Georg J. Bruns: Die Bedeutung der Psychoanalyse heute

Erstellt von Georg J. Bruns | |   Psychoanalyse und Wissenschaft

Einige subjektive Noten

Die Redaktion von "psychoanalyse-aktuell" hat einige Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern der "Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung" (DPV) gebeten aufzuschreiben, welche Bedeutung die Psychoanalyse für sie heute habe. Der Beitrag sollte kurz und durchaus mit einer subjektiven Note versehen sein. Wir stellen die Kurz-Beiträge in der Reihenfolge des Eingangs bei der Redaktion vor. 

 

Frankfurt a. M., 4. Dezember 2008
Die Redaktion

 

Georg Bruns, Bremen

"Die Bedeutung der Psychoanalyse heute"

Der Begriff "Bedeutung" ist ein mehrdeutiger Begriff. Er kann 1. die Wichtigkeit eines Menschen oder einer Sache meinen, also attributiv den "Psychoanalytiker von Bedeutung" oder die "bedeutende Psychoanalytikerin" charakterisieren. Er kann 2. eine Funktion meinen, wenn es z.B. um die Bedeutung der Grundregel für das Psychoanalysieren (oder der Spielregeln für das Fußballspielen) geht. Er kann 3. den -oft geheimen oder verborgenen -Sinn einer Handlung, eines Ereignisses oder eines Sachverhaltes bezeichnen, also den Sinn etwa eines neurotischen Symptoms. Er kann 4. die Geltung oder Gültigkeit einer Regelung ansprechen, z.B. dass die Dokumentationspflichten der vertragsärztlichen Versorgung Bedeutung auch für analytische Psychotherapien haben. Er kann 5. eine ungenaue Einflussgröße angeben, etwa dass das Bildungsniveau eines Neurotikers Bedeutung auch für seine Chance auf einen psychoanalytischen Behandlungsplatz hat.

Das Nachdenken eines Psychoanalytikers über die mehrfache Bedeutung von "Bedeutung" verweist schon auf zumindest zwei Bedeutungen der Psychoanalyse: sie ist ein Beispiel dafür, dass und wie ein Gegenstand sich einer einfachen deklarativen Beschreibung entzieht, und sie kultiviert eine Form des Denkens, die der komplexen, mehrschichtigen und assoziativen Natur psychischer Prozesse entspricht, die aber der modernen Tendenz zur Quantifizierung und Reduktion des Denkens auf eine eindimensionale Faktizität widerspricht.
In ihrer sozialen Wirklichkeit ist die Psychoanalyse heute ein Verfahren der Psychotherapie, das als analytische Psychotherapie in Deutschland von ca. 4000-5000 Psychoanalytikern ausgeübt wird. Es wird von ihnen nicht nur bei neurotischen Erkrankungen angewandt, sondern auch in der Behandlung von narzisstischen und Borderline- sowie von schizophrenen und schweren depressiven Erkrankungen. Neben ihrer direkten Anwendung als Behandlungsverfahren ist die Psychoanalyse die Hintergrundtheorie für weitere von ihr abgeleitete Behandlungsmethoden wie die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, die analytische Gruppenpsychotherapie und die analytische Familientherapie. Vermutlich liefert die Psychoanalyse mit ihren zentralen therapeutischen Konzepten wie Widerstand, Übertragung und Gegenübertragung anderen psychotherapeutischen Verfahren und Theorien mehr Anregungen als jede andere Theorie.

Die Bedeutung der Psychoanalyse in der psychotherapeutischen Versorgung und in der psychotherapeutischen Aus- bzw. Weiterbildung von Psychologen und Ärzten findet jedoch keine entsprechende Widerspiegelung in ihrer Repräsentanz an den Universitäten, jedenfalls in den medizinischen Fakultäten und psychologischen Fachbereichen. Jedoch wird sie zunehmend in kulturwissenschaftlichen Fächern rezipiert, weil dort mehr und mehr die individuelle und kulturelle Voreingenommenheit auch der wissenschaftlichen Erkenntnis anerkannt wird, die psychoanalytische Reflektion nicht nur eine weitere Deutungsebene zu erschließen, sondern auch eine reflexive Selbstkorrektur zu ermöglichen verspricht. In den therapeutischen Fächern aber, insbesondere in der akademischen Psychologie, wird die Psychoanalyse eher marginalisiert.

Der Grund dafür liegt in dem erweiterten Wissenschaftsverständnis der Psychoanalyse. Sie folgt nicht einem positivistisch-empiristischen Wissenschaftsmodell, das nur das Beobachtbare und Messbare wie in einem naturwissenschaftlichen Experiment anerkennen will, sondern vertritt die Existenz des Unbewussten, das prinzipiell nicht nachweisbar ist, sondern sich allenfalls indirekt erschließen lässt. Zwar erhält das Konzept des Unbewussten inzwischen Unterstützung aus der Neurobiologie, jedoch unterscheiden sich die Auffassungen eines funktionalen Unbewussten in den Neurowissenschaften und eines dynamischen Unbewussten in der Psychoanalyse erheblich.
Das dynamische Unbewusste umfasst auch frühe biografische und transgenerationell vermittelte überindividuelle Ereignisse, die neben der individuellen körperlichen und geistigen Natur zu einem je eigenen Identitätsgefühl beitragen. Es ist der Kern einer Subjekthaftigkeit.
Wahrscheinlich ist der wichtigste Beitrag der Psychoanalyse zur Medizin, zu den Sozial- und Geisteswissenschaften heute die Aufrechterhaltung der Vorstellung eines potentiell autonomen Subjekts. Die Transformation des medizinischen Blicks in einen technisch-ausschnitthaften, die systemische Transformation des sozial- und geisteswissenschaftlichen Denkens, die ökonomischen Vorstellungen vom informationstechnologisch ausspionierbaren und werbepsychologisch manipulierbaren Menschen haben die Vorstellung, der Mensch sei Subjekt seines Handelns, unterlaufen und aufgegeben, das Subjektideal für dysfunktional erklärt und diskreditiert. Unter den Wissenschaften scheint heute nur die Psychoanalyse noch die Möglichkeit einer selbstbewussten Lebensgestaltung, durch kritische Selbstreflexion errungen und ständig erneuert, zu vertreten. Auch wenn im Einzelfall immer Anpassungen notwendig sein mögen, ist die Existenz der Utopie des autonomen Subjekts die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich nicht bewusstlos den Mechanismen einer Massen- und Technikkultur ergeben.
In der Aufrechterhaltung eines subjektorientierten Menschenbildes, wie es in der psychoanalytischen Behandlung vermittelt wird, die zuerst persönliches Leid zu überwinden hilft, sehe ich heute die entscheidende kulturelle Bedeutung der Psychoanalyse.

Zum Autor: Georg Bruns, Prof. Dr. med., Studium der Medizin und Soziologie, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie sowie für Psychotherapeutische Medizin; psychoanalytische Ausbildung; Habilitation für Soziologie mit dem Schwerpunkt Medizinische Soziologie; Professor an der Universität Bremen und Psychoanalytiker in eigener Praxis. 2002 -2004 Vorsitzender der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV). Zahlreiche Veröffentlichungen v.a. zu einer Soziologie der Psychiatrie und zur psychoanalytischen Behandlung von Psychosen.
Dezember 2008.

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