Axel Holicki: Die Vermeidung von affektivem Ausdruck und das Nicht-Bemerken eigener Gefühle als Reaktion auf anhaltende existentielle Bedrohung.

Erstellt von Axel Holicki | |   Politik und Gesellschaft

Überarbeitete Fassung eines Co-Referats zum Vortrag von Maria Johne „Dem Vergessen entgegenwirken“. Arbeitstagung der DPV in Bad Homburg, 18.11.2016.

Recht gut kann ich mich erinnern wie eine befreundete Kollegin, die ich sehr schätze, vor Jahren über eine Patientin bemerkte: „Im Affekt gehemmt so rationalisierend so wie die eben sind, die aus der ehemaligen DDR“. Ich war damals erschrocken, befremdet und spontan verärgert wegen dieser Bemerkung. Mit den Jahren musste ich feststellen, dass es immer wieder Patienten und Analysanden gibt, die diese Einschätzung zu bestätigen scheinen. Nun lässt sich das m.E. nicht leicht verifizieren. Sehe ich nicht vielmehr das was ich sehen möchte? Bin ich nicht vielmehr beeinflusst durch äußere Erscheinung, durch Wortwahl und Aussprache? Wenn in mir die Phantasie auftaucht, dass mein Gegenüber aus der früheren DDR stammen könnte, täusche ich mich manchmal. Häufiger erfahre ich jedoch früher oder später Bestätigung. Die Bestätigungen nehmen zu, die Täuschungen werden seltener.

Ist es so, dass die in der früheren DDR Aufgewachsenen weniger affektiv und eher rationaler sind? Und wenn es denn so ist, wie ist das zu verstehen? Warum ist das so? Im Vortrag berichtete Maria Johne über eine Mutter „die ihre Emotionen und jeden lebendigen Impuls ihrer beiden Töchter unterdrückte“ (Johne 2016). Die Hypothese die ich anbieten und diskutieren möchte lautet, dass es in diktatorischen, und mehr noch in totalitären Regimen, wie es die DDR gewesen ist, zwangsläufig zu einem Verzicht affektiver Entäußerung kommen muss. Und: Der Verzicht auf Affekt, oft ichsynton erlebt, ist umso vollständiger und wirksamer, je länger diktatorische und totalitäre Strukturen dauern. Er ist dort am wirksamsten wo Machtmechanismen diktatorischer und totalitärer Strukturen wiederholte Erfahrung mehrerer Generationen sind. Bewohner im vormaligen Mitteldeutschland gerieten nach der NS-Herrschaft übergangslos unter stalinistische Herrschaft und lebten dann unter der »Diktatur des Proletariats« - so hieß das offiziell. Tatsächlich war die DDR ein totalitäres Regime, das in seinen Machtmechanismen eine effiziente Mischung aus den Methoden des NS-Regimes und des Stalinismus entwickelt hatte.

Maria Johne sagte in ihrem Vortrag: „Die DDR war einer der am meist überwachten Staaten der Welt. Die Überwachung und Kontrolle erstreckte sich auf alle gesellschaftlichen Bereiche und drang tief ins Leben der Menschen ein“ (Johne 2016). Um meine Hypothese, dass es zwangsläufig zu einem Verzicht affektiver Entäußerung kommen muss, verständlicher zu machen werde ich im Folgenden die existentielle Bedrohung, die Teil der Lebensrealität von mindestens drei Generationen war, ausführlicher beschreiben.

Das Territorium der früheren DDR wurde nach Ende des zweiten Weltkrieges zur „SBZ“, zur sowjetisch besetzten Zone. Auf nationalsozialistische Ideologie folgte rigider Stalinismus und die DDR war, ebenso wie die anderen so genannten Ostblockstaaten, offiziell bis zum Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, politischer Macht- und Einflussbereich der damaligen Sowjetunion.

Exkurs: „In der SBZ verschränkten sich die radikalen Maßnahmen zur Überwindung des Nationalsozialismus und zur Herstellung von Sicherheit und Ordnung mit unterschwelligen oder offenen Vergeltungshaltungen der Sieger sowie mit der von Repressalien und Terror geprägten stalinistischen Herrschaftspraxis, die in der damaligen UdSSR zum Alltag gehörte. Selbst die ihrem Wesen nach undemokratischen sowjetischen Rechtsbestimmungen zur Festnahme und Verurteilung wurden von den sowjetischen Sicherheits- und Justizorganen noch willkürlich angewendet und mit dem Beginn des Kalten Krieges in der zweiten Hälfte der 40er Jahre massiv für die Sowjetisierung der SBZ / DDR missbraucht“ (Erler 2000).

