Claudia Frank: Über die Notwendigkeit einer Fähigkeit zur Reverie. Zur Bedeutung des Ertragens von Nichtwissen in der analytischen Psychotherapie.

Erstellt von Dr. Claudia Frank | |   Erkrankungen und Therapie

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in „Projekt Psychoanalyse“ 04/2015 (Magazin des BVVP). Wir bedanken uns für die Erlaubnis zur Neuveröffentlichung.

Als Psychoanalytiker gehen wir davon aus, dass Patienten nicht anders können, als ihr Beziehungsproblem, das den bewussten Symptomen zugrunde liegt, mit ins Behandlungszimmer zu bringen. Darin besteht die Chance, es als solches gemeinsam zu untersuchen. Voraussetzung ist jedoch, dass wir als Analytiker ertragen, dieses Beziehungsproblem erst einmal nicht zu kennen, um seine Entfaltung nicht durch vorschnelle Erklärungen oder ein Miteinschwingen, wie es im Alltag wahrscheinlich wäre, zu verhindern. Wilfred Bion fand in einer Formulierung des englischen Dichters John Keats aus dem Jahre 1817 eine zutreffende Charakterisierung dieser Toleranz als „negative Fähigkeit“. Er verstand darunter die Fähigkeit, „das Ungewisse, die Mysterien, die Zweifel zu ertragen, ohne alles aufgeregte Greifen nach Fakten und Verstandesgründen“.[1] Dies macht einen Kern der analytischen Haltung aus.

Bion erweiterte damit die Empfehlung an den Analytiker, „gleichschwebend aufmerksam“ dem Patienten zuzuhören und sich dessen Äußerungen gegenüber passiv rezeptiv zu verhalten – in Sigmund Freuds Worten: dem „gebenden Unbewussten des Patienten sein eigenes Unbewusstes als empfangendes Organ“ zuzuwenden.[2] Eine gezielte Aufmerksamkeit würde uns auf das bereits Offensichtliche beschränken – mit der gleichschwebenden Aufmerksamkeit tragen wir der Tatsache Rechnung, dass man in der Regel erst nachträglich die eigentliche Bedeutung der Mitteilungen des Patienten erfassen kann. Wenn ich von einer Erweiterung durch Bion spreche, so deshalb, weil wir nicht mehr nur von unbewussten Inhalten der Konflikte ausgehen, sondern darüber hinaus von der Relevanz unerträglich gewordener seelischer Zustände für psychosomatische Verfasstheiten, die eines Symbolisierungsprozesses erst noch harren.

Das erfordert die Fähigkeit zur Reverie, einer Art träumerischen Ahnungsvermögens. Am Beispiel eines schreienden Säuglings kann man dessen Funktion veranschaulichen: Verfügt eine Mutter hinreichend über die Fähigkeit zur Reverie, wird sie „erahnen“, was ihr Kind in diesem Augenblick benötigt, wird die verschiedenen Arten des Schreiens zu deuten wissen und wird aus den damit gemachten Erfahrungen mit ihrem Kind auch lernen. Ist sie selbst aber durch große Ängste in dieser Funktion eingeschränkt, beantwortet sie beispielsweise jedes Schreien mit dem sofortigen Reichen der Brust. Damit hat auch das Baby wenig Chancen, sich mit seinen weiteren Bedürfnissen kennenzulernen; diese bleiben unter Umständen nicht oder unzureichend symbolisiert und können gegebenenfalls später zu Symptomen führen. Dann bedarf es im Falle einer Behandlung der Fähigkeit des Analytikers, die jeweilige Qualität des „Schreiens“ (welche Form der Patient dafür zwischenzeitlich auch immer gefunden haben mag) zu „hören“. Dazu muss er aushalten können, es erst mal nicht zu verstehen. Er muss auf ein sofortiges Beruhigen verzichten können, denn ein vorschnelles „Stopfen“ mit „wissenden Erklärungen“ würde den Patienten mit seinem eigentlichen Problem wieder alleinlassen.

