angesichts sich auflösender Traditionen scheint es notwendig zu sein, solche Grundtatsachen des Lebens zu betonen. Die Unsicherheit über die Rolle und über das Selbstverständnis des Vaters hat zu sehr unterschiedlichen Lösungen geführt. Auf der einen Seite ist ein größeres Engagement entstanden, auf der anderen Seite eine Beliebigkeit in der Haltung zu den Kindern, die zur Verleugnung der Bedeutung des Vaters, zu Mißachtung und zu Mißbrauch geführt hat. Dazu kommt, dass die Frage der Bedeutung des Vaters in das Feld ideologischer Auseinandersetzungen geraten ist. Sie wird von manchen Interessengruppen rationalisierend negiert nach eigenen Wünschen uminterpretiert.

Wer dagegen unvoreingenommen und mit einem analytischen Interesse hinschaut, wird die Erwartungen, die für jedes Kind mit dem Vater verbunden sind, sehen können. Dann ist der Blick offen für unbearbeitete Idealisierungen und Entwertungen, die das Kind und den späteren Erwachsenen in seiner Wahrnehmung und Einstellung leiten, aber eben auch behindern und einschränken können.

Juni 2010

* Autor: Hans-Geert Metzger, Dr.phil, Diplom-Psychologe, niedergelassener Psychoanalytiker in Frankfurt am Main

 

  • Borens, R. (1993) - "...Vater sein dagegen sehr". Zeitschr.f.psychoanal. Theorie und Praxis,VIII,1-1993, S. 19-31.
  • Dammasch, F. (2006) – Die alleinerziehende Mutter, das Schuldgefühl und die Lehrerin. In: Dammasch, F./Metzger,H.-G. (Hrsg.) - Die Bedeutung des Vaters. Psychoanalytische Perspektiven. Frankfurt, Brandes und Apsel.
  • Dammasch, F./Metzger, H.-G./ Teising, M. (2009) (Hrsg.) - Männliche Identität - Psychoanalytische Erkundungen. Frankfurt, Brandes und Apsel.
  • F.A.S. (2010) - Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 2.5.2010.
  • Freud, S. (1909) - Totem und Tabu. GW IX.
  • Heberle, B: (2008) - Die so genannten neuen Väter. In: Metzger, H.-G., a.a.O.
  • von Hentig, H. (2010) - "Was habe ich damit zu tun?" , Die ZEIT 13/2010.
  • Herzog, J. (1998) - Frühe Interaktionen und Repräsentanzen: Die Rolle des Vaters in frühen und späten Triaden; der Vater als Förderer der Entwicklung von der Dyade zur Triade. In: Bürgin, D., Triangulierung. Der Übergang zur Elternschaft. Stuttgart, New York, Schattauer.
  • Hopf, H. (2009) - Philobatische Tendenzen bei Jungen. Mögliche Ursachen und die Folgen. In: Dammasch, F./Metzger, H.-G./ Teising, M., a.a.O.
  • Leggewie, C./ Welzer, H. (2009) - Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Frankfurt, Fischer.
  • Metzger, H.-G. (2000) - Zwischen Dyade und Triade. Psychoanalytische Familienbeobachtungen zur Bedeutung des Vaters im Triangulierungsprozeß. Tübingen, edition diskord.
  • Ders. (2006) - Das Erlebnis der Vaterschaft und die Angst vor der frühen Kindheit. In: Dammasch, F./Metzger, H.-G., a.a.O.
  • Ders. (Hrsg.) (2008) - Psychoanalyse des Vaters - Klinische Erfahrungen mit realen, symbolischen und phantasierten Vätern. Frankfurt, Brandes und Apsel.
  • Ders. (2009) - Der Übergang vom Mann zum Vater und die Phantasie der Unsterblichkeit. In: Dammasch, F./Metzger, H.-G./ Teising, M., a.a.O.
  • Obama, B. (2009) - Ein amerikanischer Traum. Die Geschichte meiner Familie. München, dtv.
  • Ogden, T. (1995) - Frühe Formen des Erlebens. Wien, New York, Springer.
  • Wegeler-Schardt, C./Köhler-Weisker, A. (2008) - Ohne Vater werden Mutter und Kind kein Paar: Dyade und Triade. Zwei Fallbeispiele aus der Frankfurter Baby-Ambulanz. In: Metzger, H.-G., a.a.O.
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