Bei wesentlichen Entscheidungen waren die Regierungen der damals so genannten Bruderländer entmündigt und beinahe vollständig machtlos. Eigenständige Entscheidung wurde, wenn es sie denn gab, vom „großen Bruder“ auch nach der tödlichen Paranoia der Stalin-Ära stets beargwöhnt und von allen Vorgängern Michail Gorbatschows konsequent und mit allen Mitteln, auch mit militärischer Gewalt, unterbunden. D.h. die DDR-Bürger wussten, dass ihre Regierung, selbst wenn sie das gewollt hätte, die eigene Bevölkerung nicht wirksam gegen den Willen des »großen Bruders« schützen kann. Wahlweise konnten die DDR-Bürger sich daher in einer Notgemeinschaft mit ihrer Regierung fühlen und deren tatsächliche Verantwortung, je nach Bedarf, in der Phantasie nach Moskau delegieren.

Zurück zu der bis heute m.E. allzu oft vergessenen, vermutlich verleugneten, Situation in der früheren DDR wo Ende der 40er Jahre bis Anfang der 60er Jahren des letzten Jahrhunderts Zehntausende, zumeist aus undurchschaubarem Grund, oft jahrelang in Lagern verschwanden. Die, die wiederkamen, durften, wollten oder konnten kaum etwas über Erlebtes sagen. Auch innerhalb des Machtapparates in allen seinen Formen und innerhalb der Staatspartei, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), gab es regelmäßige Überprüfungen, Kontrollen, Ausschlussverfahren, harte Bestrafung bis hin zur Todesstrafe. Die letzte bisher bekannte Hinrichtung war 1981 in Leipzig.

Exkurs: Die in der DDR erst 1987 abgeschaffte Todesstrafe galt als „Gebot sozialistischer Gerechtigkeit“. Nicht der Richter entschied im realen Sozialismus, ob einen Angeklagten das Todesurteil traf - dergleichen behielten sich das Politbüro beziehungsweise der Parteichef vor. Bis 1968 wurden Verurteilte im Namen des Sozialismus guillotiniert; das Schafott, mit dem noch in den Fünfzigern Delinquenten in Dresden vom Leben zum Tode befördert wurden, hatten vor 1945 auch schon die Nazis genutzt. Danach wurden Verurteilte nach sowjetischem Vorbild mit einem „unerwarteten Nahschuss in den Hinterkopf“ getötet. Nur noch in Ausnahmefällen wurden Todesurteile veröffentlicht, die Existenz einer zentralen Hinrichtungsstätte in Leipzig - wo seit 1960 in einem Nebentrakt der dortigen Strafanstalt in der Alfred-Kästner-Straße alle Exekutionen durchgeführt wurden - zählte zu einem der dunkelsten Geheimnisse der SED-Diktatur. Insbesondere politisch gefärbte Urteilsvollstreckungen wurden von den „Staatsorganen“ mit größtem Aufwand vertuscht und verschleiert: Auf Totenscheinen erschien als Todesursache „Kreislaufversagen“ oder „Herzinfarkt“, die Leichen wurden umgehend verbrannt und anonym bestattet. Die Witwe des abtrünnigen Stasi-Hauptmanns Werner Teske, an dem am 26. Juni 1981 wegen „Verratsplänen“ das letzte [bekannte] Todesurteil in der DDR vollstreckt wurde, wusste lange Zeit nichts über das Schicksal ihres Mannes - sie erfuhr erst nach dem Sturz der SED 1990 von seiner Hinrichtung“ (Kloth 2007).