Das Ertragen von Nichtwissen steht also im Dienste eines Prozesses, um das individuelle Problem schließlich in Erfahrung zu bringen. Von daher stellen Wissen und Nichtwissen keine strikten Gegensätze dar, sondern bedingen einander gewissermaßen. Soll es entwicklungsfördernd wirken, muss das einmal gefundene Wissen offen bleiben für Momente von Nichtwissen, um den verschiedensten inneren und äußeren Situation gerecht zu werden. Wenn wir als Analytiker erst einmal rezipieren, dann ist dies eine Passivität, die zugleich eine „aktive Aufnahmefähigkeit“ umfasst. Wir stellen unsere eigene komplexe innere Beziehungswelt als Resonanzraum zur Verfügung für die – vom Patienten so nicht „gewussten“, aber nolens volens mit uns „gehandelten“ – Konflikte beziehungsweise unbewussten Phantasien. Wir müssen daher registrieren, was in uns an Gefühlen und Phantasien angestoßen wird. Sie stellen – zusammen mit den verbalen und nonverbalen Mitteilungen der Patienten – den Schlüssel dazu dar, die pathogene Konfliktkonstellation zu erschließen und mit dem Patienten im Hier und Jetzt durchzuarbeiten. (Voraussetzung ist natürlich, dass wir – durch die Lehranalyse – um unsere eigene Konfliktkonstellation hinreichend wissen.) Unsere Fähigkeit, mit Ungewissheit zu leben, braucht Zeit und einen langen Atem.

Ein kurzes Beispiel soll das veranschaulichen: Pünktlich zum Termin erschien die eher kleine 32-jährige Patientin, die mich der Form nach korrekt begrüßte. Ohne wirklich streng zu sein, wirkte alles an ihr eine Spur unterkühlt. Mit dem kurzen Haarschnitt und dem grau-schwarz-gestreiften Rock mit legerem Top hätte sie – so mein Eindruck – durchaus pfiffig wirken können, allein die Kleidung schien an ihr wie ohne Ausdruckskraft. Sie sprach später von sich als „Roboter“, worin ich diesen ersten, schwer vermittelbaren Eindruck gut eingefangen fand – eine organische, lebendige Art der Kontaktaufnahme schien zu fehlen.

Kaum hatte sie Platz genommen, sagte sie mit lauter, gereizter Stimme, sie leide seit zwei Jahren unter gynäkologischen Beschwerden. Von Freundinnen, besser Bekannten, kam die Idee, es könnte auch etwas Psychisches sein, deshalb sei sie hier. Ob sie jetzt etwa die ganze Stunde erzählen solle? In vorwurfsvollem Ton fuhr sie fort, dass sie dachte, es handle sich um ein Gespräch. Ob es so gedacht sei, dass ich gar nichts sage?!

Ich verspürte einen großen Druck angesichts der Dringlichkeit, mit der die Patientin fordernd loslegte. Habe ich mich schuldig gemacht? Was habe ich möglicherweise versäumt? Ich realisierte zugleich, dass ich de facto bis dahin noch kaum die Chance gehabt hatte, etwas zu sagen. Und ich hatte den Impuls, die Sachlage richtigzustellen. Aber um den Inhalt des Vorwurfs ging es offensichtlich nicht wirklich. Worum dann? Das konnte ich nicht wissen. Ich empfand einen Impuls, mich entweder zu erklären oder ärgerlich solche Vorwürfe abzuweisen, nach den Fakten zu fragen etc. Das galt es zu registrieren, ohne – wie eventuell in einer entsprechenden alltäglichen Situation – diesem Muster zu entsprechen.

