Fethi Benslama; "Der Übermuslim - Was junge Menschen zur Radikalisierung treibt"

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Rezensent: Christof Flad, Diplom-Psychologe, niedergelassener Psychoanalytiker in Freiburg

Fethi Benslama; "Der Übermuslim - Was junge Menschen zur Radikalisierung treibt"

Aus dem Französischen von Monika Mager und Michael Schmid
Matthes & Seitz Berlin 2017
141 Seiten, 18,00 Euro

Wie lässt sich dieses brennende Verlangen, sich im Namen des Islams zu opfern, das so viele junge Menschen ergriffen hat, verstehen? Wie kommt es, dass junge Muslime - oftmals aus prekären Verhältnissen - ihr Heil in einem radikalisierten Islamismus suchen? Der französische Analytiker und Islamforscher Fethi Benslama, der als Praktiker in der Pariser Banlieue reiche Erfahrungen sammelte, wirft einen Blick in die Abgründe der entwurzelten, oftmals zutiefst verunsicherten und gekränkten jungen Männer, die Halt, Selbstwert und Sinn in der Religion suchen. Ins Zentrum seiner Überlegungen stellt er die Figur des "Übermuslim", der unter dem quälenden Gefühl leidet, nicht muslimisch genug zu sein, bis er Erlösung in einem fanatisierten Glauben findet. Einem Glauben, der ihn überhöht und es ihm erlaubt, im Namen Gottes zu töten. Am Kreuzungspunkt eines radikalisierten Islams, brüchiger Geschlechtsidentitäten und einer sinnentleerten Moderne versuchen diese Jugendlichen eine Antwort auf ihre adoleszente Frage nach dem Sinn zu finden, für die ihnen von Dschihadisten maßgeschneiderte Angebote per Internet frei Haus geliefert werden.

Mit Recht weist der Autor darauf hin, dass weder soziologische noch politische Ansätze ausreichen, um die Radikalisierung zu verstehen. Dachte man anfangs, dass es Radikalisierung nur im prekären Milieu gäbe, weiß man heute, dass beispielsweise in Frankreich 30 Prozent der Dschihadisten aus der Mittelschicht und 10 Prozent aus wohlhabenden Verhältnissen stammen. Radikalität ist keinesfalls nur eine Frage der Armut oder fehlenden Integration. Erst wenn die individuelle, psychologische Dimension mit einbezogen wird, lässt sich verstehen, warum unter ähnlichen sozialen Bedingungen manche Jugendliche zu Dschihadisten werden und andere nicht. Im Besonderen hebt Benslama hervor, dass mehr als zwei Drittel der Radikalisierten junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren sind. Sie stecken in Identitätskonflikten der Adoleszenz. Bei etwa 40 Prozent besteht eine besondere psychische Fragilität.

Benslama versteht die Radikalisierung vor allem als Symptom einer Adoleszentenkrise. In der gefährdeten Zeit der Adoleszenz suchen die sozial und geschichtlich Entwurzelten durch die Identifikation mit der Religion ihrer Vorfahren einem psychischen Zusammenbruch zu entgehen und sich wieder "im Himmel zu verwurzeln". Häufig sind es labile Persönlichkeiten, die unter Apathie, Minderwertigkeit und Scham leiden oder schon in Delinquenz und Drogensucht abgerutscht sind. "Sobald die Religion entdeckt wird, schießt der Fahrstuhl des Narzissmus in die Höhe." In einer manischen Verschmelzung mit dem göttlichen Ideal schauen sie verächtlich auf die Menschheit herab. Bricht sich ihr tief verwurzelter Hass Bahn, werden sie zu Tätern, die nur Gottes Gesetz unterstehen, als dessen Richter sie sich aufspielen und ostentativ zeigen, dass sie ohne Angst und Mitleid töten können. "Sie begehen ihre Untaten zum Ruf Allah akbar, um auszudrücken, dass Gott selbst durch sie handelt" und ihnen in ihrer schrankenlosen Hybris nichts unmöglich scheint.