Auch für diejenigen, die nicht am eigenen Leib oder bei Angehörigen und Freunden existentielle Bedrohung erlebt hatten, war Ohnmacht und Ausgeliefertsein alltägliche Erfahrung. Auch dort wo die tatsächliche existentielle Bedrohung nicht gewusst oder verleugnet wurde, muss man davon ausgehen, dass sie als implizites Wissen präsent war und in Über-Ich-Strukturen transgenerationell vermittelt wurde. Zudem gab es keine mit der Situation in Deutschland-West vergleichbare Entwicklung bürgerlicher Individualität. Eine selbstbewusste bürgerliche Mittelschicht kann es in einer Diktatur nicht geben. Wo sie aus Vorkriegszeiten noch bestand, oder zu entstehen schien, wurde sie unterbunden. Es gab keine mit der Situation in Deutschland-West vergleichbare aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Während US-Besatzer den Besiegten der Westzonen eine schon während des Krieges erarbeitete und für das besiegte Deutschland geplante Demokratisierung aufzwangen und den Besiegten die beständige Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld auferlegten, gab es in der sowjetischen Besatzungszone, und in der späteren DDR, keine vergleichbare Aktivität. Im Gegenteil. In Deutschland-Ost wurden die Besiegten, per Sprachregelung, zu Befreiten. Die Sieger wurden zu Befreiern und zu Brüdern. Es gab nach dem Krieg aus ihren Positionen Entfernte, es gab Angeklagte und Verurteilte. Alle anderen mussten und sollten sich nicht mit der eigenen Identität befassen. Bürger die sich mit der eigenen Identität befassen sind für diktatorische bzw. totalitäre Strukturen gefährlich. Bruder an der Seite des damals ruhmreichen sowjetischen »großen Bruders« zu sein wurde gleichgesetzt mit antifaschistisch sein. Die 1961 errichtete Mauer hieß deshalb offiziell »Antifaschistischer Schutzwall«.

Die „außerordentliche Politisierung von Kindern und Jugendlichen“ (Leonhard 2001), bereits in der Stalin-Ära der Sowjetunion und im NS-Regime erprobtes Instrument der Macht wurde in der SBZ und später in der DDR zur zentralen Säule des Machterhalts der SED-Diktatur. Die Erziehung zur »Sozialistischen Persönlichkeit« war erklärtes Staatsziel.

Exkurs: „Jugendpolitik in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR war Teil der diktatorischen Herrschaft der SED über die Gesellschaft. Das wichtigste Werkzeug hierfür war die Freie Deutsche Jugend [FDJ - A.H.]... Mit der Gründung der FDJ sicherte sich die KPD / SED bereits 1946 das Monopol in der Jugendarbeit. Wenn es der KPD-Führung gelang, ihre Vorstellungen durchzusetzen, so lag dies vor allem an der Unterstützung durch die Besatzungsmacht, die SMAD [Sowjetische Militäradministration - A.H.], die nicht nur alle anderen Zusammenschlüsse von Jugendlichen verbot, sondern auch massiven Druck auf all diejenigen ausübte, die versuchten, andere Organisationen ins Leben zu rufen. Demokratie und Überparteilichkeit der FDJ waren allein eine Fassade, auf die - ganz im Einklang mit der politischen Entwicklung in der Besatzungszone - ab 1947 schrittweise und ab 1949 völlig verzichtet wurde; seit diesem Jahr saßen in der Führungsriege der FDJ ausschließlich SED-Genossen. Sie blieb bis 1989 der einzige offiziell zugelassene Jugendverband. 1950 hatte die FDJ bereits eine Million Mitglieder. Aus der Perspektive des einfachen Mitglieds stellte sich der Verband bis dahin weitgehend unpolitisch dar. Die übergroße Mehrheit suchte in der FDJ vor allem Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung. Sport, Tanz, Musik und Interessengemeinschaften waren das, was Jugendliche in erster Linie in die FDJ zog. Aus Sicht der meisten Jugendlichen war die FDJ 1952 ausschließlich zum Instrument des SED-Regimes geworden. Sie fanden dort nichts mehr, was ihren Interessen entsprochen hätte, sondern wurden ausschließlich mit politischer und militärischer Propaganda konfrontiert“ (Skyba 2001). 