Schließlich verwandte ich mein Empfinden, dass es einer gewissen inneren Arbeit bedurfte, um mich nicht in einen unfruchtbaren Dialog verwickeln zu lassen, dahingehend, dass ich so etwas sagte wie: „Vielleicht können Sie mir etwas davon mitteilen, wie schwierig es sich anfühlt, wenn Sie hier etwas von sich zeigen oder erzählen können.“ Ich ging also nicht auf ihre manifeste Frage ein, sondern versuchte – ohne zu wissen, welchen Hintergrund ihr Anliegen hatte –, etwas von der Anmutung, die sich mir vermittelt hatte, als „eigentliche Botschaft“ aufzunehmen; nämlich es mit schwierigen Gefühlen zu tun zu haben.

In verändertem Tonfall, als sei sie gleichsam zu sich zurückgekehrt und dürfe sich jetzt auf ihr Anliegen besinnen, berichtete sie mir von ihren „Sturzblutungen“. Wenig später erzählte sie weinend von ihrem „von Geburt an unglücklichen“, jetzt achtjährigem Sohn. Sie versuchte in dieser ersten Stunde noch etwas Distanz zu dem unglücklichen Kind in sich zu wahren, indem sie beschrieb, dass sie trotz einer ständig verletzten, beleidigten, leidenden Mutter in der kühlen Atmosphäre ihres Elternhauses nicht ein solch unglückliches Kind gewesen sei.

Die Patientin hatte also verschiedene Facetten ihres Beziehungsproblems mitgebracht: Es gab offensichtlich implizit eine Vorstellung davon, wie man sich „korrekt“ gegenüber einer Person verhält, von der man sich Hilfe verspricht. Diese Art der Korrektheit war unterkühlt, glich – in ihrer Vorstellung – eher einem Roboter als einem Menschen. Das „Korrekte“ kippte innerhalb weniger Minuten in eine empört vorwurfsvolle Haltung – so als wisse sie bereits, es mit einem Gegenüber zu tun zu haben, das ihr sowieso nicht gerecht werde. Hätte ich die Vorwürfe als solche richtiggestellt, hätte sich dieses scheinbare Wissen der Patientin bestätigt. Damit wäre die Chance vertan gewesen, das unbekannte, dahinterliegende eigentliche Anliegen zu entdecken und zu verstehen. Dass ich es ertrug, erst einmal nicht zu wissen, warum sie mich angreift, und ihr die – aus meiner inneren Arbeit heraus entwickelte – Frage stellte, was sich für sie schwierig anfühlen könnte, führte dazu, dass die Patientin sich entgegen ihrer unbewussten Erwartung offensichtlich angenommen fühlte und mich nun wissen lassen konnte, welche Symptome – und letztlich welches Unglück – sie hatten Hilfe suchen lassen.

Zum zweiten Gespräch brachte sie die – für sie selbst unverständliche – Beobachtung mit, dass sie offensichtlich selbst auf Leute, von denen sie wirklich etwas wollte, unfreundlich und abweisend wirke. Nachdem ich das beim ersten Gespräch innerlich zwar erlebt, mich aber darauf konzentriert hatte, was die Patientin mir damit möglicherweise von sich mitteilt, hatte sie es beim zweiten Mal nicht mehr „handeln“ müssen, sondern konnte das therapeutische Angebot dazu nutzen, mit meiner Hilfe darüber nachzudenken, was sie immer wieder so handeln ließ. Ich konnte nicht wissen, was es im Einzelnen war; aber indem ich in Worte fasste, wie schwierig sich eine Situation für sie anfühlt, in der sie ihr Anliegen ausbreiten könnte, hatte ich ihr offensichtlich ermöglicht, wieder mehr in Kontakt mit der Seite in sich zu kommen, die Hilfe suchte. Eine andere Seite von ihr wollte von dem Unglück in ihr selbst nichts wissen. Diese versuchte auch das Gegenüber in die Abwehr des Bedürfnisses einzubeziehen – wenn sie so „unmöglich“ auftritt, dass der andere sie quasi ablehnen „muss“, braucht sie sich auch nicht mit dem Schwierigen auseinanderzusetzen. Aber sie suchte Hilfe und es ist an uns, ihr diese zu ermöglichen. Dazu braucht es einerseits das Aushalten-Können von Unbekanntem, von Spannungen und Ängsten, andererseits ein aktives Sondieren der affektiven Mitteilungen, um einen Verstehenshorizont eröffnen zu können.