In einem historischen Rückblick beleuchtet Benslama in groben Zügen die Umbrüche in den islamischen Gesellschaften. Der Zerfall des osmanischen Reiches nach dem ersten Weltkrieg - der ein 1400 Jahre währendes Fundament zum Einsturz brachte - war das zentrale Trauma. Der Islam hatte seine politische Macht verloren. Von der Position der Herren gerieten die Muslime durch die Kolonialmächte in die Position der Subalternen im eigenen Land. Schon ein Jahr vor Gründung der Türkei als laizistischem Staat legten 1923 die ersten ägyptischen Frauen ihren Schleier ab. Die Demütigung der männlichen muslimischen Seele - überhöht als "Kränkung des islamischen Ideals" verbrämt - führte 1928 zur Geburt der Muslimbrüderschaft.

Traumata werden in langen Wellen von Generation zu Generation weitergegeben. Die islamistische Radikalisierung kann daher als Versuch verstanden werden, eine alte Wunde zu heilen. Seit den Siebzigerjahren ist wieder eine zunehmende Unterordnung des Politischen unter das Religiöse anhand einiger zentraler Ereignisse zu beobachten: Die islamische Revolution im Iran (1979), die Gründung des Islamischen Emirats Afghanistan (1996) und zuletzt die Proklamation des "Islamischen Staates" (2014), der die Wiedererrichtung der politischen Macht des Islams und ursprünglichen Einheit der islamischen Gesellschaft zum Ziel hatte. Die Erfindung des Islamismus wird zum großen Versprechen, eine historisch erlittene Schmach zu tilgen und individuell erfahrenes Leid zu rächen.

Eine weitere Konfliktlinie macht Benslama im Verhältnis von Männern und Frauen aus. Die Emanzipation der Frauen, das Ablegen des Schleiers und das Heraustreten aus der Abgeschiedenheit in den öffentlichen Raum schafft für viele muslimische Männer eine gefährliche, unkontrollierbare Verführung, die durch Entsexualisierung und Verschleierung wieder zurückgedrängt werden muss. Benslama illustriert, wie eine obsessive Sorge in Form von absurd erscheinenden Fatwas auftaucht, um Frauen wieder in ein mütterlich-inzestuöses Phantasma einzuschließen. Das islamistische Projekt, die Wiederherstellung der Gemeinschaft der Gläubigen - der "Umma"- rückt die Frauen wieder in die Nähe der "Oum" (Mutter) und "Oumma" (Gemeinschaft), in der es keinen Platz für die weibliche Sexualität gibt.

In einem Interview mit der "Zeit" plädiert Benslama angesichts der muslimischen Radikalisierung dafür, dass auf europäischer Ebene die salafistischen Bewegungen entschiedener bekämpft werden müssten, damit der Hass auf die westlichen Demokratien nicht noch weiter wachse. Darüber hinaus bräuchte es gute Programme, um Jugendlichen zu helfen, die in die Falle der Dschihadisten geraten sind. Sie sollten sowohl psychotherapeutische Hilfsangebote wie auch Maßnahmen zur sozialen Reintegration enthalten. Schließlich müsste der Krieg im Nahen Osten beendet werden, denn solange es Krieg gibt, wird es immer junge Menschen geben, die bereit sind, zu kämpfen.

Dieser vielschichtige Essay ist ein wichtiger Beitrag zur Islamismus-Debatte. Benslama öffnet das Feld, um die subjektive Seite der Radikalisierung unter psychoanalytischer Perspektive zu dechiffrieren. Umso bedauerlicher, dass das Buch sich nicht leicht liest. Das mag an der sehr komplexen Materie liegen, vielleicht auch den Schwierigkeiten der Übersetzung und der Unterschiedlichkeit der französischen und deutschen Diskurse über soziale Phänomene geschuldet sein. Dennoch bleibt der Eindruck, dass Benslama die theoretische Durchdringung der Problematik nicht ausreichend gelungen ist. Trotz guter Ansätze und sehr erhellenden Einsichten wird vieles nur angerissen und zu wenig ausgearbeitet. Aus deutscher Sicht könnte eine Auseinandersetzung mit Mitscherlichs "Unfähigkeit zu trauern" sich als fruchtbar erweisen, um die Thematik in ihrer Vielschichtigkeit besser zu erfassen.

Im Sommer 2017 erschien bei Matthes & Seitz eine Übersetzung der "Psychoanalyse des Islam". Benslamas 350 Seiten langes Hauptwerk, das in Frankreich bereits 2002 veröffentlicht wurde, könnte helfen, die Diskussion weiter zu vertiefen.

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