„Die Kinder und Jugendlichen waren eine wichtige Basis zur langfristigen Sicherung des sozialistischen Systems der DDR. Sie sollten auf künftige Aufgaben vorbereitet werden, um Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Sie sollten zu glühenden Kämpfern der DDR erzogen werden. Jugend wurde als allseitig zu beeinflussender Erziehungsgegenstand betrachtet, mit dem Ziel, sozialistische Persönlichkeiten zu erziehen. Sozialistische Erziehung begann schon mit der Kinderkrippe und zog sich durch die gesamte Biographie eines DDR-Bürgers. Aber vor allem junge Menschen waren das Objekt der Begierde. Das ging soweit, dass auch Jugendliche für die Zwecke der Staatssicherheit instrumentalisiert wurden. Rund 17.000 inoffizielle Mitarbeiter (IM), im Alter von 14 bis 25 Jahren wurden bis 1989 von der Stasi in Jugendgruppen eingeschleust.“ (Krehl 2008) Wie wir heute wissen war es üblich, dass auch in den Schulklassen der Erweiterten Oberschulen, das entspricht den heutigen Gymnasialklassen 9 bis 12, Schüler als IM geworben und verpflichtet wurden. Widerstand gegen die zunehmende Stalinisierung, gegen die spätere SED-Alleinherrschaft, die Forderungen nach Demokratisierung, oder nur abweichende Meinung und Auffassung, wurde in den 40er und 50er Jahren, und erneut in den Monaten nach dem Mauerbau 1961 (um die drei Berliner West-Sektoren seit dem 13. August 1961), mit unerbittlicher Härte verfolgt.

Exkurs: Die Praxis der sowjetischen Untersuchungsorgane, die oft die Anwendung von physischer Gewalt einschloss, war durch Vorverurteilungen charakterisiert und verzichtete in den meisten Fällen auf materielle Beweismittel. In den hauptsächlich nachts stattfindenden vielstündigen Verhören wurden die Gefangenen körperlichen und seelischen Torturen ausgesetzt. Die sowjetischen Untersuchungsbeamten machten den Betroffenen auf jegliche Art verständlich, dass sie ihnen bedingungslos auf Leben und Tod ausgeliefert waren. In vielen, von Zeitzeugen belegbaren, Fällen wurden die Geständnisse und fiktiven Selbstbezichtigungen aus den Beschuldigten - Frauen bildeten dabei keine Ausnahme - regelrecht herausgeprügelt. In vielen Fällen fußten die Anklagen ausschließlich auf dem Geständnis der Inhaftierten. Auf Grundlage eines Gesetzes vom 18. Oktober 1991, das die Rehabilitierung auch ausländischer Staatsbürger regelt, überprüft die Abteilung Rehabilitierung bei der Haupt-Militärstaats-anwaltschaft der Russischen Föderation auf Antrag die entsprechenden Tribunalurteile. Seit 1992 bis Sommer 1998 wurden etwa 7.100 hauptsächlich von Militärtribunalen in der SBZ / DDR verurteilte Deutsche rehabilitiert“ (Erler 2000).

Tausende gerieten, nicht selten zufällig, in die Fänge der SMT, der Tribunale der sowjetischen Besatzer, bzw. der später aus Moskau beaufsichtigten DDR-Justiz. Schon zufällige Begegnungen und Bekanntschaften mit anderen Verhafteten reichten um, ohne zu wissen warum, zu 15 oder 25 Jahren Lagerhaft verurteilt zu werden. „Unter dem […] Vorwurf nationalsozialistischer Betätigung wurden ab 1946 […] zunehmend Jugendliche festgenommen, die Kritik an der Etablierung der kommunistischen Diktatur geübt hatten, also etwa nach der Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD aus der Einheitspartei ausgetreten waren, oder Propagandaplakate abgerissen hatten oder auch nur in ihren Äußerungen unvorsichtig waren. Der NS-Vorwurf wurde dabei gezielt zur Rechtfertigung einer brutalen Unterdrückung von möglichem Protest benutzt. Die auf diese Weise Verhafteten erwartete ein grausames Schicksal […]. Sie standen vor jahrelanger Internierung in den berüchtigten Sonderlagern oder einem Schnellverfahren vor einem sowjetischen Militärtribunal und damit der Verurteilung zu Lagerhaft oder zum Tod durch Erschießen. „Für […] 1945/46 sind 14 an Potsdamer Schülern vollstreckte Todesurteile bekannt“ (Leonhard 2000). Die Sterblichkeit war aufgrund katastrophaler Verhältnisse in den Sonderlagern in der Besatzungszone und in den Lagern der Sowjetunion enorm, sodass viele, die dem Todesurteil entgangen waren, hier ihr Leben verloren. 1947 und 1948 trafen die Verhaftungen vor allem Jungfunktionäre der Blockparteien, und bis 1950 waren praktisch alle bürgerlichen Studentenvertreter inhaftiert, die sich offen der politischen Gleichschaltung der Universitäten widersetzt hatten. […] Für die Härte der Repression steht das Schicksal des Rostocker Studenten und LDP-Funktionärs Arno Esch, der 1950 […] zum Tod verurteilt wurde. Die brutale Repression zeigte das Risiko eines offenen Vorgehens gegen die SED-Diktatur“ (Skyba 2001). Folgerichtig dokumentiert die aktuelle Geschichtsforschung nach dem Mauerbau einen Rückzug ins Private. Mitte der 1960er Jahre und noch mehr nachdem die DDR im Interesse internationaler Anerkennung 1976 die Schlussakte der KSZE in Helsinki unterzeichnet hatte, kam es zu exponentieller Zunahme der IM. In jüngerer Vergangenheit wird eine wesentliche geringere Zahl von IM diskutiert. Aber immer noch gehen die Historiker von insgesamt ca. 200.000 hauptamtlichen Mitarbeitern und inoffiziellen Mitarbeitern aus. 