In den insgesamt drei Gesprächen gelang es ihr, einen ersten Zugang zu Seiten in sich zu finden, die sie bisher als „schlecht, beschämend“, nicht dem Ideal entsprechend abgelehnt hatte. „Politisch links zu sein“ schien erstrebenswert, damit nicht vereinbare Züge, zum Beispiel Ansätze koketten Verhaltens, unterlagen einer entsprechenden Verurteilung. Wir konnten herausarbeiten, dass es in ihr seit langem eine sehr verletzliche Seite gab, während die andere sich dieser „Schwäche“ schämte, was unter anderem dazu führte, dass sie schon mit 13 Jahren voller Wut das Elternhaus verließ. Welche tragischen Auswirkungen all dies hatte, wurde in Ansätzen zugänglich.

Was hat diesen, der Patientin hilfreichen, Verlauf ermöglicht? Das erste Gespräch hatte rasch einen krisenhaften Punkt erreicht: Sie hatte um einen Termin gebeten, war aber binnen kürzester Zeit voller vorwurfsvoller Anklagen gewesen. Ihr Problem hatte sich in nuce zu Beginn unseres Gesprächs wiederholt: „Sturzartig“ drohte unser Gespräch zu verunglücken. Sie hatte ihr Beziehungsproblem mitgebracht, das – ohne die „negative Fähigkeit“, auf Fragen, Richtigstellungen, Erklärungen verzichten zu können – sich wiederholt hätte. Mit meiner „aktiven Aufnahmefähigkeit“ und der daraus resultierenden Möglichkeit, die Auswirkungen ihrer Angst in Worte zu fassen, konnten wir ihr Anliegen, ihre Scham wegen ihrer verletzlichen Seite, gemeinsam untersuchen.

Das ist das Wesen der analytischen Haltung, für welche die „negative Fähigkeit“ ein wichtiger Bestandteil ist: Es gilt, sich vom Patienten affizieren zu lassen, die eigenen inneren Regungen weder zu verleugnen noch zu verurteilen, ihnen gegenüber aber eine so genannte exzentrische Position einzunehmen. Das heißt, offen zu bleiben dafür, welche Bedeutung ihnen in der Interaktion mit dem jeweiligen Patienten zukommt. Nur dann haben wir die Chance, die spezifische innere Welt mit ihm zu erkunden. Das heißt nicht, dass wir „nur zuwarten“, obwohl das ein Moment sein wird. Wir versuchen, das, was wir im emotionalen Austausch wahrnehmen, bezogen auf die Beziehungssituation mit uns zu verstehen und in Worte zu fassen. Wenn es gut geht, ermöglicht dies einen vertieften Austausch über etwas, was bis dahin ängstigte, ohne dass es dafür Worte gab und damit die Möglichkeit, einen Umgang damit zu finden. Es geht also bei der „negativen Fähigkeit“ nicht um das Pflegen von etwas Mysteriösem, sondern um die Bedingung dafür, das vom Patienten unwillkürlich „mitgebrachte Wissen“ – ohne dass er es rational mitteilen könnte – für ihn als solches zu erfassen.

Priv. Doz. Dr. med. Claudia Frank

ist Nervenärztin und arbeitet nach langjähriger Tätigkeit an der Universität Tübingen als Psychoanalytikerin (DPV/IPA) in eigener Praxis in Stuttgart. Sie ist stellvertretende Leiterin des Zentralen Ausbildungsausschusses der DPV. Zahlreiche Veröffentlichung zur Theorie, Klinik und Geschichte der Psychoanalyse.

Literatur

[1] Bion, Wilfred R. (2006): Aufmerksamkeit und Deutung. edition discord: Tübingen, S. 143.

[2] Freud , Sigmund (1912): Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung. GW VIII, S. 376-387, hier S. 381.

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