Ludwig Haesler: Die Bedeutung der Psychoanalyse heute

Erstellt von Ludwig Haesler | |   Psychoanalyse und Wissenschaft

Einige subjektive Noten

Die Redaktion von "psychoanalyse-aktuell" hat einige Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytikern der "Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung" (DPV) gebeten aufzuschreiben, welche Bedeutung die Psychoanalyse für sie heute habe. Der Beitrag sollte kurz und durchaus mit einer subjektiven Note versehen sein. Wir stellen die Kurz-Beiträge in der Reihenfolge des Eingangs bei der Redaktion vor. 

 

Frankfurt a. M., 4. Dezember 2008
Die Redaktion

 

Ludwig Haesler, Berlin

"Die Bedeutung der Psychoanalyse heute"

Als ich mich vor nunmehr 40 Jahren nach anfänglich stürmischer Begeisterung für die naturwissenschaftliche Dimension der Medizin (incl. einer Promotion im Bereich der Neurophysiologie) im Gefolge meiner zunehmend kritischen Auseinandersetzung um die Theorie und Praxis der Medizin schließlich zur Psychoanalyse als meinem Lebensberuf entschied, hatte die Psychoanalyse Freuds in der naturwissenschaftlichen Welt keinen leichten Stand, und ihr begegnete vor allem von dieser Seite her, noch wie in deren Anfangsjahren, große Skepsis bis hin zur offenen Ablehnung. Vonseiten der Kultur- und Geisteswissenschaften, aber auch vonseiten der allgemeinen Öffentlichkeit erfreute sich die Psychoanalyse dagegen eines wachsenden Interesses, das seinerzeit mit der anschwellenden Studentenbewegung zu einer nicht selten unkritischen, unkritisch idealisierenden Begeisterung anwuchs, die zwangsläufig in Enttäuschung umschlagen musste, so dass Skepsis und Ablehnung im öffentlichen wie auch im allgemeinen wissenschaftlichen Diskurs wieder mehr die Oberhand gewannen.

Inzwischen beginnt sich das Blatt wieder spürbar zu wenden, nicht zuletzt auch vonseiten der Naturwissenschaften, indem die rasante Entwicklung vor allem der Neurowissenschaften erkennbar werden lässt, dass deren Erkenntnisse und theoretische Annahmen nicht wirklich im Widerspruch zu den Erkenntnissen und Annahmen zum Seelischen stehen, die die Psychoanalyse mit Freud und seit Freud aus deren spezifischer wissenschaftlicher Perspektive und Methode entwickelt hat.
Die Psychoanalyse ist nicht nur eine besondere therapeutische Methode der ´Seelenbehandlung´, sondern zugleich auch eine Wissenschaft vom Menschen, deren grundsätzliche Annahmen in verschiedene Bereiche des individuellen und kollektiven menschlichen Erlebens, Denkens, Tuns und Wollens reichen und von daher fruchtbare interdisziplinäre wissenschaftliche Diskurse mit anderen sich mit dem menschlichen Erleben, Denken, Tun und Wollen befassenden Wissenschaften zu beiderlei Nutzen erschlossen haben.
Als therapeutische Methode hat die Psychoanalyse nicht so sehr zum Ziel, mit dezidierten psychotherapeutischen "Techniken" der gezielten Veränderung kurzfristig bloß symptomatische Besserung zu erreichen, sondern über die kurzfristige Besserung von Symptomen hinaus sehr viel grundsätzlicher, wie Freud dies einmal treffend formuliert hat, dem Ich des Patienten die ´Freiheit zu verschaffen, sich so oder anders´ entscheiden zu können, ganz im Sinne von Kants Idee vom ´Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit´ mit dem Ziel, als freies Subjekt in eigenen Rechten ´sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen ... zu bedienen´, ´von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen´, wie Kant dies in seiner kleinen Schrift zur Frage Was ist Aufklärung auf den Punkt gebracht hat.