Lassen Sie mich kurz beschreiben was das im Alltag bedeutete. In einem für Großstädte typischen Gründerzeithaus lebten damals ca. 30 Einwohner. Bei 17 Mio. Einwohnern bedeutet das, rein rechnerisch und wenn man sich vorstellt es gäbe nur diese Häuser, in jedem dritten Haus ein IM oder ein hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS. Wenn man sich weiter vorstellt es gäbe nur Straßen mit je 30 Häusern dieser Art, dann sind das 10 IM oder hauptamtliche Mitarbeiter des MfS in jeder Straße. Hinzu kommt, dass damals in jedem Mietshaus ein »Hausbuch« zu führen war, in das nicht nur Mieter, sondern theoretisch auch alle Besucher eingetragen werden sollten. D.h. sich anzuvertrauen oder sich öffentlich zu äußern war gefährlich. Der in der DDR scherzhaft gebrauchte Spruch „Wer nichts wagt kommt nicht nach Waldheim“ war nicht nur ein Scherz. Es war zugleich kolportiertes Wissen.

Exkurs: „Traurige Berühmtheit erlangte Waldheim [das seit 1716 genutzte und heute älteste Gefängnis Deutschlands - A.H.] in den fünfziger Jahren, durch eine Reihe von Schnellprozessen gegen vermeintliche NS-Verbrecher. Diese 'Waldheimer Prozesse' gelten als Modellfall SED-gesteuerter Scheinjustiz. Etwa 3.400 Personen wurden in Geheimverhandlungen zu 15 Jahren Zuchthaus und mehr verurteilt, 34 zur Todesstrafe“ (NZZ, 04.08.2000).

Exkurs: „Nach dem 13. August [1961 - A.H.] führte die Partei [die SED – A.H.] in aller Brutalität vor, wer Herr im Lande war. Es ging darum, Resignation und - aus Macht- und Ausweglosigkeit gespeiste - Anpassungsbereitschaft zu befördern. Wer beruflich vorankommen wollte, wer seiner Familie bescheidenen Wohlstand und seinen Kindern den Lebensweg nicht verbauen wollte, konnte nicht mehr fliehen - jedenfalls nur unter größten Risiken -, sondern er musste sich halbwegs anpassen“ (Werkentin 2001).

Anpassung war die einzige Chance für die große Mehrheit und wurde zur Lebensform. Das galt auch und vor allem für die Mehrheit staatlich anerkannter und geförderter Künstler und Schriftsteller, ebenso für Philosophen, Hochschullehrer und Lehrer. Das Arrangement mit unabänderlichen Umständen wurde durch das Nichtbemerken eigener Gefühle, als Schutz gegen unbedachte, gefährliche affektive Entäußerung, sehr wirksam geschützt. Die erzwungene »Sozialistische Persönlichkeit« wurde in der DDR alltägliche Realität und wirkt, mittels Transmission, bis heute in Kindern und Enkeln der in der DDR Aufgewachsenen nach.

„Wir können davon ausgehen, dass der emotionale Kontext, der politische Ereignisse für Kinder wahrnehmbar und erinnerbar macht, dauerhafte Bedeutung hat“ (Birthler 2001). Wir wissen aus unserer klinischen Erfahrung um die Evidenz der Einschätzung von Frau Birthler. Ein in der SBZ und in der früheren DDR aufgewachsener, heute 75-jähriger Patient war 1945 vier Jahre alt. Er hat mit einem heute z.B. 25-jährigen Patienten, dessen Mutter oder Eltern nicht nur in der früheren DDR geboren und aufgewachsenen sind, sondern ihrerseits Kinder von Eltern sind, die eine Erziehung zur »Sozialistischen Persönlichkeit« durchlebt haben, Entscheidendes gemeinsam: die persönlich erlebte, oder per Transmission vermittelte, traumatisierende, die Kapazität der Ich-Funktionen nachhaltig prägende Erfahrung permanenter existentieller Bedrohung. Die hier gewählte Altersspanne ist sehr viel größer wenn man die so genannten Kriegskindergenerationen mit einbezieht. Man muss also von wenigstens vier, wahrscheinlich eher von fünf betroffenen Generationen ausgehen.

Mir scheint der traumatisierende Einfluss totalitärer Herrschaft in den neuen Bundesländern, d.h. der Einfluss menschenverachtender Diktatur stalinistischer Prägung sehr viel mehr für die Deformation individueller Entwicklung verantwortlich als gemeinhin angenommen. Die schlaglichtartig und beispielhaft beschriebenen Verhältnisse in der SBZ, und später in der DDR, müssen als traumatisierend und prägend für Generationen angesehen und anerkannt werden. Dass Patienten mit DDR-Vergangenheit nicht selten oft mit ichsynton anmutender Affektisolierung imponieren, und sie selbst diese zunächst weder in Frage stellen noch als störend finden, erscheint angesichts der generationenübergreifend real erlebten, zusätzlich per Transmission geteilten Erfahrungen, mit Beginn in der NS-Zeit, verständlich.

Eine gelegentlich auch unter Psychoanalytikern verleugnete Tatsache. 

Diesen Teil der Wirklichkeit des Lebens und des Alltags in der früheren DDR, wie ich ihn eben kurz und kursorisch dargestellt habe, der m.E. die entscheidende Noxe ist für die klinisch öfter zu beobachtende Affektarmut, in Kombination mit ausgeprägter Rationalisierung, bei Patienten die in der DDR aufgewachsen sind oder Patienten die als Kinder früher in der DDR lebender Eltern und Großeltern, zu uns kommen - diesen Teil der Wirklichkeit der DDR erlebe ich als eine bis heute auch unter Kollegen nicht selten verleugnete Tatsache. Und natürlich kann ich das nicht empirisch belegen. Ich diskutiere meine Überlegungen auf der Basis meiner Erfahrungen und meiner subjektiven Konzeptualisierung.

Wir sollten uns, als behandelnde Analytiker, der Gefahr der Verleugnung dieser Seite der so erschreckenden Wirklichkeit der früheren DDR bewusst sein. Es ist eine Verleugnung die nicht nur unsere Patienten und Analysanden wählen. Es ist eine Verleugnung zu der auch wir in der Lage sind. Abschließend kurze Überlegungen die zum Tagungsthema der DPV-Herbsttagung „Das Fremde in uns - das Fremde bei uns“ zurückführen.

Das Wort »fremd« hat seine Wurzeln im mittehochdeutschen und althochdeutschen in der Wortbedeutung „von etwas weg“ und „entfernt“. Meine Recherche hat folgendes ergeben: „Das Fremde bezeichnet etwas, das als abweichend von Vertrautem wahrgenommen wird, das heißt aus Sicht dessen, der diesen Begriff verwendet, als etwas (vermeintlich) Andersartiges oder weit Entferntes. Das Gefühl der Fremdheit entsteht durch den Ethnozentrismus, über den sich jede Ethnie definiert und von anderen Gruppen abgrenzt. Es kann Abwehr im Sinn von Angst bis hin zur Aggressivität hervorrufen; allerdings, je nach persönlicher oder sozialer Disposition auch Zugewandtheit im Sinn von Interesse bis hin zur Sehnsucht“ (Wikipedia 11/2016).