Insofern hat die Psychoanalyse die Freiheit des Subjekts im Auge, eine Ausgangsposition, von der her sich die psychoanalytische Methode in der klinischen Situation mit dem Patient, in der spezifischen, von Freiheit und Offenheit bestimmten analytischen Begegnung mit dem zu befassen hat, was den Möglichkeiten einer solchen Verwirklichung von Freiheit innerhalb der psychoanalytischen Begegnung und im übrigen Leben des Patienten, in der Verständigung mit dem Anderen entgegensteht und diese Freiheit in Gestalt von Einschränkungen, Hemmungen und belastenden Symptomen mehr oder weniger stark beeinträchtigt. Es ist offenkundig, dass der Anspruch einer solchen Zielsetzung nicht mit auf Kurzfristigkeit angelegten Rahmenbedingungen einer solchen Form der ´Seelenbehandlung´ verwirklicht werden kann. Insofern müssen kurzfristig angelegte, in erster auf die bloße Symptombesserung oder Symptombeseitigung angelegte therapeutische Verfahren gerade unter den gegenwärtig die Gesundheitspolitik bestimmenden ökonomischen Interessen vordergründig, weil scheinbar kostengünstiger, als gegenüber der Psychoanalyse überlegen erscheinen. Eine nicht geringe Zahl von gründlichen wissenschaftlichen Studien gerade aus jüngster Zeit haben aber deutlich gemacht, dass die längerfristigen psychoanalytischen Therapien langfristig stabilere Ergebnisse in Hinblick auf klinische Besserung und vor allem Freiheitsgrade der Selbstverfügbarkeit erbringen, als kurzfristig angelegte therapeutische Verfahren dieses allein schon aufgrund der sie bestimmenden Leitvorstellungen zu erbringen imstande sind.

Als Wissenschaft vom Menschen hat die Psychoanalyse, die ja das Seelische des Menschen, d.h. die seelische Dimension des denkenden, denkend sich fühlenden und erlebenden, wie auch des sich darüber verständigenden Subjekts zum Gegenstand hat, vielfältige gemeinsame Berührungspunkte mit anderen Wissenschaften, vor allem mit verschiedenen Kultur- und Geisteswissenschaften, die mit Freud und seit Freud im Rahmen fruchtbarer Prozesse wechselseitiger Anregung, der Gewinnung neuer Perspektiven auf deren Gegenstände und von daher zu fruchtbaren interdisziplinären Diskursen, etwa mit der Literatur, der bildenden Kunst, der Musik, mit den Sprachwissenschaften, den Gesellschaftswissenschaften und der Philosophie, geführt haben, die im Rahmen dieses kurzen Beitrages hier nicht im Einzelnen aufzuführen sind. Insofern entwickelt die Psychoanalyse ihre Potentiale zur allgemeinen Erforschung der Dimension des Seelischen, der menschlichen Motivation, nicht zuletzt etwa auch der seelischen Grundlagen individueller und kollektiver Aggressivität im fortgesetzten Diskurs mit den anderen Wissenschaften. Indem sie als Wissenschaft vom Menschen sui generis in relevanter Weise zum Verständnis des Menschen und seiner konstruktiven und destruktiven Möglichkeiten beizutragen sucht und beizutragen vermag, ist sie weit über ihre Bedeutung als therapeutische Methode hinaus gerade heute von besonderer Aktualität.

Meine Entscheidung zum Ende meines Studiums die Psychoanalyse Freuds zu meinem Beruf zu machen, habe ich, der ich mich an vielen Diskursen innerhalb der psychoanalytischen Wissenschaft, nicht zuletzt aber auch an manchen der oben angeführten interdisziplinären Diskurse beteiligen konnte, bis heute nie bereut.

Zum Autor: Ludwig Haesler, Dr. med., Psychoanalytiker und Lehranalytiker der DPV in Berlin und Hofheim Ts. 1984 bis 1994 Sekretär der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV). Zahlreiche Veröffentlichungen zur Theorie und Praxis der Psychoanalyse sowie zu interdisziplinären Fragestellungen der Kunst, Literatur, Musik und Philosophie.
November 2008

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