Als Psychoanalytiker sind wir vertraut damit, uns ganz verschiedenen Persönlichkeiten zuzuwenden und Raum in uns zur Verfügung zu stellen. Das tun wir vor allem indem wir hören und die in uns angeregten Impulse untersuchen. Denn die „Erkenntnis der unbewussten Abwehrstrukturen der anderen Person“ ist, so beschreibt es Hermann Beland, „[…] seit Freud nur als Selbsterkenntnis des Analytikers möglich“ (Beland 2004, S. 11). Das ist was wir in unseren Praxen täglich tun. Was mich beschäftigt ist nicht unsere klinische Praxis, sondern es sind die Gespräche neben und über unsere Arbeit mit Kolleginnen und Kollegen. 

Und da, in diesen Gesprächen, so scheint mir, führt die beschriebene Abwehrformation bis heute zu Äußerungen die ich erstaunlich finde. Tatsächlich, auch das ist meine Erfahrung, hat die von Kolleginnen und Kollegen expressis verbis gezeigte Abneigung gegen Patienten aus der früheren DDR in den vergangenen 25 Jahren deutlich nachgelassen. Jedoch höre ich bis heute immer wieder Bemerkungen wie: „ich habe einen Analyseplatz frei - aber bitte keinen DDR’ler“ oder „der einzige Ossi, den ich kenne, der sich nicht wie ein Ossi verhält“. Was ist das, frage ich mich, das es den in Deutschland-West sozialisierten Kollegen so schwer macht? Was löst dieses Befremden und Fremdeln, bis hin zur offenen geäußerten Ablehnung aus? Betrachtet man ganz isoliert nur die Abwehrformation (reduzierter Affekt in Kombination mit Rationalisierung) könnte man sagen: das ist unser Berufsalltag. Wir sind damit vertraut. Damit zu arbeiten ist Teil unseres Handwerks. In Kombination mit einer DDR-Biographie löst diese Abwehrformation aber immer noch Befremden und Unwillen aus. Wie schon gesagt nicht mehr in der Häufigkeit wie Mitte und Ende der 90er Jahre. Wir haben vielerlei Erfahrung mit Analysanden die existentielle Bedrohung buchstäblich am eigenen Leib erlitten haben oder via Transmission von deren Wirkungen betroffen sind. In unseren Praxen sehen wir die Kinder und Enkel der von den Nazis verfolgten und mit Vernichtung bedrohten Juden, Kurden die Giftgasangriffe und Verfolgung aus ethnischen Gründen erlitten haben, Türken die in den 70er Jahren in ihrer Heimat verfolgt und gefoltert wurden, Russlanddeutsche die Lagerhaft in der Sowjetunion erlitten haben, Rumäniendeutsche die unter der Regierung von Nicolae Ceausescu bedroht waren und Analysanden mit ähnlichen Schicksalen aus Spanien, aus Portugal und Lateinamerika. Sie alle haben unser ehrliches Interesse. Bei „DDR’lern“ und „Ossis“ scheint es schwerer mit dem ehrlichen Interesse. Sie sind uns viel näher aber wir rücken sie innerlich weiter weg. Irgendetwas an der Kombination - genauso wie ich und doch ganz anders - scheint offenbar schwer für uns zu sein.

Maria Johne hat in ihrem Vortrag gesagt: „Es [ist] eine Herausforderung in der analytischen Arbeit mit Frau S., meine Vorverurteilungen als Hindernis anzuerkennen“ (Johne 2016). Ich nähere mich dem vermeintlich „Fremden in uns“ von einer anderen Seite. Mein fragender Blick richtet sich auf die impliziten Theorien und Wertvorstellungen, die vielleicht aus prägender und Identität stiftender Jugendzeit der Kolleginnen und Kollegen stammen. Man könnte das beschriebene Phänomen des sich Abwendens, dort wo es um Patienten und Analysanden geht, auch als eine Denkstörung untersuchen. Denken ist, wie wir wissen, abhängig von Emotionen. Aus psychoanalytischer Sicht gibt es keinen Gedanken ohne Wunsch. Ebenso wie gelegentlich die früheren DDR-Bürger kehren auch manche Kollegen, vielleicht ungewollt und unbemerkt, in den Schutz früherer Gruppenzugehörigkeit zurück.

Es gab in Deutschland-West, in den alten Bundesländern, unter linken Intellektuellen eine erhebliche Verleugnung der Lebenswirklichkeit der DDR bzw. in den sozialistischen Staaten. Es gab altersgerecht eine Idealisierung personifizierter Hoffnungsträger; z.B. die damaligen Jugendidole Mao Zedong und Ernesto »Che« Guevara. Ich kann nicht beurteilen, in wieweit die Not mit der Korrektur dieser aus der Adoleszenz stammenden, emotional vermutlich hoch besetzten Gruppenzugehörigkeit vertraute Gefühle vitalisiert die dann reifere Mechanismen erschweren und beeinträchtigen. Aber ich meine, es lohnt sich darüber nachzudenken.

Erinnert sei hier auch an die idealistischen Hoffnungen der marxistischen Psychoanalyse die ihre Anfänge bereits in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts z.B. mit Wilhelm Reich oder Käthe Draeger hatte und die, verbunden mit Namen wie Fritz Morgenthaler oder Paul Parin, bis vor nicht allzu langer Zeit für eine Vielzahl von Psychoanalytikern prägend war.

Maria Johne hat aus einer Arbeit von Thomas Plänkers zitiert. Sie sagte: „Die Spaltungen gehen nach Plänkers mit einem »omnipotenten Erleben der eigenen Phantasie« einher, mit einer »Idealisierung des Guten und einer Verleugnung des Bösen bei sich selbst« (Plänkers 2014, S. 442)“. Über die Fähigkeit zur Spaltung - wenn es uns emotional zu bedrohlich wird - verfügen wir alle. Ein Leben lang. 

Literatur

Beland, H. (2004). Leidenschaftliches Zuhören gegen unbewusste Gewalt. Die Erfolge der Psychoanalyse. In: Jahrbuch der Psychoanalyse. Beiträge zur Theorie, Praxis und Geschichte. 49, Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog, 9-37.

Birthler, M. (2001). Interessieren, Informieren, Berühren. Das Thema MfS und die 20-jährigen“. In: Jugend und Diktatur. Verfolgung und Widerstand in der SBZ / DDR. Dokumentation XII. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Leipzig.

Erler, P. (2000). Zehn Jahre sowjetische Militärgerichtsbarkeit in Deutschland. In: Kriegsgefangene – Politische Häftlinge – Rehabilitation. Forum Politik, Sankt Augustin.

Johne, M. (2016). Dem Vergessen entgegenwirken. unveröffentlichtes Vortragsmanuskript in der Fassung vom 03.11.2016. Herbsttagung der DPV, Bad Homburg 2016

Kloth, M. (2007). SPIEGEL-online vom 13.07.2007

Krehl, C. (2001). Grußworte. In: Jugend und Diktatur Verfolgung und Widerstand in der SBZ / DDR. Dokumentation XII. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Leipzig.

Leonhard, W. (2001). Jugend unter Stalin. In: Jugend und Diktatur Verfolgung und Widerstand in der SBZ / DDR. Dokumentation XII. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Leipzig.

Plänkers, T. (2014). Süße Krankheit – gestern? Individuelle und kollektive Spaltungen in der jüngeren deutschen Geschichte. In: PSYCHE. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen. LXVIII. Jahrgang, 2014, Stuttgart: Klett-Cotta, 438-464.

Skyba, P. (2001). Jugendpolitik, Jugendopposition und Jugendwiderstand in der SED-Diktatur. In: Jugend und Diktatur Verfolgung und Widerstand in der SBZ / DDR. Dokumentation XII. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Leipzig.

Werkentin, F. (2001). Politische Strafjustiz nach dem 13. August 1961 - Jedes Urteil ist eine politische Tat. In: Buschfort et al. (2001). Vorträge zur deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Band 14, Berlin.

Anschrift des Autors:

Axel Holicki, Thalkirchner Straße 139, 81371 München

axel.holicki@dpv-mail.de

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